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Die Rebellion

Joseph Roth: Die Rebellion - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/roth/rebellio/rebellio.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Rebellion
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectidabd30cab
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XVI

Ein Tag war schöner als der andere.

Man merkte es nicht nur im Hof, wenn man den vorschriftsmäßigen Spaziergang absolvierte. Man merkte es sogar im Hof weniger. Denn seine Luft war muffig, und obwohl über seinen hohen Wänden der Himmel sich wölbte, schien es, als läge eine unsichtbare Decke über ihn gespannt. Nie kam die Sonne in diesen Hof. Deshalb war sein Pflaster immer feucht, als sonderte es Schweiß ab. Es war wie eine Krankheit der Pflastersteine.

Übrigens kamen jeden Tag die Spatzen in ganzen Massen vor das Zellenfenster, als wollten sie Andreas an sein Versprechen erinnern. Das tat ihm weh. Er sah hinauf und betrachtete schmerzlich die lärmenden kleinen Wesen. Er hielt stumme Ansprachen, und sein Herz redete zu den Tieren, ohne daß sich seine Lippen bewegten. Meine kleinen, lieben Vögel, lange Jahrzehnte war ich euch fremd, und ihr wart mir gleichgültig wie der gelbe Pferdekot in der Straßenmitte, von dem ihr euch nährt. Wohl hörte ich euch zwitschern, aber mir war es gleich wie das Summen der Hummeln. Ich wußte nicht, daß ihr Hunger haben könntet. Ich wußte kaum, daß Menschen, also meinesgleichen, Hunger haben. Ich wußte kaum, was der Schmerz ist, obwohl ich im Krieg war und ein Bein verlor, aus dem Kniegelenk fallen ließ. Ich war vielleicht kein Mensch. Oder ich war krank am schlafenden Herzen. Denn so etwas gibt es. Das Herz hält einen langen Schlaf, es tickt und tackt, aber es ist sonst wie tot. Eigene Gedanken dachte mein armer Kopf nicht. Denn ich bin von der Natur nicht mit scharfer Einsicht gesegnet, und mein schwacher Verstand wurde betrogen von meinen Eltern, von der Schule, von meinen Lehrern, vom Herrn Feldwebel und vom Herrn Hauptmann und von den Zeitungen, die man mir zu lesen gab. Kleine Vögel, seid nicht böse! Ich beugte mich den Gesetzen meines Landes, weil ich glaubte, eine größere Vernunft als die meinige hätte sie ersonnen und eine große Gerechtigkeit führte sie aus, im Namen des Herrn, der die Welt erschaffen. Ach! daß ich länger als vier Jahrzehnte leben mußte, um einzusehen, daß ich blind gewesen war im Lichte der Freiheit, und daß ich erst sehen lernte in der Dunkelheit des Kerkers! Ich wollte euch füttern, aber man verbietet es mir. Weshalb? Weil noch niemals ein Häftling diesen Wunsch hatte. Ach! jene wären vielleicht jünger, beweglicher und schneller, und sie dachten, wenn sie euch sahen, nicht an eure Nöte, sondern an ihre Freiheit, meine Vögel, und ich weiß schon, weshalb ich euch liebe. Ich weiß auch, weshalb ich euch nicht kannte, als ich selbst noch frei war. Denn damals war ich, obwohl einbeinig, dumm und alt, selbst wie ihr und ahnte nicht, daß tausend Gefängnisse auf mich warten, lauernd in den verschiedenen Teilen des Landes. Seht! ich möchte euch von meinem Brot geben, aber die Ordnung verbietet es. So nennen die Menschen den Kerker. Wißt ihr, was Ordnung ist, kleine Vögel?

Die Nacht heftete sich an den Tag und zerrann wieder im siegreichen Grau des Morgens. Andreas hörte auf, die Tage zu zählen. Jahre trennten ihn von seinem früheren Leben. Jahre trennten ihn von der kommenden Freiheit. Und obwohl er sich nach ihr sehnte, tat es ihm doch wohl, zu glauben, daß er niemals seine Sehnsucht erfüllt sehen würde. Er tauchte in seinen Schmerz tief hinab und beweinte sich wie einen teuren Toten. Er liebte seine Qualen wie treue Feinde. Er haßte seine verlebten Jahre wie verräterische Freunde.

Eines Tages wurde er entlassen.

