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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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28. Der Indianer auf Johnsons Fährten

»Wo nur Weston bleibt«, sagte Cotton, in der kleinen Hütte, die ihm nun schon seit einigen Tagen als Schlupfwinkel gedient hatte, ungeduldig auf und ab gehend, »er hat mir heute morgen versprochen, gleich Nachricht zu bringen, und jetzt müssen die Regulatoren doch wahrhaftig schon wieder auseinandergegangen sein. Eine ganze Woche werden sie nicht oben sitzen bleiben. Gift und Klapperschlangen – mir wird es hier unbehaglich bei dem Gedanken, aufgegriffen und gelyncht zu werden. Ich werde doch wohl der hiesigen Gegend ade sagen müssen. Ein Leben, auf solche Art geführt, soll der Henker holen!«

»Zum Flüchten haben wir immer noch Zeit«, erwiderte ihm gähnend Johnson, der auf der einzigen im Haus vorhandenen Bettstelle ausgestreckt lag. »Ich möchte noch gar zu gern die neue Sendung mitnehmen, von der Jones erzählt hat und die in der nächsten Woche folgen soll. Höllenelement – siebzehn Pferde! Nachher ist's auch der Mühe wert, Fersengeld zu geben.«

»Ich sehe nur noch nicht, wie wir die alle glücklich fortbringen sollen«, brummte Cotton. »Außerdem werden die übrigen Pferde, die Weston besorgt, mit jenen zu gleicher Zeit eintreffen. Wenn die Besitzer denen allen nicht auf den Spuren bleiben können, müssen sie blind sein.«

»Wir reiten doch nicht durch den Wald«, erwiderte Johnson. »Weston hat schon mit einem Dampfbootkapitän vereinbart, daß er die Pferde in Fort Gibson an Bord nimmt.«

»Nun, dann kommt man ja erst recht auf ihre Spur«, rief Cotton erstaunt. »Wenn sie den Indianern fortgenommen und gleich an Bord geschafft werden, kann ihnen ja ein Kind folgen.«

»Und was liegt daran?« Johnson lachte; »dem Dampfboot können sie nicht nachrennen, und in Little Rock schiffen wir die Tiere wieder aus. Sollten sie wirklich in einem anderen Boot nachsetzen wollen, vorausgesetzt, daß noch ein anderes daläge, so müßten sie in Little Rock unfehlbar die Spur verlieren. Wie dem aber auch sei, auf jeden Fall behalten wir Zeit, den Mississippisumpf und von da die Insel zu erreichen, und der Fourche la fave sieht mich nachher nicht wieder.«

»Wird es sehr bedauern«, erwiderte Cotton; »doch wahrhaftig, dort kommt Weston! Nun, Zeit ist's – die Sonne geht eben unter.«

Während Cotton noch sprach, sprang Weston über die niedere Fenz und erschien im nächsten Augenblick in der schmalen Tür der Hütte.

»Alle Teufel!« rief Johnson, erschrocken von seinem Lager aufspringend, als er das leichenblasse Gesicht des jungen Mannes erblickte, »Unglücksbote, was bringst du? Sind die Regulatoren...«

»Nein – nein«, flüsterte Weston, mit dem Kopf schüttelnd, »von denen haben wir noch nichts zu befürchten.«

»Nun, was habt Ihr denn«, sagte Cotton ärgerlich, »Ihr seht ja aus wie verdorbene Buttermilch. Heraus mit der Sprache – was ist's?«

»Der Indianer ist da«, keuchte jener, sich erschöpft auf den einzigen Stuhl niederwerfend, der im Zimmer stand.

»Nun, wenn's weiter nichts ist«, höhnte Johnson und nahm seine frühere Stellung auf dem Bett wieder ein, »da hättet Ihr uns den Schreck ersparen können. Kommt da hereingestürzt, als ob Euch ein halbes Dutzend von den Regulatorenschuften auf den Fersen wäre. Wie ist die Versammlung abgelaufen? Wo ist Jones?«

»An den Petite-Jeanne mit Husfield – morgen ist dort ebenfalls Versammlung – Cook und Curtis sind bei Atkins – über uns ist noch nichts beschlossen. Das ist alles gut und in Ordnung – Ihr aber, Johnson, solltet den Indianer nicht so leichtnehmen, er ist auf Eurer Fährte.«

»Auf meiner Fährte?« rief Johnson, nun doch etwas bestürzt. »Wie soll er auf meine Fährte kommen? Husfield war mir doch mit der ganzen Bande gefolgt und hat trotzdem unverrichtetersache abziehen müssen.«

»Seid Ihr heute nachmittag den Pfad entlanggegangen, der von hier zu Atkins' Haus führt?« fragte Weston.

