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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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31. Eine Damengesellschaft – Die Überraschung

»Oh, Mrs. Mullins, ich möchte Sie bitten, mir noch eine Tasse Kaffee einzuschenken«, sagte die Witwe Fulweal, nachdem sie das wimmernde Kind eben wieder aus der Hängematte genommen hatte und nun mit ihm im Zimmer auf und ab lief. »Wie das Köpfchen glüht«, rief sie dann, den Kleinen so dicht ans Licht haltend, daß er das fieberheiße Gesichtchen ängstlich verzog und eben in neues Schmerzensgeschrei ausbrechen wollte.

»Was kriegt denn das Kind hier für blaue Flecke?« fragte Mrs. Bowitt, sich zu ihm niederbeugend.

»Wo? Wo?« schrie die Mutter entsetzt, »was ist mit den blauen Flecken? Sind die gefährlich? Ach Gott, das Kind stirbt mir!«

»Unsinn«, widersprach Mrs. Fulweal, »blaue Flecke, ich möchte wissen, wo blaue Flecke sein sollten. Was weiß denn Mrs. Bowitt von Kinderkrankheiten; das dritte, das ihr starb, war kaum sechs Monate alt, und alle drei sind keine acht Tage krank gewesen.«

»,Die blauen Flecke sollen, wie mir einmal ein fremder Doktor versichert hat, ein sehr böses Zeichen sein«, piepste Miß Heifer, »Bruder Georges Mädchen bekam sie ganz plötzlich, und es fehlte nicht viel, so wäre es dieselbe Nacht gestorben. Es lebte aber dann doch noch bis zum nächsten Morgen.«

»Bekommt denn das Kind wirklich blaue Flecke?« klagte Mrs. Atkins in Todesangst, »ist es schon soweit? Muß es denn wirklich sterben?«

»O bewahre«, beruhigte sie Mrs. Hostler, »so gefährlich ist es gar nicht: die blauen Flecke machen nichts. Wenn es nur nicht das Pfeifen beim Husten hätte – mein armes, kleines Mädchen, das im vorigen Monat starb, keuchte ebenso.«

Die Mutter setzte sich in trostlosem Jammer auf das eine Bett und rang die Hände.

»Ladys!« nahm Mrs. Kowles das Wort. Sie hatte bis zu diesem Augenblick schweigend ihre Pfeife geraucht und klopfte jetzt die Asche auf dem Herdstein aus, »ich sehe wirklich nicht ein, weshalb Sie die arme Mutter so ängstigen. – Herr Jesus, der Blitz! Weder blaue Flecke noch Keuchen und Pfeifen sind so sichere...«

Sie mußte aufhören zu reden, denn der rollende Donner übertäubte wohl eine Minute lang selbst das Schreien des Kindes.

»... sichere Anzeichen«, fuhr sie endlich, als es wieder ruhiger geworden war, in ihrer Rede fort, »daß man bei ihnen unbedingt mit dem Tod rechnen muß. Bewahre, ich weiß selbst zwei Fälle, wo beide Kinder mit dem Leben davonkamen, das heißt, das eine wurde blind, und das andere wurde von einem tollen Hund gebissen, daran waren aber die Flecke nicht schuld. Wozu sich ängstigen, wenn noch keine Gefahr da ist?«

»So glauben Sie, daß mein Kind wieder genesen kann?«

»Warum nicht? Es hat genug Medizin genommen, daß damit sechs Kinder gesund werden könnten, und wenn es nicht so gelb in den Augen aussähe...«

»Gelb in den Augen?« fragte die aufs neue gequälte Mutter, indem sie mit dem Licht zu dem Kind stürzte, »und was bedeutet das? Mrs. Fulweal, Sie haben doch Erfahrung; glauben Sie, daß...« sie wagte nicht den Satz zu vollenden, sondern barg ihr Gesicht in den Händen und flüsterte: »Das habe ich verdient... wegen Ellen verdient – verdient durch mein Mitwissen...« Erschrocken fuhr sie empor, ob niemand die verräterischen Worte gehört habe, und sank dann wieder in ihre vorige Stellung zurück.

Da schmetterte jener erwähnte furchtbare Schlag in die Wipfel des rauschenden und zitternden Waldes, und die Frauen fuhren entsetzt zusammen.

Mrs. Atkins war aufgesprungen und horchte aufmerksam nach außen.

