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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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15. Die Betversammlung – Die Schreckensbotschaft

Die Sonne hatte die Mittagslinie etwa zwei Stunden überschritten, als von mehreren Seiten zu gleicher Zeit verschiedene Gruppen an einem kleinen Blockhause erschienen, das einsam und allein im weiten, stillen Walde lag. Der Besitzer desselben, Mr. Mullins, ebenfalls ein neuer Ansiedler und ein fleißiger, ordentlicher Mann, hatte schon in kurzer Zeit ein recht hübsches Stück Land urbar gemacht. An dem Haus selbst konnte man aber nichts davon bemerken, denn dieses stand, ganz unähnlich der sonstigen amerikanischen Farmsitte, wohl eine halbe Meile vom Felde entfernt, am Abhang eines kleinen felsigen Hügels des den Fourche la fave und den Petite-Jeanne trennenden Gebirgsrückens. Um die Wohnung selbst lagen dabei in wilder Unordnung gefällte Bäume und gespaltene Fenzstangen umher, was dem Platz ein ungemütliches, ja trauriges Aussehen gab.

Wie öde und still jedoch auch alles den ganzen Morgen über ausgesehen hatte, so belebt wurde es jetzt: Kein Busch, an dem nicht ein Pferd angebunden stand, kein gefällter Stamm, auf dem nicht ein paar sonntäglich gekleidete Männer saßen und miteinander plauderten, während die Frauen in das Haus traten, um ihre Hüte und Tücher abzulegen. Dort bot sich für sie dann allerdings auch zugleich die Gelegenheit, sich, ehe der Prediger kam, nur ein klein wenig und ganz insgeheim über die Sünden ihrer Nebenmenschen aufzuhalten, natürlich mit dem sehr freundlichen Zweck, dieselben so sehr zu bemänteln, wie sich das nur möglicherweise mit einer genauen und vollständigen Aufzählung derselben vereinigen ließ.

»Sonderbar, daß Mr. Rowson noch nicht da ist«, sagte Mrs. Pelter zu Mrs. Mullins, »er hält doch sonst so auf Pünktlichkeit.«

»Wird wohl mit Roberts kommen«, war die Antwort, »in drei Wochen ist ja die Hochzeit, und da darf er die Braut doch nicht so lange mehr allein lassen.«

»Was? – Hochzeit?« fragten drei, vier andere, sich neugierig hinzudrängend, »ist's wirklich wahr, daß Mr. Rowson Marion heiratet?«

»Ich hab's von der Mutter selbst, und die sollt' es doch wissen. Daß sie einander lieben, war ja außerdem schon lange eine altbekannte Sache. Übrigens muß ich Sie bitten, noch keinen Gebrauch davon zu machen, denn ich weiß nicht, ob es schon bekannt werden darf. Aber wahrhaftig, da kommen Roberts ohne Mr. Rowson, nun weiß ich doch in der Tat nicht...«

»Er war ja an den Arkansas gegangen«, meinte ein Verwandter von Bowitt, »am Ende hat er so viele Geschäfte dort zu besorgen, daß er gar nicht zur rechten Zeit zurück sein kann.«

»Das wäre recht schade«, seufzte die jüngste Miß Smeiers. »ich hatte mich so auf die Predigt heute gefreut.«

»Oh, er kommt gewiß«, rief die alte Mrs. Smeiers, eine wohlbeleibte freundliche Matrone, »es tut auch not, daß wir in der Ansiedlung hier Gottes Wort recht fleißig hören. Solche Sündhaftigkeit, wie jetzt überhandzunehmen droht – der Herr wolle uns nur gnädig bewahren!«

»Und dabei gibt's noch Leute, die gar nicht ans Beten denken«, sagte Mrs. Bowitt, »Leute, die zu keiner Versammlung gehen, und wenn sie im Nachbarhause gehalten würde, Leute, die fluchen und schwören!«

