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Die Rebellion

Joseph Roth: Die Rebellion - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/roth/rebellio/rebellio.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Rebellion
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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V

Noch ahnte Andreas nichts von seinem Nebenbuhler, der in Anbetracht seines Berufes ein gefährlicher genannt werden konnte. Es war der im Hause Nummer 37 wohnende, jugendliche, schlanke und vom Scheitel bis zur Sohle verführerische Unterinspektor der Polizei, Vinzenz Topp, ein Frauenliebling jener Gegenden, in denen er Dienst hatte, ein Mann, der seine berufliche Würde mit einer gefälligen Sanftmut wohl zu verbinden wußte, leutselig gegen Passanten und Untergebene und gegen Vorgesetzte von einer sympathischen Korrektheit, der doch gleichwohl ein wenig stramme Demut beigemengt war. Auch in die Adjustierung wußte Vinzenz eine persönliche Note einzuschmuggeln, so daß er nicht nur schmucker als seine Kameraden erschien, sondern auch vorschriftsmäßiger. Er war menschlich im Dienst, soldatisch im privaten Umgang. Frau Blumich hatte während der langen Krankheit ihres Mannes mit einem durch Entbehrung doppelt geschärften Sinn die Vorzüge ihres Nachbarn in ihrer ganzen verwirrenden Fülle entdeckt und die Annehmlichkeiten eines kurzen Wortwechsels, eines gelächelten Grußes nicht selten genossen. Sie war sich jedoch darüber klar, daß der Unterinspektor wohl eine kurze Zerstreuung für entbehrende Frauen sein konnte, aber niemals ein getreuer und zuverlässiger Gatte. Dazu kam der Nachtdienst dreimal in der Woche. Frau Blumich fürchtete sich allein, mit ihrem fünfjährigen Mädchen in ihren zwei kleinen, aber im Dunkel der Nacht fast unermeßlich scheinenden Zimmern. Und obwohl sie sich im allgemeinen schon die Fähigkeit zutraute, zur Abwechslung neigende Männer zu zähmen und festzuhalten, so glaubte sie doch, gegenüber dem jugendlichen Übermut des Herrn Vinzenz Topp versagen zu müssen. Freilich war weder ihr Instinkt so zielsicher noch ihr Verstand so scharf, daß sie gewußt hätte, wie sehr gerade der übermütig scheinende Unterinspektor sich nach der gesicherten Existenz eines mit einer Witwe Verheirateten sehnte. Denn Vinzenz Topp war im Grunde mit seinem Leben unzufrieden. Er glitt allmählich in die Jahre, in denen es lästig wird, Gedanken, Tage und sogar Geld den ewig wechselnden Objekten der Liebe zu widmen. Das Herz sehnt sich nach den beruhigenden Regeln der sittlichen Ehe. Wir wollen nicht mehr immer sozusagen unterwegs sein, um unser berechtigtes Verlangen nach der warmen Nähe der Frau stillen zu können. Unser Beruf allein schon macht uns heimatlos. Wir bedürfen eines traulichen Daheims, von dem aus gelegentliche Ausflüge nicht ausgeschlossen sind und schweigend verziehen werden. Wir bedürfen einer eigenen, jetzt überhaupt nicht zu erreichenden Zweizimmerwohnung, möbliert, und einer ansehnlichen Familienzulage für Frau und Kind. Und schließlich der Ernennung zum Inspektor, die von einer Verheiratung zwar nicht abhängig war, aber durch einen Hinweis auf die gesteigerten Bedürfnisse bei einem günstig gestimmten Vorgesetzten beschleunigt werden konnte.

Von all dem ahnte, wie gesagt, Frau Blumich – sie hieß übrigens Katharina – gar nichts. Sie war gewohnt, Eindruck auf Männer zu machen, und sie fand nichts Besonderes daran, daß auch Vinzenz Topp ihr einen jener unternehmungslustigen und dennoch ehrfürchtigen Blicke zugesandt hatte, den alle Frauen zu schätzen wissen. Sie sammelte eine Menge solcher Blicke alle Tage im Hause und auf der Straße, im Park und im Laden. Das hatte nichts zu bedeuten. Von den Männern ist einer leichtsinniger als der andere, alle wollen ohne Verantwortung genießen, jeder will haben, keiner will zahlen, wie das Sprichwort lautet. Katharina Blumich war eine nüchterne Frau. Auch den ersten Mann hatte sie sorgfältig erwählt. Daß er später lungenkrank wurde, weil er Borstenarbeiter war, war Gottes Wille. Gegen das Schicksal kann man nichts unternehmen, aber den Verstand muß man trotzdem sprechen lassen. Dieser plädierte für einen Mann gesetzten Alters, mit einem körperlichen Mangel womöglich, der das eheliche Glück dennoch nicht verhindern konnte; die Vernunft gebot einen Vogel mit bereits gestutztem Gefieder, der leicht zu halten war und keiner aufregenden Disziplin mehr bedurfte. Dabei spielte der Stand keine Rolle oder nur eine geringe, insofern, als es Frau Blumich praktischer erschien, ein Wesen aus tieferer Sphäre zu sich emporzuziehen, als selbst emporgezogen zu werden. Dieses hätte sie zur Dankbarkeit verpflichtet und sie ihrer Autorität beraubt. In jedem Haushalt aber ist die Autorität der Frau das wichtigste.

