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Die Rebellion

Joseph Roth: Die Rebellion - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/roth/rebellio/rebellio.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Rebellion
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectidabd30cab
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XVIII

Zwischen blanken Kachelwänden und wandhohen Spiegeln, neben einer blauen Personenwaage, saß Andreas Pum. Von den Wasserhähnen über den drei Porzellanbecken tropfte es in regelmäßigen Abständen, das plinkende Geräusch unterbrach die weiße, unendlich saubere Stille, und es war, als fielen Tropfen der Zeit in den Raum der Ewigkeit. Auf einem Tischchen lagen Handtücher, flachgebügelt, übereinandergeschichtet, und Seifenwürfel bildeten eine kunstvolle, sehr hohe und dennoch sichergegründete Pyramide. In einem gläsernen Wandkasten sah man Parfümflaschen, Würfelspiele, Trendel aus Messing und Stahl, ein Dominospiel für die Tasche und kleine Zauberspielkarten. Das alles bekam Willi »in Kommission«. Andreas verkaufte es. Um die »Toilette« interessanter zu machen, hatte der Cafetier einen Papagei angeschafft. Er hieß Ignatz und besaß einen grünen Rücken, der violett schimmerte, eine rötliche Mütze und eine weiße Halskrause. Der Papagei sagte »Guten Tag« und »Guten Abend«, sooft ein Herr die Toilette betrat. In den Pausen, besonders an Nachmittagen, wenn keine Gäste kamen, unterhielt sich Andreas mit dem intelligenten Vogel. Sie hatten sich allerhand anzuvertrauen, Andreas und Ignatz. Der Papagei saß im Käfig, dessen Tür offenstand, aber es fiel ihm nicht ein, etwa weitere Ausflüge zu unternehmen als bis zum Wandkasten, der oben in der Mitte einen dreieckigen Giebel hatte.

Auf der Spitze saß der Papagei oft und rieb mit einer Kralle kunstvoll seinen Schnabel.

Andreas dachte an die Zeit, in der er sich zu seinem Leierkasten einen solchen Vogel gewünscht hatte. Er stellte fest, daß viele Wünsche spät in Erfüllung gehen, wenn der Mensch bereits alt und fast wunschlos geworden ist. Dieser Papagei war sehr musikalisch. Wenn die Musikkapelle im Café spielte, begann Ignatz zu pfeifen. Es gab Melodien, die er besonders liebte, und andere, die ihn aufregten. Erklang eine, die ihm unsympathisch war, so sträubte sich sein Gefieder, es bauschte sich sein rotes Samtkäppchen, und er begann, mit den Flügeln so wild um sich zu schlagen, daß seine bunten Federn flogen und die Seifenpyramide leise zitterte. Das ereignete sich bei den Klängen der Nationalhymne in einem ganz erstaunlichen Maße und bei einigen kriegerischen Märschen. Es schien, daß Ignatz ein Pazifist war und unpatriotisch bis zu einem sträflichen Grade. Darüber freute sich Andreas im stillen. Denn auch er liebte die patriotische Musik nicht mehr, und er dachte mit bitterem Hohn an jene Zeit zurück, in der er selbst noch durch seinen Leierkasten diese Melodien verbreitet hatte.

Ja, ja, Ignatz, wir sind Rebellen, wir beide. Leider kann es uns nichts nützen. Denn ich bin ein alter Krüppel, und du bist ein ohnmächtiger Vogel, und wir können die Welt nicht ändern. Wenn ich dir erzählen wollte, wieviel ich im Leben gelitten, was ich im Krieg durchgemacht habe und im Gefängnis, wie mir in der Zelle die Augen aufzugehen begannen und wie ich endlich entschlossen war, ein kräftiger, tätiger Heide zu werden, bis ich im Spiegel des Vorortzuges einsehen mußte, daß ich zu alt geworden war! Alle meine Freunde leben noch und sind kräftig und jung. Ich aber bin dem Tode verfallen, und wenn du mit deinen Flügeln so wild um dich schlägst, so glaube ich schon, sein Rauschen hinter meinem Rücken zu hören.

Der Papagei sah versonnen und träumerisch und vollkommen ruhig Andreas an. Dann begann er zu pfeifen, als wollte er den alten Mann erheitern. Er pfiff ganz willkürlich, nach eigenen Tongesetzen, als würfe er die Sprossen der Tonleiter durcheinander, und besonders schrille Laute wiederholte er schnell und ohne Pause. Dann sprang er mit einem leisen Schrei Andreas auf die Schulter und bat um Zucker, den Andreas in viele kleine Stückchen teilte.

