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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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10. Die Sheriffwahl in Pettyville – Die Verfolger sind auf den Fährten

In Pettyville war Wahltag. Es sollten nämlich ein Sheriff und ein Clerk für das County ernannt werden, und einige Kandidaten hatten sich schon gemeldet. Der eine, ein wohlhabender Farmer aus der Nachbarschaft, Kowles mit Namen, hatte die Wähler mit einem Festessen, das er am vorigen 4. Juli, am Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung gegeben, auf seine Seite zu bringen versucht. Auch jetzt noch trug er stets in der Tasche ein kleines Fläschchen mit Whisky, in der andern ein Stück Kautabak, und man sagte sich, daß er, wo nur die mindeste Hoffnung sei, eine Stimme zu erhalten, mit beidem sehr freigebig umgehe. Der zweite war ein Deutscher, aber schon ziemlich lange in Amerika, und hatte den Fluß weiter hinauf einen kleinen Kramladen, der dritte dagegen ein Farmer vom Arkansasfluß, der die Stelle schon einmal bekleidet, später jedoch nicht wiedergewählt war, da er den guten Leuten, die sonst in dieser Hinsicht wirklich sehr nachsichtig waren, doch etwas zuviel trank. »Dreimal in der Woche«, hatten mehrere geäußert, »ließen sie sich ein bißchen schräg' wohl gefallen, aber alle Tage, das sei zuviel.« Jetzt sollte er sich übrigens gebessert haben und hatte sehr viele Stimmen für sich. Vattel war auch wirklich ein herzensguter Bursche, machte sehr gern einen Spaß mit, nahm nie einen Scherz übel, stand aber auch seinen Mann, wenn es sein Amt zu behaupten galt.

Um zwei Uhr sollte die Wahl beginnen, und die bis jetzt anwesenden Farmer und Jäger, die in dem kleinen Häuschen, in dem der Tisch mit den Schreibmaterialien stand, und auf dem Vorplatz versammelt waren, vertrieben sich die Zeit nach besten Kräften. Das Haus war ein gewöhnliches Blockhaus, mit einem Bett in der einen, einem Tisch in der andern Ecke. An den Wänden lehnten überall Büchsen, an allen Nägeln oder vielmehr Pflöcken (denn an Eisen war im ganzen Gebäude kein großer Überfluß) hingen Kugeltaschen und Pulverhörner, und teils auf Decken, teils auf den rauhen Dielen hingestreckt lagen mehrere Hinterwäldler und unterhielten sich höchst angelegentlich über Weiden, Wild und eine kürzlich in den Fourche-la-fave-Bergen angeblich entdeckte Goldmine.

Die eigentümlichste Gruppe bildeten aber doch wohl die auf und neben dem Bett Liegenden. Auf der untern Kante desselben, den linken Fuß gegen die Erde gestemmt, saß die lange, dürre Gestalt eines Mannes in einem sehr abgetragenen hellblauen wollenen Frack, dessen Rückenteil übrigens keineswegs aus demselben Stoff bestand wie Kragen und Ärmel. Auf dem Kopf trug er einen alten Filz, in den er an drei verschiedenen Seiten Löcher hineingeschnitten hatte, um frische Luft hindurchzulassen. Ein gleiches Experiment war mit seinen Schuhen vorgenommen, doch hier, wie es schien, weniger der Luft als der Hühneraugen wegen. Und die Beinkleider, die um die Knie herum wirklich nur noch durch einige hirschlederne Riemen zusammengehalten wurden, sahen so buntfarbig aus wie eine Landkarte der Vereinigten Staaten selbst, zu deren freien Bürgern sich Robin stolz zählte. Eine alte, abgenutzte lederne Kugeltasche hing ihm an der rechten Seite, und ein kleines Messer mit hölzernem Griff steckte vorn in seinem Gurt, der die oben beschriebenen Beinkleider verhinderte, sich ganz von seinem Körper zu entfernen, dem sie überdies nur noch teilweise anzugehören schienen.

Trotz seines sehr unabhängigen Äußern aber (wenn man das Wort unabhängig von einem Menschen gebrauchen kann, an dem wirklich alles hing) saß er sehr gemütlich auf dem höchst unbequemen, scharfkantigen Sitz und kratzte in einer so entsetzlichen Art auf einer alten Violine, daß die Hunde, die sich draußen vor der Hütte sonnten, unruhig auf ihren Plätzen hin und her rückten und augenscheinlich mit sich uneins waren, ob sie den guten warmen Platz im Stiche lassen oder noch länger das Gequietsche mitanhören sollten. Die Männer im Innern der Hütte schienen den ohrenzerreißenden Lärm übrigens gar nicht wahrzunehmen, sie schwatzten und lachten und beachteten den Spieler nicht weiter. Nur einer, ein blonder junger Farmer, der mit allen Zeichen größter Behaglichkeit in voller Länge ausgestreckt auf dem Bett, mit den Füßen nach dem Spieler zu lag, schien besonderen Anteil an dem Vortrag des ganz in sich versunkenen Künstlers zu nehmen, denn er folgte der Melodie, indem er dieselbe Weise, freilich in einer ganz andern Tonart, dazu pfiff. Der Spieler blieb aber bei einem und demselben Liede und geigte den Vers wohl fünfzigmal herunter, immer wieder, bis es selbst sein geduldiger Zuhörer endlich satt bekam. Dem zweiten Paganini mit der Fußspitze also einen gelinden Stoß versetzend, um seiner Aufmerksamkeit gewiß zu sein, rief er aus:

»Verdamm es – Robin, hier lieg' ich nun schon eine halbe Stunde und pfeife immer dasselbe Lied; könnt Ihr denn gar nichts anderes? So – das ist recht Yankee-doodle.« Und er begann aus Leibeskräften das neue Stück zu pfeifen.

