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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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37 Roberts' Haus

Stille Trauer herrschte indessen, während auf dem Felshügel des Fourche la fave das Lynchgesetz seine Opfer verurteilte und strafte, in Roberts' Hause, wo bis jetzt Marions Mutter bleich und besinnungslos auf ihrem Lager gelegen hatte. Die Regulatorenschar war mit ihrem Gefangenen aufgebrochen, die Sonne schon hoch über die Wipfel der Bäume gestiegen, und noch immer hatte Mrs. Roberts kein Zeichen ihres zurückgekehrten Bewußtseins gegeben. Da plötzlich, als schon der alte Roberts anfing, mit einem sehr ernsten und bedenklichen Gesicht im Zimmer auf und ab zu gehen, als Marion still weinend am Bett kniete und betete und Ellen ebenfalls stumm und traurig an ihrer Seite saß und die Hand dar alten Frau in der ihren hielt, schlug diese plötzlich die Augen auf, schaute wie erstaunt und verwundert, immer noch nicht recht darüber im klaren, was eigentlich vorgegangen sei, zu ihrer Tochter auf. Diese aber sprang jubelnd hoch und flog mit einem Freudenschrei der zu neuem Leben erwachten Mutter an den Hals.

»Kind – liebes Kind«, sagte diese leise, »bist du mir wiedergegeben? Bist du wieder zu uns zurückgekehrt? Hat der – Gott sei mir gnädig – mir schwindelt, wenn ich an jenen Augenblick zurückdenke, hat der böse Feind, der in der Gestalt jenes Menschen bei uns erschien, keine Gewalt über dich gewonnen?«

»Nein, Mütterchen – nein«, rief das Mädchen, »oh, nun ist alles gut, da du die Augen wieder so hell und klar geöffnet hast. Nun wird alles gut werden.«

»Aber – wie ist mir denn, Kind? Haben wir denn Morgen oder Abend? Mir kommt es vor, als ob ich eine lange, lange Zeit geschlafen hätte. Wo kommen die Leute alle her?«

»Margareth!« sagte jetzt Roberts, der leise hinzugetreten war und sich auf dem Stuhl neben dem Bett seines Weibes niederließ, »Margareth – liebe, gute Margareth, wie geht dir's?«

»Roberts hier? Und Mr. Bahrens und Harper? Und Ellen? Seid ihr denn gar nicht fortgeritten?« fragte die alte Frau erstaunt und unruhig, »Hab' ich denn alles nur geträumt?«

»Du sollst alles erfahren, Mütterchen«, flehte Marion, ihre Hand streichelnd, »aber jetzt, nicht wahr, jetzt hältst du dich recht ruhig und erholst dich erst wieder!«

»Erholen?« fragte die Mutter, sich von ihrem Lager aufrichtend, »erholen? Ich bin stark und kräftig – nur der Kopf schwindelt mir noch ein wenig. Aber erzählt mir bitte, was vorgefallen ist. Roberts – Bahrens – Harper – was fehlt den Männern? Sie sehen alle so ernst aus.«

»Nichts fehlt uns, Mrs. Roberts«, erwiderte Bahrens, indem er vortrat und ihre Hand schüttelte, »nicht das mindeste – jetzt wenigstens nicht mehr. Nur solange Sie krank und blaß dalagen, solange war's uns hier nicht geheuer im Zimmer, und da mögen wir wohl noch ein wenig seltsame Gesichter schneiden. Harper hier ist überdies selbst ein halber Patient. Aber heraus jetzt mit der Sprache; am besten erfahren Sie gleich alles auf einmal, da es überdies nichts Schlimmes ist, und nachher wird Ihnen und uns das Herz leicht.«

Marion mußte nun erzählen; von dem ersten Augenblick an, wie Rowson in das Haus gesprungen und Cotton aus seinem Versteck herabgeklettert sei, wie sie gebunden gewesen und wie sich Ellen befreit; Assowaums erstes Erscheinen, der Freundin Heldentat und die Rettung durch die Regulatoren.

»Also dir, gutes Kind, verdanke ich eigentlich das Leben meiner Tochter«, wandte sich Mrs. Roberts dann an Ellen und reichte ihr die Hand hinüber.

»Mir? Ach Gott, nein«, entgegnete das Mädchen schüchtern, »mein Verdienst ist gar gering dabei – die Pistole – ich weiß nicht – ich glaube, sie muß von selbst losgegangen sein; ich habe mich wenigstens immer vor Feuerwaffen gefürchtet.«

»Ellen war gewiß unser Rettungsengel«, unterbrach sie Marion. »Der Indianer wäre verloren gewesen, wenn jener Schuß nicht gefallen wäre. Ellen ist sicherlich die Heldin jener Nacht.«

»Wo aber sind die übrigen? Mr. Curtis, Brown und Wilson?« fragte die Matrone. »Sie, die neben dem Indianer ihr Leben so kühn und uneigennützig für euch aufs Spiel setzten, verdienten doch sicher den heißesten Dank.«

»Die jungen Leute sitzen über die Buben zu Gericht«, sagte Roberts, »und wärst du nicht so sehr krank gewesen, so hätte ich heute ebenfalls der Verhandlung beigewohnt. Wo solche Schurkereien vorfallen, da muß den Schuften einmal bewiesen werden, daß der alte Geist in uns Hinterwäldlern noch nicht etwa erstorben ist.«

»Aber sagtet ihr nicht«, fragte Mrs. Roberts schaudernd, »daß jener Mann, jener – Rowson...«