»Rief nicht da draußen jemand?« fragte sie erschrocken.

»Gott bewahre«, brummte Mrs. Fulweal, »wer sollte in solchem Wetter draußen sein – ja, was ich sagen wollte – Jesus im Himmel!«

Mit ihr sprangen alle Frauen entsetzt und geängstigt in die Höhe, denn plötzlich flog die Tür auf, und herein stürzte, Todesfurcht und Grauen im Blick, der junge Weston, während er mit von Furcht erstickter Stimme schrie:

»Verbergt mich, oder ich bin verloren!« dann brach er, schon halb bewußtlos, hinter dem Bett, das die eine Ecke des Zimmers fast ausfüllte, zusammen.

»Um Gottes willen, Weston, was ist vorgefallen?« rief in Todesangst Mrs. Atkins. Bevor dieser aber antworten konnte, sprang die dunkle Gestalt des Kanadiers durch die Tür, und mit rauher Stimme rief er: »Hier herein muß er sein – wo ist er?«

»Wo ist wer?« fragte Mrs. Fulweal, die, mit Cotton und Weston vertraut, halb und halb begriff, was geschehen, und also auch am ersten ihre Geistesgegenwart wiedergewonnen hatte. »Wo ist wer? Ist das eine Manier, in fremder Leute Häuser zu kommen, und noch dazu in ein Zimmer, wo Ladys und ein krankes Kind sind? Was steht Ihr da und gafft – der Wind bläst das Licht aus – drüben wohnen die Leute!« und ohne weiter den verdutzten und durch diese trotzige Bewegung überraschten Kanadier weiter zu Wort kommen zu lassen, schob sie ihn von der Tür zurück und warf diese ins Schloß.

»So!« sagte sie, nachdem sie den kleinen eisernen Riegel vorgeschoben hatte, der an dieser Tür – ein wahrer Luxusartikel in Arkansas – angebracht war, »nun wollen wir einmal unsern Gefangenen betrachten.«

Indessen hatten auch die übrigen Frauen, Mrs. Atkins ausgenommen, ihre Besinnung und Sprache wiedererlangt, und ein solches Durcheinanderrufen begann jetzt, daß selbst das kranke Kind erschrocken und ängstlich das Köpfchen hob. Beim Ausbruch der Verwirrung war es wieder in seine Hängematte gelegt worden und hatte einen Augenblick geschwiegen. Dann aber warf es sich wieder auf sein Kissen zurück und hob ein solches Geschrei an, daß es sich Mrs. Fulweal als eine besondere Gnade vom Himmel erbat, dieses unermüdliche Kind einmal zum Schweigen gebracht zu sehen.

»Was ist hier vorgefallen? Wer ist der Mann? Was hat er verbrochen? Sollen wir ihn verbergen, wird noch einmal nach ihm gefragt werden?« Das alles schwirrte in einem wahren Chaos durcheinander, da wurde die Klinke heruntergedrückt, und gleich darauf pochte jemand an die Tür.

»Wer ist noch so spät da draußen, und was wollen Sie?« fragte die Witwe Fulweal, wiederum als Sprecherin für alle anwesenden Frauen, die ihr aber gern dieses Amt überließen; »wissen Sie nicht, daß hier ein krankes Kind liegt?«

»Ladys – Sie werden mir eine Frage erlauben«, sagte Brown, dessen Stimme Mrs. Atkins mit Entsetzen erkannte, »hat sich ein junger Mann in dieses Zimmer geflüchtet?«

Mrs. Fulweal sah, ehe sie antwortete, ihre Mitverschworenen im Kreise an. Bei denen hatte aber auch schon zugunsten Westons das Mitleid gesiegt, und was er auch verbrochen hatte (sie waren übrigens sämtlich fest entschlossen, das herauszubekommen), ausliefern wollten sie ihn nicht. Ein allgemeines Kopfschütteln antwortete dem Blick. Um aber nicht eine direkte Lüge auszusprechen, hielt es Mrs. Fulweal für zweckmäßiger, die Beleidigte und Gekränkte zu spielen, und rief daher mit ihrer etwas scharfen Stimme sehr empört:

»Nun, jetzt wird's mich wundern, was Sie sonst noch hier suchen wollen? Zu Narrenpossen ist doch wahrhaftig mitten in der Nacht und bei einem solchen Wetter keine Zeit. Wir sind im Begriff schlafen zu gehen und wünschen ungestört zu sein – good night, Sir!«