»Wie ist es denn mit der Leiche geworden?« fragte ein Farmer von der Mündung des Fourche la fave, »ich habe ja gar nichts weiter drüber gehört.«

»Nun, da ist weiter nichts geschehen«, erwiderte ein anderer. »Die Männer, die sie gefunden, hatten sie mit Zweigen zugedeckt, und wir gingen alle hinaus, um den Spuren zu folgen und den andern Burschen ausfindig zu machen, der die Hand mit im Spiele gehabt. Ihr wißt aber, daß es am Nachmittag so fürchterlich zu regnen anfing, und da ließ sich dann weiter nichts mehr tun.«

»Also Brown hat ihn wirklich über den Haufen geschossen?«

»Nun natürlich«, sagte der Friedensrichter, der zu ihnen trat, »das war auch vorauszusehen. Wer zum Teufel wird sich denn solche Drohungen an den Hals werfen lassen? Aber den zweiten möcht' ich finden, der Bursche hatte sicherlich keinen Grund, und man weiß auch wahrhaftig gar nicht, auf wen man eigentlich Verdacht haben soll.«

»Es war doch verdammt viel von dem Indianer, so unterzutauchen, um eine Leiche anzuhaken. Weiß nicht, was mir einer hätte geben müssen!«

»Ach, die Rothäute sind so etwas gewöhnt – ohne den hätten wir ja auch gar nicht erfahren können, wer der Tote eigentlich sei, denn an Heathcott würde niemand gedacht haben.«

»Wenn sich der Indianer nicht so gut bei der Sache benommen hätte, würde ich auf ihn selbst Verdacht werfen«, sagte der Richter. »Brown und die Rothaut sind überhaupt immer wie Hand und Handschuh miteinander, und es wäre gar nicht zu verwundern gewesen, wenn sie hierin in einem und demselben Joch gezogen. Das scheint aber doch nicht so, denn sonst möchte sich Assowaum wohl gehütet haben, die Hand zu etwas zu bieten, was ihm gefährlich sein mußte und ohne ihn sicherlich unterblieben wäre.«

»Haben sich denn die Regulatoren schon einen andern Führer gewählt?«

»Am Sonntag wollen sie bei Bowitt zusammenkommen und alles bereden. Es leben mehrere hier in der Gegend, denen sie auf der Spur sind.«

»Ob denn das wahr ist, daß sie den Toten auch beraubt haben?«

»Geld hatte er an demselben Morgen bei sich, das weiß ich gewiß«, sagte Cook, der auf dem Bett lag und jetzt einen Augenblick zu pfeifen aufhörte, »Geld hatte er, und zwar in einem kleinen rotledernen Taschentuch inwendig in seinem Jagdhemd eingeknöpft – es war aber fort, als sie ihn fanden; natürlich haben sie das beiseite gebracht.«

»Brown nicht, darauf wollt' ich schwören!« entgegnete der Richter. »Brown halte ich für einen ehrlichen Kerl, und es kommt mir das schon sonderbar von ihm vor, daß er sich noch jemand anders zu Hilfe genommen hat, den Prahlhans unschädlich zu machen.«

»Robin«, sagte Cook vom Bett aus, auf dem er sich jetzt halb herumdrehte und dem Ebengenannten einen zweiten freundschaftlichen Stoß mit der Fußspitze verabreichte, »Robin, wenn Ihr nun nicht bald mit Eurem Yankee-doodle aufhört, so hol' ich wahrhaftig die Hunde herein; könnt Ihr denn weiter nichts als die zwei Stücke?«

Robin begann Washingtons Marsch zu spielen, und Cook beruhigte sich wieder.

»Gentlemen«, rief jetzt der Richter, »es wird Zeit, daß wir anfangen, es muß zwei Uhr sein. Übrigens fehlt uns noch ein Schreiber. Wer könnte denn von den Anwesenden die Stelle versehen, he? Cook – Ihr könnt schreiben!«

»Ja – meinen Namen; da ich aber nicht mit auf der Kandidatenliste bin, so möchte der schwerlich vorkommen.«

»Smith – Ihr denn – oder Hopper – oder Moos – was, zum Henker, kann denn keiner von euch eine Liste führen?«

»Da draußen kommt Hecker, der Deutsche, der kann schreiben«, sagte Robin, mit seinem Violinbogen nach der offenen Tür zeigend.

