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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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8. Ein Morgen in der Blockhütte – Die Blutspuren – Assowaum taucht nach dem Toten

Auf den dichtbelaubten Pfirsichbäumen, die das Blockhaus umstanden, krähten die Hähne und verkündeten den nahenden Morgen, draußen im Walde antworteten die wilden Welschhühner, und im Osten begannen die Sterne zu erbleichen. Da erhoben sich in der Hütte die drei Frauen, Mrs. Bahrens mit ihren beiden Töchtern, vom Lager, um sich in dem Raum, den sie mit so vielen Fremden teilen mußten, anzukleiden, ehe es heller wurde. Vorsichtig schritten sie dann über die am Feuer Lagernden hinweg und bliesen die verglimmende Glut wieder zu lebendigerem Feuer an. Bald loderte auch, von hellflackernden Kienspänen genährt, eine wärmende Flamme empor, die große blecherne Kaffeekanne wurde auf Holzscheite gestellt und schnell angerührter Brotteig flach geschlagen und auf eiserne Deckel vor die Glut gestellt.

»Ich hab' es dem Vater nun wohl fünfzigmal gesagt«, brummte die Frau, als sie die gebrannten Kaffeebohnen in einen Blechbecher tat und auf dem Herdstein mit dem Griff des Tomahawks zerstieß, »er sollte mir von Morrisons Bluff oder Little Rock eine Kaffeemühle mitbringen, aber nein – Gott bewahre. An seine Jagdgerätschaften denkt er, doch wenn's einmal etwas für mich ist, da kann ich's wer weiß wie viele Male sagen. Gestern war er wieder drüben im Laden, den Whiskykrug, den vergaß er nicht, o nein – aber die Kaffeemühle...«

»Brumme nicht, Alte!« rief Bahrens aus dem Bett herüber, »nicht räsonieren!« –

»Ach, es ist wahr!«

»Nein, es ist nicht wahr – greif einmal dort in die Ecke, wo das Salzfäßchen steht – mehr rechts – so – wie heißt das Ding?«

»Ei, meiner Seele eine Kaffeemühle, und da läßt du mich hier in einem fort stoßen!«

»Wenn ich die Augen zu habe, kann ich doch wohl nicht sehen, was du machst?«

»Hört einmal, Roberts«, sagte Harper jetzt und setzte sich im Bett auf, »mit Euch zu schlafen ist wahrhaftig eine Kunst – Ihr seid gar nicht unverschämt.«

»Nun, Ihr werdet mir doch wohl die Hälfte vom Bett zugestehen!« murmelte Roberts, noch halb schlaftrunken.

»Allerdings«, erwiderte Harper, »aber nicht aus der Mitte heraus, daß ich an beiden Seiten liegen muß, um mein Teil zu haben – das ist gegen alles Völkerrecht.«

»Allons, Boys – get up! get up!« rief nun der alte Bahrens, der an den Kamin getreten war und die Whiskyflasche hoch emporhielt. »Hier ist ein Magenstärker – wer will sein Bitteres?«

Das tat seine Wirkung, alles sprang auf die Füße, nur der Yankeekrämer lag noch und schnarchte, als ob im ganzen Haus Totenstille herrschte. Curtis bearbeitete seine Rippen lange vergebens und behauptete zuletzt fluchend, der Bursche sei so lang, daß man ihn nur stückweise wecken könne. Als die Sonne ihre ersten Strahlen durch die feurig erglühenden Baumwipfel sandte, saßen die Männer um den Frühstückstisch herum, während die Mädchen draußen die Pferde fütterten und Schweine und Hühner von den Trögen scheuchten.