»Ach, wenn ich nur meinen Mann ein einziges Mal dazu bewegen könnte, das Wort Gottes mit anzuhören«, klagte Mrs. Hostler, »jedesmal verspricht er's mir, und nie hält er's.«

»Sie müssen es mit ihm so machen wie ich neulich mit meinem Manne«, erwiderte Mrs. Hennigs, »der hatte sich nachmittags ruhig in die Ecke zum Schlafen hingelegt, und wie er erwachte, saß das ganze Zimmer voller Menschen, und der Prediger vom Petite-Jeanne drüben fing gerade sein Gebet an. Die Augen hätten Sie einmal sehen sollen, die Hennigs machte; er konnt' es aber nicht mehr ändern und mußte geduldig aushalten. Noch zwei- oder dreimal so, und ich bin überzeugt, er kommt von selbst. Ach, wenn sie nur erst einmal das Süße und Wohltuende einer solchen Predigt empfunden haben, dann zieht sie's immer wieder hin.«

»Mr. Hennigs hat aber zu meinem Mann gesagt«, behauptete Mrs. Smith, »daß er sich das nächstemal die Hunde mit zum Schlafen hineinnehmen wollte, damit die Spektakel machten, sobald jemand käme.«

»Das soll er sich nur unterstehen!« rief Mrs. Hennigs entrüstet; »die Hunde auf meine Betten, nicht wahr? Da wollt' ich denn doch einmal sehen, wer... Guten Abend, Mrs. Roberts«, unterbrach sie sich, als in diesem Augenblick die Genannte mit ihrer Tochter in das Haus trat, »wie geht's, Miß Marion?«

Begrüßungsformeln wurden nun von allen Seiten gewechselt, und die Frauen hatten, in übergroßem Eifer, den neuen Putz der immer wieder neu Hinzukommenden zu mustern, ganz übersehen, daß Mr. Rowson indessen wirklich angekommen war und jetzt plötzlich mit einem freundlichen Gruß mitten unter ihnen stand.

Aber, großer Gott, wie sah er aus! Das Gesicht bleich, die Wangen hohl, die Augen eingefallen und seine Stimme zitterte merklich, als er, den linken Arm tief in die Weste hineingeschoben, die niedere Treppe heraufstieg.

»Mr. Rowson!« riefen die Frauen fast wie aus einem Munde, »sind Sie krank? Was fehlt Ihnen denn? Sie sehen ja totenbleich aus!«

»Sie müssen krank sein!« sagte Mrs. Roberts, indem sie an ihn herantrat, »oder ist etwas vorgefallen?«

»Nein – gar nichts, ich danke Ihnen«, erwiderte freundlich lächelnd der Prediger. »Von ganzem Herzen danke ich Ihnen für Ihre Teilnahme, meine verehrten Freundinnen und Schwestern, es ist aber nur eine etwas übermäßige Anstrengung. Ich komme aus den nördlichen Niederlassungen herunter und bin die ganze Nacht geritten, um mein Wort zu halten und zur bestimmten Zeit hier zu sein. Das mag mich wohl etwas zu sehr angegriffen haben, da mein Körper an dergleichen nicht gewöhnt ist.«

Er trat dabei zu Marion und reichte ihr freundlich die Rechte, als diese die sonderbare Haltung seines linken Armes bemerkte. Sie fragte ihn besorgt, ob er sich auf irgendeine Art verletzt habe.

»Eine Kleinigkeit«, erwiderte der Priester, »die bald vorübergehen wird. Mein Pferd stürzte gestern abend über einen im Weg liegenden Ast und warf mich gegen einen Baum, wobei ich mir den Arm ein wenig aufriß. Da es ganz unbedeutend war, achtete ich anfangs gar nicht darauf; nach der sehr feuchten, unfreundlichen Nacht schwoll die verletzte Stelle gegen Morgen an, und der Arm ist mir jetzt etwas steif geworden. Es wird jedoch, wie gesagt, bald wieder in Ordnung sein.«

