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Die Rebellion

Joseph Roth: Die Rebellion - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/roth/rebellio/rebellio.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Rebellion
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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Am nächsten Morgen kam eine gerichtliche Vorladung an den »Lizenzinhaber Andreas Pum«. Das Schriftstück trug ein Amtssiegel, einen weißen, lithographierten Wappenadler auf einem roten, runden Papier, und obwohl die Adresse von einer flüchtigen Hand geschrieben war und der Gerichte vielbeschäftigte Eile bewies, verbreitete das Schreiben dennoch eine Ahnung von jener langsamen Feierlichkeit, die unsere Ämter auszeichnet. Es enthielt die Vorladung vor die zweite Kammer, welche die eiligen und unbedeutenden Strafsachen zu behandeln hatte. Zum erstenmal wurde hier Andreas Pum als ein »Beschuldigter« bezeichnet, ein Wort, das, wenn es von einem Gericht geschrieben war, schon fast wie »Bestrafter« klang. Im übrigen enthielt das Schreiben nur noch die nähere Terminbestimmung, einen runden, roten Stempel, der etwas blaß und undeutlich ausgefallen war, und die unleserliche Unterschrift eines Richters, die anzudeuten schien, daß der Mann der Gerechtigkeit vorläufig nicht gekannt sein wollte.

Mehrere Male las Andreas das Schreiben des Gerichts, in einer törichten und aussichtslosen Hoffnung, daß er zwischen den gedruckten Zeilen des Formulars etwas herauslesen könnte, Nützliches oder Schädliches, etwas von der Stimmung, die den Richter beherrschte. Als das nicht gelang, versuchte er, sich das Gericht vorzustellen, das Kreuz, die Lichter, die Barriere, die Angeklagtenbank, den Ex-officio-Verteidiger, den Richter, den Schreiber, den Gerichtsdiener, die Aktenbündel und das große Bild des Gekreuzigten, zu dem er innerlich schon betete. Er ging in die Kirche aus gelben Ziegelsteinen hinüber, in der er seit seiner Trauung nicht gewesen war. Die Kirche war leer, ein Fensterflügel stand in der Höhe eines Stockwerks offen, und kalte Luft blies der Winter in das Gotteshaus, das dennoch muffig roch, nach Menschen, ausgelöschten Talgkerzen und Tünche. Andreas faltete die Hände, kniete nieder und sagte mit der dünnen Stimme, mit der er als Schulknabe vor dem Unterricht gebetet hatte, drei, vier, fünf Vaterunser auf.

Hierauf fühlte er sich beruhigt, gesichert vor böser Überraschung, vor dem gerichtlichen Urteil, das im Schoße des Morgen lag.

Er kehrte heim und traf einen fremden Mann im Zimmer. Der stand auf und verneigte sich leicht und setzte sich wieder und sagte sitzend zu Andreas: »Ich warte auf Ihre Frau Gemahlin. Sie entschuldigen schon! Ihre Frau Gemahlin muß in einer Viertelstunde dasein. Ihre Frau Gemahlin war heute früh bei mir im Geschäft. Sie können selbst sehen, wie pünktlich ich bin. Den ganzen Tag unterwegs und immer pünktlich. Das ist meine Devise.«

Andreas betrachtete den Mann feindselig, obwohl er ihn weder kannte noch verstanden hatte. Gewiß war er zu irgendeinem bösen Zweck hier – Andreas ahnte es. Er gab sich einige Mühe, den Beruf und die Absichten des Fremden zu erraten. Aber es gelang ihm nicht. Solange der Fremde saß, machte er den Eindruck eines großgewachsenen Mannes, wenn er aufstand, war er sehr klein. Denn er hatte kurze Beine. Sein vorgewölbtes Bäuchlein hätte auf eine gewisse Gutmütigkeit schließen lassen, ebenso wie die rötlichen Mädchenwangen und der harmlose kleine schwarze Schnurrbart und das glatte, gepuderte und säuberlich rasierte Kinn, das in der Mitte eine lächelnde Mulde hatte. Auch das Näschen war zierlich, sorgfältig und wie aus Gips geformt. Aber in den kleinen schwarzen Augen brannte ein böser Glanz. Der Fremde sah aus wie ein pausbäckiger Knabe mit dem Wuchs und dem Gebaren, der Stimme und dem Bartwuchs eines Mannes. Von ihm ging eine heitere Bosheit aus, eine niederträchtige Gutmütigkeit. Er saß da und hatte gar nicht das Angesicht eines Wartenden. Es schien, daß er sich nicht einen Augenblick langweilte. Seine brennenden Augen sprühten Funken über die Gegenstände des Zimmers, den Teppich, den Tischläufer, die Vase aus blauem Stein, das Kissen mit der Stickerei, als wollte er alles in Brand setzen. So saß er da, lebhaft beschäftigt, und ließ merken, daß sein reger Geist auch an den gleichgültigsten Dingen der Welt Interesse zu finden imstande war.