»Ja – vor etwa einer halben Stunde, weshalb?«

»Wie ich vor einer halben Stunde auf ebendiesem Pfad herangelaufen komme«, erzählte Weston, »gerade dort, wo der junge Hickorybaum über den Weg gestürzt ist, und um den Wipfel desselben herumbiegen wollte, sah ich, daß sich auf dem Pfad selbst etwas bewegte. Im ersten Augenblick glaubte ich, es wäre ein Bär, der sich hierher verlaufen hätte, erkannte aber gleich darauf zu meiner nicht gerade freudigen Überraschung den Indianer, der gebückt und die Augen fest auf den Boden geheftet gerade auf mich zu kam. Eine Begegnung schien unvermeidlich, und schon wollte ich hinter dem Strauch hervortreten und ihn anreden, als er plötzlich, kaum fünfzehn Schritt von mir entfernt, an eine kleine feuchte Stelle kam und dort halten blieb. Anfangs begriff ich nicht, was er eigentlich wollte, bald aber fand ich, daß er eine der dort abgedrückten Fährten genau untersuchte. Er nahm seinen Tomahawk aus dem Gürtel und verglich diese Spur mit einer, die er an diesem angezeigt zu haben schien, richtete sich dann auf einmal hoch, schwang, mir den Rücken zugewendet, die Waffe mit drohender Gebärde nach der Richtung des Hauses hin und verließ jetzt den Pfad, von wo aus er nach rechts, gerade über den ersten niederen Hügel hinweg, in den Wald hineinschritt.«

»Und die Spur...?« fragte Johnson hastig.

»... war die Eure«, erwiderte Weston. »Sobald der verdammte Indianer hinter der Anhöhe verschwunden war, sprang ich schnell aus meinem Versteck hervor und sah nach der Fährte. Es war richtig Eurer rechter Schuh, schön und sauber in dem weichen Schlamm abgedrückt.«

»Seid Ihr denn dem Indianer nicht nachgegangen?« fragte Cotton, während Johnson in tiefem Sinnen im Zimmer auf und ab schritt, mit dem Fuß aufstampfte und grimmig mit den Zähnen knirschte.

»Gewiß bin ich das!« erwiderte Weston, und Johnson fragte, sich rasch nach ihm umdrehend:

»Wohin ging er?«

»Erst traut' ich dem Frieden nicht so recht, denn ich hätte mich, aufrichtig gestanden, nicht gern von der Rothaut auf ihren eigenen Fährten erwischen lassen. Bis auf den Hügel zu steigen konnte ich mir aber nicht versagen, da ich weiß, daß man von dort aus die ganze Schlucht, bis unten zu dem Greenbriardickicht, hinabsehen kann. Ich schlich also so vorsichtig wie möglich bis auf den Gipfel, denn wie leicht konnte das rote Skalpiermesser irgendwo dort oben geblieben sein! Da war er aber nicht, und schon wollte ich mich zurückziehen, weil ich glaubte, er hätte sich vielleicht durch eine der Seitenschluchten wieder dem Fourche la fave zugewandt oder sei durch das Kieferndickicht dem oberen Gebirgsrücken zu gestiegen. Die Dämmerung war indessen angebrochen; da war es mir plötzlich, als ob ich tief unten in der Schlucht einen Feuerschein sähe. Gleich darauf war alles wieder finster, doch nach einer kleinen Weile sah ich den Schein aufs neue, und es blieb mir jetzt kein Zweifel mehr, daß es der Indianer sei, der dort unten sein Feuer anzündete, um wahrscheinlich die Nacht da zu lagern.«

»Und wo ist die Stelle?« fragte Johnson rasch.

»Kennt Ihr den Platz gleich diesseits des Greenbriardickichts, da, wo die vielen Kiefern bei dem letzten Hurrikan den Berg hinuntergestürzt sind?«

»Etwa in der Gegend, wo wir die wilde Katze aus der kleinen Ulme herausgeschossen?«

»Gerade da«, rief Weston schnell, »soviel ich erkennen konnte, muß er ganz genau an jener Stelle lagern.«

»Dann wird er sich keinen andern Platz gewählt haben als unter dem etwas vorspringenden Felsen, wo er vor Tau wie vor Gewitterschauern hinlänglich, geschützt ist«, knurrte Johnson und ergriff seine Büchse.