»Ach, Mr. Rowson, ich habe eine herrliche Einreibung«, sagte Mrs. Mullins, an ihn herantretend, »wenn Sie mir erlauben wollen –«

»Danke wirklich – danke innigst für all diese Freundlichkeit; es ist in der Tat nicht der Mühe wert, sich auch nur im mindesten darum zu sorgen. Nein, ich muß, auf mein Wort, danken, beste Schwester Mullins. Wäre es auch bedeutender, als es ist, eine kleine, bald vorübergehende Erkältung, so möchte ich dadurch nicht die Veranlassung sein, die so viele fromme und gläubige Seelen eine Stunde länger ihrem Herrn entzieht. Lassen Sie uns beginnen, verehrte Freundinnen. Sie sehen, wie zahlreich sich die Guten versammelt haben. Wollen wir im Hause bleiben, oder sollen wir ins Freie gehen? Des Raumes wegen möchte wohl der offene Platz vorzuziehen sein.«

»Wenn es Ihnen nur nicht zu kalt in der frischen Luft ist!« sagte Mrs. Roberts ängstlich. »Es weht immer noch ein recht kalter und feuchter Wind.«

»Haben Sie meinetwegen keine Sorge«, beruhigte sie lächelnd der Prediger, indem er ihr die Hand drückte, »ich stehe im Dienste des Herrn, und in solchem Dienste darf man nicht lässig sein. Die Bewegung wird mir übrigens guttun, und in wenigen Tagen hoffe ich wieder ganz hergestellt zu sein.«

Alles weitere Zureden blieb fruchtlos. Der kleine Tisch wurde unter die zwei Maulbeerbäume getragen, die der Farmer, als er den übrigen sein Haus umgebenden Baumwuchs fällte, ihrer süßen Frucht wegen stehengelassen hatte, und eine halbe Stunde später sandte die scharfe, weitschallende Stimme des Priesters ihre Gebete und Danksagungen zu dem reinen Himmelsblau empor. Und die Bäume brachen nicht schmetternd über ihm zusammen, die Erde verschlang nicht den Heuchler, der die blutbefleckten Hände zu Gott erhob und ihm dankte, daß er seine schwachen Bemühungen mit seiner Vaterhuld gesegnet und sie alle – alle die Seinigen fromm und gläubig hier zusammengeführt habe! Dort stand er und errötete nicht, als sich ein freundlicher Sonnenstrahl hindurchstahl durch das dichte Blätterdach des Unterholzes, und errötete nicht, als sich die Frauen in seiner Nähe zuflüsterten, ein Heiligenschein umgebe die Schläfe des Gottseligen. Dort stand er und schlug das freche Auge nicht zu Boden, als er dem Blick seiner Braut begegnete, die sich zum erstenmal mit inniger Zuneigung zu ihm hingezogen fühlte, da auch sie glaubte, der übergroße Eifer seines frommen Berufes habe ihn so angegriffen und verändert. Der Frauen Herz wird ja oft durch Mitleiden gewonnen, und der blasse Mann hatte dem leidenden Ausdruck seiner Züge das zu danken, was er durch monatelange Mühe und Anstrengung nicht zu erreichen vermochte: Marion glaubte an diesem Abend zum erstenmal, an seiner Seite, wenn auch nicht glücklich, doch ruhig und zufrieden leben zu können.

Rowson beendete indessen mit unerschütterter Ruhe die heilige Handlung, Seine Lippe bebte nicht; als er die Verzeihung des Höchsten für sich und seine Zuhörer erflehte, seine Stimme zitterte nicht, als er das Amen und den Segen sprach. Nur einmal, einmal nur, als alles um ihn her in Andacht auf den Knien lag, durchzuckte ihn ein jäher Schreck, und er stockte mehrere Sekunden lang; denn hoch über den Wipfeln der Eichen strichen nach Nordwest hinüber vier Aasgeier. Er konnte das schwere Schlagen ihrer Flügel nicht hören, aber er wußte, welchem Orte sie mit gierig vorgestreckten Hälsen entgegenstrebten; wußte, was ihr Mahl sein würde, ehe die Sonne dort drüben im Westen untersank. Da, sich mit Gewalt emporraffend, stimmte er ein lautes »Halleluja« wie im grimmen Spott seiner selbst an, und die Gemeinde fiel ein in die bekannte Melodie, während er unter den lautschwellenden Tönen sich wieder sammelte und für den Schluß des Gottesdienstes kräftigte.