»He, Hecker!« rief der Richter, »habt Ihr eine Stunde Zeit, die Namensliste hier zu führen?«

»Ja – zwei oder drei«, erwiderte der Angeredete, indem er in die Tür trat, »ich will nur mit Dunkelwerden an der Salzlecke drüben über dem Berge sein. Wenn ich um fünf Uhr fortgehe, komm' ich zeitig genug.«

»Gut, dann stellt Eure Büchse dort in die Ecke. Ist sie geladen?«

»Denkt Ihr, ich schleppe ein leeres Rohr im Walde herum?«

»Nun, lehnt sie nur gut an. Ich habe immer Angst, die verdammten kurzen Dinger könnten Schaden tun.«

Hecker, ein junger Deutscher, der sich dort in der Gegend von der Jagd ernährte, auch ganz wie die dortigen Hinterwäldler gekleidet war, rückte sich einen Stuhl zum Tisch, zog das große, breite Jagdmesser, das ihm beim Sitzen unbequem war, aus der Scheide, legte es vor sich hin und fragte Smith, der neben ihm saß:

»Wär's denn nicht möglich, Robin und Cook zu bewegen, mit ihrer schauderhaften Musik aufzuhören? Die Hunde werden noch krank davon.«

»Möchte schwerhalten«, erwiderte Smith lachend, »sie glauben beide wunder wie schön sie's machen. – Aber da kommt wahrhaftig Wells! Was mag den zu uns führen, der hält sich doch sonst nicht bei Wahlen auf?«

»Er hat Wölfe gefangen – bei Gott!« rief der Richter. »Bravo, Wells, das macht Ihr gescheit, die Bestien tun Schaden genug!«

»Guten Abend zu allen!« sagte der Jäger, indem er in die Hütte trat und drei blutige Wolfskalpe auf den Tisch warf, »guten Abend, Richter – da – gebt mir einmal die BescheinigungAuf einen Wolfsskalp standen in Arkansas drei Dollar Belohnung oder Prämie, doch wurde diese nicht in bar Geld bezahlt, sondern nur ein Schein darüber ausgestellt, der als staatliches Wertpier galt. oder kauft sie mir ab, das wäre mir noch lieber.«

Wells war ein schlanker, gut gewachsener Mann mit grauen, lebhaften Augen, sonst glich aber sein ganzes Wesen mehr dem eines Indianers als eines Weißen, und viele behaupteten, daß seine Adern ebensoviel rotes wie weißes Blut enthielten. In seiner Kleidung unterschied er sich ebenfalls in nichts von den halbzivilisierten roten Söhnen der Wildnis. Wie diese trug er seinen Kopf unbedeckt, daß das lange, schwarze, glänzende Haar ihm die Schultern umflatterte, oder er band höchstens bei sehr windigem Wetter einen Streifen Baumrinde um die Schläfe, es festzuhalten. Abenteuerliche Sachen erzählte man sich auch aus seinem Leben, besonders aus den letzten Jahren, die er größtenteils in Texas zugebracht hatte. Jetzt wohnte er ganz ruhig und still auf einer wohlbebauten Farm, die er mit seinen zwei Söhnen, jungen Burschen von neun und elf Jahren, versah. Doch nur im Sommer arbeitete er, und auch dann nur die wenigen Wochen der Pflanzzeit, während der anderen Monate jagte er und stellte den Raubtieren, besonders den Wölfen, Fallen. Sonst war er harmlos und in der ganzen Gegend seines freundlichen, wenn auch rauhen Benehmens sowie seiner uneingeschränkten Gastfreundschaft wegen beliebt.

»Hört, Wells«, meinte Hecker lachend, indem er mit dem Ärmel seines Jagdhemdes das Wolfsblut von dem Schreibpapier wischte, »wenn's Euch nichts ausmacht, so legt die nassen Dinger unter den Tisch – es schreibt sich besser.«

»Oh, ich habe das Papier schmutzig gemacht – tut mir wirklich leid. Nun, man kann ja noch drauf schreiben; es ist ja bloß die eine Ecke oben. – Hier, Richter – dreimal drei macht neune...«

»Ja – neun Dollar für drei Wolfsskalpe, das ist richtig, aber Ihr müßt zuerst beschwören, daß Ihr sie wirklich selbst und in diesem County erlegt habt.«

»Das kann ich nicht – ich habe sie bloß gefangen, meine Hunde haben sie nachher totgebissen.«

»Das bleibt sich gleich, ob sie durch Eure Hand, Eure Hunde oder Eure Fallen vernichtet sind – beschwört mir das.«

»Nun, ich will verdammt sein, wenn's nicht wahr ist.«

»Gut – bei Gott!« rief Cook auf dem Bett, indem er Robin wieder einen leichten Tritt versetzte, »das verdient den Yankee-doodle«

»Lieber Wells«, sagte lächelnd der Richter, »das ist nicht der richtige Schwur. Doch der Clerk wird Euch den abnehmen; jetzt aber zu unserer Wahl – Also, Hecker, Ihr wollt schreiben, und wer sind meine beiden Mitrichter?Um die Wahlfähigkeit der stimmenden Leute zu ermitteln, werden stets drei Bürger des Staates als Richter genommen. Aha – Smith und Hawkes – setzt Euch nur, wir können anfangen.«

»Welches Datum haben wir heute?« fragte Hecker.

»Den siebenundzwanzigsten.«

»Und welchen Wochentag?«

»Nun, wißt Ihr nicht einmal den Tag? Freitag.«

»Wenn man ein paar Wochen draußen im Walde liegt, wird man ganz konfus«, erwiderte Hecker lachend. »Ich glaubte, es wäre Sonntag.«

Einer der Farmer trat jetzt vor – Hecker schrieb den Namen. »Guten Abend, Heslaw – braucht weiter keine Legitimation, nicht wahr?«

»Nein – der nicht.«

»Für wen als Sheriff?«

»Für Vattel.«

»Und als Clerk?«

»Hopper.«

»Euer Name?« fragte Smith einen zweiten, der zur Wahl gekommen war.

»Kattlin.«

»Wie lange im StaatUm zu solchen Wahlen stimmfähig zu sein, muß man sich sechs Monate im Staat und sechs Wochen im County aufgehalten haben.

