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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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36 Das Gericht der Regulatoren

Der für das Gericht der Regulatoren ausersehene Platz lag nahe den Fourche-la-fave-Niederlassungen auf einem steilen Hügel oder »Bluff«, der mit senkrechter Felswand am südlichen Ufer des Flusses emporstieg, und an beiden Seiten, östlich und westlich, von dem niederen Talland und dichten Rohrbrüchen begrenzt wurde.

Etwa eine Meile weiter stromab kreuzte jene Straße den Fluß, auf welcher damals die Regulatoren von Rowsons List irregeführt waren; und die kleine Hütte, in der Alapaha von Mörderhand fiel, lag, wie der Leser weiß, kaum eine halbe Meile von dieser entfernt.

So still und öde jener schroffe Berggipfel aber auch gewöhnlich war, da viele Meilen im Umkreis, wenigstens auf der Seite des Flusses, kein Haus stand, so lebhaft und betriebsam ging es heute dort zu. Unter den schlanken Kiefern, dichtbelaubten Eichen und Hickorys lagerten, um fünf verschiedene Feuer herum, einige zwanzig kräftige Jäger und Farmer, Prachtexemplare der wirklichen Hinterwäldler, teils mit der Zubereitung ihres Frühstücks, teils mit dem Verzehr beschäftigt, und wieder kräuselte der blaue Rauch wie vor Zeiten lustig und wild in die klare Morgenluft hinauf, als noch die Ureinwohner, die Arkansas, diese Höhen bevölkerten.

So gewöhnlich nun aber auch solche Lager in Arkansas oder überhaupt in den westlichen Wäldern Amerikas sind – so sehr unterschieden sich zwei Gruppen, nicht allein im Aussehen, sondern auch in dem ganzen freien Benehmen der übrigen Männer. Sie bildeten gewissermaßen den Hintergrund dieses Gemäldes und lagerten am weitesten von dem steilen Abhang entfernt, unter zwei einzeln stehenden Gruppen von Dogwoodbäumen, deren weiße Blütenzweige sie wie mit einem Blumendach überschatteten. Wenig aber schienen die Hauptpersonen diese freundliche Umgebung zu beachten, und finster brütend starrten sie auf das gelbe, vorjährige Laub nieder, in dem sie mit gefesselten Gliedern ausgestreckt lagen.

Es waren die Gefangenen Atkins, Johnson, Weston und Jones, von zweien der Backwoodsmen, die neben ihnen auf ihren langen Büchsen lehnten, bewacht.

Die andere Gruppe bestand nur aus zwei Personen: dem Prediger und dem Indianer. Unter dem Laub- und Blumendach der Dogwoodbäume und Gewürzbüsche diente ein sorgsam zusammengetragenes, mit warmen Decken belegtes Blätterlager dem verwundeten Rowson als behaglicher weicher Ruheplatz, und daneben kauerte Assowaum. Aber selten wandte dieser seine Aufmerksamkeit von der vor ihm liegenden Gestalt ab, und das geschah dann nur, ein neben ihnen knisterndes Feuer zu unterhalten, um die kühle Morgenluft dem leidenden Gefangenen erträglicher zu machen. Neben dem Indianer stand ein Becher mit Wasser, den er manchmal an die brennenden Lippen des im Wundfieber Liegenden brachte und seinen Durst löschte, während er sorgsam wieder die verschobenen Decken zurechtzog, damit kein rauhes Lüftchen den Zustand des Kranken verschlimmern konnte.

Jetzt schlugen in der Nähe mehrere Hunde an, und bald darauf kamen die am vergangenen Abend bei dem Überfall beteiligten Regulatoren mit Brown, Roberts, Harper und einem Fremden an ihrer Spitze, den Berg herauf und begrüßten hier die schon versammelten Männer. Brown stellte dann den Regulatoren den Fremden als einen Advokaten aus Pulasky County vor, der, zufällig in der Nähe, von ihrer heutigen Gerichtssitzung gehört und dieser, wenn es ihm verstattet würde, beizuwohnen wünschte. Hierauf erklärte Brown, da Husfield erst in etwa einer Stunde eintreffen könne, die Sitzung für eröffnet.