Indessen schienen nicht alle dort eingetroffenen Ansiedler auch am Gebet teilzunehmen, denn eine kleine Gruppe hatte sich etwa hundertfünfzig Schritt von der Versammlung entfernt gelagert. Zu diesen gehörten besonders Bahrens, der Krämer Hartford, Roberts und Wilson, ein junger Ansiedler von der anderen Seite des Flusses. Ihr Gespräch, das der Krämer bis jetzt größtenteils mit Klagen über den schlechten Handel belebt, hatte jedoch in den letzten Minuten etwas gestockt. Die lautschallenden Ermahnungen Rowsons waren nämlich bis zu ihnen gedrungen, und Bahrens schob ein kleines Fläschchen mit Whisky, das er eben hervorziehen wollte, verschämt wieder in die Tasche zurück. Wilson aber bemerkte diese Bewegung und griff nach dem Arm, der ihm das Labsal entziehen wollte.

»Halt da!« sagte er lachend, »das ist gegen die Gesetze der Menschlichkeit; zeigt einem erst den ›echten Stoff‹ und wollt ihn dann wieder beseiteschaffen? Daraus wird nichts.«

»Aber, Wilson – wenn Rowson zufällig hierhersehen sollte, oder gar eine von den Frauen!«

»Ach – was da; die müßten scharfe Augen haben, wenn sie durch die Büsche erkennen wollten, was wir hier tun. Und wenn auch – zum Donnerwetter, was schert uns das Geplapper; wären wir deshalb hergekommen, so säßen wir mitten zwischen ihnen.«

»Laßt's aber nicht mehr sehen, als nötig ist«, sagte Bahrens; »meine Alte singt auch mit, und das muß ich dann acht Tage hören.«

»Keine Not, Alterchen«, beruhigte ihn Wilson, indem er der frommen Gesellschaft geschickt den Rücken wandte und, die Flasche an die Lippen hebend, den hellklaren Himmel einige Augenblicke mit besonderer Aufmerksamkeit betrachtete.

»Halt«, rief Roberts, während er die Flasche herunterdrückte, »erstickt nur nicht gar! Ihr wollt wohl drin wohnen bleiben? Hättet Ihr vorhin ein klein wenig besser aufgepaßt, so würde Euch Rowsons Moral: andern zu tun, wie Ihr erwartet, daß sie Euch tun, von großem Nutzen gewesen sein.«

»Ach, geht mir zum Henker mit Eurer Moral«, erwiderte Wilson ärgerlich, indem er sich unter der Fichte, unter der er bis jetzt gesessen hatte, ausstreckte und in die dichten Zweige hinaufschaute, »das ist ein ewiges Morallesen und Auf-den-rechten-Weg-Bringen in unserer Ansiedlung; es gefällt mir gar nicht mehr.««

»Ihr wißt wohl, was ich eigentlich sagen will. Mir behagt das ewige ›Wegweisen‹ nach dem Himmel nicht; wer, zum Henker soll sich da zurechtfinden?«

»Ich glaub' auch nicht«, sagte Bahrens lachend, »daß der Bursche da drüben, der die Augen so fromm und andächtig in dem bleichen Gesicht herumdreht, den Weg richtig beschreiben kann. Sei dem aber, wie ihm wolle, mir gefällt er nicht.«

»Meine Frau hat einen Narren an ihm gefressen«, sagte Roberts. »Noch gestern abend behauptete sie, er wäre ein Heiliger, sie könnte ordentlich fühlen, wie fromm und gut ihr ums Herz würde, wenn er nur zur Tür hereinkäme.«

