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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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25. Harper und Marion – Ellens Ankunft bei Roberts

Still und freundlich beschien die leuchtende Morgensonne Roberts' Anwesen. Noch hatten die das Feld und den Hofraum begrenzenden Kiefern und Eichen ihren tauigen Perlenschmuck nicht verloren, warfen ihn aber jetzt in glitzernden Tropfen auf die duftende Erde nieder.

Vier große, stattliche Truthühner stolzierten kollernd auf dem das Haus umgebenden freien Platz umher. Auf den kleinen, niederen Hickorybüschen, die des Schattens wegen in der Nähe des Hauses stehen gelassen waren, lärmten die blauen Häher und zwitscherten die feuerroten Kardinäle, und hier und da glitt ein munteres Eichhörnchen an einem Stamm herunter. Rasch sprang es dort auf die Fenz, lief an dieser, genau den Zickzackwindungen derselben folgend, hin und schwang sich dann wieder, durch irgendein im Laube raschelndes Huhn aufgescheucht, mit flüchtigem Satz an dem ihm nächst stehenden Baum hinauf, bis es sich in Sicherheit wußte. Nicht lange aber dauerte es, so schaute es oben, das Köpfchen gar schlau und pfiffig drehend, vorsichtig um den schlanken Stamm herum, mit den weit vorgespitzten kleinen Ohren herunterlauschend, was das verdächtige Geräusch denn wohl verursacht habe.

Die beiden Frauen waren allein. Roberts hatte sich mit den Hunden schon vor Tagesanbruch in den Wald begeben, um dort nach seinen Herden zu sehen, aber versprochen, noch vor Mittag wieder zurück zu sein, und Mrs. Roberts wirtschaftete jetzt geschäftig zwischen allen möglichen Pfannen und Töpfen herum. Ja sogar das Rauchhaus wurde durchstöbert und von dorther einige zugebundene und verwahrte Büchsen und Gläser herbeigeschafft, die teils saure Gurken und Honig, teils aber auch die verschiedenen Waldfrüchte, auf treffliche und delikate Art eingemacht, enthielten und heute zu einem sowohl seltenen als glänzenden Festmahl hervorgeholt wurden.

Marion hatte das Geschäft des Backens übertragen bekommen und knetete das weiße Mehl zu kleinen flachen Biskuits. Später sollten diese in der hohen eisernen Deckelpfanne gebacken werden, für jetzt aber lagen sie noch in langen Reihen auf dem Tisch ausgebreitet und wurden nur vorderhand mit einer Gabel eingestochen, um der Luft freien Zutritt zu gestatten und sie etwas zu lockern.

Die beiden Frauen trugen, ganz auf die gewöhnliche Art der amerikanischen Hinterwäldlerinnen, selbstgewebte Kleider, deren Stoff aber von der besten und vorzüglichsten Art, und die Farben und Muster auf das geschmackvollste und sinnigste gewählt waren.

Marion hatte die vollen kastanienbraunen Haare einfach und glatt zurückgescheitelt, und in einem Knoten befestigt. Der einzige Schmuck, den sie trug, waren zwei kleine, halb aufgeblühte weiße Rosen. Sie hatte ihre Arbeit beendet und schaute jetzt stumm und sinnend, die Hände gefaltet, den Kopf wie ermüdet an den blank gescheuerten Türpfosten gelehnt, die Straße hinab.

»Kommt er noch nicht?« fragte die Mutter, indem sie mit Kennermiene ein eben geöffnetes Glas an die Nase hielt.

»Wer?« fragte Marion, erschrocken auffahrend und sich schnell nach der Mutter hinwendend.

»Wer?« fuhr diese, ohne die Bewegung zu beachten, fort, »wer? Närrisches Mädchen, Sam natürlich, den du doch selbst zu Mr. Harper hinuntergeschickt hast, um ihn für heute einladen zu lassen. Hat's aber gar nicht verdient, daß man die Leute nach ihm in die Welt hineinjagt. Er hätte sich wohl in der langen Zeit einmal wieder können blicken lassen.«

»Er war ja krank!«

»Nun, sein sauberer Neffe denn, der jetzt zu den Regulatoren übergegangen ist. Du warst auch unwohl, und es wäre nicht mehr als artig gewesen, einmal nachzufragen, wie dir's ginge. Er ist immer freundlich hier aufgenommen und hat gar nichts zu Hause zu tun...«

»Er hat seinen Onkel gepflegt«, sagte Marion leise.