Vor allen Dingen wurde jetzt eine Jury von zwölf Ansiedlern gewählt, wobei den Gefangenen selbst das Recht zugestanden war, den, den sie in dieser Sache für parteiisch hielten, zu verwerfen. Keiner aber machte von dieser Erlaubnis Gebrauch. Sie wußten gut genug, wie klar ihre Schuld sei, und da Husfield nicht anwesend war, so schien es selbst Johnson gleichgültig, wer von seinen Feinden Richter oder Zuhörer wäre. Nur zwei ihm vertraute, freundliche Gesichter sah er unter der Menge; die aber hielten sich wohlweislich sehr zurück und schienen keineswegs geneigt, eine aktive Rolle in diesem Drama zu spielen.

»Und wer soll für die Gefangenen sprechen?« fragte Brown, als zwei Männer vom Petite-Jeanne sowie Stevenson, Curtis, der Kanadier und Cook als Kläger gegen die Angeschuldigten vorgestellt waren.

»Mit Ihrer Erlaubnis will ich das übernehmen«, sagte da vortretend der fremde Advokat, »mein Name ist Wharton, ich bin Advokat in Little Rock und glaube nicht, daß Sie jenen Unglücklichen einen Fürsprecher verweigern werden.«

Einige der Regulatoren wollten hiergegen etwas einwenden, doch Brown erklärte dem Fremden, daß sie bereit wären, ihm die Verteidigung der Verbrecher zu gestatten. Er solle aber bedenken, daß sie hier, unabhängig von der Macht des Staates, ein freies Lynchgesetz gebildet hätten und ihren Grundsätzen dabei, was auch immer die Folgen sein mochten, treu bleiben wollten.

»Verteidigen Sie aber diese Leute!« fuhr er dann, Mr. Wharton freundlich die Hand reichend, fort. »Gibt es etwas, das zu ihrem Vorteil spricht – desto besser. Fern sei es von uns, Unrecht tun zu wollen; aber wehe auch den Schuldigen. Die Gesetze des Staates waren zu schwach und ohnmächtig, uns zu beschützen – hier stehen wir jetzt, die Bewohner dieser herrlichen Wälder, und schützen uns selber. – Doch die Zeit vergeht, und wir haben einen schweren Tag vor uns. Wir wollen beginnen.«

Die Anklagen begannen jetzt; zuerst gegen Atkins und Weston als die Hehler, und gegen Jones als den Dieb oder Zulieferer von geraubten Pferden. Da es aber an Zeugen für frühere Diebstähle fehlte, beschränkte man sich hier ganz allein auf den zuletzt vorgekommenen und entdeckten Fall.

Das geheime Versteck für entwendete Pferde war genau untersucht worden und die Schuld des angeklagten Atkins dabei außer allen Zweifel gesetzt. Hatten sie doch nicht allein die Pferde des Kanadiers, sondern auch noch zwei andere, vor kurzer Zeit einem Ansiedler am Fourche la fave entführte Tiere bei ihm gefunden, so daß er sich zuletzt zu seiner Schuld bekennen mußte.

Weston wurde dann vorgeführt, leugnete aber alles, bis einer der Männer vom Petite-Jeanne darauf drang, ihn zum Geständnis zu zwingen und so lange zu peitschen, bis er bekenne.

Hiergegen protestierte nun freilich Mr. Wharton energisch und nannte das »grausam« und »inquisitorisch«. Es half ihm aber nichts – die Mehrzahl stimmte für »Dogwood«. Der Unglückliche wurde denn auch ohne weiteres an einen dieser Bäume angebunden und mit den Schößlingen eines Hickorybusches gepeitscht, bis ihm das Blut von den Schultern rann und lange dunkle Striemen ihm über die Seiten bis auf die Brust liefen, da die Spitzen des elastischen Holzes sich wie Fischbein herumgelegt hatten.

Der Schmerz preßte ihm endlich das Bekenntnis seiner eigenen Schuld aus. Aber keine Qual der Hölle wäre imstande gewesen; einen einzigen Namen der Mitschuldigen über seine Lippen zu bringen und ohnmächtig brach er zuletzt unter den Streichen zusammen.

Die Regulatoren – aufgeregt durch das Blut und entrüstet über das störrische Schweigen des Verbrechers, wie sie es nannten, dürsteten nach seinem Leben und riefen wild durcheinander:

»Hängt ihn – an die Eiche mit ihm! – Er hat gestanden, daß er Pferde gestohlen hat, was sollen wir uns länger mit ihm aufhalten!«

Brown aber schlug sich hier ins Mittel und erklärte, daß dies gegen das ausgemachte Gerichtsverfahren sei. Es sollten nämlich erst alle gehört werden, und die Jury hatte nachher über Leben und Tod der Gefangenen zu entscheiden.