Damit war die Verhandlung abgebrochen, und der Frager schien befriedigt. Er hatte wenigstens jeden weiteren Versuch, etwas zu erfahren, aufgegeben. Mehrere Minuten lang lauschten nun Mrs. Fulweal und die übrigen Frauen klopfenden Herzens an der Tür. Kein Laut ließ sich aber mehr hören – alles war still und ruhig, und auf Zehenspitzen wollte jetzt die Witwe zu dem noch immer regungslos hinter dem Bette kauernden Flüchtling schleichen, als ihre Aufmerksamkeit auf Mrs. Atkins gelenkt wurde: Diese war ohnmächtig geworden.

 

In dem andern Zimmer ging es indessen nicht weniger wild und unruhig her. Kaum hatte Curtis dem Freund die Warnung zugerufen und beide Männer ihre Posten an den zwei Türen des Raumes eingenommen, als sie einen Sprung auf dem Dachboden hörten und auch fast in demselben Augenblick Atkins mit wild blitzenden Augen und fliegenden Haaren hereingestürzt kam. Er war überzeugt, daß die Männer mit zum Komplott gehörten, wußte aber auch, daß er ohne Waffen im Wald rettungslos verloren sei, und die mußte er sich jetzt, und sei es unter Lebensgefahr, verschaffen. Auf die Überraschung daher zählend, riß er mit kräftiger Hand die Tür auf und sprang in das Zimmer.

Hier übersah er schnell genug, daß seine Büchsen in der Gewalt der Feinde seien, das Bett war jedoch nicht besetzt, und mit einem Triumphruf flog er darauf zu, riß die Pistolen hervor und drängte, die gespannte Waffe auf Cook gerichtet, gegen die Tür zurück, die ihm dieser verstellt hatte. Vielleicht wollte er ihn nur zum Weichen bringen; da der Regulator aber ruhig seinen Platz behauptete, drückte er ab. – Doch mit mattem, bleiernem Schlag traf das Schloß den Stahl. Die Waffe war nicht mehr geladen.

Gehetzt blickte Atkins nach der Tür, durch die er hereingestürzt, aber in demselben Augenblick kamen von dort seine Verfolger. Cook und Curtis warfen sich ihm entgegen und fesselten ihn.

»Wo ist der andere?« fragte Brown, die Tür zurückstoßend, »weiß jemand, wo er steckt?«

»Drüben ins Haus sprang er«, erwiderte der Kanadier. »Ich hab' es mit eigenen Augen gesehen – sie wollten ihn aber nicht herausgeben.«

»So will ich selbst versuchen, ob sie auch mir den Eintritt verweigern«, erwiderte der Regulatorenführer und trat an die gegenüberliegende Tür. Wir kennen jedoch den Erfolg, und ohne weiter Zeit und Mühe zu verlieren, traf er augenblicklich Maßregeln, den Flüchtling zu fassen, sobald er versuchen würde, in den Wald zu entfliehen.

»Gentlemen«, wandte er sich an die Freunde, »jener Bursche darf uns nicht entgehen; zu der Bande gehört er auf jeden Fall, und wer weiß, ob er nicht einer der Mörder war oder inwieweit er in die hier vorgefallenen Verbrechen verwickelt ist. Wir müssen also das Haus umstellen – aber leise, daß wir ihn zu der Annahme veranlassen, der Weg sei frei. Hat man den Mulatten gefaßt?«

»Nein«, erwiderte Bowitt, »der Schuft muß mitten durch den Wald geschlüpft sein, sonst hätte er uns nicht entgehen können.«

»Bös – bös!« murmelte Brown, »der wird Lärm machen; das läßt sich aber nicht mehr ändern. Wir haben das Nest jener Schufte, ihren sicheren Schlupfwinkel, aufgestört; von nun an müssen wir uns auf unser Glück verlassen. Also, Gentlemen, auf eure Posten – der Regen hat nachgelassen, und der Wind draußen wird uns bald wieder trocknen. Nehmt den Gefangenen zum Feuer, Cook, er ist ebenfalls naß.«

»Gut«, sagte Cook, mit Curtis' Hilfe dem Befehle Folge leistend, »dann laßt uns zwei Trockne aber Wachdienste tun, und Stevenson mag mit seinem Jungen hier beim Feuer auf den Gefangenen achtgeben. Wir sind den beiden schon so viel Dank schuldig und wollen sie nicht noch krank sehen.«