»Was wollt Ihr tun?« fragte Cotton bestürzt.

»Dem verdammten Spion die Witterung legen«, knirschte der andere.

»Unsinn, Johnson«, rief Cotton ärgerlich. »Ihr werdet uns noch die ganze Nachbarschaft auf den Hals hetzen. Was, zum Teufel, schert es Euch denn, ob der Indianer die Länge von Euren Sohlen weiß oder nicht. Solange unsereiner den Schuh im Schlamm abdrückt, hat es keine Not, und er kann sich ruhig nachspüren lassen. Mit Hufeisen ist's etwas anderes!«

»Das versteht Ihr nicht«, entgegnete Johnson finster, »es ist nicht das erste Maß, was der Hund von meinem Fuß nimmt. Ich weiß von sicheren Leuten, daß das auch schon bei anderen Gelegenheiten geschehen ist. Jetzt unterliegt es keinem Zweifel mehr, er ist auf der rechten Fährte und – das schlimmste bei der Sache – er weiß es. Darum muß er sterben.«

»Verdammt will ich sein, wenn ich Euch verstehe«, brummte Cotton, die Scheite im Kamin mit dem, Fuß zusammenstoßend. »Ist die Sache übrigens nicht sehr dringend, so würde ich Euch raten, es noch solange aufzuschieben, bis...«

»... mich die Regulatoren am Kragen haben und an die nächste Eiche hängen? Nicht wahr, Ihr Neunmalkluger? Nein, für mich gibt es keine Sicherheit, solange die Rothaut lebt!«

»Ich möchte wissen, was Ihr mit dem Indianer habt?« wandte Cotton, noch immer unwirsch, ein. »Als die – die – Geschichte da – mit der Squaw vorfiel, waret Ihr doch schon wer weiß wie viele Meilen entfernt, auf Euch kann also weniger als auf irgendeinen anderen Menschen in ganz Arkansas Verdacht fallen. Und was die Pferde...«

»Ich sage Euch aber«, unterbrach ihn Johnson, jetzt zum Äußersten getrieben, »Pferde haben hierbei gar nichts zu tun, und – doch was hilft es mir, Euch den Brei noch einmal vorzukneten.«

»Ah – so«, sagte Cotton, überrascht stehenbleibend, als ob ein neuer Gedanke in ihm aufdämmere, »weht der Wind aus der Richtung? Also bei dem Geschäft...«

»O geht zum Teufel mit Euren Vermutungen«, brummte Johnson. »Wenn's nur erst richtig dunkel wäre, der Boden brennt mir hier unter den Füßen.«

»Ja, ja«, fuhr Cotton, ohne die Worte seines Kumpans zu beachten, sinnend fort, »steht die Sache so, dann möchte ich freilich selber zu einem freundlichen Ausweg raten. Aber warum habt Ihr mir denn nie ein Wort davon gesagt, ich hätt' Euch doch wahrlich nicht verraten.«

»Von was redet Ihr denn eigentlich?« fragte Weston jetzt ganz erstaunt. »Ich werde ja aus Eurem Gerede gar nicht klug. Was soll denn die ewige Geheimniskrämerei?«

»Ja, jetzt wär's Zeit, Geschichten zu erzählen«, brummte Johnson; »nein, ich breche auf, ich halt' es hier nicht länger aus.«

»Johnson«, sagte da Cotton, »die Büchse scheint mir nicht geeignet zu sein. Der Knall – mitten in der Nacht, man hört es zu weit, und wozu der unnütze Lärm! Ich habe die Pfeile zurechtgemacht, von denen wir neulich sprachen. Könnt Ihr mit dem Bogen umgehen?«

»Wie ein Indianer«, erwiderte Johnson, »ich habe ja sieben Jahre unter Indianern gelebt; aber zum Teufel auch, ich weiß nicht, ein Bogen kommt mir immer verdammt unsicher vor; da lob' ich mir die Kugel.«

»Gut, probiert wenigstens einmal die Pfeile«, sagte Cotton, während er die niedere Leiter zu dem oberen Raum hinaufstieg und gleich darauf mit einem aus zähem Hickoryholz verfertigten Bogen und vier Pfeilen zurückkehrte.