»Gott sei uns gnädig!« rief Bahrens erschrocken, »nächstens wird er ein Paar Flügel bekommen, auf einen Baumast fliegen und Manna fressen.«

»Seht nur einmal, wie die Aasgeier heute nachmittag da hinüberstreichen«, sagte Wilson, »das ist nun schon der dreiundzwanzigste, den ich zähle, seit ich hier liege.«

»Die Predigt scheint beendet zu sein«, meinte der Krämer, der seit einigen Minuten dem Gespräch schweigend gelauscht hatte, »das ist das Schlußlied – ich kenn' es.«

»Ihr seid wohl auch musikalisch, Hartford?« spottete Bahrens.

»Und warum nicht?« erwiderte dieser etwas pikiert, »ich spiele die Violine und kann einige ausgezeichnete Stücke auf der Flöte. Wenn Sie es nicht glauben wollen, ich habe sie bei mir«, und mit diesen Worten langte er mit der Hand in die tiefe Rocktasche hinein und war eben im Begriff seine Drohung wahr zu machen, als ihm Roberts erschrocken in den Arm fiel und ausrief:

»Um Gottes willen, Mann, behaltet das schreckliche Instrument im Beutel. Was denkt Ihr wohl, was die fromme Versammlung da drüben sagen würde, wenn wir hier anfingen zu musizieren. Wir hatten einmal so einen Spaß im vorigen Jahre mit Wells unten, der jetzt freilich ganz zurückgezogen lebt und nirgends mehr hingeht, wenn er nicht besonders zu einem Klötzerrollfest oder etwas Derartigem gerufen wird. Neulich war er einmal bei mir, als er den Bienenbaum am Fluß gefunden hatte; er mußte eine Axt haben, weil er nicht erst deswegen nach Hause gehen wollte, und da bin ich mit ihm hinaus in den Wald gegangen, aber so was von einem Bienenbaum hab' ich doch im Leben noch nicht gesehen. – Der und ein anderer...«

»Ja, aber«, unterbrach ihn der Krämer, der die Angewohnheit Roberts' noch nicht kannte, »Ihr wolltet ja von Musik erzählen!«

»Oh, warum hieltet Ihr ihn auf!« rief Bahrens lachend. »Er war auf dem besten Wege, und es hätte gar nicht lange gedauert, so wäre er in New Orleans oder New York gelandet.«

»Wieso denn?« fragte Roberts, »das ist nun wieder barer Unsinn. Ich dachte weder an New Orleans noch an New York, ich wollte Euch von Wells erzählen, dessen Nachbar auch so ein langes spitzes Ding mit Löchern drin, gerad' wie eine Flöte, mitgebracht hatte. Er nahm es aber an der Spitze in den Mund, nicht an der Seite. Gut, der war oben bei Smith über Nacht geblieben, und abends, wie gebetet werden soll, nimmt er das Ding vor. Er war gerade von Fort Gibson heruntergekommen und kannte unsere Bräuche noch nicht, hatte auch, glaub' ich, eine unmenschlich lange Zeit an der indianischen Grenze gelebt und erzählte gern, was sie für ewigen Kampf und Streit mit den Choctaws gehabt hätten, die erst damals von Georgien nach dem Westen geschafft worden waren. Die armen Teufel haben mir übrigens leid getan, denn um ihr Land hat man sie damals doch schändlich betrogen; da kamen aber die großen Herren von Washington und New York...«

»Hurra!« schrie Bahrens, der nur auf das Stichwort, wenngleich mit der ernsthaftesten Miene von der Welt, gewartet hatte, »ob ich's denn...«

»So schreit doch nur nicht so!« sagte Wilson, »sie sehen ja alle hierher. Aber Gott sei Dank, es ist vorbei; heute hat's Rowson einmal recht kurz gemacht.«

»Er sieht auch elend genug aus«, warf Roberts ein, »ich erschrak ordentlich, wie er mir vorhin an der Feldecke dort unten begegnete.«

»An der Feldecke? Ich glaubte, er wäre von oben herunter, aus den nördlichen Ansiedlungen gekommen«, sagte Wilson.

