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Die Rebellion

Joseph Roth: Die Rebellion - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Rebellion
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XVII

Willi schlief nicht, obwohl es Mittagszeit war und die Stunde des besten und tiefsten Schlafs. Andreas brauchte nicht an die Tür zu klopfen. Willi hatte das Aufschlagen der Krücke im Hausflur gehört. Er öffnete und erschrak vor dem weißen Haar.

Aber mit der frechen Heiterkeit, die ihm eigen war und die Andreas freundlich entgegenschlug wie ein gutgemeinter, freundschaftlicher Stoß vor die Brust, fand Willi ein wohltätiges und lautes Scherzwort. Er traktierte Andreas mit Wurst und Witzen. Er holte eine große Schere, band ein Handtuch um Andreas und begann mit den Bewegungen eines Barbiers, den weißen Bart zu stutzen. Er machte ihn viereckig und ehrwürdig. Andreas sah sich im Spiegel und empfand Ehrfurcht vor seinem eigenen Angesicht. »Du siehst aus wie ein Waisenvater!« sagte Willi.

Hierauf begann Willi sich anzuziehen. Sehr erstaunt sah Andreas einen hellkarierten Anzug aus dem Dunkel des Kleiderkastens ans Licht kommen; einen hellbraunen, steifen Hut mit einem breiten gerippten Seidenband und eine seidene sonnengelbe Krawatte. Bald stand Willi da wie ein Modell aus einer Schneiderzeitung. Seine übermäßig großen Hände steckten in braunen Lederhandschuhen, deren Nähte leise krachten. Unter dem Arm hielt er ein schlankes, bewegliches, gelbes Baumbusstöckchen mit einem goldenen Knopf. Dann sagte Willi: »Leb wohl! Ich geh jetzt kontrollieren! Schlaf dich aus indessen! Nur keine Sorge!« Er grüßte mit dem Hut und schloß die Tür ab. Dann, ging er »kontrollieren«.

In den fünf Wochen hatte sich nämlich eine große Änderung in Willis Leben vollzogen. Manchmal geschieht es, daß uns plötzlich die Lust packt, tätig zu sein und Geld zu verdienen, auch wenn wir von Natur den Müßiggang lieben. Sei es, daß der Frühling den neuen Tatendrang in uns weckt oder daß unsere Natur, der Faulheit müde, nach Abwechselung verlangt, ohne jede Rücksicht auf die Wandlung der Jahreszeiten – eines Tages treibt uns ein Zufall aus unserer Gleichgültigkeit, wir betreten die Straße, wir kehren in die Welt zurück, um uns in ihr zu tummeln, mit aufgeweckten, frischen und ausgeruhten Sinnen.

Ein Zufall rüttelte Willi auf. Er hatte immer Unternehmungsgeist besessen. Er war sich seiner Gaben bewußt. Er hatte schon oft daran gedacht, die Konjunktur dieser Zeit auszunützen. Er sah, wie junge Leute mit stumpfen Hirnen und nur mit dem Willen, Geld zu verdienen, eine gleichgültige Sache anfingen, einen Handel mit Streichhölzern oder Toiletteseife zum Beispiel, und wie sie es zu einem Vermögen brachten. Er hatte es nicht nötig, sich wegen seiner alten Sünden vor der Polizei ewig verborgen zu halten. Er besaß die Fähigkeit, Pässe zu fälschen, und er sah längst nicht mehr so aus wie vor vier Jahren, als er in der Basteistraße eingebrochen war. Heute klebte übrigens sein Bild nicht mehr an den Litfaßsäulen der Stadt. Er brauchte nichts mehr zu fürchten.

Diese Gedanken kamen ihm in einer Nacht, als Klara heimkehrte und ihm erzählte, der Alte aus der Herrentoilette des Cafés Excelsior wäre gestorben. Klara schlug ihm schüchtern vor, vielleicht vorläufig, für einige Wochen nur, in der Herrentoilette den Dienst zu übernehmen. Das lehnte Willi ab. Der Frühling kam. Die Rennsaison begann. Da gab es viel zu verdienen. Im Frühling setzte sich ein Mann von seinen Fähigkeiten nicht freiwillig in die Scheißbude.

Aber ein Einfall erleuchtete ihn plötzlich.