Jones' Schuld lag klar und deutlich vor Augen, und es herrschte darüber nur eine Meinung; selbst Wharton vermochte wenig zu seinen Gunsten zu sagen. Jetzt aber galt es das schwere Verbrechen, den Mord an Heathcott, zu prüfen, und als Ankläger gegen Johnson und Rowson traten hierbei Curtis und der Krämer Hartford auf, der auf Verlangen des Indianers vorgeladen war.

Hartford hatte nämlich erst vor wenigen Tagen eine jener Banknoten durch zweite Hand von Rowson empfangen, die er früher bei Heathcott selbst gesehen. Sie war von der Louisiana-Staatsbank und trug noch als besonderes Kennzeichen den Namen eines früheren Eigentümers auf der Rückseite.

Johnsons und Rowsons Spuren hatte der Indianer später mit den an seinem Tomahawk vermerkten Zeichen verglichen und übereinstimmend gefunden.

»Johnson hat ferner noch versucht, den Indianer zu ermorden«, sagte Brown, »wir alle...«

»Wozu die Zeit mit weiteren Anklagen versäumen«, unterbrach ihn einer aus der Mitte. »Der Schuft hat wegen des einen Mordes das Hängen verdient – spräche ihn aber die Jury wirklich davon frei, was ich sehr bezweifle, so ist's immer noch Zeit für die andern Anklagen.«

Wharton wollte jetzt auftreten und den Angeschuldigten verteidigen; ehe er aber nur seine Rede beginnen konnte, fuhr Johnson, trotz der zusammengebundenen Arme, hoch und rief trotzig:

»Schweigt mit Euren Salbadereien. Die Schurken sind einmal entschlossen, mich zu hängen, und werden es tun – die Pest in ihren Hals; ich will ihnen aber wenigstens nicht den Gefallen tun, zu zittern und zu kriechen. Ja, Memmen ihr, die ihr zu zwanzig über einen einzelnen Mann herfallt; ich habe den Regulator erschossen, und Gott soll mich verdammen, wenn ich nicht eurer ganzen Bande mit Vergnügen die Kehle durchschneiden wollte.«

»Fort mit ihm an die Eiche – fort – hängt die Kanaille!« schrien die meisten, und einige sprangen sogar schon auf den Gefesselten zu. Brown warf sich aber dazwischen und rief:

»Halt! Zur Ordnung, Ihr Männer von Arkansas. Wir müssen vorher den Prediger verhören; die Geschworenen sprechen dann das Urteil.«

»Gut denn – Rowson vor – den Prediger her!« schrie die Menge und zog sich wieder, den Raum in der Mitte frei lassend, zurück.

Rowson war, als er seinen Namen auf den Lippen der tobenden Menge hörte, leichenblaß aufgeschreckt. Vergebens bemühte er sich aber aufzustehen, die Fesseln hielten ihn nieder, und Assowaum mußte diese erst lösen und dann den durch Blutverlust und Angst Geschwächten auch noch stützen, ehe er imstande war, sich aufzurichten. Doch versagten ihm seine Glieder den Dienst; zitternd und bebend schlugen ihm die Knie aneinander, und er wäre wieder zu Boden gesunken, hätte ihn nicht sein sorgsamer Wächter gefaßt und aufrecht gehalten.

Erst als er sich einen Augenblick gesammelt, führte ihn Assowaum vor die auf dem grünen Rasen gelagerten Männer des Geschworenengerichts.

»Jonathan Rowson«, redete ihn hier ernst und streng der Regulatorenführer an, »Ihr steht vor Euren Richtern. Man hat Euch angeklagt...«

»Halt – halt – nicht weiter«, unterbrach ihn mit leisem, flüsterndem Ton und wild und ängstlich umherschweifenden Blicken der ehemalige Prediger, »nicht weiter, Ihr sollt mich nicht anklagen – ich will alles gestehen – alles verraten – als ›State's evidence‹ dürft ihr mich nicht verletzen. Ich werde dadurch selbst – ich gehöre mit zum Gericht – ich will...«

»Die Pest über deine feige, erbärmliche Seele« schrie Johnson entrüstet, »seht, wie die Memme zittert.«

»Wenn Ihr die Zähne noch einmal auseinanderbringt, ohne daß Ihr gefragt seid«, rief Hostler, der hier Sheriff-Dienste versah, »so klopf' ich Euch mit dem kleinen Stück Hickory hier den Schädel ein – verstanden?«

Johnson schwieg zähneknirschend.