»Laß den jetzt sein, Alte«, unterbrach sie schmeichelnd Roberts, »wenn du wieder recht wohl und kräftig bist, dann wollen wir über dir Vorfälle genauer sprechen, bis dahin hören wir auch das Resultat des Regulatorengerichts. Aber nun, Mädchen, schafft einmal heran, was Küche und Rauchhaus zu bieten vermögen. Wir feiern heute ein Fest der Erlösung, und zwar ein doppeltes, in geistiger Hinsicht und leiblicher Hinsicht, denn in leiblicher sind uns diese verwünschten Pferdediebe, vor denen kein Huf im Stall mehr sicher war – dem Hostler haben sie neulich seinen Hengst mitten aus dem Hofraum zu stehlen versucht, und seine Fenz ist über elf Fuß hoch...«

»Und in geistiger Hinsicht können wir unserem Herrgott fast noch mehr danken«, unterbrach ihn Bahrens, als er fand, daß Roberts wieder mit verhängten Zügeln nach New York sprengte, »jetzt wird das Predigen doch einmal ein wenig nachlassen.«

»Aber, Mr. Bahrens«, sagte in vorwurfsvollem Ton die Matrone, »wollen Sie die Schuld auf eine so heilige Sache werfen?«

»Nein, sicher nicht«, erwiderte dieser, um alles zu vermeiden, die noch nicht ganz Genesene zu kränken, »sicher nicht, aber das Gute hat es, daß wir künftig in der Wahl der Prediger sehr vorsichtig sein werden, und auch mit Recht. Ein gebranntes Kind scheut das Feuer.«

»Hallo da!« rief Harper dazwischen. »Hier ist verboten worden, die Sache weiter zu berühren, bis wir erst einmal eine ordentliche Mahlzeit im Magen haben, und das find' ich nicht mehr wie recht und billig. Seit gestern abend sitzen wir hier neben dem Bett und hungern; das mag ein anderer aushalten.«

»Wie wär's, wenn wir nach dem Essen noch zu der Versammlung hinüberritten?« fragte Bahrens. »Ich hätte gewaltige Lust, daran teilzunehmen.«

»Wir kämen doch zu spät«, erwiderte Roberts; »der Platz ist ziemlich weit, deshalb warten wir's besser ab. Brown und Wilson haben mir versprochen, heut abend noch herzukommen und das Resultat zu melden. Es ist sehr gefällig von ihnen.«

»Sehr«, sagte Harper und warf einen Seitenblick zu Marion hinüber. Diese aber schien, mit der Mutter beschäftigt, die Bemerkung, ganz überhört zu haben, während Ellen sich ebenfalls abwandte. Mit lobenswertem Eifer blies sie die fast verglommenen Scheite im Kamin zur hellen Flamme an und legte Holz nach.

Der Abend rückte indessen heran; Mrs. Roberts hatte sich wieder völlig erholt, und da das Wetter mild und warm war, saßen alle unter den blühenden Dogwoodbäumen im kleinen Gärtchen. Der Platz war aber besonders freundlich, denn hier standen nicht nur viele schattige Bäume, sondern Marions sorgsame Hände hatten hier auch manche wilde Waldblumen heimisch gemacht, die mit ihrer Farbenpracht das Auge erfreuten.

Wie oft aber auch das Gespräch auf gleichgültigere Gegenstände gelenkt werden mochte, immer flogen wieder die Blicke hinüber nach der Gegend, aus der die Freunde erwartet wurden, und immer wieder war das wahrscheinliche Resultat jener ernsten Verhandlung die Achse, um die sich alle Vermutungen und Bemerkungen drehten.

»Sie werden ihn wohl nicht so hart bestrafen«, sagte Mrs. Roberts endlich nach einer kleinen Pause, in der sie nachdenklich vor sich niedergestarrt hatte, »wenn die Wunde so bös war, ist ja das schon Strafe genug.«

»Für solche Verbrechen?« fragte ernst und mahnend ihr Gatte. Schaudernd barg die Matrone ihr Gesicht in den Händen.

»Der Indianer hatte Mitleid mit ihm«, flüsterte Marion, »er pflegte ihn mit einer Sorgfalt, deren ich ihn nicht für fähig gehalten hätte.«

»Der Indianer?« fragte erstaunt die alte Frau, »der Indianer pflegte den – Mörder seines Weibes?« wiederholte sie dann immer noch ungläubig und verwundert.

»Ja – wie wir das Vieh pflegen, das wir schlachten wollen«, sagte Bahrens mit einem leisen Schauder, »mir ist der Indianer noch nie so entsetzlich vorgekommen wie in seiner zärtlichen Sorgfalt – ich kann das Bild gar nicht loswerden.«

»Wahrhaftig – dort kommt Brown angesprengt«, rief der alte Roberts. »Und dort ist auch Wilson, jetzt werden wir erfahren, wie alles abgelaufen ist.«

»Sie sehen ernst und feierlich aus«, meinte Bahrens.

»Ein ernstes und feierliches Geschäft war es auch, das sie beendet«, erwiderte Roberts, »aber ein notwendiges Recht, das Recht des Selbstschutzes – der Selbstverteidigung, und das wollen wir uns in Arkansas bewahren, solange wir noch Blut in den Adern haben.«

In diesem Augenblick sprengten die beiden Männer heran, warfen sich von den Pferden, übersprangen die Fenz und begrüßten mit herzlichem Wort und Händedruck die Freunde.

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