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Die Reden Gotamo Buddhos - Erster Band

Karl Eugen Neumann: Die Reden Gotamo Buddhos - Erster Band - Kapitel 45
Quellenangabe
typetractate
authorKarl Eugen Neumann
titleDie Reden Gotamo Buddhos - Erster Band
publisherR. Piper & Co.
printrunDritte Auflage
year1922
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20140625
projectid34cdc679
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Fünfter Theil

Zweites Buch der Paare

 

41

Fünfter Theil
Erste Rede

Die Brāhmanen von Sālā

Das hab' ich gehört. Zu einer Zeit wanderte der Erhabene im Lande Kosalo von Ort zu Ort und kam, von vielen Mönchen begleitet, in die Nähe eines kosalischen Brāhmanendorfes Namens Sālā. Und es hörten die brāhmanischen Bürger in Sālā reden: ›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe der Sakyer entsagt hat, wandert in unserem Lande von Ort zu Ort und ist mit vielen Mönchen in Sālā angekommen. Diesen Herrn Gotamo aber begrüßt man allenthalben mit dem frohen Ruhmesrufe, so zwar: 'Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene. Er zeigt diese Welt mit ihren Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von Priestern und Büßern, Göttern und Menschen, nachdem er sie selbst verstanden und durchdrungen hat. Er verkündet die Lehre, deren Anfang begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende begütigt, die sinn- und wortgetreue, er legt das vollkommen geläuterte, geklärte Asketenthum dar. Glücklich wer da nun solche Heilige sehn kann!'‹

Und jene brāhmanischen Bürger von Sālā begaben sich nun dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt verneigten sich einige vor dem Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite nieder, andere wechselten höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzten sich zur Seite nieder, einige wieder falteten die Hände gegen den Erhabenen und setzten sich zur Seite nieder, andere wieder gaben beim Erhabenen Namen und Stand zu erkennen und setzten sich zur Seite nieder, und andere setzten sich still zur Seite nieder. Hierauf nun sprachen jene brāhmanischen Bürger von Sālā zum Erhabenen also:

»Was ist wohl, o Gotamo, der Anlass, was ist der Grund, dass da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf einen Abweg, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil gerathen? Und was ist wiederum, o Gotamo, der Anlass, was ist der Grund, dass da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt gelangen?«

»Weil sie falsch und unrecht leben, ihr Bürger, desshalb gelangen da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf einen Abweg, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil. Weil sie wahr und recht leben, ihr Bürger, desshalb gelangen da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt.«

»Den ganzen Sinn dieser kurzgefassten Worte des verehrten Gotamo, den verstehn wir nicht; gut wär' es, wenn uns der verehrte Gotamo die Satzung dergestalt zeigen wollte, dass wir den ganzen Sinn dieser kurzgefassten Worte verstehn könnten.«

»Wohlan denn, Bürger, so höret und achtet wohl auf meine Rede.«

»Ja, o Herr!« antworteten da die brāhmanischen Bürger von Sālā dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Dreifach verschieden in Thaten, ihr Bürger, ist das falsche, unrechte Leben, vierfach verschieden in Worten ist das falsche, unrechte Leben, dreifach verschieden in Gedanken ist das falsche, unrechte Leben. Wie aber, Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Thaten dreifach verschieden? Da ist einer, ihr Bürger, ein Mörder, grausam und blutgierig, der Gewalt und dem Todtschlag ergeben, ohne Erbarmen gegen seine Mitwesen. Dann nimmt er was man ihm nicht gegeben hat; was ein anderer in Dorf oder Wald an Hab und Gut besitzt, das macht er sich ungeschenkt, in diebischer Absicht, zueigen. Und er begeht Ausschweifung; mit einem Mädchen, das unter der Obhut der Mutter oder des Vaters, unter der Obhut von Bruder oder von Schwester, unter der Obhut von Verwandten steht, mit einer Gattenbefohlenen oder einer Dienstergebenen, bis herab zu der blumengeschmückten Tänzerin, mit solchen pflegt er Verkehr. Also, ihr Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Thaten dreifach verschieden.