»Aber sagt einmal, Bahrens«, fragte Roberts während der Mahlzeit, »was wird denn jetzt aus unserer Schweinejagd? Wenn wir dem Mord nachspüren wollen, müssen wir die Schweine laufen lassen, und da wird meine Alte schön brummen.«

»Nun, Ihr könnt ja ein andermal wieder herüberkommen; überdies glaub' ich, daß wir sie ziemlich alle, die natürlich ausgenommen, die von den Bären gefressen sind, etwa zwei Meilen weiter den Fluß hinunter antreffen werden. Ich habe vorgestern eine Menge mit Eurem Zeichen bemerkt, und apropos – auch die Sau, die Eurem Vater gehört, Curtis, der der Bär das Stück Fett aus dem Nacken gebissen hat.«

»Was, die lebt noch?«

»Ja, und hat elf allerliebste Ferkel bei sich.«

»Den Teufel auch!« rief Curtis. »Hört, Bahrens, haltet reinen Mund darüber. Ich sprach noch vorgestern mit dem Alten über die Sau, und er hält sie für tot. Die kauf' ich ihm ab, ›wie sie im Walde läuft‹, das heißt, auf Finden und Nichtfinden. Für einen Silberdollar bekomme ich sie, und dann treib' ich sie heim.«

»Auch nicht übel!« Harper lachte, »jetzt will der seinen eigenen Vater betrügen.«

»Das ist doch kein Betrug!« verteidigte ihn der Krämer. »Wer auf ehrliche Weise einen Dollar verdienen kann, betrügt niemanden. Sein Vater ist ja nicht verpflichtet, ihm die Sau zu verkaufen.«

»Das wäre auch das letzte, was ein Yankee verdammen würde«, sagte Bahrens, der ruhig zugehört hatte. »Aber jetzt fort, Boys – die Sonne ist auf, und wir dürfen keine Zeit verlieren. Ist es wirklich ein Mord, der da verübt wurde, so wär's jetzt vielleicht noch möglich, die Täter einzuholen; ich glaube aber noch immer, Ihr habt Euch geirrt. Erstlich bin ich gestern morgen dort vorbeigeritten, und dann muß Mr. Brown dieselbe Richtung gekommen sein.«

»Brown?« fragte Harper schnell, »Brown? Wie geriet denn der in diese Gegend? Er wollte ja nach Morrisons Bluff hinüber.«

»Das sagte er auch, und wenn er geradeswegs vom Fourche la fave kam, so war das freilich hier ein Umweg. – Doch fort – fort. Mittags können wir wahrscheinlich wieder zu Hause sein.«

Die Jäger nahmen jetzt von den Frauen Abschied, ritten durch die untere Furt, wobei sich Assowaum hinter Harper aufsetzte, und fort ging's in scharfem Trab der Stelle zu, wo sie gestern die verdächtigen Zeichen gefunden hatten.

»Halt! Dort ist der Platz!« rief der Indianer und sprang vom Pferd, »wir dürfen nicht weiterreiten, damit wir den Boden nicht mehr zerstampfen, als nötig ist.«

Die Reiter stiegen schnell ab und befestigten die Pferde an niederhängenden schwankenden Weinreben, daß sie die Zügel nicht zerreißen konnten. Assowaum aber schritt voran der Spur nach, die auf dem weichen Boden eingedrückt war. Er beugte sich aufmerksam nieder und untersuchte genau jedes liegende Blatt, jeden Grashalm, stand dann wieder auf und schritt leichten Ganges neben den Spuren bis dorthin, wo das erste Blut sichtbar wurde. Kaum aber hatte er sich hier umgesehen, als er ein lautes, tiefes »Wah!« ausstieß, das schnell die Jäger um ihn sammelte. Er wies auf die Umgebung, und die Greueltat ließ sich nicht mehr verkennen.

Der Platz lag gerade am Fuße einer umgestürzten Fichte, aus deren Wurzelhöhlung ein dichtes Gewirr von Brombeersträuchern und dornigen Schlingpflanzen aufgewachsen war. Ein Pferd hatte dieses kleine Dickicht umgehen wollen, die Hufspuren führten halb herum, als irgend etwas, wahrscheinlich das mörderische Blei, den Reiter aufgehalten haben mußte. Dort lag das erste Blut; aber der Unglückliche war noch nicht gestürzt, das Pferd hatte einen Sprung gemacht.