Aus diesem Grunde verzichtete Frau Katharina Blumich auf den Unterinspektor Vinzenz Topp. Mochte er eine andere unglücklich machen. Mochte er sein Leben lang überhaupt nur mit losen Frauenzimmern umgehn. Als eine ständige Bedrohung des rechtmäßig angetrauten Gatten und als ein Anlaß zu dessen Eifersucht war er ja stets nachbarlich zur Hand und gut zu gebrauchen. Man muß alles ausnützen, aber man darf sich nicht wegwerfen.

Der Tag, an dem Andreas Pum seinen offiziellen Antrittsbesuch im Hof des Hauses 37 machte, war trübe und bleiern, trotz seiner spätsommerlichen Schwüle eine Vorahnung des Herbstes und von einem starken Feuchtigkeitsgehalt, der Andreas Schmerzen im fehlenden Bein verursachte. An diesen Tagen war er ohnehin schutzbedürftig, kindlich, verlassen, wehmutsvoll, sehnsüchtig. Kaum hatte er im Hof als ein schweigend ausgemachtes Erkennungszeichen die »Lorelei« intoniert, als Frau Blumich erschien, ihn bat, abzubrechen und in ihrer Wohnung sein Spiel fortzusetzen. Es war ein trauriges, ein melancholisches Lied und tat der Trauer keinen Abbruch.

Der Musik folgte ein artiger Knicks der kleinen blassen Anna, die ein dünnes Zöpfchen mit einer übermäßig großen, fledermausartigen schwarzen Schleife trug. Das Kind war von den traurigen Aufregungen verstört und still. Der neue Mann mit dem hölzernen Fuß und dem Instrument gefiel ihr trotz seiner Fremdheit. Sie wurde sehr zutraulich. Sie war fünfjährig, ein Mensch in jenem Alter, in dem man noch ein wissender Gott ist, vor dem die verborgene Güte der anderen sichtbar liegt wie buntes Gestein unter klarem Bergwasser.

Dann floß das Gespräch, unterbrochen von Kaffee und hausgebackenem Kuchen, eine stille Totenfeier für Herrn Blumich. »Er hatte eine großartige Garderobe«, rühmte die Frau, »und gerade so gewachsen wie Sie war er auch. Zwei braune Anzüge sind kaum fünf Jahre alt, damals war er noch Soldat, und ich hab mich um ihn gesorgt, wäre er doch draußen gestorben, wer kann da wissen, vielleicht wäre der Schmerz kleiner und das Kind nicht da, ein vaterloses Kind! Ach, Sie wissen ja nicht, wie eine ganz allein, mutterseelenallein stehende Frau in dieser bösen Welt lebt. Sie können das gar nicht wissen, die Männer können das gar nicht wissen.«

»Meine Mutter, die selige, war auch eine junge Witwe geblieben«, glaubte Andreas sagen zu müssen.

»Und sie hat nie wieder geheiratet?«

»Ja, sie hat einen Klempner genommen.«

»War er brav?«

»Sehr brav.«

»Lebt er noch?«

»Nein, sie sind beide im Krieg gestorben.«

»Beide im Krieg?«

»Ja, beide.«

»Nun, wenn man so glücklich ist und der zweite Mann auch ein guter treuer Lebenskamerad.« Hier hielt es Frau Blumich angezeigt zu weinen, sie suchte nach ihrem Taschentuch, fand es und brach aus.

Andreas hielt diese traurige Szene nicht mit Unrecht für eine günstige Fügung. Jetzt konnte er es mit Aussicht auf Erfolg wagen. Und indem er sich über die schluchzende Frau beugte und wie von ungefähr ihre Brust streifte, sagte er:

»Ich will Ihnen immer treu sein.«

Frau Blumich entfernte das Taschentuch und fragte mit einer fast nüchternen Stimme:

»Wirklich?«

»So wahr ich hier sitze.«

Frau Blumich stand auf und drückte einen Kuß auf Andreas' Stirn. Er suchte ihren Mund. Sie fiel auf seinen Schoß. Sie blieb dort sitzen.

»Wo wohnst du jetzt?« fragte sie.

»In einer Pension«, sagte Andreas.

»Es ist nur wegen der Leute. Sonst könnten wir morgen schon zusammenziehen. Wir warten vielleicht vier Wochen.«

»So lang?« fragte Andreas und schlang beide Arme um Katharina, fühlte die stramme Weichheit ihres Körpers und wiederholte klagend: »So lang?«

Katharina riß sich mit einem entschlossenen Ruck los. »Was sein muß, muß sein«, sagte sie streng und so überzeugend, daß Andreas ihr recht gab und sich fügte, aber allsogleich die süßesten Zukunftsträume zu spinnen begann.

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