»Ihr dürft mich nicht morden!« rief Rowson, dem der Angstschweiß in großen Perlen auf Stirn und Schläfen stand, »oder – ihr müßt mich wenigstens vor dem Teufel hier schützen, der über meinen Körper wacht, als ob er der Seele habhaft zu werden hoffe. Ich will alles gestehen – ich erkläre mich hiermit für State's evidence.«

Ein Murmeln der Verachtung durchlief die Reihen der Regulatoren, Brown aber nahm das Wort und sagte, sich zu dem Verbrecher wendend, der flehend die gefesselten Hände gegen ihn emporhob:

»Zu spät kommt diese Reue, Rowson, selbst das kann Euch nicht retten. Dreimal des Mordes angeklagt, des schändlichen Verrates gar nicht zu gedenken, mit dem Ihr Euch in die Familien dieser friedlichen Gegend schlichet, seid Ihr dem Gericht verfallen. Habt Ihr noch etwas zu Eurer Verteidigung zu sagen?«

»Da kommt Husfield mit den übrigen«, rief Cook, »von den beiden Entflohenen bringen sie aber keinen zurück.«

Husfield ritt in diesem Augenblick bis dicht an die Gefangenen heran, warf ein Bündel, das er vor sich getragen hatte, zur Erde nieder, sprang aus dem Sattel und überließ das Tier sich selbst.

»Etwas Neues noch, Husfield, was Licht auf die Anklagen werfen könnte?« fragte Brown.

»Nichts Erhebliches«, erwiderte der Regulator, »hier den alten Rock, der mir übrigens verdächtig vorkam, weil er so sorgfältig gewaschen schien und versteckt war.«

»Wah!« sagte der Indianer, der hinzugetreten war und auf die Stelle zeigte, an der einer der hörnernen Knöpfe fehlte, »diesen Knopf erfaßte Alapaha im Todeskampf – und hier – hier war die Wunde.«

Ohne weiter eine Antwort abzuwarten, schritt er zu dem regungslos dastehenden Rowson, nahm sein Skalpiermesser aus dem Gürtel und schlitzte den linken Ärmel bis an die Achsel auf, wo die rohe, kaum geheilte Wunde von dem Tomahawk der Indianerin sichtbar wurde. Ruhig deutete Assowaum darauf und sagte leise:

»Er ist der Mörder!«

Alles schwieg – es war, als ob sich jeder scheue, die schauerliche Stille zu unterbrechen, und Rowsons Blicke flogen ängstlich von Gesicht zu Gesicht, nur ein einziges zu finden, aus dessen Zügen Mitleid und Erbarmen spräche. Die Männer standen aber alle starr und kalt, und der finstere Ernst, die zusammengezogenen Brauen verkündeten sein nahes Schicksal.

»Diese Brieftasche«, sagte Brown endlich, »fand man ebenfalls bei dem unglücklichen Mann hier, der, wie es scheint, Verbrechen auf Verbrechen häufte, um seine dunklen Zwecke zu erreichen. Die Summe, die hierin enthalten ist – elfhundert Dollar –, entspricht etwa der, die jener am Ufer des Arkansas erschlagene Viehhändler bei sich getragen haben soll. Mr. Stevenson hat Rowson als denselben Mann erkannt, den er an jenem Tage, wenige Minuten vor der verübten Tat, mit dem Ermordeten gesehen.

Kennt Ihr dieses Federmesser – Rowson?« fragte er dann mit leiser Stimme den Mörder, »kennt Ihr diese Blutspuren daran?«

Rowson wandte sich schaudernd ab und stöhnte, auf Johnson deutend:

»Der da gab den Rat – warum mir das alles – warum jedes Verbrechen auf meine Schultern?«

»Und Ihr gesteht ein, daß Ihr schuldig – des dreifachen Mordes schuldig seid?« fragte ihn Husfield.