»Die Kugel muß das Pferd getroffen haben«, meinte Roberts, »sonst wäre der Reiter doch wohl heruntergefallen?«

Assowaum wies schweigend auf einen nahebei stehenden Hickorybaum, an dessen hellgrauer Rinde, wohl acht bis neun Fuß vom Boden, deutliche Blutspuren sichtbar waren.

»Wahrhaftig!« rief Harper entsetzt, »an den Hickory ist er mit dem Kopf geschlagen, und hier ist auch die Stelle, wo er stürzte.«

Der Boden war dort von vielen Fußtritten zerstampft, der Ermordete mußte sich augenscheinlich gewehrt haben, und einzelne Zweige zeigten, wo er sich mit letzter, verzweifelter Kraft an sie geklammert und die Blätter abgestreift hatte. Dort war er auf ein Knie niedergesunken – dickes, dunkles Blut bedeckte an dieser Stelle den Boden – und nie wieder aufgestanden. Doch ja, dort war Blut gegen den Stamm einer Zypresse gespritzt. Unter diesem Baum war auch die Leiche eine Zeitlang liegengeblieben; die Lage, mit dem Rücken über die scharfe Wurzel gekrümmt, hätte kein Lebender ausgehalten.

Die Männer starrten schweigend und schaudernd auf diese schrecklichen Zeichen des Mordes; denn Mord war es, ein Kampf hatte nicht stattgefunden, höchstens eine verzweifelte Verteidigung. Der Tote war von seinem Pferde herabgeschossen oder -gezerrt und erschlagen.

»Kommt!« sagte Assowaum und folgte jetzt der Spur bis zum Ufer des Flusses, vorsichtig dabei im Gehen jede Spur untersuchend. »Zwei haben ihn getragen.«

»Das fanden wir gestern schon – die Zeichen gehen bis an die Uferbank.«

»Hier hat er gelegen, und zwei haben hier gestanden – was ist das? Da ist ein Messer – blutig.«

»Ein Federmesser, beim ewigen Gott – mit dem können sie den Menschen doch nicht umgebracht haben?«

»Zeigt mir einmal das Messer«, sagte Roberts, die Hand danach ausstreckend, »vielleicht erkenn' ich es.«

Harper beugte sich vor, und beide beschauten es genau, endlich meinte Roberts kopfschüttelnd:

»Habe das Ding nie gesehen – ist noch neu.«

Harper erkannte es ebenfalls nicht, auch den übrigen Männern war es fremd.

»Ich will es an mich nehmen«, sagte Roberts endlich, »vielleicht kommen wir dadurch auf eine Spur, doch das Blut wasch' ich ab. Es sieht gar zu schrecklich aus.«

»A-tia«, rief Assowaum jetzt und zeigte auf eine frisch aufgegrabene Stelle im Busch, nicht weit von dort entfernt, wo die Leiche gelegen hatte, »was ist das da?«

»Dort haben sie den Körper begraben«, rief der Krämer.

»Nein, bewahre«, sagte Curtis, der hinzugetreten war, »das Loch ist ja kaum groß genug, ein Opossum darin zu verscharren, viel weniger einen Menschen. Aber gegraben ist hier, und zwar mit einem breiten Messer; doch ist die Erde, die hier herausgenommen wurde, nicht mehr da; wozu können sie nur die Erde gebraucht haben?«

Assowaum betrachtete genau die Stelle zwischen dem Ort, wo die Leiche gelegen hatte, und der kleinen Grube, dann sagte er, sich aufrichtend:

»Wenn sich die Luft in den Kleidern fängt, schwimmt ein Körper manchmal und bleibt an irgendeinem vorragenden Busch oder Baum hängen – ist der Körper aber mit Erde gefüllt, so sinkt er unter.«

»Schrecklich! Schrecklich!« rief Roberts, »dazu also das kleine Messer – die Leiche wurde aufgeschnitten. Gentlemen, das ist eine fürchterliche Tat. Wer mag nur der Unglückliche sein?«

»Die Flut verbirgt das«, erwiderte Harper dumpf, »wer weiß, ob es je an den Tag kommt. Aber – was macht der Indianer? Was willst du tun, Assowaum?«

»Ein Seil machen und tauchen«, sagte dieser, indem er von einem nicht sehr entfernt stehenden kleinen Papaobaum die Rinde abschälte und zusammenknüpfte.

