Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Gerstäcker >

Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
Schließen

Navigation:

11. Assowaum, der Befiederte Pfeil, und seine Squaw – Weston und Cotton erwarten ungeduldig die Kameraden

An demselben Nachmittag, an welchem die im vorigen Kapitel beschriebene Wahl stattfand, schritt, die Decke auf dem Rücken, die Büchse auf der Schulter, Assowaum, der Befiederte Pfeil, von seiner Squaw gefolgt, schweigend durch den Wald am Ufer des Flusses hinauf. Alapaha trug der indianischen Sitte gemäß das wenige Kochgerät, das diese Kinder der Wildnis gebrauchen, sowie eine wollene Decke und zwei getrocknete Hirschfelle, und leise trat sie in die Fußtapfen ihres Gatten und Häuptlings, der langsam und aufmerksam die beiden Ufer des kleinen Stromes mit den Blicken überflog, als ob er einen Gegenstand suche und nicht finden könne.

Als er glaubte hoch genug hinaufgegangen zu sein, kehrte er wieder um und begann seine Nachforschungen aufs neue, aber mit nicht besserem Erfolg als das erstemal.

»Ist dies nicht der Baum, an dessen Wurzel sonst das Kanu angebunden lag?« fragte er endlich, stehenbleibend, sein Weib, indem er auf eine alte, sturmdurchtobte Platane deutete, deren weiße Äste wie geisterhafte Riesenarme nach den dunklen, hinter ihnen sich auftürmenden Wolkenmassen hinaufzulangen schienen.

»Assowaum kann ein Stück von der Rinde sehen, an dem es früher befestigt war«, antwortete Alapaha, während sie sich über den steilen Flußrand hinunterbeugte und auf eine vorstehende Wurzel des Stammes, an der noch einige Rindenstreifen hingen, deutete.

»Das Kanu ist fort«, sagte Assowaum, »und wir müssen hindurchschwimmen, wenn wir an der andern Seite lagern wollen.«

Alapaha entledigte sich, ohne weiter ein Wort zu erwidern, ihres Gepäcks, rollte mit des Häuptlings Hilfe zwei niedergebrochene Äste in den Fluß, um auf diesen die wenigen Habseligkeiten, welche sie bei sich hatten, trocken ans andere Ufer zu schaffen, und beide klommen bald darauf die gegenüberliegende steile Uferbank empor.

»Und welchen Weg schlägt Alapaha ein?« fragte der Indianer jetzt stehenbleibend, indem er mit ruhigem Blick seine junge Frau betrachtete.

»Eine halbe Meile den Fluß hinauf kreuzen wir einen Weg – der führt gerade nach dem Hause des Mr. Bowitt, und dort hat Mr. Rowson versprochen, morgen Betstunde zu halten. – Will Assowaum nicht einmal den Worten des weißen Mannes lauschen? Er spricht gut – seine Worte sind Honig, und sein Herz ist rein wie ein herbstlicher Himmel.«

»Alapaha, es wäre besser, wenn auch du – ha – was ist das?«

Ein leichtes Rauschen war im dürren Laub zu hören, und gleich darauf trat ein stattlicher Hirsch aus dem Dickicht, hob den schönen Kopf in die Höhe und schaute ruhig und sicher, keine Gefahr ahnend, umher. Assowaum hatte bei dem ersten Laut des knisternden Laubes seine Büchse schußfertig gehalten, hob sie jetzt langsam an die Wange, und in demselben Moment sprang auch schon der Hirsch, von dem tödlichen Blei getroffen, hoch und verendete zuckend.

»Gut!« sagte der Indianer, indem er ruhig stehenblieb und seine Büchse wieder lud, »sehr gut, Mr. Harper hat kein Fleisch mehr und ist zu krank, selbst den Fährten zu folgen – Alapaha wird ihm Fleisch in sein Haus bringen.«

»Und weiß Assowaum nicht, daß ich auf dem Wege bin, das Wort Gottes zu hören?« flüsterte die Frau, indem sie ihre schlanke Gestalt neigte und leise ein Gebet murmelte.

