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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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32. Die Kreuzeiche

Die Kreuzeiche war ein bei den Jägern des Fourche la fave allgemein bekannter Platz. Sie stand unfern vom Ufer eines kleinen Sees, am Rande einer der vielen Slews oder Sumpfbäche, die die Niederung durchkreuzen, und nahe bei einem dichten Rohrbruch, der im vorigen Jahr durch die Nachlässigkeit einiger Jäger in Brand geraten war. Nur verdorrtes und halbverbranntes Schilf umgab jetzt noch den Platz, zwischen dem das junge, maigrüne Rohr kaum erst wieder an einzelnen Stellen anfing sich Bahn zu brechen.

Ein gewaltiger, hochstämmiger Persimonbaum aber, dessen Wipfel der Blitz gespalten, hatte einen seiner Äste in die auszweigende Hauptgabel des Nachbarstammes, ebendieser Eiche, gelegt und auf solche Art ein rohes, aber leicht erkennbares Kreuz gebildet.

Cotton wie Rowson kannten den Platz genau, und der letztere hatte an dieser Stelle oft Betversammlungen oder sogenannte Campmeetings gehalten. Cotton war übrigens heute der erste am Platz und wohl schon eine Stunde vor der ihm von Rowson bestimmten Zeit am steilen Ufer der Slew auf und ab gegangen. So ungeduldige Blicke er aber nach der Seite hin warf, von welcher er den Kumpan erwartete, so scheu und vorsichtig lauschte er bald nach dieser, bald nach jener Himmelsrichtung hin, als ob er irgendeine Überraschung oder Gefahr befürchte, und jedes fallende Blatt machte, daß er rasch und ängstlich den Kopf dorthin wandte.

Da krachte ein dürrer Zweig, und schlangenartig glitt der Jäger hinter einen umgestürzten Baumstamm, wo er, still und regungslos wie das Holz, das ihn verbarg, liegenblieb. Der da kam, war aber der so ungeduldig Erwartete, und schnell brach deshalb der Flüchtling wieder aus seinem Versteck hervor.

»Endlich kommt Ihr«, rief er mürrisch, »seit einer Stunde stehe ich hier Todesqualen aus, und...«

»Ihr dürft Euch nicht beklagen, ich bin noch etwas vor der Zeit da. Es kann kaum halb neun Uhr sein, und Ihr wißt, daß wir hier erst um neun Uhr zusammentreffen wollten.«

»Ja, um einander vielleicht nie wieder zu finden.«

»Was ist vorgefallen?« fragte Rowson erschrocken, denn erst jetzt fiel ihm das bleiche, verstörte Gesicht des anderen auf. »Ihr seht aus, als ob Ihr eine Todesnachricht brächtet. Sind die Regulatoren...«

»Ich wollte, beim Teufel, es wäre nur eine Todesnachricht«, unterbrach ihn Cotton zähneknirschend, »die Hunde von Regulatoren haben auf irgendeine Art Wind bekommen und Atkins' Haus überrumpelt.«

»Alle Wetter!« rief Rowson ängstlich, »und hat er gestanden?«

»Ich war nicht neugierig genug, mich danach zu erkundigen«, brummte Cotton. »Auch Johnson muß in die Hände des verdammten Indianers gefallen sein, denn er ging aus, ihn beiseite zu schaffen, und – ist selbst nicht wiedergekehrt.«

»Aber woher wißt Ihr, daß Atkins...«

»Als Johnson nicht wiederkam, ging ich hinaus, ihn zu suchen, fand aber keine Spur von ihm und schlich nun zu Atkins' Haus hinüber, um dem meine Befürchtung mitzuteilen. Dort aber fiel mir schon die Unruhe auf, die in der Farm herrschte. Die Pferde galoppierten wild und scheu in der Einfriedung umher, und als ich an der Fenz bis zu dem geheimen Eingang hinschlich, fand ich diesen offen. Hierdurch wurde mein Verdacht nur noch mehr bestärkt; ich wollte aber dennoch einen Versuch machen, mich dem Hause zu nähern, und gab mehrere Male hintereinander das bestimmte Zeichen.«

»Nun?« fragte Rowson gespannt.