»Sieben Monate.«

»Wie lange im County?«

»Acht Wochen.«

»Könnt's beschwören?«

»Jawohl!«

»Nehmt ihm den Eid ab, Clerk.«

Dieser sagte dem Mann die Eidesformel mit etwas sehr schneller Stimme vor, hielt ihm die Bibel zum Kuß hin und beendete den Schwur mit dem üblichen feierlichen : »So help you God.«

Die Wahl dauerte jetzt mit verschiedenen Unterbrechungen wohl an zwei Stunden, bis alle Anwesenden ihre Stimmen abgegeben hatten, und eben wollten die beiden Schreiber zum Schluß ihre Namen unterzeichnen, denn das Protokoll mußte, um jeden Irrtum zu vermeiden, doppelt geführt werden, als die Draußenstehenden den alten Bahrens ankündigten, der auf seinem kleinen Pony angetrabt kam.

»Noch vor dem Abfang, Gentlemen?« rief er aus, als er ins Zimmer trat, »noch vor dem Abfang – nun aber doch wohl noch zeitig genug. Hurra für Vattel das ist der Mann, Boys – trinkt manchmal sein Gläschen, ist richtig, hat aber nichts zu sagen, ist nachher immer wieder auf dem Zeug. – Schreibt Vattel, sag' ich!«

»'s war Zeit, daß Ihr kamt, Bahrens«, meinte Hecker, »ich wollte eben fort. Es ist schon fünf Uhr vorbei, und ich habe noch eine halbe Stunde zu gehen.«

»Wohin denn?«

»Zur nächsten Salzlecke; wollt Ihr mit?«

»O der Henker hole Eure Salzlecke; wir bleiben hier zusammen, nicht wahr, Boys? – Heut abend soll's eine Spree geben. Ich gehe nicht eher nach Hause, bis ich nicht mehr laufen kann, und dann bleib' ich erst recht hier.«

»Das ist brav, Bahrens!« rief Cook, der zum Tisch getreten war, »das laß' ich gelten. Ich habe zwei Hirschfelle mitgebracht, die vertrinken wir auch. Es ist ja nicht alle Tage Wahl.«

»Ich kann also gehen?« fragte Hecker.

»Geht meinetwegen zum Teufel!« knurrte Bahrens. »Boys, wer holt Whisky? In dem Laden drüben mag ich mich nicht hinsetzen, es ist mir dort so unheimlich. – Nun kommt, Hecker, trinkt erst einmal, denn die ganze Nacht dort trocken zu sitzen ist auch kein Spaß. Gott segne uns, wenn ich meine Hirsche nicht mehr am Tag schießen kann, dann geb' ich's auf; die Nacht mich draußen ins Freie zu legen, und neben mir ein Feuer zu haben, an dem ich mich nicht einmal wärmen darf, stets in Angst zu sein, daß ich einnicke und unter der Zeit mein Feuer ausgeht, ein Hirsch zur Salzlecke kommt und mich schnarchen hört – nein – das ist mein Geschmack nicht. Gut, ich hindere Euch nicht – habt Euern Willen – ich brauch' Euch nicht zu pflegen, wenn Ihr krank werdet, aber halt – das müßt Ihr noch hören, wie's mir einmal in Texas an einer Salzlecke ging.«

»Aber schnell« sagte Hecker, der schon seine Büchse schulterte, »ich möchte nicht gern die Zeit versäumen.«

»Wär auch schade, wenn Ihr das Gewitter nicht ganz auf den Pelz bekämt, was da heraufzieht, wär wirklich schade. Also, ich lag auch eines Nachts (damals war ich eben solch ein Narr, wie Hecker jetzt ist, und saß Tag und Nacht draußen) mit der Büchse an einer Salzlecke. Wild war in Unmasse in der Gegend, und ich hatte mich ein wenig früh an Ort und Stelle gemacht, um eine gehöre Menge Felle die Nacht zusammenzuschießen. Es war also kaum dämmrig, als ich, neben einem tüchtigen Haufen Kienholz und unter einem leicht aufgebauten Gestell, niedergekauert war. Da hört' ich auf einmal, gar nicht weit entfernt, ein fürchterliches Getöse und Geschrei, als ob ein paar tausend Panther am Heulen wären. Der ganze Wald bebte – ich hörte den Lärm nicht nur, ich fühlte ihn ordentlich –, und (doch hier muß ich erst noch bemerken, daß ich etwa eine Viertelstunde von einem großen Baumwollfeld und in einer sehr niedern sumpfigen Gegend lagerte) ehe ich mich daher recht ordentlich besinnen konnte, brauste es herbei, und nieder kam's auf mich wie ein Unwetter. Was meint Ihr aber, daß es gewesen wäre?«

»Das mag der Teufel raten.«

»Wilde Gänse – ein paar tausend wenigstens. Mein Gestell warfen sie mir ein, mein kleines Feuer, das ich eben angefacht hatte, schlugen sie mit den Flügeln aus, und mich selbst behandelten sie, als ob ich gar nicht existiert hätte. Ich aber nicht faul, zog mein Jagdmesser heraus und fing an auszuholen. Die mir am nächsten waren, merkten nun wohl, daß sie unter dem falschen Baum gebellt hatten, zu spät aber, denn ehe sie sich wieder von ihrem Schreck erholen und das Alarmzeichen geben konnten, hatte ich nicht schlecht unter ihnen aufgeräumt. – Wie sie fort waren, zählte ich einundfünfzig Gänse und achtundfünfzig Köpfe, die geblieben waren.«