»Es gab eine Zeit«, sprach Assowaum, düster vor sich hinblickend, »es gab eine Zeit, wo Alapaha der Stimme des Befiederten Pfeiles lauschte und das Rauschen der Baumwipfel wie das Singen des Geistervogels darüber vergaß. Es gab eine Zeit, wo sie dem Gott des weißen Mannes den Rücken wandte und ihre Hände zum Manitu der roten Männer erhob. Es gab eine Zeit, wo sie für den Gatten den geheiligten Wampum flocht und mit geheimnisvollen Zeichen ihm Glück auf der Jagd sicherte. Die Zeit ist vorbei – Alapaha ist tot, und eine Christin ist dafür erstanden – Maria. Sie trägt dieselben Mokassins noch, in denen sie die Ihrigen verließ und dem Gatten in die Verbannung folgte. Sie trägt dasselbe Tuch noch um ihre Schläfe, das Assowaum einst von den Schultern jenes wilden Häuptlings der Sioux riß, um daheim die Stirn seiner Squaw damit zu schmücken. Sie trägt dieselbe Schnur noch von den Klappern heiliger Schlangen, und deren Töne sollten sie an die Heimat, an das Land ihrer Väter erinnern. Aber nein – ihr Ohr ist verschlossen – es hört nicht – aber mehr noch verschlossen ist ihr Herz – es fühlt nicht.«

»Assowaum!« sagte mit leiser, bittender Stimme die junge Frau, »Assowaum – zürne mir nicht. Sieh, unser Leben ist kurz, und vor mir ausgebreitet sehe ich die schönste, glänzendste Zukunft. Oh, du weißt nicht, wie herrlich, wie entzückend der Himmel der Weißen ist – willst du mir das rauben, was mir noch in diesem Leben, außer den Pflichten gegen dich, heilig und teuer ist?«

»Nein!« sagte Assowaum, »Alapaha mag gehen und dem Gott der Weißen dienen – es ist gut so.«

»Und willst denn du nie den Tönen des heiligen Mannes lauschen, von dessen Lippen Manitu selbst spricht?«

Assowaum streckte den rechten Arm aus und war im Begriff etwas darauf zu erwidern. Ein anderer Gedanke schien sich aber gleich darauf seiner zu bemächtigen, und er hob die Büchse auf die Schulter und sagte:

»Alapaha kann nicht allein beten, sie will auch essen. Nicht weit von hier, am Ufer des Flusses, steht eine kleine unbewohnte Hütte – dorthin wollen wir das Fleisch tragen, und Alapaha mag es heut abend dörren. Das Haus wird ihr Schutz gegen Sturm und Unwetter dieser Nacht gewähren, und morgen früh ist's nicht mehr weit zur Ansiedlung des Weißen, wo der blasse Mann von seinem Gott erzählt.«

»Und Assowaum?«

»Hat dem kleinen Mann das Versprechen gegeben, seinen Sohn aufzusuchen – er wird es halten. Die weißen Männer reden böse von ihrem Bruder, weil sie den Tritt seines Fußes nicht unter sich hören. Er ist fern – er wird zurückkommen, und die Schuldigen werden schweigen und zu ihm aufsehen.«

»Aber er ist böse!«

»Welche Schlange hat ihr Gift in Alapahas Ohr geblasen? Sie hat den Tönen des bösen Geistes gelauscht und wirft Staub auf die Hand, die ihr Gutes getan!«

»Mr. Rowson sagt, daß der Sohn des kleinen Mannes einen Bruder erschlagen und ihn dann beraubt habe.«

»Der blasse Mann lügt!« rief der Indianer, sich hoch aufrichtend, während das Blut in seine Schläfe trat und seine Augen glühten, »der blasse Mann lügt!« wiederholte er, »und – er weiß es!«

»Assowaum zürnt dem Christen, weil er Alapaha dem Glauben der roten Männer abwendig machte. Assowaum ist brav und edel, er wird keinen Menschen schmähen, weil er anders denkt als er.«