»Wie aber, Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Worten vierfach verschieden? Da ist einer, ihr Bürger, ein Lügner. Vor Gericht, oder von den Leuten, oder unter Verwandten, oder in der Gesellschaft, oder von königlichen Beamten als Augenzeuge vernommen und befragt: ›Wohl denn, lieber Mann, was du weißt, das sage‹, antwortet er, wenn er nichts weiß: ›Ich weiß es‹, und wenn er es weiß: ›Ich weiß nichts‹, wenn er nichts gesehn hat: ›Ich hab' es gesehn‹, und wenn er es gesehen hat: ›Ich habe nichts gesehn.‹ So legt er um seinetwillen oder um eines anderen willen oder von irgend einer sonstigen Absicht bewogen wissentlich falsches Zeugniss ab. Dann liebt er das Ausrichten. Was er hier gehört hat erzählt er dort wieder, um jene zu entzweien; oder was er dort gehört hat erzählt er hier wieder, um diese zu entzweien. So stiftet er Zwietracht unter Verbundenen und hetzt die Entzweiten auf. Hader erfreut ihn, Hader macht ihn froh, Hader befriedigt ihn, Hader erregende Worte spricht er. Dann gebraucht er barsche Worte, Reden, die spitzig und stechend sind, andere beleidigen, andere verletzen, Äußerungen des Zornes, die zu keiner Einigung führen: solche Worte spricht er. Und er treibt müßiges Geplauder, spricht zur Unzeit, ohne Sinn, ohne Zweck, nicht der Lehre und Ordnung gemäß; seine Rede ist nicht werth, dass man ihrer gedenke, sie ist ungehörig, ungebildet, unangemessen, unverständlich. Also, ihr Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Worten vierfach verschieden.

»Und wie, Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Gedanken dreifach verschieden? Da ist einer, ihr Bürger, lüstern. Was ein anderer an Hab und Gut besitzt, danach giert er: ›Ach wenn doch sein Eigen das meine wäre!‹ Dann ist er gehässig, übelgesinnten Herzens: ›Diese Wesen sollen getödtet werden, sollen umgebracht werden, sollen zerstört werden, sollen vertilgt werden, sie sollen so nicht bleiben!‹ Und er hegt verkehrte Ansichten, verfehlte Meinungen: ›Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden – es ist alles eitel; es giebt keine Saat und Ernte guter und böser Werke; Diesseits und Jenseits sind leere Worte; Vater und Mutter und auch geistige Geburt sind hohle Namen; die Welt hat keine Asketen und Priester, die vollkommen und vollendet sind, die sich den Sinn dieser und jener Welt begreiflich machen, anschaulich vorstellen und erklären können.‹ Also, ihr Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Gedanken dreifach verschieden. Weil sie also falsch und unrecht leben, ihr Bürger, desshalb gelangen da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf einen Abweg, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil.

»Dreifach verschieden in Thaten, ihr Bürger, ist das wahre, rechte Leben, vierfach verschieden in Worten ist das wahre, rechte Leben, dreifach verschieden in Gedanken ist das wahre, rechte Leben. Wie aber, Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Thaten dreifach verschieden? Da hat einer, ihr Bürger, das Morden verworfen, vom Tödten hält er sich fern; Stock und Schwerdt hat er abgelegt, er ist mild und theilnehmend, voll Liebe und Mitleid zu allem, was da lebt und athmet. Nichtgegebenes zu nehmen hat er verworfen, vom Stehlen hält er sich fern; was ein anderer in Dorf oder Wald an Hab und Gut besitzt, das macht er sich ungeschenkt, in diebischer Absicht, nicht zueigen. Ausschweifung hat er verworfen, von Ausschweifung hält er sich fern; mit einem Mädchen, das unter der Obhut der Mutter oder des Vaters, unter der Obhut von Bruder oder von Schwester, unter der Obhut von Verwandten steht, mit einer Gattenbefohlenen oder einer Dienstergebenen, bis herab zu der blumengeschmückten Tänzerin, mit solchen pflegt er keinen Verkehr. Also, ihr Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Thaten dreifach verschieden.