»Das ist nicht mehr als billig«, erwiderte Brown; »aber wo stecken sie?«

Die beiden Stevensons traten eben durch die Tür und wurden bald mit ihrer neuen, diesmal bequemeren und wenigstens trockeneren Pflicht bekannt gemacht. Die anderen Männer begaben sich dann auf ihre Posten, und Brown, der noch über irgend etwas leise mit dem älteren Stevenson gesprochen hatte, wollte ihnen eben folgen, als er erschrocken von der Tür zurückfuhr, denn dort stand mit nassen herunterhängenden Haaren, wildglühendem Blick und stolzer, finsterer Haltung, der Indianer.

»Assowaum!« rief Brown freudig überrascht, »kommst du endlich? Wir haben indessen für dich gearbeitet.«

»Es ist gut so – aber – weshalb habt Ihr den da gefesselt?« fragte der Indianer leise, mit der Hand, in der er einen Bogen und mehrere Pfeile hielt, auf Atkins deutend.

»Er war der Hehler der Verbündeten; doch du sollst alles erfahren. – Kehrst du erst jetzt zurück?«

»Nein – ich habe einen Gefangenen.«

»Wen? Und wo?«

»Johnson – draußen im Walde.«

»Weißt du, daß er schuldig ist?«

»Er ahnte einen Panther auf seiner Fährte und fürchtete dessen Fänge. Kennst du diese Waffen? Die Pfeile sind vergiftet. Mit ihnen schlich er zum Lager Assowaums und wollte ihn töten.«

»Die Pest über ihn! – Du hast ihn doch gebunden?«

»Ja.«

»Und er kann nicht entfliehen?«

Assowaum lächelte und flüsterte:

»Wen Assowaum bindet, der rührt sich nicht.«

»Wo aber warst du so lange? Es gab hier Leute, die behaupteten, du seiest geflohen!«

»Du warst nicht unter denen«, erwiderte der Indianer. »Aber glaubt mein Bruder, daß ich in dieser Zeit müßig gewesen? Ich kenne die Mörder Heathcotts

»Du kennst sie? – Wer, wer war es? Sprich!« rief Brown in wilder Freude.

»Johnson und – Rowson!« sagte leise der Indianer.

»Rowson – allmächtiger Gott – das ist nicht möglich!« schrie Brown entsetzt, »das – das wäre entsetzlich – Rowson ein – Mörder.«

»Johnson und Rowson«, wiederholte Assowaum ebenso leise, aber ebenso bestimmt. »Der blasse Mann hatte ebenfalls teil an dem Pferdediebstahl.«

»Mensch, bist du dessen gewiß?« stöhnte Brown, noch immer nicht imstande, den schrecklichen Gedanken zu fassen, Marion in den Händen eines Verräters zu wissen, »hast du wirklich Beweise für diese entsetzliche Anklage?«

»Der blasse Mann war bei dem Pferdediebstahl, ich weiß es, und neben dem Blut des weißen Mannes stand sein Fuß.«

»Gerechter Gott – Assowaum – weißt du, wen du beschuldigst?«

»Den Prediger«, sagte der Indianer finster. »Vielleicht zertrat er auch die Blume der Prärien; doch umkreiste Assowaum bis jetzt umsonst das Lager. Aber Rowson erschlug den weißen Mann; seit vier Tagen weiß ich es.«

»Und weshalb schwiegst du?«

»Wenn die weißen Männer den Verbrecher des einen Mordes für schuldig fanden«, lächelte Assowaum mit wildem, fast geisterhaftem Blick, »dann kehrten sie sich nicht an den andern – sie hingen ihn, und Assowaum hätte seine eigene Rache in den Händen anderer gesehen. Assowaum aber ist ein Mann – er will sich selbst rächen!«

»Wo hast du deinen Gefangenen?«

»Draußen im Wald; er glaubte einen Häuptling schlafend zu finden. Hat mein Bruder schon einen Panther gesehen, der die Augen schloß?«

»So wollen wir ihn – was ist das? Schon zum drittenmal tönte der Eulenruf von da herüber« und immer in einer andern Richtung – sollte das ein Zeichen sein?«

Der Indianer horchte – wiederum klang der monotone Ruf des scheuen Nachtvogels zu ihnen herüber – dreimal – in abgemessenen Pausen, und dreimal, in demselben Zeitmaß, antwortete ihm der rote Sohn der Wälder. Aber drüben im Dickicht verstummte von jetzt an der Ruf und wurde nicht weiter gehört.