»Was? Sieben Köpfe mehr? Wo waren denn die Gänse geblieben?«

»Die, denen die Köpfe gehörten? Die fand ich am nächsten Tag. So dicht waren sie geflogen, daß die toten von den lebendigen Vögeln mit in die Luft und wohl fünfhundert Schritt weit fortgenommen waren. – Gute Nacht, Hecker, gute Nacht – rennt der Kerl! – und wie er die Beine wirft!«

»Bahrens, Ihr seid noch immer der alte!« sagte der Richter. »Nichts als Unsinn, und lügen könnt Ihr, daß die Fenster anlaufen.«

»Das wäre eine Kunst hier!« rief Bahrens höhnisch. »Fenster anlaufen? Ich glaube, es sind keine zwei Glasscheiben im ganzen County, die ausgenommen, die Smith da auf der Nase trägt. – Was hilft mir denn aber mein Erzählen, wenn Ihr kein Wort davon glaubt? Warum tut Ihr die Mäuler nicht auf? Na, da kommt wenigstens der Whisky.«

»Wenn's nicht gleich so dicht hinter Bahrens' Geschichte herkäme«, sagte Curtis jetzt, »so möcht' ich Euch erzählen, was mir gestern nacht passiert ist. 's ist aber auf mein Wort wahr, und Ihr braucht nicht drüber zu grinsen, Bahrens.«

»Hört Ihr jemals, daß ich solche Entschuldigungen einer von mir erlebten Begebenheit vorausschicke? Nie – das macht sie immer verdächtig«, erwiderte Bahrens kopfschüttelnd.

»Das habt Ihr auch gar nicht nötig!« sagte der Richter lachend. »Bei Euch bleibt sich's immer gleich. Aber weiter, Curtis, weiter – und seid so gut und laßt noch einen Tropfen von dem Stoff da im Becher.«

»Ich war gestern abend wieder am Petite-Jeanne«, begann Curtis, »um nach den Schweinen zu sehen, von denen mir Bahrens neulich erzählt hatte, als wir später durch die Leichensucherei abgehalten wurden. Gut – ich kroch den ganzen Tag im Busch herum und sah überall, wo sie gelaufen waren, konnte aber keinen Schwanz von ihnen finden. Endlich gegen Abend, es fing schon an dunkel zu werden, sah ich was Helles in einem kleinen Papaodickicht stehen, und richtig war's die alte Sau mit den Ferkeln (ich habe aber nur zehn gesehen, Bahrens redete von elfen, vielleicht hat der Bär eins gefangen). Wie ich mich also überzeugt hatte, daß es wirklich Vaters Zeichen war, was sie in den Ohren trug, ein Loch im linken und einen Schlitz im rechten, so ließ ich sie zufrieden, um sie nicht unnötigerweise scheu zu machen. Da aber an dem Abend doch weiter nichts mit ihnen anzufangen war, streute ich ihnen nur ein paar Kolben Mais hin, die ich in der Kugeltasche mitgenommen hatte, und sah mich nach einem vernünftigen Fleck zum Schlafen um.

Den Petite-Jeanne-Sumpf hab' ich auf dem Strich. Alles naß und feucht, und Moskitos so dicht, daß man nicht durchsehen kann. Nach langem Suchen fand ich einen trockenen Platz, zündete ein Feuer an, wickelte mich in meine Decke und legte mich nieder. Hunde hatt' ich nicht mitgenommen, weil ich die Schweine nicht scheu machen, auch überhaupt nicht jagen wollte, und müde vom vielen Umherrennen schlief ich bald genug ein. Wie lange ich gelegen haben mag, weiß ich nicht, denn die Bäume standen so dicht, daß ich kaum über mir ein paar Sterne erkennen konnte. Plötzlich aber wachte ich auf, und da war's mir, als ob ich irgendwas leise um mich herumschleichen hörte. Ich horchte lange und aufmerksam und hatte meine Büchse gespannt neben mir. Da ich aber nichts weiter hören konnte, überredete ich mich zuletzt, ich hätt' es bloß geträumt, und legte mich wieder nieder; doch ging mir die Sache im Kopf herum. Ohne Hund befand ich mich nämlich in einer keineswegs angenehmen Lage, wenn mir so ein alter Panther in aller Freundschaft auf den Hals gesprungen wäre, wie's dem Dipolt da vor nicht gar langer Zeit am Washita begegnete. Halb im Schlaf, halb im Wachen lag ich also und horchte immer noch auf das geringste Geräusch, als ich dieselben Laute wieder zu vernehmen glaubte. Leise zog ich die Decke vom Gesicht, da war's mir, als ob ich etwas atmen hörte, deutlich und nahe, und fast in demselben Augenblick fühlte ich auch den heißen Atem irgendeines lebenden Wesens in meinem Gesicht. Trotz der Dunkelheit konnte ich einen dicht über mich hinggebeugten schwarzen Gegenstand erkennen, und ganz erstaunt vor Schreck und Überraschung blieb ich wirklich regungslos liegen und erwartete, was das rätselhafte Geschöpf über mir beginnen würde. Ein Panther konnt' es nicht sein, das wußt' ich, denn der hätte mich lange an der Kehle gehabt. Das war aber auch der einzige Gedanke, den ich zu fassen vermochte. Ich besann mich nicht einmal auf mein Messer im Gürtel, um wenigstens etwas zu meiner Verteidigung zu haben, sondern lag nur wie tot da und starrte auf den dunklen Gegenstand dicht über mir, dessen glänzendes Auge ich selbst in dieser Dunkelheit matt leuchten sehen konnte.