»Wir wollen das Fleisch in die Hütte tragen«, brach der Indianer das Gespräch ab, »es wird spät. Assowaum muß noch meilenweit wandern, ehe es dunkelt.«

Mit geübter Hand brach er jetzt das erlegte Wild auf, löste Schulterblätter, Hals und Kopf aus der Haut, was er den Wölfen oder Aasgeiern überließ, und hing dann das übrige an eine schnell abgehauene Stange, deren eines Ende er erfaßte, während Alapaha das andere auf ihre Schulter legte, und so schritten sie schweigend weiter und erreichten nach nicht langer Wanderung den erwähnten Ort.

Es war eine roh aufgerichtete Blockhütte, von einem früheren Ansiedler erbaut und nach kurzer Benutzung wieder verlassen, da das Land ringsum zu niedrig und also den Überschwemmungen des Flusses zu sehr ausgesetzt lag. Das Dach und die Wände befanden sich in noch ziemlich gutem Zustande, sonst bot es aber auch nicht die geringsten Bequemlichkeiten, denn selbst der Kamin war eingestürzt, und eine Diele gab es nicht. Der fehlende Kamin war aber keineswegs ein Hindernis, ein Feuer im Innern anzuzünden, denn die Spalten in den Wänden öffneten dem Rauch überall einen Durchzug, und gar sonderbar rauschte und brauste der Wind durch die breiten Ritzen der Stämme, klapperte mit den lose daran herumhängenden Stücken Rinde und pfiff über das moosige Dach zum Fluß hinunter, der sich dicht neben der unfreundlichen Stelle dahinschlängelte, von dieser aber noch durch wild aufwucherndes Buschwerk getrennt wurde.

Diesen Platz erreichte jetzt Assowaum mit seinem Weib und trug das Fleisch in das Innere des Hauses. Die Tür war aus den hölzernen Angeln gebrochen und lag umgeworfen vor dem Eingang, behinderte also keineswegs den Eintritt. Assowaum sah sich einen Augenblick in dem leeren Raum um und sagte dann:

»Das Haus ist gut und wird Alapaha Schutz gewähren. Wenn sie von ihrem frommen Wege zurückkommt, trägt sie das Fleisch in die Hütte des kleinen Mannes. Assowaum wird bei ihr sein, ehe der Whip-poor-will zum drittenmal gesungen hat.« Damit wandte er sich und schritt schweigend mit gesenktem Haupt in den Wald.

Alapaha tat indessen, wie ihr Gatte befohlen, hieb mit dem kleinen zierlichen Tomahawk, der an ihrer Seite hing, dünne Stäbe ab und errichtete ein Gestell zum Trocknen des Fleisches, trug Holz herbei, um die leichte Glut zum Dörren des Wildbrets und für das wärmende Feuer unterhalten zu können, schnitt dann das Fleisch in Streifen, steckte es an die zu diesem Zweck abgeschnittenen Rohrstäbe und hing es über die Glut.

Der Himmel hatte sich indessen mehr und mehr bezogen, ein feuchter Staubregen fiel, und der Wind rauschte wild und unheimlich durch die über das Dach der Hütte hängenden Baumwipfel. Alapaha kauerte sich neben der knisternden Flamme nieder, summte leise eine Hymne, die sie von den Weißen gelernt hatte, und erwartete die einbrechende Dunkelheit, sich ihr Lager zu bereiten. Aufmerksam behielt sie aber dabei das dörrende Wildbret im Auge, daß es bis zum nächsten Morgen trocken genug sei, um zusammengebunden und aufbewahrt zu werden.