»Nun, das kann er ja auch«, entgegnete Bahrens, »wenn er sich drei Meilen von hier rechts gehalten hat, um den sumpfigen Stellen aus dem Wege zu gehen, so mußte er bei der Feldecke ungefähr wieder herauskommen; ich bin den Weg auch schon einmal geritten. An den Hügeln ist's aber doch trockener.«

Die Versammlung war indessen aufgebrochen, und alles bewegte sich jetzt bunt durcheinander.

»Kinder, es wird spät«, sagte endlich Smith, der die Betversammlungen eifrig besuchte und als sehr frommer Mann galt, »die Sonne ist in der Tat schon am Untergehen, und ich habe noch mehrere Meilen zu machen – Wilson, Ihr begleitet mich wohl?«

»Nein«, entgegnete dieser, »ich habe Bahrens versprochen, mit ihm nach Hause zu reiten, er will mir gern etwas erzählen, was er in der letzten Woche erlebt hat.«

»Nun, dann Glück zu«, meinte Mullins lachend, »laßt's uns nur auch wissen, wenn's beendet ist.«

»Damit Ihr Euer Maul drüber breit reißen könntet, nicht wahr?« sagte Bahrens. »Ich bin mit meinen Erzählungen vorsichtig geworden, denn... Gott sei uns gnädig – wie sieht der Mensch aus?«

Dieser Ausruf galt einem jungen Mann, der in diesem Augenblick aus dem Dickicht trat und sich ihnen näherte; er sah entsetzlich bleich aus und stierte mit glanzlosen, weit aufgerissenen Augen so ängstlich umher, daß mehrere der Frauen erschrocken vor ihm zurückwichen und Wilson aufsprang und ausrief:

»Halway – zum Teufel – habt Ihr den Verstand verloren, daß Ihr am hellen Tage wie eine Leiche umherrennt und die Leute erschreckt? Was ist vorgefallen?«

»Fürchterliches!« stöhnte der junge Mann, indem er matt auf einen Baumstamm niedersank. »Fürchterliches!« wiederholte er mit hohler Stimme, »drüben in dem alten Blockhaus...«

»Nun, was ist dort?« fragten mehrere zugleich.

»Laßt mich nur erst zu Atem kommen; drüben im alten Blockhaus liegt – mich schaudert's, wenn ich daran denke – liegt die Leiche der Indianerin.«

»Alapahas?« rief die Menge entsetzt, »Assowaums Weib? Schrecklich! Woran ist sie gestorben? Wie sieht sie aus?« und tausend ähnliche Fragen kreuzten sich mit Gedankenschnelle.

»Laßt mir nur erst Zeit, mich zu sammeln«, wehrte Halway ab. »Ich bin die Strecke von dem Schreckensort bis hierher so schnell gelaufen. Die Angst gab mir Flügel...«

»Aber so erzählt doch nur – was ist denn geschehen?«

»Gleich – gleich – so hört denn. Ich war in der letzten Woche an der Mündung des Flusses gewesen und hatte dort gejagt, brach aber vorgestern von dort auf, um hier meine erlegten und getrockneten Häute abzuholen. Gestern schon gedachte ich bis Tanners Haus zu kommen, es wurde aber dunkel, und ich mußte am Flußufer, im dichten Schilf, übernachten. Wie viele Abende hab' ich nun schon draußen im Walde allein zugebracht, wie manchen Sturm, wie manches Gewitter erlebt und nie Furcht gekannt, gestern aber lief mir's ein paarmal mit eisigen Schauern über den Leib, und ich schürte mein Feuer noch einmal so groß an, als ich's eigentlich gebraucht hätte. Es mußte die Ahnung von dem sein, was in meiner Nähe vorging. Sonst blieb übrigens alles ruhig, nur einmal schlug mein Hund an, und mir war's schon, als ob ich hätte ein Pferd schnauben hören, doch mußte das ein Irrtum sein, da der Schilfbruch dort undurchdringlich ist und der Fluß an der Stelle gerade sehr tief vorbeifließt.