Ich weiß nicht, ich bin sonst nicht gerade furchtsam, hier aber war ich wirklich wie behext, und so machtlos, daß ich die sichere Beute irgendeines Raubtieres gewesen wäre, das sich die Mühe genommen hätte, mich anzufressen.«

»Und das Tier?« fragten alle.

»Auf einmal konnte ich wieder die Sterne über mir erkennen und fühlte den heißen Atem nicht mehr – gleich darauf hörte ich auch die leisen, sich entfernenden Schritte. Mein Besuch hatte mich verlassen, und ich atmete so frei auf, als ob ich vom Tode erstanden wäre.«

»Ja, aber – brannte denn das Feuer nicht mehr?«

»Es glimmte noch, denn ich hatte am Abend vorher lauter trockenes Hickoryholz zusammengeschleppt.«

»Nun, was machtet Ihr denn nachher?«

»Ich kann mich nicht einmal mehr ordentlich darauf besinnen. Erst wollt' ich vor allen Dingen aufstehen und das Feuer schüren, dann wollt' ich mein Messer aus der Scheide ziehen und neben mich legen oder es gar in der Hand behalten, dann wollt' ich mich mit dem Rücken an einen Baum lehnen, um aufrecht sitzen zu bleiben, weiß aber nicht, wie es kam – ich muß wieder eingeschlafen sein, denn als ich munter wurde, war es heller Tag.«

»Das ist doch eigentümlich«, sagte der Richter, »was kann es nur gewesen sein? Saht Ihr denn nicht nach den Fährten?«

»Eigentümlich«, brummte Bahrens, »ich hätte die Geschichte erzählen sollen, da wäre wieder von weiter nichts als ›Unsinn und Lügen‹ geschwatzt worden – und jetzt ist sie ›eigentümlich‹.«

»Natürlich sah ich nach den Fährten«, antwortete Curtis, »auf der Stelle selbst konnt' ich jedoch nichts erkennen, der Boden war trocken, und das Laub lag sehr hoch, etwas davon entfernt aber kam ich an die Spuren eines merkwürdig großen Bären, und das mußte auf jeden Fall mein Nachtwächter gewesen sein.«.

»Das tun diese Bestien«, meinte Smith, »ich weiß es aus Erfahrung, denn ich hatte vor zwei Jahren einen zahmen Bären, der stand mehrere Male des Nachts auf, kam an mein Lager und guckte mir gerade ins Gesicht – 's ist ein komisches Viehzeug!«

»Apropos, Curtis«, fragte der Richter jetzt, »Ihr habt doch versprochen, mir in diesem Frühjahr einen jungen Bären zu fangen; meine Frau möchte gar zu gern einen haben. Ist's denn nicht mehr möglich?«

»Jetzt ist's nun freilich zu spät, im Mai laufen die kleinen Kanaillen schon wie die Pferde. Ich bin übrigens im Februar und März sechs Wochen deswegen im Wald nach allen Richtungen umhergekrochen, bin sogar zweimal nach den Magazinbergen hinübergegangen, um dort in ein paar Höhlen, die ich wußte, nachzusuchen, 's war aber nichts zu machen. Hätte selbst gern einen kleinen, zahmen Petz – sie sind gar zu lieb.«

»Torheit«, sagte Bahrens, »unbeholfene Dinger werden's. Schon im ersten Jahr werfen sie das Glaszeug und Geschirr aus den Regalen, ziehen das Tischtuch vom Tische mit allem, was draufsteht, zerren die Bienenstöcke um, beißen sich mit den Ferkeln und schütteln die Pfirsichbäume. Nein, da gibt's noch manche andere Tiere, die harmlos sind und ebenso vielen Spaß machen. In Nord-Carolina hatte ich einen zahmen Hering, der lief mir durchs ganze Haus nach.«

»Halt, Bahrens – verschnappt Euch nicht«, wehrte der Richter lachend ab, »einen Hering auf dem Trocknen, wie lange sollte der leben?«

»Leben!« rief der alte Jäger voller Eifer, »leben! Ein Tier kann sich an alles gewöhnen. Der war in seiner Jugend auf eine Sandbank geworfen und hatte nie wieder Wasser gesehen – ich mußte ihm nur jeden Tag frischen Sand geben. Jetzt hab' ich ein kleines Ferkel«, fuhr Bahrens, ohne einen weiteren Einwurf zu beachten, fort, »ein wunderbares Ding – und doch keineswegs ›eigentümlich‹. Es sieht aber gefleckt aus wie ein Hirschkalb, und der kleine Schwanz ist ihm so merkwürdig fest zusammengedreht, daß es schon seit drei Wochen die Hinterbeine nicht mehr auf die Erde gebracht hat.«

»Hurra für Bahrens!« schrie Curtis, verstummte aber plötzlich und rief: »Heda, war das nicht eben ein Schuß?«

»Ja – ich glaube, ich hörte es auch«, entgegnete Bahrens. »Hecker wird's gewesen sein. Die Salzlecke war lange nicht bewacht, an der er heut abend sitzt, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er ein paarmal zum Schuß käme.«

»Hallo im Haus!« rief plötzlich eine Stimme vor der Tür, und die Hunde schlugen scharf und gellend an.