»O ja – ich weiß wohl, du verteidigst ihn immer seit der Geschichte mit dem...«

»Mutter!« unterbrach das Mädchen sie fast noch leiser als zuvor und mit einem leichten Vorwurf im Ton.

»Nun ja – er hat dir damals einen großen Dienst erwiesen, das ist richtig«, murmelte die alte Dame, »aber auch nicht mehr, als jeder andere an seiner Stelle getan haben würde, und – doch ich will gar nichts gegen ihn sagen, Kind«, schwatzte sie dann redselig weiter, die nicht mehr benötigten Gefäße dabei an ihre bestimmten Plätze zurücktragend, »ich habe keineswegs etwas gegen ihn. Er ist soweit ein lieber junger Mann, aber darum bin ich ja gerade böse auf ihn, daß er nicht manchmal herkommt. Freilich ist die Sache mit Heathcott...«

»Aber Mutter!« rief mit vorwurfsvollem Ton die Tochter.

»Ich weiß, was du sagen willst«, fuhr diese, ohne sich irre machen zu lassen, fort, »ich weiß; warum hat er sich denn aber seit jener Zeit nicht wieder hier sehen lassen, wenn er ein so ganz gutes, reines Gewissen hat? – Mr. Rowson gab mir darin neulich ganz recht.«

»Und Mr. Rowson hätte gerade volle Ursache, Herrn Brown zu verteidigen, wo es in seinen Kräften steht«, rief Marion, eifriger als bisher. »Das ist etwas, was mir an ihm nicht gefällt.«

»Er hat ihn auch verteidigt«, entgegnete diese, »hat ihn wacker verteidigt; aber was kann er dafür, wenn er selbst den Verdacht nicht ganz abzuschütteln vermag?«

Marion wandte sich zur Seite, um eine Träne zu verbergen. Ihre Mutter hatte aber jetzt auch vollauf zu tun, um verschiedene Fleischstücke herbeizuholen, die sie noch vor zwölf Uhr zubereiten wollte. Zufällig trat sie dabei einmal an das kleine, in die Holzwand eingeschnittene Fenster, das, eigentlich gegen arkansische Sitte, mit einer Glasscheibe versehen war, und entdeckte plötzlich zu ihrem Entsetzen drei Reiter, die auf der Straße herankamen. Es war der erwartete Harper mit seinem Nachbar Bahrens und hinter denen ihr eigener Negerknabe.

»Ei bewahre!« rief Mrs. Roberts erschrocken aus, »da kommt Harper schon, und ich bin noch nicht fertig. – Ei, der Schlingel von einem Jungen! Er hat doch bestellen sollen: erst um zwölf.«

»So laß doch, Mutter«, beruhigte sie Marion, »die beiden Männer nehmen das nicht so genau, es sind ja gute Freunde vom Vater; Sam hat sie sicher schon unterwegs getroffen.«

Es war übrigens auch nichts mehr daran zu ändern; Mrs. Roberts ordnete in aller Geschwindigkeit ihre, wie sie glaubte, etwas verschobene Haube vor dem kleinen Spiegelglas, strich sich die Schürze glatt und trat dann den beiden Gästen, wenn auch mit noch ein wenig erhitztem Gesicht, freundlich und herzlich entgegen.

»Willkommen, Mr. Harper, willkommen!« sagte sie, diesem die Hand reichend. »Nur herein, Gentlemen, mein Mann wird auch gleich hier sein, er will bloß einmal nach ein paar Kühen sehen, die lange nicht zum Melken nach Hause gekommen sind. – Nur näher, Mr. Bahrens, wenn ich auch noch nicht ganz in Ordnung bin.«

»Mrs. Roberts«, erwiderte dieser lachend, »ich dränge mich heute ungeladen ein, erfuhr aber erst, daß Sie Gäste hätten, als ich schon auf dem Wege war.«

»Ich glaubte Sie mit bei der Regulatorenversammlung«, antwortete Mrs. Roberts, »sonst hätt' ich schon lange zu Ihnen hinübergeschickt, aber nur herein, vor der Tür machen wir das alles nicht ab.«

Die beiden Männer folgten der Einladung, und Harper, zwar noch immer sehr blaß und angegriffen, aber doch mit dem früheren gemütlichen Wesen, das ihm gerade so viele Freunde in der Ansiedlung erworben, mußte sich nun vor allen Dingen niedersetzen, einen Becher des besonders für ihn aus Honig und Früchten bereiteten Getränks zur Stärkung zu sich nehmen und dann erzählen, wie es ihm während seiner Krankheit ergangen, wer ihn alles gepflegt und was er für Arzneien genommen. Er willfahrte auch mit der freundlichsten Bereitwilligkeit dem allen und rühmte besonders seinen Neffen und seine drei Nachbarn, Wilson, Cook und Roberts, die sich sehr verdient um ihn gemacht hätten. »Selbst Bahrens«, fuhr er fort, diesem die Hand hinüberreichend, »hat sein Maisfeld verlassen und ist auf ein paar Tage zu mir herübergekommen. Sie haben mich alle lieb, was kann ich denn hier im Walde mehr verlangen?«