»Ja – ja – ich will alles gestehen – alles – noch mehr – noch viel entsetzlichere Sachen – ich will euch vom Mississippi...«

»Ich protestiere gegen dieses Verfahren«, sagte der fremde Advokat, schnell vortretend, »Sie entlocken diesem Elenden hier das Geständnis seiner Schuld, während er noch immer in der Hoffnung steht, als State's evidence begnadigt und auf freien Fuß gesetzt zu werden. Sie haben überdies des jungen Weston, oder wie er heißt, Geständnis mit Gewalt, gewissermaßen durch die Folter, herausgelockt und...«

»Sir«, unterbrach ihn ruhig Brown, »ich habe Ihnen schon anfangs gesagt, daß Sie hier vor keinem gesetzlich gebildeten und nach bestimmten Regeln tagenden Gericht stehen. Eben das hat uns gezwungen, selbständig aufzutreten, weil vor dem Gesetz des Staates Kniffe und Ränke der Advokaten stets die ärgsten Verbrecher der Strafe entzogen, weil vielleicht irgendeine Kleinigkeit in der Anklage versehen oder ein Zeuge fehlte oder sonst ein Haken gefunden werden konnte, mit dem man den, der imstande war zu bezahlen, herausriß, aus Not und Strafe. Wir hier sind eine Versammlung von Regulatoren, und die Gewalt, die wir ausüben, ist das Lynchgesetz. Diese Männer wurden angeklagt und werden bestraft, wenn sie für schuldig befunden werden. Können Sie uns beweisen oder auch nur hoffen lassen, daß einer von ihnen schuldlos ist, so sei Ihnen im voraus versichert, daß er frei und ungehindert von dannen gehen soll. Das ist meines Wissens das einzige, was Sie bei dieser Sache zu tun haben. Was beschließen die Geschworenen über Atkins?« –

»Gebt mich frei«, schrie Rowson verzweifelt, »gebt mich frei – und ich will Dinge bekennen, die...«

»Schweigt – ich rette Euch!« flüsterte ihm leise der fremde Advokat zu.

Erstaunt und freudig schaute der Elende diesen an, begegnete aber nur dem behutsam warnenden Blick desselben, der sich eben von ihm abwandte und wieder zu den Geschworenen hinübersah. Diese berieten miteinander über das Schicksal der Angeklagten.

Nach kurzer Zeit schon kehrten sie mit dem einstimmigen Ausspruch: »Schuldig!« zurück.

Atkins sank, das Gesicht mit den Händen bedeckend, auf die Knie nieder.

»Und Weston?« fragte Brown.

»Schuldig!«

»Und Jones?«

»Schuldig!«

»Und Johnson?«

»Schuldig!«

»Und Rowson?«

»Schuldig!«

Weston schluchzte laut, und Johnson knirschte, seinen Richtern giftige Blicke zuschleudernd, wütend mit den Zähnen.

»Ihr habt es gehört!« sagte Brown nach langer Pause, während Rowson, alles andere um sich vergessend, nur an jeder Bewegung des Fremden hing. Dieser war seine letzte Hoffnung, und in seiner Todesangst hielt er den Fremden für ein Wesen, das mit überirdischen Kräften begabt sei.

»Das Gericht der Regulatoren erklärt euch hiermit für schuldig und spricht euch den Strang für eure Vergehen zu!« sagte Brown mit fester, tiefer Stimme.

»Fort mit ihnen«, schrien einzelne aus der Menge, »an die nächsten Bäume!«

»Halt!« rief Brown dazwischen, seine Hand gegen die Herandrängenden ausstreckend. »Halt! Das Gericht verurteilt sie, aber, Männer von Arkansas, wir wollen nicht wie die wilden Tiere gegen unsere Mitmenschen wüten. – Nicht alle dürfen die gleiche Strafe erleiden, nicht alle sind gleich schuldig. Ist keiner dabei, den Ihr begnadigen möchtet?«

»Atkins' Kind ist heute nacht gestorben«, sagte Wilson, vortretend, »seine Frau liegt schwerkrank danieder, er hat nach Texas auswandern wollen – ich dächte, wir ließen ihn ziehen.«

Eine augenblickliche Stille herrschte. Atkins blickte mit stieren – tränenleeren Augen von einem zum andern.

»Ich stimme für Gnade!« sagte Brown.