»Es war eine Eule«, meinte Brown, noch hinaushorchend in die stille Nacht.

»Vielleicht«, erwiderte sinnend der Indianer, »vielleicht auch nicht. Der Mann da wird das Zeichen wohl kennen.«

Atkins, dem diese Bemerkung galt, hatte ängstlich verstohlene Blicke nach der Tür geworfen und war, als Assowaum dem Ruf antwortete, wie erschrocken emporgefahren. Jetzt aber, als alles schwieg und der falsche Lockton nicht weiter beantwortet wurde, durchzuckte ein trotzig höhnisches Lächeln seine Züge, und ohne weiter ein Zeichen von Teilnahme zu verraten, kauerte er wieder an der wärmenden Glut nieder. Er beantwortete aber auch keine einzige der von Brown an ihn gerichteten Fragen und wandte diesem sowohl als dem Mann, der ihn zuerst verraten und jetzt sein Wächter war, in zorniger Verachtung den Rücken.

Der Indianer hatte indessen in Begleitung mehrerer Regulatoren die Hütte wieder verlassen, und tiefes Schweigen herrschte wohl eine halbe Stunde lang, als auf einmal ein wilder Angstschrei von dem hinteren Teil der Fenz zu hören war. Gleich darauf brachten Wilson und Bowitt den gefangenen Weston, der in die Falle gegangen und zu flüchten versucht hatte, herein.

Nicht viel später erschien auch Assowaum mit zwei der Regulatoren, die den bleichen und scheu die Augen niederschlagenden Johnson in die Stube stießen, wo er sich plötzlich seinem grimmigsten Feind, Husfield, gegenübersah.

»Also doch?« fragte dieser, ihn erstaunt von Kopf bis Füßen betrachtend, »doch mit bei der Bande, und wie es scheint in gar verzweifelter Situation? Wer hat den Menschen gefangen?«

»Der Indianer«, erklärte Cook, auf ihn deutend.

»Ha, Assowaum!« rief Husfield, diesen erst jetzt erkennend, »das ist brav, daß du wieder da bist und noch dazu solche Beweise deines guten Willens mitgebracht hast. Verdamm' mich, Assowaum, wenn ich weiß, was ich dir dafür Liebes und Gutes erweisen sollte. Da, da hast du meine silberbeschlagene Büchse – ich weiß, die deinige taugt nichts mehr, sie versagt immer, und du hast dir schon lange ein gutes Gewehr gewünscht. Nimm sie, und möge sie dir so gute Dienste leisten, wie sie mir geleistet hat. Und du, Geselle«, wandte er sich dann an den zitternden Verbrecher, »du sollst diesmal deiner Strafe nicht entgehen. Als wir uns zum letztenmal sahen, warst du verdammt trotzig; jetzt möchte sich das Blatt gewendet haben. Seht nur, wie der Schuft zittert und bebt; die Beine können ihn kaum noch tragen.«

»Gift und Tod über Euch!« fluchte der Gefesselte, sich jetzt trotzig aufraffend. »Ihr könnt mich hier fesseln und – lynchen – zum Teufel, aber Ihr braucht mich nicht zu verhöhnen. Hunde ihr, – die ihr alle über einen herfallt.«

Husfield wollte auffahren, Brown wehrte ihm aber und sagte:

»Laßt ihn reden. Er mag prahlen und schimpfen; daß wir aber ein Recht haben, ihn gefangenzuhalten, dafür ist uns der Indianer Bürge, den er heimlich hat überfallen und morden wollen. Das ist die erste Anklage; das übrige kommt nach. Sobald wir seine Genossen haben, wird das Gericht, unser Gericht nämlich, das Weitere bestimmen. Jetzt gilt es vor allen Dingen, die zweite Höhle dieser Halunken aufzufinden. Wer kennt den Weg?«

»Ich!« sagte Assowaum; »aber glaubt mein Bruder, daß der Bär in sein Lager zurückkehrt, wenn er die Fährten des Jägers am Eingang wittert? Das Eulenzeichen galt den hier Wohnenden; wir wußten es nicht zu beantworten, und jene Schufte wurden gewarnt, die Höhle ist leer.«

»Du magst in der Tat recht haben, Assowaum«, erwiderte Brown, »den Versuch müssen wir aber machen, und von dort an sei unsere nächste Aufgabe, den – den zweiten zu finden, den du für schuldig hältst. Noch ist es, dem Himmel sei Dank, Zeit, aber ich kann mir das Entsetzliche nicht vorstellen.«

»Wer ist denn der andere Mann, von dem der Indianer sprach?« fragte Stevenson jetzt.