Es ging abwärts mit Andreas. Er sah aus wie ein Siebzigjähriger. Sein weißer Bart reichte knapp bis zu den bunten Ordensbändern auf seiner Brust, die ihm das Ansehen eines alten Schlachtenlenkers verliehen. Weißes Moos wucherte in seinen Ohren. Er hustete laut und trocken und war nach jedem Hustenanfall matt wie ein fieberkrankes Kind und einer Ohnmacht nahe. Er mußte ein paar Minuten sitzen, und um ihn kreisten die Spiegel, die blanken Kacheln und die Lichter, zuerst schnell, dann immer langsamer, bis sie endlich an ihrem gewohnten Ort stehenblieben. Diese seltsamen Bewegungen erinnerten Andreas an die letzten Drehungen eines Karussells, das aus den verschütteten Tagen seiner Kindheit auftauchte. Dazu kam die Musik aus dem Café, gedämpft, wie aus einem Jenseits, und nur anschwellend, sooft ein Gast die Tür öffnete. Sehr oft schlief Andreas ein. Er träumte viel und sehr deutlich, und alle Bilder des Traumes behielt er scharf im Gedächtnis, wenn er erwachte. Er wußte bald nicht mehr zu unterscheiden zwischen Wachheit und Traum, und er nahm geträumte Bilder für wirkliche Ereignisse und diese für Träume. Er sah die Gesichter seiner Gäste gar nicht, er putzte ihre Kleider, reichte ihnen Seifen, Bürsten und Handtücher und hörte nicht, wenn sie ihm etwas sagten, dankte nicht für ihre Trinkgelder und zählte nicht seine Einnahmen. Er verkaufte auch nicht viel von Willis Waren, er pries nichts an, er »interessierte« nicht, wie Willi sagte, wenn er »kontrollieren« kam. Nur der alten Freundschaft hatte er es zu verdanken, daß er auf seinem Posten bleiben durfte.

Das schmale Fenster der Toilette ging in einen Hof, in dessen Mitte ein Kastanienbaum stand und der Andreas an die Höfe erinnerte, in denen er musiziert hatte. Jetzt wurden die Knospen immer größer, sie wuchsen zusehends, wurden fett und knallig, die Vögel hingen in den Zweigen, paarten sich und stritten, Andreas streute ihnen Krumen und sah in den Frühling hinaus, der verborgen, kümmerlich und dennoch reich, so viel Pracht entfaltete, als es die Bedingungen des gepflasterten Hofes zuließen und die Sonnenstrahlen, die nur am Nachmittag hierherkamen. Wenn ein Gast eintrat, mußte Andreas aus Gründen des Anstandes das Fenster schließen, denn gegenüber waren Küchenfenster und weibliches Hauspersonal, das neugierig hinüberzusehen schien.

Die Stelle am Knie schmerzte, die Polsterung der Krücke hätte längst erneuert werden müssen. Auch der Rücken tat aus unerklärlichen Gründen weh, die Feuchtigkeit verstärkte alte rheumatische Schmerzen, Gichtknoten bildeten sich an den Fingern, und ein drückendes Weh lastete auf der Brust, das Herz schien sekundenlang stillzustehen, und Andreas glaubte, er wäre bereits tot. Dann erwachte er, erschrak, daß er noch lebte, und glaubte bald wieder, er wäre nicht mehr auf Erden. Erst ein neuer Schmerz bewies ihm, daß er noch ein Lebender war. Er wußte nämlich, daß Verstorbene keine Schmerzen kannten, weil sie keinen Leib hatten, sondern nur aus Seelenstoff bestanden. Über derlei Fragen grübelte er lange, einsame Stunden, er suchte eine Erklärung für die sichtliche Ungerechtigkeit Gottes und seine Irrtümer, er dachte über die Möglichkeit einer Wiedergeburt nach und begann, verschiedene Wünsche zu äußern, als stünde er vor dem Ewigen und der Wahl, in welcher Gestalt er wieder ins Leben zurückkehren wolle. Er entschied sich für die Existenz eines Revolutionärs, der kühne Reden führt und mit Mord und Brand das Land überzieht, um die verletzte Gerechtigkeit zu sühnen. Von derlei Dingen las er in den Zeitungen, die er vom Café bekam. Sie waren meist schon zwei Tage alt, und er erfuhr alle Neuigkeiten, die nicht mehr wahr sein konnten, ehe er die Zeitungen in Rechtecke zerschnitt und sie in gleichmäßigen Päckchen an die Nägel hing. Denn Willi hatte ihm eingeschärft, das teure Klosettpapier zu sparen.