Obwohl er dem Direktor der Anstalt bescheiden und demütig dankte und seine Hand in dessen dargebotene legte, fühlte er doch noch später stundenlang den Druck der mächtigen Direktorshand wie eine feindliche Macht und wie den Willen des Staates und der Behörden, ihr Opfer nicht wieder freizulassen. Andreas faßte einen tiefen Argwohn gegen das Gesetz und seine Vertreter, und schon begann er, sich vor dem neuen Verfahren zu fürchten. Hatte man ihn nicht zum erstenmal ungerecht behandelt? Würde man ihn nicht noch einmal einsperren? Er wollte am liebsten fliehen. Die ganze Unermeßlichkeit der Welt war plötzlich vor ihm aufgetan, er sah Amerika, Australien und die fremden Gestade der Erde, und als wäre seine neugewonnene Freiheit noch ein Kerker, so empfand er das Land, in dem er lebte und in dem ihm Leid angetan war, als einen Gefängnishof, in dem er provisorisch frei spazieren durfte, um wieder in die Zelle zurückzukehren.

Indessen begab er sich zur Vorortbahn und löste, in einem kindischen Trotz, eine Karte zweiter Klasse. So saß er zum erstenmal auf grünen Polstern, breit in eine Ecke am Fenster gelehnt und den Ellenbogen stützend auf weiches, schwellendes Leder, und freute sich, daß er hier saß, wo nicht sein Platz war, daß er ein Unrecht beging und daß er sich anmaßte, was ihm nicht zukam. Er rebellierte gegen die ungeschriebenen und dennoch heiligen Gesetze der irdischen und der Bahnordnung, und sein trotziger Blick verriet den stillen und gutgekleideten Passagieren, daß er ein Rebell war. Sie rückten zur Seite, und Andreas freute sich. Er stand auf, es fiel ihm ein, daß er sämtliche Einrichtungen der zweiten Klasse sehen und genießen müsse, und er machte sich auf die Suche nach der Toilette im Korridor des Wagens. Sie war verschlossen. Er rief den Schaffner, der zufrieden in seinem Dienstabteil schlummerte, und er befahl mit der Stimme eines aufgeregten Herrn dem Beamten, das Klosett zu öffnen. Der Schaffner fand sogar ein Wort der Entschuldigung.

Andreas trat ein und prallte sofort zurück. Aus dem schmalen Spiegel gegenüber der Tür blickte ihm ein weißbärtiger Greis entgegen, mit einem gelben Gesicht und unzähligen Runzeln. Dieser Greis erinnerte an einen bösen Zauberer aus den Märchen, der Ehrfurcht und Furcht erweckt und dessen weißer Großvaterbart wie das Abzeichen einer verräterischen Liebe ist, einer heuchlerischen Güte und einer falschen Ehrlichkeit. Andreas glaubte, sich an die Farbe seiner Augen zu erinnern: waren sie nicht einmal blau gewesen? Jetzt schillerten sie in grünlicher Bosheit. Änderte sich auch die Farbe der Augen in der Luft der Zelle? Weshalb sollten die Augen bleiben, wie sie gewesen, wenn das braune Haar in kurzen Wochen weiß geworden war? In kurzen Wochen? Bewies ihm nicht gerade diese ehrwürdige Haarfarbe, daß er lange Jahre in der Zelle zugebracht hatte?

Jetzt war er ein Greis, unfähig, ein neues Leben zu beginnen, und dem Tode nah. Nun, er wollte sich nicht fürchten. Er wollte freiwillig wieder ins Gefängnis zurückkehren und sterben. Sein Leben war nur noch kurz.

Er kehrte an seinen Platz zurück. Die Leute rückten auseinander. Es schien, daß sie sich über ihn unterhalten hatten; so plötzlich und unwahrscheinlich war ihr Schweigen. Andreas sah zum Fenster hinaus wie einer, der seinem Tod entgegenfährt und Abschied nimmt von den bunten Bildern der Erde. Ein bißchen traurig war Andreas. Er sah selbst die häßlichen Bretterzäune und die Reklamebilder mit dem Schmerz eines Abschieds für ewige Zeiten.

Und dennoch erwachte eine neue Hoffnung in seiner Seele, als er den Bahnhof verließ. Er sah wieder den freudigen Wirbel der lebendigen großen Stadt. Er sah über dem Gewirr der Wagen und Pferde und Menschen die neue Sonne des kommenden Frühlings. Und obwohl er ein weißhaariger Krüppel war, gab er seinen Trotz nicht auf. Todgeweiht, blieb er am Leben, um zu rebellieren: gegen die Welt, die Behörden, gegen die Regierung und gegen Gott.

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