»Da rief jemand«, sagte der Richter.

»Hallo im Haus!« wiederholte die Stimme draußen und diesmal so laut, daß sie selbst das Gebell und Geheul der Hunde übertönte.

»Hallo da draußen – was gibt's?«

»Bringt ein Licht her – wollt Ihr?«

»Wer ist da?«

»Husfield vom Springcreek und einige Freunde. Kann man hier Kienholz oder ein paar Pfund Wachs bekommen, um große Lichter draus zu machen?«

»Ja«, rief Eastley, »Wachs hab' ich zwar nicht, doch Kien genug. Der muß übrigens erst gespalten werden, und Ihr steigt indessen lieber ab und kommt herein. Ruhig, ihr Hunde!«

»Husfield? Was, zum Henker, bringt Euch hier in der Nacht her«, rief der Richter, der, von Cook gefolgt, vor die Tür trat, »wen habt Ihr da bei Euch?«

»Freunde vom Springcreek!« erwiderte der Angeredete, wechselte einige Worte mit seinen Begleitern, stieg dann ab und kam ins Haus.

»Guten Abend, Gentlemen! Ist einer hier unter euch, der die Furten im Fourche la fave kennt und auf ein paar Stunden unser Führer sein möchte?«

»Was habt Ihr denn, seid Ihr jemandem auf der Spur?«

»Niederträchtige Schufte«, rief Husfield, »haben mir in der Nacht vom Mittwoch auf den Donnerstag sechs Pferde gestohlen. Glücklicherweise merkte ich's gleich am andern Morgen, eigentlich schon in der Nacht. Ein paar von meinen außerhalb weidenden Pferden kamen nämlich zum Hause, was sie sonst nie tun, wenn sie nicht von Fremden oder Wölfen geängstigt werden. Ich konnte aber natürlich im Dunkeln die Spuren nicht aufnehmen, rief jedoch noch vor Tagesanbruch meine Nachbarn zusammen, und mit der ersten Helle begannen wir die Verfolgung. Die Spuren waren natürlich breit genug, nach kurzer Zeit teilten sie sich aber, und drei gingen rechts, die anderen drei links. Nicht ohne Grund vermuteten wir, daß dies bloß eine List sei, um einen, der den Fährten folgen möchte, irrezuführen. Da wir nun fünf waren, so teilten wir uns, um ganz sicherzugehen, und wurden über die nördlichen Bergrücken vom Petite-Jeanne und durch die Magazinberge durch solch fürchterliche steinige Strecken kreuz und quer geführt, daß ich noch jetzt nicht begreife, wie es die Pferde ausgehalten haben. Das nahm uns natürlich viel Zeit weg, denn die Schufte waren im Zickzack und zwar, um uns von den Fährten abzubringen, auf Stellen herumgeritten, wo man eine Hufspur kaum erkennen konnte. Endlich aber mußten sie sich doch sicher geglaubt haben, denn an den Quellen des Panthercreeks, wo er sich südlich nach dem Petite-Jeanne hinunterzieht, hatten sie sich wieder vereinigt und sind von hier an im offenen Walde dem Fluß zu geritten, bis sie die Straße erreichten, was wahrscheinlich gestern abend geschehen ist. Von dort folgten sie, so unverschämt wie möglich, eine Strecke lang dem gebahnten Wege. Erst mit Tageslicht, schien es, hatten sie sich wieder in den Wald geschlagen und, um sich und die Pferde ein wenig verschnaufen zu lassen, gelagert, auch die Tiere gefüttert – Gott weiß, wo sie den Mais herbekommen haben, auf jeden Fall gestohlen. Wir mußten ebenfalls eine kurze Zeit ruhen, wollten auch unsere Tiere nicht zu arg abhetzen, da uns die Burschen jetzt ziemlich gewiß sind. Nur auf gut Glück folgten wir übrigens seit Dunkelwerden der Straße, die sie ein paar Meilen von hier wieder betreten hatten, und hielten es jetzt für besser, sicherzugehen und die Nacht hindurch langsam mit Fackeln auf der Fährte zu bleiben. Da sie aber auf jeden Fall den Fluß gekreuzt haben, so möchten wir jemanden mitnehmen, der die Furt kennt, damit wir nicht unnütz aufgehalten werden.«

»Ihr tut sehr wohl, auf den Fährten zu bleiben«, sagte Cook, »denn vor morgen früh regnet's auf jeden Fall. Die Sonne ging höchst verdächtig unter.«

»Ich glaub' es auch«, erwiderte Husfield. »Um so mehr Ursache haben wir aber, die Verfolgung zu beschleunigen – oh, das ist genug Kien, Eastley, das tut's. – Wenn die Burschen sich nur die Nacht durch auf der Straße gehalten haben, was ich keinen Augenblick bezweifle, so müssen wir sie mit Tagesanbruch einholen, wenigstens nicht weit mehr hinter ihnen sein.«

»Weshalb sollen sie aber der Straße folgen?« fragte Cook. »Nach den heißen Quellen hinüber, glaub' ich doch unmöglich, daß sie die Pferde führen können. Die einzige Hoffnung, die sie haben, glücklich fortzukommen, wenn sie wirklich nicht gleich verfolgt würden, ist, den Arkansas zu erreichen. Aber auf eine augenblickliche Verfolgung müssen sie doch stets rechnen und darauf gefaßt sein.«