»Sie sollen ihn morgen kennenlernen«, entgegnete, finster vor sich niederstarrend, der junge Regulatorenführer, »aber – nicht wahr, Mr. Stevenson«, fuhr er dann, wie aus einem Traum aufschreckend, fort, »nicht wahr, Sie bleiben jetzt bei uns, bis wir die Sache zu Ende gebracht haben? Sie müssen doch sehen, wie wir hier in Arkansas Recht und Gerechtigkeit üben.«

»Ich bleibe hier – versteht sich«, beteuerte der alte Farmer, mit kräftigem Druck den dargebotenen Handschlag erwidernd.

»Dann werden aber Ihre Frauen auch mein Haus wenigstens so lange als das ihrige betrachten«, sagte Heinze, dem Alten ebenfalls die Hand reichend. »Wie mir Cook erzählt hat, lagern sie kaum eine Viertelmeile von meinem Haus entfernt, und da ich doch morgen früh einmal hinauf muß, will ich sie selbst herüberholen. Wann ist unser Gericht?«

»Am Montagmorgen.«

»Und wo?«

»Diesmal im freien Wald, dort, wo unterhalb Wiswills Mühle der steile Fels in den Fluß hineinragt. Oben auf dem Gipfel ist ein offener Platz, und dorthin wollen wir die bisher gefangenen Verbrecher bringen.«

»Wen sucht ihr denn noch?« fragte Husfield.

»Cotton und – Rowson!«

»Rowson? Den Prediger? Den Methodisten?« riefen alle erstaunt und überrascht durcheinander.

»Ja, den Prediger«, erwiderte Brown leise.

»Und wer ist sein Ankläger?« fragte Mullins bestürzt.

»Assowaum!« antwortete der Regulatorenführer, auf den Indianer deutend, dessen dunkle Gestalt ruhig am Kamin lehnte.

»Er hat Blut an seiner Hand«, sagte er endlich leise nach kurzer Pause, »er hat Blut auf seiner Fährte, und die Wasser des Petite-Jeanne, die Wasser des Fourche la fave konnten es nicht verwischen.«

»Und morgen will er des alten Roberts' Tochter als sein Weib heimführen«, rief Cook erstaunt, »es ist nicht möglich, der Indianer muß sich irren!«

»Der fromme Rowson«, stöhnte Mullins, noch halb ungläubig, in stummem Entsetzen.

»Hier nützt kein Reden«, sagte Brown entschlossen, »hier muß gehandelt werden. Ist es ein bloßer Verdacht, der auf dem Prediger ruht, so verlangt es sein eigener guter Ruf, daß er so schnell wie möglich beseitigt werde, denn auf seinem Stand darf kein Makel haften. Jetzt aber gilt's vor allen Dingen, die Verbrecher einzufangen, die hier in der Nähe und also auch wahrscheinlich schon gewarnt sind. Assowaum mag uns zu Johnsons Hütte führen, und von dort brechen wir gemeinsam nach Roberts' Haus auf, das wir noch früh am Morgen erreichen müssen.«

»Das muß ein Irrtum sein«, sagte Mullins, »der Indianer ist ja auch nur ein Mensch, und...

»Wochenlang hat Assowaum den Fährten nachgespürt und sie gemessen und verglichen«, erwiderte finster der Indianer. »So wahr jener Sturm die alten Bäume schüttelt – der blasse Mann ist ein Verräter.«

»Was nützen die Worte!« erwiderte Brown, »er ist beschuldigt und...«

»Aber von wem?« unterbrach ihn ärgerlich Mullins, »der Indianer, der ihm nie grün war, weil er Alapaha zum Christentum bekehrte, klagt ihn an. Sollen wir auf dessen Wort hin einen frommen, gottesfürchtigen Mann ergreifen und auf den Tod beleidigen? Das geht auf keinen Fall. Bringt erst Beweise, eher gebe ich meine Zustimmung zu solch rascher Tat nicht.«