»Tauchen? Nach der Leiche?« fragte Roberts entsetzt.

»Jau e-mau«, flüsterte der Indianer, mit der Hand auf das Wasser zeigend, »er ist da!« und dabei warf er Jagdhemd, Leggins und Mokassins ab und wollte eben in das Wasser springen.

»Halt!« sagte der Krämer, der indessen diese Vorbereitungen mit großer Aufmerksamkeit beobachtet hatte und jetzt begriff, was Assowaum beabsichtigte. »Wenn Ihr das Seil um die Leiche binden wollt, so dauert es zu lange – hier ist ein Fischhaken.« Dabei nahm er ein kleines Paket aus der Tasche, das alle möglichen Arten von Angelhaken enthielt, woraus er einen der größten dem Indianer reichte.

»Das ist gut«, rief dieser freudig, befestigte den Haken schnell an der zähen Papaorinde, schaute noch einmal auf die Stelle zurück, wo der Leichnam den Fluten übergeben worden war und verschwand im nächsten Augenblick an der Schreckensstelle.

Totenstille herrschte mehrere Sekunden lang. Die Flut hatte sich schon wieder gänzlich über dem darin untergetauchten Assowaum beruhigt, denn der Fluß war hier ziemlich tief, und nur schnell nacheinander aufsteigende Luftblasen verrieten die Stelle, wo er sich befand. Da tauchte das schwarze glänzende Haar empor, und gleich darauf hob sich der Kopf des Indianers über dem Wasser. Er schöpfte tief Atem und kletterte die steile Bank hinauf, hielt den Haken aber noch immer in der Hand.

»Und die Leiche?« fragte Roberts.

»Ich habe sie gefühlt«, war die Antwort Assowaums, »meine Hand hat sie berührt, als ich danach suchte. Das Wasser hob mich aber zu schnell wieder – sie ist noch unten!«

»Will einer der Weißen mir einen Stein holen?« fragte er dann, indem er sich erschöpft unter einen Baum warf, »ich bin matt und möchte ruhen!«

»Willst du denn noch einmal hinunter?« rief Harper erstaunt. Der Indianer nickte nur, Hartford aber lief schnell nach der nicht sehr weit entfernten Kiesbank und brachte von hier aus einen ziemlich gewichtigen Stein angeschleppt, um den Curtis sogleich ein kurzes Seil schlang und eine Schlinge daran befestigte.

»So, Indian«, sagte er dann, »wenn du das auf diese Art an dein linkes Handgelenk hängst, so nimmt's dich hinunter, und willst du wieder nach oben, so brauchst du es nur abzustreifen – siehst du, so!«

Der Indianer bedurfte keiner großen Belehrung, er befolgte den Rat des Krämers, ließ aber diesmal das Ende der aus Rinde gedrehten Schnur in Curtis' Hand zurück und nahm nur den Fischhaken in die Rechte, dabei wohl darauf achtend, daß er sich nicht verwickeln konnte, glitt jetzt an der steilen Lehmwand hinunter und tauchte zum zweiten Male in den Fluß.

Diesmal dauerte sein Aufenthalt unter dem Wasser länger als das vorige Mal, denn er war des schweren Steines wegen genötigt gewesen, langsam auf dem Grunde fortzuschreiten und mit dem Fuß nach dem Gegenstande seines Suchens zu fühlen. Endlich zuckte es an der Schnur, die den Haken hielt, viele Schaumblasen quollen empor, und wiederum erschien der dunkle Kopf des Indianers, der schnell an das Ufer schwamm, dem Wasser entstieg und schaudernd zurückblickte.