Hoswells hatte mir nun schon vor einiger Zeit sein Kanu zu borgen versprochen, gleich frühmorgens sah ich aber Bienen arbeiten und versuchte bis gegen Mittag den Baum zu finden, und da mir das nicht glückte, so sah ich mich nach dem Kanu um, aber vergebens. Um alle Biegungen kroch ich, konnte jedoch weiter nichts entdecken als ein Taschentuch mit Proviant, das ein Jäger muß im Busch aufgehängt und vergessen haben, und ging endlich bis an den Weg hinauf, dort durch den Fluß zu schwimmen.

Von da aus war es nun meine Absicht, noch etwa zwei Meilen stromauf zu wandern, um ein anderes Kanu, das ich dort weiß, zu erhalten. Ich konnte aber nicht umhin, den auffallenden Zug der Aasgeier zu beobachten, die sich alle nicht sehr weit unterhalb des Weges niederzulassen schienen. Über den Weg liefen auch zwei ganz frische Wolfsfährten in derselben Richtung hin, und ich beschloß, da ich doch nichts Besonderes zu versäumen hatte, einmal nachzusehen, was für Wild dort läge, oder ob der Bär vielleicht ein Schwein oder gar der Panther ein Pferd gewürgt habe. – Allmächtiger Gott, ich war nicht auf den Anblick vorbereitet!

Als ich den dicht mit Unterholz verwachsenen Fleck, wo die kleine Hütte stand, erreichte, glaubte ich gewiß zu sein, daß eins der Schweine in die Klauen eines hungrigen Bären gefallen sei, noch dazu, da ich erst heute morgen seine Spuren an der Uferbank bemerkt hatte. Es machte mich aber schon stutzig, daß sich keiner der Aasgeier niedergewagt; sie saßen alle auf den Ästen der Bäume um die Hütte herum und schlugen gierig mit den Flügeln, als ich mich ihnen näherte.«

»Und die Wölfe?«

»Nach deren Fährten sah ich nicht – ich wußte jetzt, das Aas müsse in der Hütte liegen, und trat nun, immer noch nicht an einen menschlichen Körper denkend, hinein; aber – erlaßt mir die Beschreibung, es war die Leiche der Indianerin, das erkannte ich noch, ehe ich wieder hinausstürmte. Dann floh ich in wilder Eile zuerst dem nächsten Haus zu, wo mich aber ein kleines Negermädchen beschied, es sei niemand daheim, sondern alles zur Betversammlung hierhergegangen, und wie von einem bösen Feind getrieben, hetzte ich nun weiter, nur immer weiter, um wenigstens zu Menschen zu gelangen.«

»So erzählt uns aber doch...«

»Nichts – gar nichts – ihr müßt es selbst sehen, und zwar gleich. Die Leiche darf auf keinen Fall diese Nacht dort liegenbleiben. Die Wölfe, die sich heute scheuten, das einst von Menschen bewohnte Haus zu betreten, würden bei wieder einbrechender Dunkelheit, und das ist nicht lange mehr hin, Mut gewonnen haben und den Körper zerreißen.«

»Wo aber ist Assowaum?« fragte Roberts, »sollte er dem Täter schon auf der Fährte sein?«

»Würde er seine Squaw unbeerdigt zurückgelassen haben?« warf Bahrens ein, »nein – nie!«

»Es ist doch nicht möglich, daß Assowaum selbst –«, sagte Smith, scheu umherblickend, »er war stets dagegen, daß sie zu den Gebeten des Weißen ging, und hat ihr manches harte Wort, ihres Übertritts zum Christentum wegen, gesagt.«