»Stellt ihn mir gegenüber«, sagte der Indianer, indem er sich stolz aufrichtete, »stellt ihn mir gegenüber, und wenn sein Auge an dem meinigen haften kann – dann hängt mich. Sind die Männer zufrieden?«

»Ja!' sagte Husfield ernst. »Ich sehe nicht ein, warum wir auf das Zeugnis eines weißen Mannes mehr geben sollten als auf das eines roten. Ich selbst habe den Prediger nie leiden können und würde mich gar nicht wundern, wenn ein Wolf unter dem Lammfell steckte. Er ist so gut wie jeder andere nur ein Mensch, und daß er predigt, erwirbt ihm, in meinen Augen wenigstens, kein besonderes Verdienst. Reinigt er sich vor Gericht von der Beschuldigung, desto besser für ihn. Ich fürchte aber fast, der Indianer hat zu sichere Beweise, denn sein Auftreten ist nicht gerade wie das eines Mannes, der auf bloßen Verdacht hin handelt. Führt uns an, Brown, jeder Augenblick, den wir noch versäumen, ist nie wieder einzubringen. Führt uns an, und so möge Verdammnis und Strafe den Schuldigen treffen, wie wir jetzt unser gutes Recht sichern und bewahren wollen.«

»Und was soll mit diesen Gefangenen geschehen?« fragte Cook, auf Atkins, Weston und Johnson deutend.

»Am besten ist's, wir schaffen sie heute nacht noch fort«, erklärte Brown, »das ganze Haus ist voller Frauen, Mrs. Atkins hat also Hilfe und Unterstützung. Wohin aber mit ihnen?«

»Zu mir«, sagte Wilson, »Curneales wird sich, davon bin ich überzeugt, nicht weigern, die Regulatoren mit ihren Gefangenen aufzunehmen, und wir brauchen dann nur für sichere Wache zu sorgen.«

»Die will ich halten!« rief Curtis, »ich werde wohl noch Kameraden dazu finden, und daß die Verbrecher nicht fliehen sollen, dafür bürgt meine Büchse. Aber dann brecht auch auf – es kann nicht mehr so weit bis zum Morgen sein, und ist Cotton wirklich gewarnt, so möcht' es eine schwierige Aufgabe werden, ihn einzufangen. Der ist mit allen Hunden gehetzt. Jetzt also vor allen Dingen eine Abteilung mit den Gefangenen fort und die andere auf die Suche.«

Schnell und geräuschlos wurden nun die hierzu nötigen Schritte getan, um die Frauen nicht unnützerweise noch mehr zu beunruhigen. Die drei Gefangenen sahen sich in der nächsten Viertelstunde, von sechs schwerbewaffneten Männer geleitet, auf dem Weg nach ihrem einstweiligen Gefängnis. Pelter und Hostler blieben als Wachen in Atkins' Haus zurück, und die übrigen, von Assowaum geführt, brachen nach der einsamen Hütte der Verbrecher auf, um dort noch womöglich den schon so lange Gesuchten zu erfassen oder doch neue Beweise der Schuld aller bis jetzt Gefangenen zu erhalten.

Mitternacht lagerte über den Wäldern. Noch rauschten und brausten die mächtigen Wipfel und schüttelten sich die kalten Schauer aus den grünen Zweigen; noch zuckten am fernen östlichen Horizont matte Blitze, und leise grollte und murmelte der ferne Donner hinterher. Da huschte schnell und vorsichtig eine dunkle Gestalt über die Fenz, welche Johnsons niedere Hütte umschloß. Es war Cotton – er glitt durch die offene Tür in das Innere der Hütte, raffte dort, was er an Waffen und Kleidern besaß, zusammen, barg mehrere andere Sachen, die er dem Auge der Feinde wahrscheinlich zu entziehen wünschte, in einen hohlen Baum unfern der Hütte, schleppte dann das im Kamin durch ihn schnell wieder angefachte Feuer in eine Ecke der Stube unter das Bett, warf einen flüchtigen, abschiednehmenden Blick auf den Raum, der ihm so lange Schutz gegen seine Verfolger gewährt hatte, und verschwand dann, schnell und geräuschlos, wie er gekommen, im dichten, undurchdringlichen Schatten des Waldes.

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