»Und ich auch«, pflichtete ihm Husfield bei, »laßt uns überhaupt, Kameraden, unser erstes Gericht nicht als ein zu blutiges beginnen. Ich bitte um Westons Leben. Der arme Teufel hat alles, was er selbst verbrochen, bekannt; daß er die Mitschuldigen nicht verraten wollte, können wir ihm nicht zur Last legen; ich meinesteils finde es brav. Soll er mit der erhaltenen Züchtigung hinlänglich bestraft sein?«

»Ja!« sagten die Männer nach kurzem Bedenken.

»Aber er muß versprechen, sich zu bessern!« rief eine dünne Stimme. Alles lachte und schaute sich nach dem Sprecher um.

»Gnade! Gnade!« flehte jetzt auch Jones, der an dem ganzen Betragen der Regulatoren wohl sah, wie sehr sie gesonnen seien, ernst durchzugreifen, und diesen ersten lichten Augenblick zu seinem Vorteil zu nutzen beschloß. »Gnade auch mir – ich habe einmal gefehlt – und gehöre ja überdies in ein anderes County.«

»Das möchte Euch wenig helfen«, sagte Brown, »ich stimme jedoch dafür, diesen Mann, der allerdings weder den Fourche la fave noch Petite-Jeanne angeht, den Gerichten von Little Rock zu übergeben; die mögen über ihn entscheiden. Daß er nicht wieder an den Fourche la fave kommt, davon, glaube ich, können wir überzeugt sein.«

»Fort mit ihm«, riefen einige, »gebt ihn dem Sheriff.«

»Es wäre schade um den Strick«, meinte Curtis. »Jedoch, Gentlemen, hab' ich gegen das Urteil noch etwas einzuwenden. Der Bursche hat uns hier in unsere Rechte Eingriff getan, und stecken sie ihn in Little Rock ins Zuchthaus und bricht er aus, wie sich das von selbst versteht, so lacht er nachher noch über uns.«

»Bei meiner Seligkeit nicht!« rief Jones ängstlich.

»Die kauf' ich nicht teuer«, erwiderte Curtis. »Nein – ich stimme dafür, daß wir ihn erst mit unseren verschiedenen Holzarten, Hickory und Dogwood, bekannt machen; nachher kann er gehen. Er wird dann wenigstens freundlich an unser Flüßchen zurückdenken.«

»Curtis hat recht«, stimmte Brown zu, »und meiner Ansicht nach ist dieser Jones, wenn nicht so schlimm wie Rowson, doch einer der abgefeimtesten Schufte, die es je gegeben hat. Wenn also die Männer von Arkansas einverstanden sind, so mag ihm der Neger dort fünfzig Streiche zuzählen.«

»Gentlemen!« bat Jones ängstlich.

»Fünfzig sind eigentlich zuwenig«, rief Bowitt, als die übrigen beigestimmt hatten, »doch möchten wir dann einen andern Mann als den Neger zum Strafen wählen, ich traue dem...«

»Halt«, unterbrach ihn der Kanadier. »Ich will ihm die Schläge geben – bin ihm so noch etwas schuldig.«

»Gnade! Gnade!« flehte Jones, der wohl wußte, wie dieser seinen Rücken bearbeiten würde.

»Die ist Euch geworden«, sagte Brown, sich von ihm abwendend, »nach Verdienst gebührte Euch der Strang – fort!«

»Und Johnson und Rowson?« fragte Husfield jetzt, sich langsam im Kreise umschauend, während der Kanadier den wimmernden Jones zur Seite führte.

»Den Tod!« schallte es dumpf von allen Lippen.

»Sir – wenn Ihr mich retten wollt«, flüsterte Rowson mit Leichenblässe im Antlitz dem fremden Mann zu, »jetzt ist die höchste Zeit – Ihr kennt die Regulatoren nicht...«

»Schweigt und baut auf mich«, antwortete ebenso leise und vorsichtig der Advokat.

Wilson hatte indessen Atkins' Fesseln zerschnitten und bot ihm sein Pferd zum Heimreiten an. Dieser nickte auch dankbar mit dem Kopf, löste den Zügel von dem Zweige, an dem das Tier befestigt stand, und wollte aufsteigen. Da besann er sich noch einmal, blieb einige Sekunden über den Sattelknopf des Tieres gebeugt stehen, kehrte dann zurück und reichte erst Wilson, dann Brown und dann Husfield schweigend die Hand, drückte sie fest, schwang sich in den Sattel und sprengte mit verhängten Zügeln seiner Wohnung zu.