»So«, sagte er, »jetzt schießt einmal, halt, da ist eine Kartoffel, die will ich hier in die Asche legen; nun tretet zurück, dort in die Ecke – trefft einmal die Kartoffel.«

Johnson wog den Bogen einen Augenblick lächelnd in der Hand, legte dann den Pfeil auf, zielte wenige Sekunden, und gleich darauf zitterte der hölzerne Schaft, der das Ziel genau durchbohrt hatte, in der weichen Erde des Herdes.

»Vortrefflich«, triumphierte Cotton, »ein Meisterschuß; trefft den roten Halunken auf diese Art, und Ihr seid ihn los.«

»Es bleibt aber immer ein unsicheres Schießen«, sagte Johnson, noch halb unschlüssig, doch durch den guten Schuß auch wieder gereizt.

»Unsicher? Das Gift an der rauhgefeilten Spitze hier tötet in fünf Minuten«, flüsterte der Jäger. »Trefft Ihr den Indianer damit nur in den Arm, nur in einen Finger, so könnte er dieses Haus nicht mehr erreichen, und wenn er in gerader Richtung so schnell liefe, wie ihn seine Beine trügen.«

»Das Gift tötet unfehlbar?«

»So wahr ich hoffe, den Fängen der schurkischen Regulatoren zu entgehen!«

»Oh, laßt den armen Indianer leben«, bat Weston, »warum dessen Blut vergießen? Es ist ja wahrhaftig schon genug geflossen. Mir wird es ordentlich unheimlich bei euch; ihr redet über ein Menschenleben, als ob es ein Hirsch oder ein Bär wäre.«

»Jetzt fängt der an, dummes Zeug zu schwatzen«, sagte Johnson ärgerlich, indem er die Pfeile immer noch unschlüssig in der Hand hielt. »Kümmert Euch doch um Eure eigenen Geschichten, laßt uns zufrieden. Der Indianer stirbt!«

»Dann will ich wenigstens nichts weiter damit zu tun haben«, rief Weston entschlossen, »sein Blut komme über euch, morgen kehre ich nach Missouri zurück. Ich hatte mich mit euch zum Pferdehandel verbunden, hier aber ist nichts als Blut und immer wieder Blut. Mir graut's – gute Nacht!«

Er stand auf und wollte das Zimmer verlassen.

»Halt«, rief Johnson, halb bestürzt, halb drohend vor die Tür springend, während er die vergifteten Pfeile, unabsichtlich, wie es schien, dem jungen Mann entgegenhielt. »Ihr wollt uns verraten!«

»Hilfe!« schrie Weston, entsetzt vor der gefährlichen Waffe zurückspringend, »Mord!«

»Pest und Tod«, rief Cotton ärgerlich, indem er den immer noch mißtrauischen Johnson von der Tür zurückschob und sich zwischen ihn und den jungen Mann stellte, »laßt doch, zum Teufel, die Posse.«

»Ich dachte gar nicht an die vergifteten Pfeile«, sagte Johnson, »weshalb aber will Weston fort?«

»Weil ich bei Atkins vermißt werde und auch nicht Zeuge eines neuen Mordes sein will. Zu glauben, daß ich Euch verraten wollte, ist nicht allein schlecht, sondern auch unsinnig. Ich stecke zu tief mit in der Schuld, um leicht auf Vergebung hoffen zu können, bände mich nicht überdies mein Schwur.«

»Ihr gedenkt des Schwures noch?« fragte mahnend Johnson.

»Ja«, hauchte zusammenschauernd Weston. »Ihr habt von mir nichts zu befürchten; ein andermal geht aber vorsichtiger mit solchen Waffen um und – laßt ihn leben, Johnson, laßt ihn leben«, bat er dringend, den Arm des finsteren Mannes ergreifend. »Es kann ja doch vielleicht ohne sein Blut noch Sicherheit für uns geben. Bedenkt, daß der arme Teufel schon Weib...«

»Verdammt will ich sein, wenn ich das Geschwätz noch länger mit anhöre«, rief Johnson, ärgerlich den jungen Mann von sich schüttelnd. »Geht – fort mit Euch – Ihr könnt uns hier doch nichts nützen; doch, Weston, gedenket des Schwurs und glaubt nicht, wenn Euch auch selbst Gott verziehe, meiner Rache zu entgehen.«