Spät in der Nacht kehrte er heim. Jetzt bewohnte er allein das alte Zimmer Willis, aber er blieb nicht gerne ohne Gesellschaft zu Hause. So bat er um die Erlaubnis, seinen Papagei aus dem Café mitnehmen zu dürfen. Er trug den Vogel im Käfig, über den er warme Decken stülpte, wenn es regnete und die Nächte kühl waren. Der Papagei schlief unterwegs und erwachte erst im Zimmer, wenn er Licht durch die dicken Hüllen verspürte. Dann sprach er ein paar Worte, wie ein Mensch im Schlaf oder im Halbschlummer zu sprechen pflegt, und Andreas besänftigte ihn mit guter, liebevoller Rede.

Einmal sah Andreas Einbrecher in der Nacht, aber er sagte nichts dem Polizisten, den er an der nächsten Ecke traf. Die Einbrecher arbeiteten an der Tür eines Ladens. Andreas freute sich im stillen. Es schien ihm, daß die Einbrecher den geheimen Zweck haben, die Gerechtigkeit in der Welt auf eine gewaltsame Weise wiederherzustellen. Las er in der Zeitung von Mord und Einbruch und Diebstahl, so freute er sich. Die Verbrecher, die »Heiden«, waren seine stillen Freunde geworden. Sie wußten es nicht. Er aber war ihr Freund, ihr Gönner. Manchmal träumte er, ein verfolgter Verbrecher flüchte sich zu ihm in die Toilette. Dann half er ihm freudig durchs Fenster in den Hof und in die Freiheit.

Indessen wurden die Apriltage warm, regenschwanger und wie süße Versprechungen. In den Nächten fühlte Andreas einen fernen Duft mit dem Winde daherkommen, seine Glieder wurden mehr müde als sonst. Er verlor das Interesse für viele Dinge. Sogar die Wiederaufnahme seines Verfahrens bekümmerte ihn nicht mehr. Er war alt, er war älter, als er selbst wußte. Schon ragte er hinüber ins andere Leben, während er noch die Pflastersteine dieser Erde trat. Seine Seele träumte sich ins Jenseits, wo sie heimisch war. Fremd kehrte sie in den Tag zurück.

Seine Schmerzen verstärkten sich, sein Husten wurde noch trockener, die Anfälle dauerten länger. Er vergaß heute, was gestern geschehen war. Er sprach mit sich selbst. Er vergaß manchmal den Papagei und schrak auf, wenn dessen Stimme unvermutet krächzte. Der Tod warf einen großen blauen Schatten über Andreas.

Da kam eines Tages eine gerichtliche Vorladung. Sie war genau wie die erste mit einem würdigen Amtssiegel versehen, ein weißer Adler erhob seine Schwingen auf blutrotem Grunde, und obwohl die Adresse von flüchtiger Hand geschrieben war und der Gerichte vielbeschäftigte Eile bewies, strömte das Schriftstück doch jene Würde aus, welche den portofreien und amtlichen Briefen innewohnt. Andreas las. Er wurde noch einmal für zehn Uhr vormittags bestellt.

Er erinnerte sich wieder an seine Leiden, er arbeitete an einer Rede, er bereitete sich zu einer großen Anklage vor. »Hoher Gerichtshof«, wollte er sagen. »Ich bin ein Opfer dieser Verhältnisse, die Sie selbst geschaffen haben. Verurteilen Sie mich. Ich gestehe, daß ich ein Rebell bin. Ich bin alt, ich habe nicht lange mehr zu leben. Ich aber würde mich auch nicht fürchten, selbst, wenn ich jung wäre.« Noch viele tausend schöne und mutige Worte fielen Andreas ein. Er saß auf seinem Stuhl neben der blauen Personenwaage und flüsterte vor sich hin. Ein Herr verlangte Seife, und er hörte es nicht. Ignatz flatterte auf seine Schulter und bat um Zucker. Andreas fühlte ihn nicht.

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