Brown sah ihm sinnend nach und sagte dann zu Wilson:

»Bei dem hat's geholfen; es sollte mich nicht wundern, wenn Atkins ein ehrlicher Mann würde.«

»Rettet mich, sonst ist es zu spät«, flüsterte Rowson wieder in Todesangst, »Ihr habt es versprochen – Ihr müßt mich retten.«

»Führt die Gefangenen zum Tode!« sagte Brown mit leiser, aber klarer Stimme.

»Halt!« rief der Advokat jetzt dazwischentretend. »Halt! Im Namen des Gesetzes! Diese Verbrecher sind des Todes schuldig – es ist wahr, aber ich protestiere hier öffentlich gegen dieses Gerichtsverfahren, was ebensolcher Mord wäre, als jene begangen haben. Überliefert sie mir, und ich will ihr Ankläger vor den Richtern des Staates werden, aber hier...«

»Tut Eure Pflicht«, wiederholte Brown ruhig, ohne den Einwurf zu beachten, »hat einer der Gefangenen noch etwas zu sagen?«

»Ich will alles verraten«, schrie Rowson, »hört mich nur – alles will ich verraten, wenn ihr mir mein Leben zusichert. Bis an meinen Tod will ich im Gefängnis arbeiten – aber das Leben schenkt mir – nur das Leben. Ich habe fürchterliche Sachen zu entdecken.«

»Euer Leben ist verwirkt«, erwiderte ernst der strenge Richter. »Bereitet Euch auf den Tod vor!«

»Zurück!« schrie der Elende, als ihn die Regulatoren ergreifen wollten, »zurück mit euch – ich bin dem Gesetz verfallen – ich...«

»Halt!« flüsterte der Indianer, der bis dahin, wie ein sprungbereiter Panther, neben der gefesselten Gestalt des ehemaligen Predigers gekauert hatte, sich jetzt aber zu seiner vollen Höhe emporrichtete und seine Hand auf die Schulter des vor der Berührung zurückbebenden Verbrechers legte. »Dieser Mann ist mein, Ihr habt ihn schuldig gesprochen – aber ich bin sein Henker!«

»Nein – nein – nein!« schrie Rowson in Todesangst, »nein – eher alles – fort – fort, ihr Regulatoren, fort mit mir – hängt mich – hängt mich hier an diesen Baum! – Nein, nicht hier – weiter fort etwas – hundert Schritt – eine halbe Meile – aber gebt mich nicht in die Hände dieses Teufels – Hilfe – Hilfe!«

Assowaum umschlang, ohne weiter eine Antwort der Regulatoren abzuwarten, die Arme seines Opfers mit der ledernen Fangschnur und nahm den sich wütend, aber vergeblich Sträubenden wie ein Kind in seine Arme.

»Gentlemen – das ist entsetzlich!« sagte der Advokat schaudernd, »Sie wollen doch nicht zugeben, daß der Wilde den Mann in den Wald schleppe und dort zu Tode martere?«

Keiner der Regulatoren antwortete – alle starrten schweigend den Indianer an, dessen Züge aber, unverändert und ruhig, nicht das mindeste von dem verrieten, was in ihm vorging. Selbst Johnson schien für einen Augenblick die Gefahr seiner eigenen Lage vergessen zu haben.

»Erbarmen!« schrie Rowson, »ich bin dem Lynchgesetz verfallen – Erbarmen – rettet mich vor diesem Teufel.«

Der Indianer trat mit ihm aus dem Kreis und schritt den schmalen Fußpfad, der in die Niederung und von da an den Fluß führte, hinab.

»Nein – das darf ich nicht dulden!« rief der Fremde und eilte dem Häuptling nach, entschlossen, den Unglücklichen wenigstens aus dieser Gefahr zu retten. Als aber Assowaum die Schritte hinter sich hörte, wandte er sein Antlitz dem Advokaten zu und rief drohend:

»Folge mir auf meiner dunklen Bahn, und du kehrst nie wieder zu den Deinen zurück – ich kenne dich!«

»Rettet mich!« flehte Rowson, »rettet mich – bei Eurer Seele Seligkeit!«

Assowaum wandte sich und war im nächsten Augenblick mit seinem Opfer im Dickicht verschwunden. Wharton aber blieb wie angewurzelt stehen und starrte fast bewußtlos der langsam fortschreitenden Gestalt des roten Kriegers nach.