»Wie aber, Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Worten vierfach verschieden? Da hat einer, ihr Bürger, das Lügen verworfen, vom Lügen hält er sich fern. Vor Gericht, oder von den Leuten, oder unter Verwandten, oder in der Gesellschaft, oder von königlichen Beamten als Augenzeuge vernommen und befragt: ›Wohl denn, lieber Mann, was du weißt, das sage‹, antwortet er, wenn er nichts weiß: ›Ich weiß nichts‹, und wenn er es weiß: ›Ich weiß es‹, wenn er nichts gesehn hat: ›Ich habe nichts gesehn‹, und wenn er es gesehn hat: ›Ich hab' es gesehn.‹ So legt er um seinetwillen oder um eines anderen willen oder von irgend einer sonstigen Absicht bewogen wissentlich kein falsches Zeugniss ab. Das Ausrichten hat er verworfen, vom Ausrichten hält er sich fern. Was er hier gehört hat erzählt er dort nicht wieder, um jene zu entzweien; oder was er dort gehört hat erzählt er hier nicht wieder, um diese zu entzweien. So einigt er Entzweite, festigt Verbundene, Eintracht erfreut ihn, Eintracht macht ihn froh, Eintracht befriedigt ihn, Eintracht fördernde Worte spricht er. Barsche Worte hat er verworfen, von barschen Worten hält er sich fern. Worte, die lauter sind, dem Ohre wohlthuend, liebevoll, zum Herzen dringend, höflich, viele ansprechend, vielen angenehm, solche Worte gebraucht er. Plappern und Plaudern hat er verworfen, von Plappern und Plaudern hält er sich fern. Zur rechten Zeit spricht er, den Thatsachen gemäß, gehaltvoll, der Lehre und Ordnung getreu; seine Rede ist werth, dass man ihrer gedenke, gelegentlich mit Gleichnissen geschmückt, klar und bestimmt, dem Gegenstande angemessen. Also, ihr Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Worten vierfach verschieden.

»Und wie, Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Gedanken dreifach verschieden? Da ist einer, ihr Bürger, nicht lüstern. Was ein anderer an Hab und Gut besitzt, danach giert er nicht: ›Ach wenn doch sein Eigen das meine wäre!‹ Dann ist er frei von Gehässigkeit, frei von Übelwollen: ›Mögen diese Wesen ohne Hass, ohne Schmerz, ohne Quaal glücklich ihr Dasein bewahren!‹ Und er hat rechte Ansichten, hegt keine verkehrten Meinungen: ›Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden ist kein Unsinn; es giebt eine Saat und Ernte guter und böser Werke; das Diesseits ist vorhanden und das Jenseits ist vorhanden; Eltern giebt es und geistige Geburt giebt es; die Welt hat Asketen und Priester, die vollkommen und vollendet sind, die sich den Sinn dieser und jener Welt begreiflich machen, anschaulich vorstellen und erklären können.‹ Also, ihr Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Gedanken dreifach verschieden. Weil sie also wahr und recht leben, ihr Bürger, desshalb gelangen da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt.

 

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter: ›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Adelsgeschlechtes wiedererscheinen möchte‹, so mag es wohl sein, dass er bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Adelsgeschlechtes wiedererscheine. Und warum das? Um seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter: ›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Priestergeschlechtes wiedererscheinen möchte‹, so mag es wohl sein, dass er hei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Priestergeschlechtes wiedererscheine. Und warum das? Um seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter: ›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Bürgergeschlechtes wiedererscheinen möchte‹, so mag es wohl sein, dass er bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Bürgergeschlechtes wiedererscheine. Und warum das? Um seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter: ›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, unter den Göttern der Vier großen Könige – unter den Dreiunddreißig Göttern – unter den Schattengöttern – unter den Säligen Göttern – unter den Göttern der unbeschränkten Freude – unter den Jenseit der unbeschränkten Freude weilenden Göttern – unter den Göttern der Brahmawelt – unter den Glänzenden Göttern – unter den Hellerglänzenden Göttern – unter den Unermesslichglänzenden Göttern – unter den Leuchtenden Göttern – unter den Strahlenden Göttern – unter den Hellerstrahlenden Göttern – unter den Unermesslichstrahlenden Göttern –- unter den Strahlengewordenen Göttern – unter den Gewaltigen Göttern – unter den Wonnigen Göttern – unter den Sonnigen Göttern – unter den Hehren Göttern – unter den Herrlichen Göttern – unter den Erhabenen Göttern – unter den Raumunendlichkeit genießenden Göttern – unter den Bewusstseinunendlichkeit genießenden Göttern – unter den Nichtdasein genießenden Göttern – unter den weder Wahrnehmung noch Nichtwahrnehmung genießenden Göttern wiedererscheinen möchte‹, so mag dies wohl sein. Und warum? Um seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter: ›O dass ich doch den Wahn versiegen und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten mir offenbar machen, verwirklichen und erringen könnte‹, so mag es wohl sein, dass er den Wahn versiegen und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar machen, verwirklichen und erringen kann. Und warum das? Um seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.«

Nach diesen Worten sprachen die brāhmanischen Bürger von Sālā zum Erhabenen also:

»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie etwa, o Gotamo, als oh einer Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder in die Finsterniss ein Licht hielte, ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre auf manigfaltige Weise dargelegt. Und so nehmen wir bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge uns Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«

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