Das Gespräch wandte sich jetzt den ihnen zunächst liegenden Dingen zu, das heißt, man sprach über alle möglichen Arten von Gemüse und über andere Eßwaren, die teils schon auf dem Feuer brodelten, teils noch der weiteren Verwendung harrend auf einem kleinen Seitentisch aufgeschichtet lagen, während Mrs. Roberts ein scharfes Messer heraussuchte und ihre Absicht kundtat, in den Garten zu gehen, um etwas Salat zu holen.

Bahrens, der ihr indessen schon einige außerordentlich wunderbare Begebenheiten von fabelhaft großen Spargeln und märchenhaften Kohlköpfen erzählt hatte, bestand darauf, sie zu begleiten, und Harper blieb mit dem Mädchen allein im Haus zurück.

Marion hatte sich schon den ganzen Morgen danach gesehnt, mit Harper ein paar Minuten allein über Brown zu reden, war er doch der einzige, zu dem sie sprechen durfte. Als dieser Wunsch aber nun erfüllt war, schien es ihr, als ob ihr die Zunge am Gaumen klebte, und sie konnte kein Wort hervorbringen. Auch Harper schwieg, doch dachten beide sicherlich nur an denselben Menschen, fürchteten aber, etwas für beide so Schmerzliches zu berühren, und konnten es doch nicht übers Herz bringen, ein anderes, gleichgültiges Gespräch anzuknüpfen. Da brach endlich Harper das peinlich werdende Schweigen und sagte, dem jungen Mädchen mit wehmütig freundlichem Ausdruck die Hand hinüberreichend:

»Wie geht es Ihnen, Marion? Gut, hoff' ich, nicht wahr? Das ist recht. Seien Sie ein braves, starkes Kind. Es freut mich herzlich, Sie so wohl und – und zufrieden zu finden. – Mr. Rowson«, fuhr er dann fort, als ihm Marion die Hand gereicht hatte, »Mr. Rowson ist ein sehr wackerer Mann und wird Sie schon so glücklich machen, wie Sie es verdienen. Der – der Junge ist doch ein Sausewind, und – sehen Sie, es ist vielleicht viel besser so –

Er ist jetzt bei den Regulatoren«, erzählte er, ihren fragenden Blick verstehend, weiter, »will aber nur sehen, ob er nicht die wirklichen Mörder finden kann. – Pest und Gift! Es müßte eine Wonne sein, die Kerle hängen zu sehen.«

»Und er ist nicht schuldig, nicht wahr?« fragte das Mädchen mit bittendem Blick.

»Schuldig?« fuhr Harper in seinem Stuhl auf, »schuldig? Ist da noch einer, der ihn für schuldig hält? Nein, Sie nicht«, sagte er dann, ihre Hand, die er nicht wieder losgelassen, beruhigend streichelnd, »sie gewiß nicht, aber auch andere Leute sollen das nicht mehr. Ich selbst freilich glaubte es einmal; ich kannte sein schnell aufloderndes Blut. Das geraubte Geld machte mich aber gleich stutzig, und später erst fand es sich dann, daß er an jenem Tage seine Mokassins getragen, und die Spuren waren beide von Stiefeln oder Schuhen. Nein, er hat keine Schuld an jenem Blute, hoffentlich aber wird irgendeinmal ein Zufall den wirklichen Täter verraten.«

»Die Regulatoren sind ja, wie Sie sagen, deshalb versammelt«, erwiderte leise das Mädchen.

»Ach, das sind auch nur Menschen«, meinte kopfschüttelnd der alte Harper, »nicht einmal Indianer. Ja, wenn Assowaum bei uns geblieben wäre; der Schlingel hat sich aber recht heimlich – recht indianisch fortgeschlichen und nie wieder etwas von sich hören lassen. Bill behauptet freilich noch immer, daß er wieder zurückkommt.«

»Mr. Rowson äußerte hier neulich, das heimliche Fortgehen des Indianers spreche sehr gegen ihn«, sagte Marion.