Immer noch duftend, von einer Wolke parfümierten Frohsinns umgeben, trat Frau Katharina ein, und als hätte ihn plötzlich etwas auf seinem Sitz gestochen, sprang der Mann in die Höhe. »Ich begrüße Sie ergebenst!« sagte er. »Wir wollen gleich ans Geschäft gehen. Nur nichts aufgeschoben! ist meine Devise.«

Katharina klirrte mit den Schlüsseln. Andreas beobachtete sie und den Mann schweigsam aus der Ecke. Er folgte ihnen, als sie hinausgingen. Auf seiner Stirn stand kalter Schweiß, und sein Herz klopfte in wuchtigen, die Brust fast sprengenden, von Zeit zu Zeit aussetzenden Schlägen. An die Tür gelehnt, die den Hof vom Flur trennte, stand er und sah, wie seine Frau den Stall Mulis aufsperrte und den Esel hinauszog. Es war sonnig und trocken, und das kleine Tier warf einen unwahrscheinlich riesigen Schatten auf den glitzernden Schnee. Vor Andreas' Augen verfinsterte sich die Welt. Der strahlende Himmel wurde dunkelblau und schien sich herabsenken zu wollen wie ein Vorhang. Alle Gegenstände wurden dunkelgrün, wie durch ein Bierflaschenglas gesehen. Alles spielte sich in dieser zauberhaften Traumbeleuchtung ab. Der Fremde tätschelte den Esel. Er kniff ihn, als wollte er sich überzeugen, ob das Fell dick genug sei. Er kitzelte das Tier an den Ohrenspitzen, daß es unwillig den Kopf wandte und schüttelte.

»Sehen Sie«, sagte der Fremde, »was fang ich mit so einem Tier an? Ich will ja damit nicht gesagt haben, daß ich es überhaupt nicht brauche, aber was fang ich mit einem Tier an? Wenn es wenigstens ein Pferd wäre, ein kleines Pferdchen«, sagte er mit zärtlicher Stimme, als spräche er schon zu einem kleinen Füllen.

»Ich sagte Ihnen ja: ein Esel«, erwiderte mit resoluter und schriller Stimme, die nichts Gutes verhieß, Frau Katharina.

»Gewiß, gewiß«, sagte der Mann mit niedergeschlagenen Augen, »ein Esel, gewiß. Aber so ein kleines Eselchen!«

»Ein Esel ist doch kein Kamel!« schrie Frau Katharina.

»Belieben zu scherzen, ha, ha, ein Esel ist gewiß ein Esel. Aber es gibt große und es gibt kleine Esel, auch ganz winzige Tierchen. Ich habe schon viel kleinere Tierchen gesehen!«

»Na, sehen Sie!« triumphierte Katharina, »Sie sagen's doch selbst!«

Zögernd griff der Mann nach der Brieftasche. Er zog drei Scheine, sie waren sehr neu und knisterten, und er zählte sie zweimal und hielt sie in die Luft und knatterte noch mit ihnen eine Weile.

Dann schlang er sein kleines, fettes Ärmchen um Muli, und das Tier trottete hinaus, an Andreas vorbei. Katharina blickte über ihn hinweg, als wäre er ein Bestandteil des Türpfostens.

Andreas sah seinem Esel bis zur Tür nach. Der Mann wandte sich noch einmal und grüßte: »Ergebenster Diener!« sagte er.

Andreas humpelte ihm nach. Er sah bis an das Ende der Straße. Da ging der Mann, und Muli trottete am Rande des Bürgersteigs, hart neben der Bordschwelle, das liebe Tier, das warme, kleine Wesen. Es hatte goldbraune Augen gehabt, und sein grauer Leib barg eine menschliche Seele.

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