 

Aber nicht ganz so einsam und von Menschen verlassen war die Gegend, wie Alapaha im Anfang geglaubt haben mochte. Zu derselben Zeit, als sie so eifrig mit ihrer Arbeit beschäftigt war, trat auf dem Weg, der eine kleine halbe Meile den Fluß weiter hinauf lag, ein junger Mann am jenseitigen Ufer aus dem Dickicht und schaute ungeduldig nach dem andern Ufer hinüber, als ob er jemanden von da erwarte. Die Luft war keineswegs warm und er rieb sich bald die Hände, bald schob er sie unter die Arme, bald lehnte er sich an eine Platane und machte mehrmals Miene, auf dem mit Laub bedeckten Boden ungeduldig auf und ab zu gehen, hielt aber jedesmal gleich wieder inne und betrachtete mißtrauisch den betretenen Platz, ob seine hinterlassenen Spuren wohl auffallend und leicht zu erkennen wären.

Ihm schloß sich bald ein zweiter Mann an, der, in eine wollene Decke eingehüllt, den alten, arg mitgenommenen Filz tief in die Stirn gedrückt, die Büchse unter dem Arm, um das Schloß soviel wie möglich vor der niedertauenden Nässe zu bewahren, leise an ihn herantrat und lachend fragte.

»Nun, Weston, Euch wird die Zeit hier lang, he? Ihr friert, warum habt Ihr Eure Decke nicht mitgebracht? Ich sagte es gleich. – Noch nichts gehört?«

»Nichts«, erwiderte verdrießlich der Angeredete, »ich glaube auch gar nicht, daß sie noch heut abend kommen; dann wird es wirklich ein charmanter Spaß. Wenn ich die ganze Nacht hier ohne Decke und Feuer lagern muß, bin ich morgen früh eine Leiche.«

»Das wär ein Verlust von wenigstens zwanzig Dollar für den Sheriff!« spottete Cotton, denn er war der würdige Begleiter des jungen Mannes. »Übrigens glaub' ich kaum, daß wir noch lange werden warten müssen. Rowson ist dort mit jedem Winkel bekannt, und Johnson wohl auch, da können sich ihnen nicht viele Schwierigkeiten entgegenstellen. Überdies sagtet Ihr ja selbst, daß Rowson für morgen Mittag Betstunde in der Ansiedlung drüben angekündigt hätte. Das schon wird ihn sicher veranlassen, alles zu tun, was in seinen Kräften steht, um die Zeit einzuhalten und keinen Verdacht zu erregen. Ich kann den heuchlerischen Schuft nicht leiden, aber in Geschäften ist er vortrefflich, das muß wahr sein; man sieht's, daß er aus den Yankee-Staaten stammt.«

»Die Geschichte von Heathcotts Tod macht jetzt recht viel Aufsehen bei den Leuten«, sagte Weston, »Brown soll ihn doch auf die Seite geschafft haben – Euer Name wird aber auch dabei genannt.«

»Meiner? Was, zum Donnerwetter, haben sie denn mit mir dabei? Ich habe den Laffen in meinem ganzen Leben nicht gesehen; muß ich denn an jedem Streich schuld sein, der hier gespielt wird?«

»Das kann Euch nun ziemlich gleich sein«, erwiderte Weston, »den Mord schieben sie übrigens nicht auf Eure Schultern, sondern nur das Geld!«

»Was für Geld?«

»Der Tote soll den einkassierten Betrag für drei gute Pferde in der Tasche gehabt haben, vier- oder fünfhundert Dollar – und die sind weg.

»Alle Wetter – das wäre schon der Mühe wert gewesen! Zwei Fliegen mit einem Schlag, einen Regulator und einen Haufen bar Geld. Brown ist nicht dumm; aber, Weston, Brown hat doch im Leben nichts mit uns zu tun gehabt, was geht denn den der Regulator an?«

»Andere Sachen, was weiß ich. Die Frauen oben in der Ansiedlung behaupteten, Heathcott und Brown würden um ein Mädchen werben, darum der Streit. – Doch das ist alles Nebensache, die Hauptsache ist, daß wir Heathcott los sind; wie und auf welche Art, kann uns gleich sein.«

»Aber Husfield läßt auch nicht mit sich spaßen, und wenn der uns auswittern sollte, so wird's ernst. – Ich sehe überhaupt noch nicht recht, wie wir die Spuren so verwirren wollen, daß uns die Kanaillen nicht finden. Soviel ist gewiß, wär' ich auf euren Fährten, es sollte euch schwer werden.«

»Das ließet Ihr wohl bleiben«, erwiderte Weston verschmitzt lachend, »die Sache ist verdammt pfiffig angefangen, Rowson hat das ausgetüftelt. Seht – ehe die beiden den Fluß erreichen, wollen sie wieder auf der offenen Straße reiten.«

»Auf der offenen Straße?« fragte Cotton verwundert.