»Oh, Mr. Rowson sollte ein wenig sparsamer mit seinem Verdacht umgehen«, rief eifrig der alte Mann. »Es ist nicht schön, einem Menschen gleich so Schreckliches nachzusagen, und wenn er auch nur ein Indianer ist. Übrigens war der es nicht, dagegen wollt' ich mit Freudigkeit meinen Hals zum Pfand setzen.«

»Wird Mr. Brown noch nach Texas gehen?« flüsterte zitternd das Mädchen.

»Ja«, bestätigte Harper, auf einmal wieder traurig und niedergeschlagen. »Ich kann ihm den tollen Gedanken nicht ausreden und glaube, wenn sie heute den Mörder fänden, er ginge morgen fort. Hat er schon das Pferd von Ihrem Vater gekauft?«

»Das eben ließ mich fragen«, sagte Marion, »ich hörte, wie mein Vater heute morgen äußerte, er müßte den Fuchs, der oben im Talgrund gewöhnlich weidet, für Mr. Brown einfangen. Es tut mir unendlich leid, die Ursache zu sein, die ihn fort – von Ihnen forttreibt.«

»Es hat so sein sollen, liebe Marion«, beruhigte sie der alte Mann, »und es ist vielleicht recht gut, daß es gerade so und nicht anders gekommen ist; wer kann es denn wissen. Also Herz gefaßt, mein liebes Mädchen, und die starke Seite nach außen gekehrt.« Dabei hob er ihr das Kinn in die Höhe und wollte sie recht heiter und sorglos anschauen, die Stimme zitterte ihm aber doch, und er mußte hart kämpfen, daß er nicht am Ende selbst von ihrer Wehmut angesteckt wurde.

Gerade noch zur rechten Zeit kam jetzt Mrs. Roberts mit Bahrens aus dem Garten zurück, zwar lachend, dennoch aber mit einer gewissen religiösen Entrüstung, daß Mr. Bahrens da Sachen erzählte, die doch unmöglich wahr sein könnten, so gern sie auch seinen Worten glaube. Bahrens dagegen bestand fest auf dem Erzählten und rief jetzt Harper für einiges, das er auch ihm schon mitgeteilt haben wollte, zum Zeugen auf.

Sie waren noch in diesem halb ernsten, halb scherzhaften Streit begriffen, als zwei Reiter vor dem Haus hielten und Ellen, von dem jungen Mulatten gefolgt, eintrat.

Die Mädchen kannten sich schon von früher her, und begrüßten sich herzlich, aber auch Mrs. Roberts empfing die junge Waise mit wirklicher Güte, da Rowson ihr (in diesem Falle einmal die Wahrheit) nicht allein sehr viel Liebes und Gutes, sondern auch das von ihr erzählt hatte, daß ihre Pflegemutter, Mrs. Atkins, sie eigentlich mehr wie eine Sklavin als wie das Kind, wenn auch das angenommene, behandele.

Harper war Ellen noch fremd, Bahrens hatte sie aber schon häufig gesehen, und sie fragte nach den ersten Begrüßungen schüchtern, ob sie noch zeitig genug eingetroffen sei, da sie sich zu Hause etwas verspätet.

»Zeitig genug, liebes Kind«, unterbrach sie Mrs. Roberts, »zeitig genug; morgen früh erst wollen wir hinüberreiten in deine neue Wohnung. Es wird wohl noch manches darin nötig sein, denn man kann doch nicht erwarten, daß ein Junggeselle seine Wirtschaft so ganz vollkommen eingerichtet haben sollte. Später besuchen wir den Richter, wo Mr. Rowson nachmittags predigen wird, und jener verbindet dann die jungen Leute miteinander. Abends bringen wir sie nach Hause, und du, liebes Kind, bleibst mit unserem Negerknaben, den ihr zu eurer ersten Einrichtung eine Zeitlang dort behalten könnt, bei ihnen.«

Diese Angelegenheit war bald in Ordnung gebracht, und es rückte nun die viel wichtigere des Mittagessens heran. Weder Rowson noch Roberts kamen aber, und die Matrone fing schon an sehr ungeduldig zu werden. Bahrens hatte auch, auf wiederholtes Anregen, soeben zum zweitenmal in das lange gerade Blechhorn stoßen müssen, das den Ton weithin durch den Wald trug, als endlich Roberts' Jagdrufe Antwort gaben, und bald tobten, als fröhliche Vorboten, die kläffenden Hunde die Countystraße herunter. Wenige Minuten später kamen Roberts und Rowson, in etwas größerer Eile als gewöhnlich, angetrabt, wahrscheinlich, um dem dringenden Rufe Folge zu leisten und die Frauen nicht länger warten zu lassen.

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