»Erst wurde es nicht beantwortet«, fuhr der Jäger fort, »und dann falsch – nur dreimal. Jetzt wußte ich, daß Verrat lauerte. Leise umschlich ich nun eine Zeitlang die Farm, wäre aber doch bald, trotz aller Vorsicht, in die Hände der Schufte gefallen, die sich dort herum aufgestellt hatten. Als ich eben um die eine Ecke biegen wollte, sprangen eine Menge dunkler Gestalten aus ihren bisherigen Verstecken hervor und warfen sich auf einen einzelnen, der, der Stimme nach, kein anderer als Weston sein konnte. Ihr könnt Euch denken, wie ich jetzt Fersengeld gab. So schnell mich meine Füße trugen, floh ich zu Johnsons Hütte zurück, verbarg dort die für uns wertvollsten Sachen in dem hohlen Baum, der nicht weit von dem Haus nach dem Fluß zu liegt, nahm die Waffen und steckte das Nest in Brand. Euch zu finden war jetzt noch meine einzige Hoffnung.«

»Aber was können wir tun?« fragte Rowson, den stieren Blick angstvoll auf den Kameraden geheftet. »Wenn uns nun die Gefangenen verraten? Wo ist Jones?«

»Wahrscheinlich auch in den Händen der Regulatoren«, knirschte Cotton. »Jetzt wenigstens glaub' ich's, denn sonst wäre er zurückgekehrt.«

»So müssen wir fliehen«, sagte Rowson, »es bleibt weiter kein Ausweg. Noch ist es Zeit.«

»Aber wie? Man wird uns verfolgen und einholen.«

»Zu Pferde dürfen wir allerdings nicht fort«, erwiderte Rowson. »Jetzt, da die kläffenden Hunde einmal munter sind, möchten wir sie nur zu bald auf den Hacken haben, und nach dem Regen würden wir zolltiefe Spuren zurücklassen. Aber mein Kahn ist uns sicher, der Fluß noch immer etwas hoch, und da uns auch von Harpers Haus heute keine Gefahr droht, können wir den Arkansas vielleicht unentdeckt erreichen. Nachher hat es keine Not weiter. Bis morgen früh müssen wir aus dieser Gegend heraus sein.«

»Aber Eure und meine Braut! Ellen wird sich gewaltig grämen«, warf der Jäger spöttisch ein.

»Wir dürfen nicht mehr an sie denken«, sagte Rowson, »Pest und Gift, sich so den Bissen vor den Lippen weggeschnappt zu sehen! Aber mein Hals ist mir doch lieber, und ich zweifle, daß sie viele Umstände mit uns machen würden, wenn wir erst einmal in ihren Klauen wären. Ja, würden wir den Gerichten überantwortet und ordentlich mit Richter und Advokaten verhört, dann wollte ich sagen, laßt uns noch abwarten; zur Flucht ist später noch Zeit. So aber mag der Teufel den Kanaillen trauen, ich nicht. Glücklicherweise ist alles gerüstet, und wir können, sobald wir das Haus – aber alle Teufel – ich bekomme Besuch. Verdammt! An die hätte ich beinahe nicht gedacht.«

»Besuch?« rief Cotton erstaunt, »was soll das heißen?«

»Daß ich heute meine Hochzeit feiern wollte«, erwiderte Rowson mit einem Fluch. »Die ganze fromme Gesellschaft ist in diesem Augenblick wahrscheinlich schon auf dem Wege nach meiner Wohnung, und erreichen sie die früher als wir, so sind wir verloren. – Noch ist es aber wohl nicht zu spät – vielleicht treffe ich sie unterwegs, und da wird mir schon etwas einfallen, sie einen Augenblick aufzuhalten. Wir brauchen noch ein wenig Zeit für unsere Vorbereitungen. Gewinnen wir eine einzige Stunde Vorsprung, dann fürchte ich nichts mehr, dann sind wir gerettet. Eilt Ihr also, so schnell Ihr könnt, nach meinem Haus, ich werde, obgleich ich erst zu Roberts muß, fast zugleich mit Euch dort eintreffen.«

»Aber vielleicht kommt Ihr doch später«, sagte Cotton; »denn glaubt mir, ich werde mich unterwegs nicht aufhalten.«

»So steigt indessen die Leiter hinauf in den oberen Teil des Hauses. Dort steht auch der kleine Koffer, der, für solchen Fall gerüstet, alles enthält, was wir unterwegs brauchen werden.«

»Und das Zeichen?«

»Ihr seht mich schon kommen. Vom Haus aus kann man mehrere hundert Schritt weit die kleine Waldwiese überblicken, auf der ich gebaut habe.«