»Die Schnur ist befestigt«, rief Curtis, der das Ende in der Hand hielt, »Assowaum hat den Leichnam gefunden!«

Während der Indianer jetzt schweigend auf die Wasserfläche hinaussah, zogen die Männer oben auf der Uferbank langsam und vorsichtig die Schnur an, daß sie nicht zerreiße. Der Körper, in dessen Kleidern der Haken befestigt war, hob sich dadurch, und bald war ein dunkler Gegenstand im Wasser sichtbar. Die Flut teilte sich und wich, wie schaudernd vor der unheimlichen Last, zurück, und im nächsten Augenblick ergriff Assowaum die Schulter der Leiche und zog sie aufs Trockene. Die Männer waren hinabgesprungen, und als der Indianer den Körper umwandte, ertönte ein Schreckensschrei. Einstimmig riefen die Jäger:

»Heathcott!«

»Heathcott«, wiederholte Harper leise.

Mehrere Minuten lang standen die Männer schweigend da und betrachteten mit entsetzten Blicken das fürchterliche Schauspiel. Der Leib des Unglücklichen war aufgeschnitten und mit Erde und Steinen gefüllt; an der Stirn klaffte eine breite Wunde, die Kugel schien aber durch die Brust gegangen. Roberts beugte sich zur Leiche nieder und untersuchte den Einschuß.

»Wie viele Kugeln schießt Browns Büchse?« fragte er leise, als ob er sich scheue, den Namen des jungen Mannes vor dem Toten auszusprechen.

»Dreißig«, flüsterte Harper zurück. Roberts wies schweigend auf das Loch, das die Kugel in die Brust des Toten gerissen.

»Haltet ihr ihn für schuldig?« fragte Harper jetzt, scheu den Blick im Kreis umherwendend.

»Schuldig? Nein, bei Gott nicht«, rief Curtis; »kein Geschworenengericht in ganz Arkansas würde ihn schuldig sprechen, nachdem er da, wie ich von Smith gehört, solche Drohungen gegen ihn ausgestoßen. – Ich hätt' ihn auch erschossen. Leid tut mir's, wenn ich den kräftigen Burschen da so liegen sehe, daß er sein Leben auf solche Art vergeudete, wo er ein nützlicher Bürger im Staate hätte werden können; aber Pest und Tod! Wenn solche Gesellen, die dafür bekannt sind, daß sie bei Raufereien und Totschlägen ihr Wort halten, mit klaren Worten sagen, sie wollten irgendeinen, wo sie ihn zuerst wieder träfen, über den Haufen schießen, so verdienen sie weiter nichts als eine Kugel – das ist meine Meinung. Nur – das – das Bauchaufschlitzen hätte er können sein lassen – die Aasgeier würden das ebensogut und noch schneller beendet haben; seht nur, wie sie schon in Scharen herbeikommen. – Diesmal habt ihr euch aber geirrt. Wir müssen doch wohl darüber Meldung machen, oder sollen wir ihn liegenlassen?«

»Nein, auf keinen Fall«, sagte Roberts, »das dürfen wir nicht; am besten wird's sein, wir decken ihn hier mit Zweigen zu und melden es dem Friedensrichter; der mag seinen Constabler danach schicken. Ich will mich nicht weiter damit befassen. Was sucht Ihr, Hartford?«

Der Krämer war niedergekniet und durchsuchte sehr sorgfältig das lederne Jagdhemd des Toten.

»Der Mann hier«, sprach er, endlich aufstehend, sehr ernst, »trug in der ledernen Tasche, die Ihr da seht – vierhundertsiebzig Dollar in Banknoten, alle so gut wie Silber, bei sich; ich habe sie gestern morgen in Bowitts Hause selbst gesehen, und verloren kann er sie nicht haben, denn der Knopf dort an der Tasche geht schwer auf – die Tasche ist von jemandem geöffnet und das – Geld – herausgenommen worden.«

»Wer wagt es hier zu sagen, daß mein Neffe einen Toten beraubt habe?« schrie der alte Harper, während Leichenblässe sein Gesicht überzog, und sprang, das Messer aus der Scheide reißend, in die Höhe. »Wer nennt meinen Bill einen Dieb?«