»Das ist wahr«, meinte Husfield nachdenklich, »doch wir werden es ja sehen, wenn wir ans andere Ufer des Fourche la fave kommen. Wollen sie zum Arkansas, so müssen sie sich von dort an durch den Wald schlagen, um die untere Straße zu erreichen. Dann vermögen wir freilich nichts zu tun, als bis morgen früh zu warten. Sind sie aber am andern Ufer wieder der Straße gefolgt, so ist das ein sicheres Zeichen, daß sie nach den heißen Quellen wollen, und wir könnten dann in aller Bequemlichkeit der breiten Straße nachreiten.«

»Wenn wir nur den Indianer aufzutreiben wüßten«, sagte der Richter, »der ist ausgezeichnet auf einer Fährte und würde von wesentlichem Nutzen sein. Gott weiß aber, wo er steckt.«

»Vielleicht war es der, den wir bei der Salzlecke hier oben trafen, der sprach gebrochen Englisch. Es dunkelte schon stark, und ich konnte sein Gesicht nicht ordentlich erkennen.«

»Nein, das ist ein Deutscher – gingen denn die Fährten dort vorbei?«

»Ja – in vierhundert Schritt. Sie müssen noch ganz in der Nähe sein. Er sagte uns, daß er die Männer, als er eben angekommen und noch kein Feuer gehabt, gesehen, sie aber nicht hätte erkennen können, doch wäre ihm die Gestalt des einen sehr bekannt vorgekommen. – Denkt Euch, nur zwei von den Kanaillen haben alle sechs Tiere fortgeführt. Die müssen's aus dem Fundament verstehen.«

»Wie fandet Ihr denn den Deutschen?«

»Wir kamen auf der Straße herunter, sahen die Kienflamme, die auf dem Gestell brannte, und ritten hin, um ihn aufs Geratewohl zu fragen. Der Jäger selbst sitzt, wie Ihr wißt, im Dunkeln. Unsere Gegenwart schien ihm aber nicht besonders angenehm zu sein; da wir ihm das Wild von der Salzlecke fernhielten, so blieben wir dort auch nicht lange.«

»Wer nur die Pferdediebe sein mögen?« meinte der Richter. Wundern sollte mich's gar nicht, wenn dieser Halunke, der Cotton, die Hand mit dabei im Spiele hätte. Gesehen worden ist er vor einiger Zeit hier in der Gegend, und die Constabler haben auch den Auftrag erhalten, ihn einzufangen. Er muß aber Wind bekommen haben, denn er war auf einmal fort, ließ sich wenigstens nicht mehr öffentlich sehen.«

»Der entgeht dem Zuchthaus nicht«, sagte Smith.

»Zuchthaus?« fragte Husfield ärgerlich, »glaubt Ihr, daß wir lange Umstände mit ihm machen, wenn wir ihn mit den Pferden einholen? Seht Ihr das hier?« er zog bei diesen Worten einen dünnen Strick aus gedrehtem Leder hervor, den er dem Richter entgegenhielt, »so wahr ich Husfield heiße, hängt der Schuft an demselben Baum, unter dem wir ihn fassen. So lange Zeit zum Beten soll er haben, als ich brauche, die Schleife zu machen – nicht eine Sekunde mehr. Den Kanaillen müssen wir einmal Ernst zeigen, sonst ziehen sie uns noch das Fell über die Ohren.«

»Aber die Gesetze«, sagte der Richter kopfschüttelnd.

»Die Gesetze sind recht gut für dort, wo sie gegeben werden, und in den Städten anzuwenden; hier im Walde ist das jedoch etwas anderes. Kommt mir gerade so vor, als ob wir Hinterwäldler uns hier hinsetzten und für die Stadtleute in New York Gesetze machen wollten – sie würden die Hälfte von alledem, was wir zusammenbrächten, nicht gebrauchen können, und wir würden sieben Achtel von dem vergessen haben, was ihnen dort unumgänglich nötig ist. Nein, laßt jedes Land seine eigenen Gesetze aufstellen, die passen auch nachher. Wenn ich mir eine Scheide zu meinem Messer in einem Laden gleich fertig kaufe, nun ja, da find' ich wohl so ein Ding, wo es zur Not hineingeht, ordentlich schließt's aber nie, und eh' ich mich's versehe, hab' ich das Messer im Wald verloren. So ist's mit den Gesetzen. Es sieht so aus, als ob sie paßten, bis Ihr in den Wald kommt; da hapert's nachher an allen Ecken und Enden. Solange wir uns selbst beschützen müssen, solange wollen wir auch unsere eigene Gerichtsbarkeit ausüben, und – soll ich erst einmal durch andere beschützt werden, nun, dann zieh' ich weiter westlich. – Also, wer geht mit?«

Cook, Curtis und mehrere andere waren sogleich bereit, und von Curtis geführt, der als alter Ansiedler dort jeden Fußbreit Weges kannte, erreichten sie bald die Straße, die von Nord nach Süd den Fourche la fave kreuzte; dieser folgten sie und fanden hier auch bald in der weichen Erde die Hufspuren, von denen Husfield beteuerte, er wolle sie unter Tausenden heraus als die seiner Pferde erkennen.

Der Himmel hatte sich indessen ganz bezogen, und ein feiner, durchdringender Staubregen fing an niederzufallen. Wenn er aber auch nach und nach die Kleider der Männer durchnäßte, vertilgte er doch bis jetzt noch nicht die Spuren.

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