»Spart Eure Drohungen«, sagte Weston ernst, »ich bin kein Verräter, will mit Euch aber auch fortan keine Gemeinschaft mehr haben. Ich kehre morgen früh nach Missouri zurück – zu solchem Handwerk tauge ich nicht.«

»Oder Ihr seid noch zu neu«, meinte Cotton spöttisch. »Nun Glück zu, Weston, wenn's wirklich Euer Ernst ist, und hab' ich Glück, so komm' ich in ein paar Jahren einmal hinauf nach Missouri.«

»Lebt wohl, Johnson«, sagte Weston, dem Angeredeten die Hand entgegenhaltend, »kein Groll wenigstens beim Scheiden.«

»Lebt wohl«, erwiderte dieser mürrisch und halb abgewendet.

Der junge Mann verließ das Haus, überstieg die Fenz und war im nächsten Augenblick durch die dichten, das kleine Haus umgebenden Büsche den Augen der beiden Männer entrückt.

»Wir hätten ihn doch nicht sollen ziehen lassen«, sagte Johnson, jetzt unruhig im Zimmer auf und ab gehend, »ich traue dem Burschen nicht.«

»Er ist treu«, behauptete Cotton, »ich kenne ihn – der verrät niemanden. Da gibt es andere Menschen, denen ich nicht traue.«

»Ihr meint Rowson?« fragte Johnson, vor ihm stehenbleibend.

»Ja!«

»Der sitzt zu tief drin – wenn alle so sicher wären!«

»Ja, jetzt – laßt ihn aber einmal in die Patsche kommen, laßt ihn den Strick an der einen und die Hoffnung auf Rettung an der anderen Seite sehen, dann paßt auf, was er tut. Oder dann paßt lieber nicht auf, denn in diesem Falle möchte ich mich eher auf meine Beine als auf seine Treue verlassen. Ich traue ihm nicht.«

»Es wird dunkel«, sagte Johnson, »ich will gehen, aber, ich weiß nicht – die Büchse wäre mir lieber.«

»Ihr seid ein Tor«, rief Cotton, »Ihr schießt, zum Henker, ebenso sicher mit dem Pfeil wie mit der Kugel, und das eine kann Euch vor Entdeckung sichern, das andere muß Euch verraten. Wenn man den Leichnam findet...«

»... bin ich längst fort«, unterbrach ihn Johnson lachend, »glaubt Ihr, ich lasse bei dieser Regulatorenwirtschaft meinen Hals in der Schlinge?«

»Aber die neuen Pferde?«

»Mögt Ihr allein besorgen, morgen schon breche ich nach der Insel auf. In dieser Nacht kann ich meine wenigen Habseligkeiten in Ordnung bringen, und mit Tagesgrauen hol' ich mir eins von Roberts' Pferden, die zwischen dieser Hütte und seinem Haus weiden. Ehe man den Indianer gefunden hat, bin ich über alle Berge.«

»Aber Rowson.«

»Mag nachkommen, wenn er Gefahr sieht, er weiß, wohin ich gehe. Wollt Ihr mit?«

»Ich habe Atkins versprochen, die nächste Sendung befördern zu helfen, und mein Wort will ich halten, muß ich halten, denn mit meiner Kasse sieht's erbärmlich aus. Die letzte Hetze hat verdammt wenig eingebracht. Bin ich damit im reinen, so kann es sein, daß ich Atkins nach Texas begleite. – Also Ihr wollt doch die Büchse nehmen?«

»Büchse und Pfeile«, sagte Johnson. »Erst versuche ich das Gift, und bin ich mit meinem Schuß nicht so recht zufrieden, dann mag das Blei nachhelfen.«

»Glaubt Ihr denn unbemerkt an ihn heranschleichen zu können?«

»Wenn er da lagert, wo ich vermute, ja«, erwiderte Johnson, die schweren Schuhe mit leichten Mokassins vertauschend. »Auf jenem Felsen liegt nicht einmal trockenes Laub, was mich durch sein Rascheln verraten könnte.«

»Nun, wenn's doch einmal sein muß, dann trefft ihn wenigstens sicher«, warnte Cotton.