Doch auf dem Hügel wagte keiner die feierliche Stille zu unterbrechen. Jeder verharrte mit Entsetzen in seiner Stellung – kaum zu atmen wagten die Männer, und nur Brown schritt leise an den Rand des Felsens, der den Fluß überragte, und schaute, den Arm um eine junge Eiche geschlungen, hinab auf das Flußbett. Dort aber glitt in seinem Kanu der Indianer mit langsamen, ruhigen Ruderschlägen dahin, und vorn im Boot lag die gefesselte Gestalt Rowsons.

Jones' Wehgeschrei weckte die Männer wieder aus ihrer Betäubung; der Kanadier, der in dem Rachewerk des Häuptlings weiter nichts Außerordentliches gesehen, hatte die ruhige Zeit indessen dazu benutzt, den kleinen Mann an einen jungen Dogwoodstamm zu binden, und ließ nun mit dem besten Willen von der Welt das dünne Holz auf seinem Rücken herumtanzen. Er kümmerte sich auch wenig darum, daß dieser sich unter den schmerzhaften Schlägen windend, schrie und jammerte, er habe schon sechzig – einundsechzig – zweiundsechzig – dreiundsechzig Schläge bekommen.

Brown legte sich endlich ins Mittel und befreite den Gezüchtigten von seinem Exekutor, der keineswegs gesonnen schien, sich an die einmal zugeteilte Anzahl der Streiche zu halten. Da er doch einmal dabei sei, wie er aufrichtig genug sagte, wolle er dem Burschen den Appetit auf Pferdefleisch gleich für immer nehmen.

Eine andere Abteilung hatte indessen Johnson unter den zu seiner Hinrichtung bestimmten Baum geführt. Bowitt ermahnte ihn, noch einmal zu beten. Als Antwort aber spie ihn der Verurteilte an und wandte ihm verächtlich den Rücken. Kein Wort, weder Bitte noch Klage, kam über seine Lippen; die Regulatoren aber, durch diesen letzten Beweis von Frechheit empört, warfen ihm ohne weitere Umstände die Schlinge um den Hals, hoben ihn auf ein Pferd, der Neger mußte an dem Baum hinauf und das Seil an einem vorragenden Ast befestigen, und Curtis nahm dem Pony, das ruhig unter der ihm aufgebürdeten Last stand, den Zügel ab.

Johnsons Ellbogen waren auf dem Rücken zusammengebunden, und er saß hoch aufgerichtet im Sattel. Sobald das Pferd aber nur einen Schritt vorwärts tat, das Gras abzupflücken, das im Überfluß auf dem Kamm des Hügels wuchs, war es um den Verurteilten geschehen.

Das Pony rührte und regte sich jedoch nicht und schaute mit seinen großen dunklen Augen von einem der Männer zum andern, als ob es verstehe, weshalb ihre Blicke erwartungsvoll an ihm hingen.

»Was sollen die Faxen?« rief Johnson jetzt halb ärgerlich, halb ängstlich, während ihm der kalte Angstschweiß auf die Stirn trat, »nehmt das Pferd fort und macht ein Ende!«

Es hätte nur eines Schenkeldrucks von ihm bedurft, und das Pony wäre vorgesprungen, aber er bewegte kein Glied – das Tier, das ihn trug, ebensowenig.

Brown schwang sich in den Sattel und sprengte den Hügel hinunter. Ihm folgten die übrigen, von denen einige jedoch Wharton im Auge behielten. Jones war ebenfalls zurückgeblieben, aber der Kanadier hütete den schon, daß er das gesprochene Urteil nicht vereitelte.

Das Pferd des Verurteilten stand noch immer unbeweglich, und Johnson schaute halb trotzig, halb verzagt zu Jones hinüber.

»Kommt«, sagte der Kanadier jetzt zu diesem, »was Ihr im Sinn habt, weiß ich wohl – dem Mann sollt Ihr aber den Spaß nicht verderben – fort mit Euch!«

»Aber so laßt doch...«

»Fort mit Euch, sag' ich, oder – wir sind jetzt allein!« er schwang bei diesen Worten einen der noch vorrätig abgeschnittenen Stöcke. Im nächsten Augenblick verließen die Männer den Platz, und Johnson saß allein auf dem immer noch still und regungslos haltenden Tier unter seinem Galgen.

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