»Jawohl – auf der freien, offenen Straße, damit ihre Fährten klar und deutlich sind – dann in den Fluß und dann – nicht wieder hinaus.«

»Wohin aber? Im Fluß können sie doch nicht bleiben? Wohin dann?«

»Den Fluß hinunter, bis sie aus Spürweite sind, und dann hinein in die Welt.«

»Das lange Schwimmen halten ja die Tiere nicht aus.«

»Deshalb habe ich ein Kanu unter dem vorhängenden Rohrbüschel versteckt und dort, gleich daneben noch eins. Mit Hilfe der beiden Fahrzeuge können wir die Pferde die nötige Strecke hinunterschaffen, bis wir den mir von Rowson bezeichneten Platz erreichen, und von da an müßt Ihr die Führung übernehmen, denn ich kenne den Weg nach der ›Insel‹ nicht. Johnson soll die Verfolger indessen auf die falsche Spur locken, und gelingt das, so sind wir beide außer aller Gefahr, besonders wenn es morgen ein regnerischer Tag wird. Dann jagen wir mit den Tieren durch den Wald, und haben wir erst einmal die Mississippi-Niederung erreicht, dann gute Nacht, Verfolgung. Johnson hat mir versichert, dort fänden wir überall Schutz und Hilfe, und das wissen die Schufte hier oben wohl auch recht gut, so weit hetzen sie gar nicht hinterher.«

»Ja, das ist alles recht schön und hört sich gut an, die vom Springcreek werden aber doch keine solchen Esel sein und glauben, wir wären mit den Pferden durch die Luft davongeflogen.«

»Das sollen sie auch nicht, jetzt kommt das Beste: Hier unten im Schilfbruch – das heißt nicht im Schilfbruch, sondern unterm Schilfbruch, im Flußbett, auf den Felsenplatten, steht mein Pferd, Eures...«

»Meins?«

»Euer Pferd und Johnsons zwei Schimmel. Sobald wir unsere Reise mit der frischen Sendung angetreten haben, werden diese Pferde die kleine Strecke den Fluß hinauf, der hier seicht ist, bis an die Landung gebracht, dort setzt Johnson auf und galoppiert mit den Tieren frischweg auf der Straße fort, als ob er nach den heißen Quellen hin wollte. Kommen die Verfolger erst morgen oder übermorgen, und regnet's indessen tüchtig, so war es freilich unnötig; sind sie aber den ›abgeholten‹ Pferden näher auf den Hufen, was ich fast fürchte, so werden sie natürlich die Hufspuren, die hier an der Furt auf der einen Seite in den Fluß, auf der andern wieder aus diesem herausführen, für ein und dieselben halten und ohne Bedenken, was aber die Hauptsache ist, ohne abzusteigen und die Sache näher zu untersuchen, ihnen folgen. Holen sie dann Johnson ein, so hat er ganz natürlich nicht ihre Pferde, weiß auch von denen gar nichts, und sie sehen zu spät ein, daß sie den falschen Tieren nachgerannt sind.«

»Holen sie ihn aber nicht ein?« fragte Cotton.