»Haltet ein, Harper«, sagte Roberts freundlich, ihm die Hand beruhigend auf den Arm legend, »wir haben alle Ursache zu glauben, daß Brown Heathcott erschoß. Das Geld kann ein anderer genommen haben – es waren ihrer zwei bei dem Werke.«

»Wer aber sollte noch bei ihm gewesen sein?«

»Das weiß nur Gott – nicht wir; aber hier sind die Fußspuren von zwei Männern, eine von Stiefeln, die andere von Schuhen, das ist augenscheinlich, und wenn Brown das Rachewerk verübte, so kann der andere leicht Gelegenheit gefunden haben, das Geld für sich in Sicherheit zu bringen.«

»Brown würde das nie zugelassen haben.«

»Wenn er's gesehen hätte; aber das bleibt sich gleich. Das Geld war da, denn vor meinem Hause erwähnte er, daß er eine Summe für drei Pferde bei sich trage. Brown hörte das zwar, ich halte jedoch den jungen Mann für rechtlich, und, wie gesagt, wer kennt den, der ihm half?«

»Das ist schrecklich!« rief Harper, indem er das Gesicht mit den Händen bedeckte. Assowaum saß sinnend, mit untergeschlagenen Füßen, das Kinn in die linke Hand, den Ellbogen auf das Knie gestützt, am Fuße eines Baumes.

»So laßt uns unser Werk beginnen«, sagte Curtis, indem er anfing, Zweige herbeizuschleppen. »Mich schaudert's in dieser Nachbarschaft, und ich möchte keine Stunde länger neben dem unheimlichen Anblick da zubringen.«

»Recht so, Curtis«, sagte Roberts, indem er ihm half, einen schweren heruntergebrochenen Ast zur Leiche hinzuschleppen. »Noch ein paar solche Stücke wie dieses hier, und dann ordentlich Zweige darüber, so werden die Raben und Geier den Platz schon eine Weile in Ruhe lassen, Wölfe kommen überdies am Tage nicht her.«

Curtis, Roberts und Hartford beendeten bald das einstweilige Grab des Gemordeten, indem sie mit ihren schweren Jagdmessern eine hinlängliche Menge Zweige abhieben und davon ein Dach bildeten, Harper und Assowaum aber blieben dabei untätig. Endlich war die traurige Pflicht erfüllt, und die Männer rüsteten sich zum Aufbruch.

Harper folgte ihnen zwar, als sie den Platz verließen, aber die Kraft des alten Mannes schien gebrochen. Er klagte nicht, doch zeigten das bleiche Gesicht, der stiere Blick nur zu deutlich, was in seinem Innern vorging. Daß Brown den Mord begangen hatte, daran zweifelte selbst er keinen Augenblick; das hätte ihm aber auch in den Augen der Welt, wenigstens in Arkansas, nicht zur Schande gereicht; doch das Geld – das Geld – es war entsetzlich! Er kannte die Menschen, die nur zu geneigt sind, von jedem das Schlimmste zu denken, selbst da, wo das Schlimmste nicht solch überzeugende Beweise für sich hatte, und hier, wo sogar der Unbefangene schwankend werden mußte – es war fürchterlich. Er stieg in den Sattel und überließ das Pferd, das langsam den anderen folgte, sich selbst, achtete nicht einmal darauf, daß der Indianer in seiner sinnenden Stellung am Fuße des Baumes verharrte.

Assowaum blieb noch längere Zeit, als jene schon alle im Dickicht verschwunden waren, sitzen und starrte träumend vor sich nieder, dann aber, als auch der letzte Schall der Hufe, das letzte Kläffen der Hunde verhallt war, erhob er sich leise und begann von neuem seine Untersuchung der Fährten und Zeichen. An dem Stiel seines Tomahawks vermerkte er mit dem kleinen Messer, das er im Gürtel trug, die genaue Länge und Breite der Fußstapfen, schulterte dann, nachdem er sich überzeugt hatte, daß nichts seiner Aufmerksamkeit entgangen war, die Büchse und verschwand in einer entgegengesetzten Richtung zu dem von den Jägern genommenen Weg in dem dichten Wald.

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