»Aber unrecht ist's doch, die Kameraden jetzt so im Stich zu lassen«, meinte Cotton nachdenklich. »Wer weiß denn, ob wir ihnen nicht von Nutzen sein könnten, wenn wir die Nacht noch hier bleiben! Es sind manche unter den hier wohnenden Farmern, die es im stillen recht gut mit uns meinen und uns gern Vorschub leisteten, aber freilich werden sich die nicht rühren, wenn wir selbst beim ersten Schreckschuß die Flucht ergreifen.«

»O zum Henker mit Euren Vorschlägen!« rief ungeduldig Rowson aus. »Glaubt Ihr, ich könnte jetzt zwischen sie treten, wo vielleicht Johnson oder Weston gestanden haben, um augenblicklich ebenfalls ergriffen und gebunden zu werden? Nein, verdammt will ich sein, wenn ich meinen eigenen Hals in eine Schlinge stecke, bloß um zu sehen, wie sich ein paar andere, denen ich doch nicht mehr helfen kann, darin befinden. Ich gehe – Ihr mögt tun, was Ihr wollt.«

»Ihr wißt ja aber gar nicht, ob Euer Name überhaupt erwähnt wurde. Ihr kennt doch unsern Schwur.«

»Jawohl – alles recht gut, der Teufel aber verlasse sich auf den Schwur, ich nicht. Das wäre nicht der erste, den ein schwarzer Hickorystock gebrochen hätte; und sagtet Ihr nicht selbst, Johnson habe gefürchtet, von dem verdammten Indianer verraten zu werden? Dasselbe droht mir, nur noch in einem viel ärgeren Grade. Hätte sich der Indianer nicht wieder in unserer Gegend gezeigt, vielleicht wagte ich's dann und bliebe. Der Rache eines solchen Burschen mag ich aber nicht ausgesetzt sein, und darum suche ich das Weite. Kommt Ihr also mit oder nicht?«

»Nun, natürlich werde ich die Finger nicht allein im Brei steckenlassen, das könnt Ihr Euch denken«, entgegnete mürrisch der Jäger. »Ich darf ja meine Physiognomie nicht einmal in Little Rock zeigen. Also fort denn – aber wohin wollen wir?«

»Ich gehe auf die Insel«, sagte Rowson entschlossen, »und Ihr?«

»Zum Überlegen haben wir später unterwegs Zeit genug«, erwiderte ausweichend der Jäger; »jetzt vor allen Dingen fort von hier, denn jeder andere Platz, selbst das Zuchthaus von Arkansas, ist in diesem Augenblick sicherer für uns als der Fourche la fave. Also kommt bald nach und laßt mich nicht lange warten. – Mir ist's unheimlich, wenn ich da vielleicht eine Stunde allein sitzen sollte; ich würde jeden Augenblick fürchten, das Haus von Regulatoren umzingelt zu sehen.«

»Habt keine Angst – ich werde schnell genug dasein. Roberts sind hoffentlich noch nicht aufgebrochen, denn deren Gegenwart könnte uns jetzt allerdings gewaltig stören. So rasch mich also mein Pferd trägt, bin ich bei Euch. Übrigens will ich verdammt sein, wenn ich nicht froh bin, die erbärmliche Predigermaske endlich abwerfen zu dürfen. Sie ist mir, besonders in den letzten vierzehn Tagen, schauderhaft lästig geworden.«

»Ich will nur wünschen, daß Euch die Luft in Arkansas unmaskiert besser zusagt als mit der Maske«, erwiderte Cotton, indem er unter einem dichten Gewirr von Gründornen und Schlingpflanzen sein in eine wollene Decke eingeschlagenes Kleiderbündel hervorholte und es sich auf den Rücken warf. »So – nun bin ich reisefertig«, fuhr er, einen scheuen Blick nach allen Seiten werfend, fort, »folgt also bald – Good-bye!«

»Good-bye!« antwortete Rowson und schaute ihm sinnend noch eine kurze Zeit nach, bis Cotton hinter den dichten Papao- und Sassafrasbüschen verschwunden war. Dann aber schritt er schnell zu seinem Pferd, das ihn ruhig grasend erwartete, schwang sich in den Sattel, setzte dem Tier die Hacken in die Seite und galoppierte, so rasch es ihm das dichte Unterholz erlaubte, waldeinwärts, dem Haus der Familie Roberts zu.

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