»Nur keine Angst, bin ich ihm erst einmal in Schußnähe, dann ist er mein. Übrigens liegt jene Stelle abgelegen genug, und er müßte laut schreien, wenn er dadurch jemand herbeilocken wollte. Wo bleibt Ihr indessen?«

»Hier – ich will inzwischen einen guten Stew brauen, daß Ihr bei der Rückkehr etwas Warmes findet. Also Heathcott...«

»Oh, schweigt mit der alten Geschichte und braut Euer Getränk, das ist nützlicher.«

»Laßt nicht zu lange auf Euch warten«, rief ihm der Jäger noch nach.

»Daß ich mich nicht erst zu ihm setzen werde, könnt Ihr Euch denken«, murmelte jener mürrisch, warf die Tür hinter sich zu und glitt gleich darauf mit leisem, aber schnellem Schritt durch die dunkle Waldung dem nächsten Bergkamm zu, von welchem aus Weston das Feuer des Indianers bemerkt haben wollte.

Die Nacht war rabenschwarz, kein Stern leuchtete an dem mit finsteren Wetterwolken überzogenen Himmel, und das dumpfe Rauschen der mächtigen Wipfel kündete schon den nahenden Sturm. Weit oben auf dem Gebirgsrücken, der die Wasser des Fourche la fave und der Mamelle voneinander scheidet, schrie mit scharf gellendem Klagelaut ein einsamer Wolf sein Nachtlied, und die Eule antwortete spottend aus dem dunklen Kiefernwipfel heraus, in dem sie vor dem heranrückenden Unwetter Schutz gesucht hatte. Mensch und Tier suchten ein Obdach, den warmen Kamin oder den dicken Schilfbruch, nur der Mörder schritt, unbekümmert um die immer stärker und drohender werdenden Anzeichen eines nahenden Sturmes, Büchse und Bogen krampfhaft in der Hand haltend, seinen Weg entlang. War ja doch der Sturm sein Bundesgenosse, und fand er durch ihn gerade die größere Sicherheit für sein blutiges Werk.

Lagerte nämlich der Indianer wirklich an jener Stelle, so hatte er bei solchem Wetter auf jeden Fall den Schutz des überhängenden Felsen gesucht, und dann war es ihm nicht möglich, Schritte zu hören.

Vorsichtig folgte Johnson dem Lauf der kleinen Schlucht, obgleich er einen näheren Weg hätte einschlagen können. Doch bei Nacht ist es schwierig, ohne Sternenlicht die gerade Richtung durch den Wald beizubehalten, und selbst der geübte Backwoodsman versucht es nicht gern ohne dringende Not. Die Spitzen der vergifteten Pfeile hatte er mit einem wollenen Tuch dicht umwickelt, daß er sich nicht durch einen Zufall selbst verwunde, und seine Waffen im linken Arm, kletterte er, vorsichtig mit der Rechten seinen Weg ertastend, höher und höher hinauf, bis er an umgestürzten Fichten die Gegend erkannte und nun wußte, wo er sich befand.

Gerade da bildete die Schlucht einen Winkel, und dicht darüber war der Felsen, unter welchem der Indianer liegen mußte. Jedes unnötige Geräusch vermeidend, kroch Johnson unter den kreuzweise über die Schlucht hingestürzten Stämmen hindurch, ließ seine Büchse an einer sicheren Stelle zurück, um von den vielen Waffen nicht behindert zu werden, und glitt, einer Schlange gleich, der Ecke zu, die ihn bis jetzt noch von seinem Opfer trennte.

Triumph! Sein Herz schlug fast hörbar – dort, am Feuer hingestreckt, ruhte Assowaum, die Gefahr nicht ahnend; die Waffen lagen an seiner Seite, und auf den rechten Arm gestützt, schaute er sinnend in die flackernde Glut. Johnson erhob sich, den Bogen mit starker Hand fassend, und blickte forschend hinüber, um die Stelle zu bestimmen, in die er den tödlichen Pfeil senden sollte, denn die Entfernung zwischen ihm und seinem Opfer betrug kaum zehn Schritt. Hier aber fand sich ein neues Hindernis. Die aufgespannte Decke des Indianers, die dieser an der Windseite angebracht hatte, um auch gegen den etwas schräg einschlagenden Regen geschützt zu sein, verbarg den größten Teil seines Körpers, so daß von diesem eigentlich nur der Kopf mit dem rechten Arm sichtbar war, während die übrige Gestalt unter dem wollenen Schutzdach versteckt lag. Zwar konnte Johnson genau die Stelle bestimmen, wo er den Indianer treffen mußte, und er würde auch, hätte er die Büchse statt der Pfeile bei sich gehabt, keinen Augenblick länger gezögert haben, so aber stieg plötzlich die sonderbare Idee in ihm auf, die Wolle könne, wenn nicht den Pfeil aufhalten, doch falsch lenken oder gar dem Gift seine Kraft nehmen; kurz, er scheute sich, auf diese Art einen Schuß ins Ungewisse zu tun.