Drei Tage blieb Willi unterwegs. Zuerst besorgte er sich in einem Laden, in dem eine schwerhörige Witwe Kaffeebohnen und Malz verkaufte, Betriebskapital. Das verursachte weiter keine Mühe. Er trat ein, neigte sich über den Ladentisch, gab sich verliebt, bediente auch ein paar Kunden, ohne daß ihn die Witwe dazu aufgefordert hätte. Dann half er ihr den Laden schließen, knipste das Licht aus und nestelte mit der Linken an dem Rock der Frau, während er mit der Rechten die Schubladen öffnete. Dann begab er sich in die großen Kaffeehäuser der Stadt, sprach mit den Wirten und Direktoren und entdeckte überall Mißstände: Die Toiletten waren nicht gut oder überhaupt nicht verwaltet, er war entsetzt über eine solch gefährliche Vernachlässigung der Hygiene und versprach, sich der Sache anzunehmen. Am nächsten Morgen klaubte er Invaliden und Nichtstuer von den Straßen auf und wählte unter ihnen die zuverlässigsten mit kundigem Blick und unerbittlicher Strenge. Da er nur wenig geeignetes Material fand, scheute er den weiten Weg zum Altersversorgungsheim auch nicht. Dort lebten die anständigsten Greise und Greisinnen. Er schrieb Zettel aus, gab jedem ein geringes Angeld, lief in die Toilettegeschäfte, bestellte Seifen, Nagelfeilen, Zahnpulver, Schwämme und Bürsten für die großen Kaffeehäuser und entdeckte, als er draußen war, daß er, fast ohne es zu wissen, ein paar Flaschen Kölnisch Wasser mitgenommen hatte. Diese brachte er zuerst in Sicherheit und nach Hause und stellte sie in Pyramidenform auf dem Brett über seinem Lager auf. Dann teilte er den Kaffeehausverwaltungen mit, daß er die »Organisation sämtlicher Garderoben, Herren- und Damentoiletten« übernommen habe. Und nach drei Tagen sammelte er seine ersten Einkünfte. In jedem Kaffeehaus saßen seine Leute. Hatte er die Toiletten schon besetzt gefunden, so errichtete er Garderoben. Er ging in seinem hellkarierten Anzug zur Behörde, fuchtelte mit dem Stöckchen, lud Wachtmeister zu einem Glas Bier und ließ Schnaps folgen und bekam eine Konzession auf den schönen Namen: Wilhelm Klinckowström, der eigentlich einem gefallenen Soldaten gehörte, dessen Militärpapiere sich Willi gesichert hatte. Von nun an hieß er: Herr Klinckowström, und manchmal setzte er noch ein bescheidenes »von« vor diesen ohnehin sehr anmutigen und noblen Namen. Er mietete ein »herrschaftlich möbliertes Zimmer« im vornehmsten Viertel der Stadt, kaufte eine Schreibmaschine, und Klara wurde seine »Sekretärin«. Sie kam jeden Tag aus ihrer alten Wohnung in die neue und lernte mühsam Maschine schreiben. Willi diktierte gleichgültige Briefe mit erhobener Stimme und schrie von Zeit zu Zeit. Seine Wirtin bezahlte er pünktlich, dafür verlangte er äußerste Sauberkeit unter der Devise: Ordnung muß sein. Klara gab ihre Stellung und ihren nächtlichen Beruf auf. Willi erwies sich als ein treuer und sorgfältiger Kavalier. Sie wollten im Mai heiraten. Willi kaufte Kleider, Sommerhüte, Goldkäferschuhe und seidene Strümpfe, Pyjamas und Busenhalter aus den feinsten Geweben. In jedem »seiner« Lokale war Willi ein gerngesehener und freigiebig bedienter Stammgast. Er war sehr nützlich. Mit der Polizei wußte er zu reden, Musikanten und Kapellmeister billig zu verschaffen. Nachdem ihm eines Tages der Gedanke gekommen war, nach Südamerika auszuwandern, begann er überall zu erzählen, daß er fünfzehn Jahre in Brasilien gewesen sei. Er schilderte haarklein das Leben in Brasilien und malte das Land so wunderbar, daß er immer stärkere Sehnsucht verspürte auszuwandern. Diesen Plan teilte er Klara mit. Sie war seit einigen Wochen sehr glücklich und mit allem einverstanden. Sie entsann sich sogar einer alten Tante und machte ihr einen Besuch mit Willi, den sie als ihren Gemahl, Herrn Klinckowström, vorstellte. Die Tante bekam regelmäßige kleine Unterstützungen. Die Geschäfte florierten. Willi kaufte Puppen aus Stoff und Seide für die Damentoiletten. Sie fanden guten Absatz. Man beobachtete, daß seit kurzer Zeit alle Frauen, gesetzten und jüngeren Alters, aus den Toiletten mit großen Puppen zurückkehrten. Es gab viel zu tun. Gelegentlich starb ein Greis, der, mitten aus seiner trägen Altersstille herausgeholt, das geräuschvolle Nachtleben nicht vertrug. Ersatz mußte man schaffen. Einige waren unehrlich. Willi übergab sie der Polizei und kannte kein Mitleid. Ordnung mußte sein.