»Desto besser – dann nimmt er die Pferde auf einem Umwege zur Insel, meldet die bald nachfolgende Sendung und verkauft die unsrigen.«

»Was – mein Pferd?«

»Seid doch kein Narr, Cotton, einmal bekommt Ihr das Geld dafür...«

»Ja, aber wieviel? Nicht den halben Preis!«

»... und dann«, fuhr Weston fort, ohne sich unterbrechen zu lassen, »dürft Ihr Euch überhaupt vor keinem Menschen mehr hier blicken lassen und müßt die Gegend in sehr kurzer Zeit verlassen.«

»Was hat das aber alles mit meinem Pferd zu tun?«

»Daß ich Euch schlecht kennen müßte, wenn ich glauben wollte, Ihr würdet auf Eurem eigenen Pferd Abschied vom Fourche la fave nehmen«, erwiderte Weston lachend.

»Da habt Ihr recht, Weston – das war ein gescheites Wort«, stimmte Cotton zu, »und wißt Ihr wohl...«

»Schreit nicht so, weiß der Henker, ob hier nicht irgendwo jemand herumschleicht. Ich habe überdies heute nachmittag in der Gegend schießen hören.«

»Wißt ihr wohl, daß ich mir schon ein Pferd ausgesucht habe, das mir ganz mordsmäßig gefällt?«

»Und das wäre?«

»Roberts' Hengst – ein prächtiges Tier.«

»Hört, Cotton, Ihr seid gar nicht dumm. Auf dem könnt Ihr jeder Verfolgung lachen. Hu – da wird's wieder einen Spektakel geben!«

»Der Plan ist übrigens gut«, sagte Cotton nachdenkend, »ja, ja – und wie herrlich führt Rowson das Weiberzeug in der Ansiedlung an der Nase herum. Die würden Augen machen, wenn sie ihn heut abend mit zwei Pferden an der Leine durch den Wald galoppieren sähen.«

»Mrs. Roberts hält ihn für einen wahren Heiligen – nun meinetwegen. Schade ist's nur um das hübsche junge Mädchen, das ihn heiraten soll; den möcht' ich gerade zum Mann haben! Aber hört einmal, Cotton, ich muß Euch etwas fragen: Ich höre jetzt von weiter nichts mehr sprechen als immer nur von der ›Insel‹, bin sogar selbst auf dem Sprung, sie kennenzulernen, so sagt mir doch, zum Teufel, was hat das mit der ›Insel‹ für eine Bewandtnis, was für eine Insel ist es und wo liegt sie?«

»Ich darf nicht plaudern,« erwiderte Cotton geheimnisvoll. »Das ist eine Geschichte, in die zu viele verwickelt sind, und ich möchte die Zunge nicht im Munde tragen, die sich daran verbrennte. Soviel nur kann ich Euch anvertrauen, daß sie im Mississippi liegt und daß ihre Bewohner uns freundlich gesinnt sind. – Betreten habe ich sie selber noch nicht.«

»Im Mississippi, bah, da liegen viele Inseln – und freundlich gesinnt ist uns halb Arkansas und fünf Sechstel von Texas; nein, sagt mir etwas Näheres – welche Nummer ist's im Mississippi? Ihr wißt doch, daß die Inseln in dem Strom alle von oben herab unter bestimmten Nummer bekannt sind?«

»Ob ich das weiß!« erwiderte höhnisch der ältere- Gefährte. »Doch weiter darf ich Euch nichts verraten, Ihr werdet übrigens die ganze Geschichte jetzt bald genug erfahren, in wenigen Tagen sind wir dort. Bis dahin also geduldet Euch in Eurer Neugierde. Doch halt! – was war das?«

»Still!« flüsterte Weston, »das war ein Whip-poor-will. Rowson wollte das Zeichen auf diese Art geben. Sollten sie es sein? Ich will auf jeden Fall antworten, denn sicher ist ja doch alles hier.«

Er hielt die Finger an den Mund und ahmte ebenso täuschend den scharftönenden Laut des kleinen Vogels nach.

»Huhpih!« schrie Cotton, als jetzt auf einmal rasches Pferdegetrappel hörbar wurde; gleich darauf hielten die sehnlich Erwarteten am Ufer und schwenkten die Hüte zum Zeichen des glücklichen Gelingens.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.