Dazu kam noch eine kaum unterdrückbare Furcht vor der kräftigen Gestalt seines Feindes, den er zum Äußersten entschlossen wußte und der, wenn bloß verwundet, dennoch vielleicht soviel Kraft behalten würde, ihn einzuholen und des Tomahawks Schärfe an seinem Schädel zu versuchen.

Wie übrigens die Decke gespannt war, brauchte der Mörder höchstens zwanzig Schritt bis hinter die stattliche Ulme, die am Abhang des Hügels stand, zu kriechen, dann bot sich ihm die Brust des Indianers als ein unfehlbares Ziel.

Der erste Blitz zuckte jetzt durch den Sturm und warf einen grellen Schein über die Landschaft, aber im nächsten Moment war alles wieder in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Da richtete sich Johnson auf, um schnell die günstige Stelle zu erreichen, ein Stein aber glitt unter seiner rechten Hand, mit der er sich bis jetzt an den vorwachsenden Wurzeln einer Eiche festgehalten, vor und rollte hinab in den Grund der Schlucht. Regungslos blieb Johnson, dicht an den Boden geschmiegt, liegen und hob nur vorsichtig den Kopf, die Wirkung zu beobachten, die dieses Geräusch auf den Indianer hervorgebracht haben könnte.

Tatsächlich war es diesem nicht entgangen, er horchte auf und hob den Kopf über die Decke empor, den von dem Feuer ausgehenden Lichtkreis zu übersehen: Johnson lag aber im Schatten der Eiche, die aus dem Abhang emporstieg, und der Blick Assowaums schweifte über ihn hinweg. Da erhellte ein noch grellerer Blitz als vorher die Schlucht, und der Mörder bebte scheu zurück. Aber auch den Indianer schien der Strahl geblendet zu haben, denn er preßte die Hand schnell gegen die Augen und sank dann, scheinbar beruhigt, in seine frühere Stellung zurück.

Johnson beobachtete ihn noch einen Augenblick und glitt nun etwa fünf bis sechs Schritt zurück, wo er von seinem Opfer selbst bei Tageshelle nicht hätte gesehen werden können. Hier klomm er an der rechten Seite bis hinter die Ulme hinan, von der aus er das Lager des Feindes dicht vor sich hatte, spannte leise den Bogen, legte den tödlichen Pfeil darauf und erhob sich jetzt schnell, aber vorsichtig, zum Schuß in die Höhe. Da – unwillkürlich entfuhr ihm ein Laut des Staunens und Schrecks, denn die Stelle am Feuer war leer – Assowaum verschwunden.

Ehe er jedoch nur einen Gedanken fassen konnte, fühlte er eine Hand auf seiner Schulter und sah, entsetzt zurückfahrend, in das wild drohende Angesicht seines Feindes, sah den Arm des Indianers erhoben – der Tomahawk blitzte im Schein des von unten hinaufflammenden Feuers, und von der flachen Seite der gefährlichen Waffe getroffen, brach er lautlos zusammen.

Schrecklich war sein Erwachen. Durch die schwankenden Baumwipfel prasselten und zischten die schwefelgelben Strahlen, laut schmetternd brach der Donner hintendrein, und die Schleusen des Himmels schienen geöffnet – die ganze Natur in Aufruhr; aber gefesselt und geknebelt, daß er kein Glied rühren, keinen Laut ausstoßen konnte, lag der Verbrecher an der Wurzel eines Hickorystammes angebunden, allein im Toben der Elemente. Vergebens rang er mit der Kraft der Verzweiflung, seine Banden zu sprengen oder wenigstens einen Arm aus den Stricken zu befreien. Vergebens dehnte er die Glieder. Assowaum verstand die Kunst, einen Knoten zu schürzen, seine Bande unzerreißbar zu machen. Matt, erschöpft mußte Johnson endlich in seinen fast wahnsinnigen Bemühungen einhalten und blieb nun keuchend liegen.