So wunderbar hatte das Schicksal Willis Leben verändert. Er wurde ein wohlhabender Mann. Nur sehr selten stahl er noch, um seine Geschicklichkeit zu erproben. Meist kaufte er, ohne lange zu überlegen, »das Beste an Qualität«. Er liebte Südfrüchte. Er rauchte Brasilzigarren. Aus alter Gewohnheit trug er noch seinen Schlagring in der Tasche, mit dem er viele Abenteuer gemeinsam bestanden hatte. Er war sehr sorgfältig rasiert und gewann mit der Zeit Vergnügen an gutgeschnittenen und dunklen Anzügen von sanfter und vornehmer Unauffälligkeit. Der teuerste Schneider nähte für ihn. Manchmal trug Willi auch ein Monokel und, wenn er schrieb, eine braungefaßte Hornbrille, die seinem Angesicht den Ausdruck unleugbarer Intelligenz verlieh. Weil ihm die Brille gefiel, schrieb er oft in Kaffeehäusern überflüssige Briefe und Rechnungen. Schließlich kam er auf die Idee, Artikel für Zeitungen zu schreiben. Er schrieb »Erlebnisse in Verbrecherkreisen«, die den Stempel der Aufrichtigkeit und der Sachkenntnis trugen und deren stilistische Unvollkommenheit in den Redaktionen korrigiert wurde. Willi besuchte die Redakteure. Als ein alter Brasilianer und Allerweltskerl brauchte er keinen fehlerlosen Stil zu schreiben. Das war ohne weiteres verständlich.

Willi beschloß, Andreas im Café Halali einzustellen. Dieses Lokal war gerade dabei, seiner ursprünglichen Bestimmung untreu zu werden und das Geschäft auf eine neue Basis zu stellen. Früher war es ein Stammlokal der alten Jäger von Beruf und Jagdliebhaber gewesen. Jetzt führte Willi eine Salonkapelle ein. Die alten Jäger wanderten allmählich in die ewigen Jagdgründe ab. Eine neue Kundschaft junge Leute und frischgeschminkte Mädchen, begann, der Alten Plätze einzunehmen. Der Inhaber ließ eine Wand durchstoßen und machte aus zwei stillen Zimmern ein lautes. Willi kam auf die Idee, eine Estrade in halber Wandhöhe für die Musik einzurichten. Dazu bedurfte es einer Genehmigung der Baupolizei. Baupolizei? Es war für Willi eine Kleinigkeit. Er bekam die Erlaubnis, einen ganzen Balkon zu bauen. Auch das Geld verschaffte er zu guten Zinsen, er verdiente Provision von beiden Seiten. Für die Garderobe gewann er eine ältere Dame aus einer städtischen Bedürfnisanstalt, die bereits fünf Jahre ihrem traurigen Beruf oblag und gerade in jenes Alter gekommen war, in dem die weibliche Seele einen späten Frühling feiert und nach Abwechselung verlangt. Nun fehlte nur noch ein Greis für die Herrentoilette. Andreas Pum besaß, nach Willis Ansicht, für diesen Beruf hervorragende Qualitäten.

Am Abend holte Willi Andreas in die neue Wohnung. Er ließ den Alten schwören, daß er nie etwas von der Vergangenheit verraten würde. Willi war von diesem Tage an als Herr von Klinckowström anzusprechen. Andreas staunte über diese großartigen Veränderungen. Erschüttert von der neuen Herrlichkeit, begann er fast zu glauben, daß Willi ein wirklicher Herr von Klinckowström war. So nannte er ihn bei diesem Namen, von dessen Glanz auch etwas auf denjenigen fiel, der ihn aussprach. Zu Klara sagte er: gnädige Frau Klinckowström. Willi leitete die geschäftliche Diskussion ein. »Wo ist deine neue Uniform?« fragte er. »Zu Hause, bei – ihr«, sagte Andreas. »Hol sie«, befahl Willi. Aber Andreas hatte Furcht. Also beschloß Willi, auf der Stelle zu Frau Katharina im Auto zu fahren.

Der Unterinspektor Vinzenz Topp öffnete. Daraus schloß Willi, daß Andreas eigentlich diesem jungen Mann sein ganzes Unglück zu verdanken hatte. Er stellte sich als Herr von Klinckowström vor und bemerkte freudig, daß ein kurzes Zucken durch die sehnige Gestalt des Unterwachtmeisters lief und daß seine Brust sich leise wölbte. Hierauf forderte er die Kleider für Andreas und »überhaupt dessen Besitz«. Es stellte sich heraus, daß Katharina den Leierkasten längst verkauft hatte. Die neue Uniform war noch vorhanden. Willi drohte mit einer Anzeige wegen des verkauften Leierkastens und erreichte, daß man ihm die Uniform sofort übergab. Er pfiff, und der Chauffeur, mit dem er dieses Zeichen verabredet hatte, kam. Willi überreichte ihm den Anzug, sagte drohend »Guten Abend« und ging. Der Unterinspektor war gewiß, soeben den Besuch eines großen Mannes erhalten zu haben.

Die Uniform allein genügte noch nicht. Andreas erzählte, daß er sein Kreuz nicht mehr besitze. Willi behauptete, ohne Orden könne man keinen Dienst in der Toilette versehen. Er kannte die geheimen Zusammenhänge zwischen Bedürfnisanstalten und Patriotismus und wußte die ornamentale Wirkung eines dekorierten Invaliden im Klosett zu schätzen. Am nächsten Morgen kaufte er in einem Ordenladen fünf Auszeichnungen, darunter einen Stern aus Gold und Silberflitter an blauroten, rot-weiß gestreiften und knallroten Bändern. Das mußte Andreas an die Brust nähen.

Zwei Tage später trat er seinen Dienst in der Toilette des Cafés Halali an.

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