»Eher wollt' ich glauben, daß sie von ihrer eigenen Mutter als von Assowaum erschlagen sei!« rief Roberts heftig, »ich weiß, wie lieb er sie hatte. Doch wir müssen fort, die Zeit verfliegt, und es ist keine kurze Strecke bis dahin. Habt Ihr Kienholz im Hause?«

»Genug«, sagte Mullins, »und gleich fertig gespalten. Ich wollt' es am Montagabend mit an die Salzlecke nehmen, hierzu ist's aber nötiger – wir können gleich aufbrechen. Wo ist Mr. Rowson?«

»Hier!« sagte der Priester, der bis jetzt, von niemandem beachtet, an einem Stamm gelehnt hatte. »Wir müssen augenblicklich gehen, um dem Schrecklichen nachzuspüren.«

»Großer Gott, Mr. Rowson«, sagte Mrs. Roberts, »Sie müssen wirklich hierbleiben, Sie sind krank, ernstlich krank und sehen leichenblaß aus.«

»Ich glaube doch wohl, daß es meine Pflicht ist«, sagte der Priester, »allerdings habe ich peinliche Kopfschmerzen...«

»Nein, wir geben es auf keinen Fall zu«, rief Mrs. Mullins, »der Anblick würde Ihnen nur schaden.«

»Ich weiß aber doch nicht – beste Schwester Mullins...«

»Bleiben Sie nur hier«, mischte sich Roberts jetzt in das Gespräch, »Sie sehen wirklich krank aus, und bei dem traurigen Amt, das wir heute zu versehen haben, bedarf es Ihrer nicht. Morgen, beim Begräbnis, ist es etwas anderes, da werden wir, wenn Sie sich indessen stark genug fühlen, Ihre Hilfe in Anspruch nehmen.«

Der Prediger nickte schweigend und wollte sich umwenden, um dem Hause zuzuschreiten, da trat ihm seine Braut in den Weg, reichte ihm mit halb schüchternem, halb freundlichem Blick die Hand und flüsterte leise: »Gute Nacht, Mr. Rowson, legen Sie sich nieder und erwachen Sie morgen wieder wohl und heiter, gute Nacht.«

Es waren nur sanfte, liebevolle Worte, die ihm aus dem Munde des lieblichen Mädchens entgegenströmten, aber wie mit eisiger Faust ergriffen sie sein Inneres, und entsetzt – vernichtet wollte er zurückweichen. Da sah er die auf ihm haftenden Blicke der Umherstehenden, seine alte Seelenstärke erwachte, er zog das errötende Mädchen zu sich heran, drückte einen leisen Kuß auf ihre Stirn, legte segnend seine Hand auf ihren Kopf und schritt dann festen Ganges in das Haus, um das für ihn in der Eile, aber warm und weich bereitete Lager aufzusuchen.

»Welch ein Engel!« murmelte Mrs. Smith, während sie die Hände faltete, den Kopf auf die eine Seite neigte und ihm sinnend nachschaute, »aber da brechen sie wirklich schon auf. Ob wir Frauen denn auch mitgehen?«

»Das geht doch nicht«, sagte Mrs. Bahrens, »mein Alter würd' es auch wohl nicht gerne sehen. Ich reite nach Hause; aber zum Begräbnis morgen kommen wir doch alle wieder zusammen.«

»Sicherlich«, erwiderte Mrs. Smith, indem sie ihr Pferd an einen umliegenden Baumstamm führte und mit dessen Hilfe in den Sattel stieg. Die anderen folgten jetzt ebenfalls ihrem Beispiel, und kurze Zeit nachdem die Männer auf ihren flüchtigen Ponys davongesprengt waren und die Sonne scheidend hinter den westlichen Hügelreihen hinuntersank, verließ auch der letzte weibliche Besucher der Versammlung den Platz. Das geschah jedoch nicht, ohne vorher noch herzliche Grüße und Besserungswünsche für ihren Seelenhirten der geschäftigen Wirtin des Hauses aufgetragen zu haben, die auch fest versprach, alles auszurichten und für den Kranken wie für ein eigenes Kind zu sorgen.

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