Der Sturm hatte inzwischen nachgelassen; von den Blättern strömte aber noch immer das Wasser wie im stärksten Regen herunter, der Wind scheuchte die dunkeln Wolkenmassen vor sich her, und die helle Mondscheibe sandte hier und da durch auseinandergerissene Dunstschleier ihr bleiches, silberhelles Licht auf die Erde nieder.

Johnson war eben aus einer zweiten Ohnmacht erwacht – Fieberfrost schüttelte seine Glieder, und zum erstenmal drang sich ihm jetzt der entsetzliche Gedanke auf, daß ihn der Indianer hier zurückgelassen habe, um nicht wiederzukehren, daß Cotton, der seine Rückkunft vergebens erwartet hatte, flüchten würde und er hier langsam verhungern müsse, wenn nicht ein mitleidiger Wolf seinem elenden Dasein früher ein Ende mache.

Er konnte ihre schrillen Laute schon von den nahen Bergen herüber hören: Sie sammelten sich nach dem Unwetter, um gemeinsam auf Raub auszuziehen, und da, gerade da, wo er sich jetzt befand, hatte er ihre Spuren oft und oft bemerkt, wie sie die Schlucht gekreuzt und von den Gebirgen herunter zu dem Fluß gezogen waren.

Allmächtiger Gott, sollte er auf so schreckliche Weise umkommen? Das Geheul kam näher – der Wolf wittert seine Beute auf viele Meilen Entfernung. Wieder stemmte sich der Elende gegen seine festen Bande, wieder strengte er sich an, bis ihm das Blut die Adern zu zersprangen drohte. Die Verzweiflung gab ihm Riesenkräfte, aber er konnte die Fesseln nicht zerreißen. Da lag er plötzlich so starr wie aus Stein gehauen und lauschte ängstlich und hoffend zugleich. Er hatte einen Ruf vernommen, einen bekannten Ruf. Es war die Nachahmung des Eulenrufs, das Zeichen unter den Verbündeten – es mußte Atkins oder Cotton sein – vielleicht beide. Sie kamen, ihn zu retten, und hier – hier lag er, gefesselt und geknebelt, vermochte kein Glied zu rühren, keinen Ton zu antworten, um die Stelle zu bezeichnen, wo er lag. Aber näher und näher kam die Stimme, lauter und dringender die Aufforderung des Suchenden. Jetzt schritt er am oberen Ende der Schlucht heran, Johnson konnte die Umrisse seiner Gestalt auf dem dunkleren Hintergrund deutlich erkennen; wieder tönte der Eulenruf, erst drei-, jetzt viermal; der Gefangene wand und krümmte sich wie ein Wurm – doch ohne Erfolg.

Endlich – endlich kamen die Tritte näher; der Suchende hatte die Schlucht durchkreuzt – er kannte die Stelle, wo der Indianer gelegen, und umging sie – er mußte jetzt an dem Freund dicht vorbeikommen. Wieder tönte der Ruf, und mit vorgebeugtem Körper horchte der Jäger. Johnson versuchte das Äußerste, um wenigstens das Laub mit dem Fuß rascheln zu machen – den jungen Stamm zu schütteln, an dem er festgebunden war – vergebens. Der Wind rauschte und wehte noch in den Zweigen, und das Laub war feucht und weich, es raschelte nicht.

Da kam die Gestalt heran, es war Cotton. Johnson konnte deutlich den Hut erkennen, den er auf dem Kopf trug – er konnte das Gesicht sehen; Cotton kam gerade auf ihn zu – noch zwanzig Schritt in der Richtung weiter, und er mußte auf seinen Körper treten. Da wandte er sich um – er schien seinen Plan geändert zu haben –, horchte noch einmal hinaus in den rauschenden Wald, ob vielleicht jener winselnde Schrei der Wölfe der erwartete Eulenruf sei, und glitt dann, als er sich wiederum getäuscht sah, schnell und lautlos in das nächste Dickicht.

Es war vorbei – keine Aussicht mehr auf Rettung, und verzweifelt sank der Gefangene in sich zusammen. Er achtete nicht auf das Geheul der wilden Bestien, der Tod war ihm nun gleichgültig, wenn nicht erwünscht.

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