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Die Rebächle

Hermine Villinger: Die Rebächle - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHermine Villinger
titleDie Rebächle
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunSechste Auflage
year1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070521
projectiddea8d567
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VI

Leithammel saß in einem wohleingerichteten Zimmer mit altmodischen Möbeln. Sie nähte an einer Gesellschaftstoilette, von Zeit zu Zeit nach der Uhr sehend.

Seit Großmamas Geldsendungen aufhörten, mußte Leithammel die Veränderungen an ihrer Theatergarderobe selbst besorgen.

Es war kalt im Zimmer, ihre Finger waren bläulichrot. Sie hatte es schwer, mit den Gedanken bei der Arbeit zu bleiben, denn vor ihr lag ein Brief, den sie soeben bekommen. Sie hatte ihn geöffnet – sechs, acht Bogen. Aber sie mußte bei der Arbeit bleiben.

Der Brief war von Unnütz. So oft Leithammels Augen ihn streiften, flog ein schmerzliches Lächeln über ihr Antlitz. Wie hatte sie sich verändert! Keine Spur mehr von jener sieghaften Frische, mit der sie ihrem neuen Leben entgegengezogen war. Dieser schöne, kräftig geschnittene Mund schien nur noch Bitterkeit zu kennen. Strenge, ernste, Schmerz und Haß verratende Linien hatten sich um ihn gebildet. Nur die stolzen, wahrhaftigen Augen hatten sich nicht verändert.

Immer wieder griff sie nach dem Brief, las ein paar Zeilen, um dann mit erneutem Eifer drauflos zu nähen.

Ein leises Pochen an der Türe machte sie auffahren. Es lag Unmut in ihrem »Herein«. Ihre Stirne runzelte sich beim Eintritt der großen, schwerfälligen Frau, die mit einer Tasse dampfenden Kaffees über die Schwelle trat.

»Frau Professor,« empfing sie Leithammel, »Sie wissen doch – ich habe Ihnen so oft schon gesagt –«

»Ach ja, ja, ich weiß,« nickte die Frau, indem eine dunkle Röte in ihr Gesicht stieg, »mein Sohn sagt mir's ja auch immer – ›laß Fräulein von Rebach in Ruh – kümmere dich nicht um sie – 's gehört sich nicht, Mutter‹ – Aber ich kann's halt nicht lassen. Ich bin halt so; ich kann wirklich nichts dafür. Gelt, tun Sie mir den Gefallen und trinken Sie ein Täßle Kaffee. Den Kuchen hab' ich selbst gebacken. Ach, und so kalt ist's bei Ihnen! Darf ich schnell ein Feuerle anmachen –«

»Nein, nein, ich danke,« fuhr ihr Leithammel in die Rede, »mir ist es sehr angenehm, so wie es ist –«

»Aber den Kaffee – für heut noch?« bat die Frau.

»Nun ja, ich danke Ihnen – aber es ist zum letztenmal – versprechen Sie mir –«

»Nein, nein, ich versprech' nichts,« verwahrte sich die Frau Professor, indem sie Leithammel gegenüber auf dem großen Kanapee Platz nahm, »sehen Sie, Fräulein von Rebach, Wort halten ist meine schwache Seit'. Ach Gott, wie oft hat mein Mann zu mir gesagt: ›Balbin, heut bist du einmal ganz still und redest kein Wort.‹ – ›Ja, ja,‹ hab' ich gesagt, ›kein Wörtle, ich versprech's‹ – Ueber einmal bin ich dagesessen und hab' wieder alles gesagt, was ich nicht hätt' sagen sollen –«

Leithammel nähte weiter und nahm von Zeit zu Zeit einen Schluck Kaffee. Er tat ihr wohl, denn das ärmliche Mittagessen, das sie sich selbst zurechtmachte, hielt nicht lange an.

Die Frau Professor vor ihr, deren kleine Züge wie verloren in der großen, runden Fläche ihres Gesichtes schwammen, seufzte tief auf.

»Sie sind so verschlossen, Fräulein von Rebach, nie fragen Sie was. Ach Gott, das tut mir so leid. Ich möcht' doch so gern ein bißle für Sie sorgen dürfen. Aber gleich gucken Sie mich so streng an. Darum vermiet' ich ja – damit ich eins hab', für das ich sorgen kann. Mein Sohn ist den ganzen Tag in seinem Krankenheim. Ich ging zugrund so allein. Ich bin ja nicht gebildet, ich kann ja weiter nix als ein bißle für die Gesundheit und für den Magen sorgen. Ach ja! Früher, wie mein Mann noch gelebt hat, hab' ich immer lesen müssen und Vorträg anhören – 's war schrecklich! So schad' für all das viele Geld. Ich hab' mich doch immer wieder blamiert in jeder Gesellschaft. Ich bin ja doch weiter nichts als ein arms Bauernmädle von Haus. Ich war im Dienst bei ihm und seiner Frau. Gute Leut, ach ja, recht gute Leut, aber ausgesehen haben sie wie die teuer Zeit. Ich hab' dreimal so viel gegessen wie die drin. ›Frau Professor, Frau Professor,‹ hab' ich zu ihr gesagt, ›so kann der Mensch nicht existieren, das ist den Mäus gepfiffen, was Sie auf Ihren Teller nehmen.‹ Richtig, eines Tages stirbt sie. Am Fundament hat's gefehlt – das heißt auf deutsch: am Essen und Trinken. – Ach ja, 's war noch kein Jahr 'rum, kommt der Herr Professor in die Küch und sagt: ›Balbin, Sie müssen meine Frau werden.‹ – Bis in den Tod bin ich verschrocken. Ich hätt's gewiß nicht getan, wenn ich hätt' nein sagen können. Ach ja! 's ärgst war, wie oft's der Bernhardle hat mit ansehen müssen, wie mich der Herr Professor ausgescholten. War der Herr Professor aber zum Haus draußen, oh, da waren wir vergnügt! Die Aermel 'nauf und drauflos geputzt und geschafft und mich gerührt. Das war meine Rettung Sonst wär' ich verstickt.«

Leithammel, die diese Geschichte jedesmal zu hören bekam, so oft die redselige Frau bei ihr eintrat, stand plötzlich auf. Die Uhr schlug fünf, die Aufwartefrau klopfte an, um die Garderobe fürs Theater abzuholen.

Leithammel machte sich auf den Weg.

Nachdem sie ein paar Gassen der großen, belebten Schweizer Stadt durcheilt hatte, stand das Theater vor ihr, ein großer, kasernenartiger Bau.

Ein stolzer, fast unnahbarer Ausdruck flog über Leithammels Gesicht, als die Seitenpforte des Theaters hinter ihr zufiel. Auf der Treppe, im Korridor kein Gruß der ihr begegnenden Kollegen und Kolleginnen. Leithammel hatte es mit allen verdorben, da sie nicht teil an der allgemeinen Geselligkeit nahm und es sich mit aller Energie verbeten, in den intimen Umgangston der Kollegen mit hereingezogen zu werden.

Die Folge war, daß man sie verhöhnte und Fräulein »Von« nannte.

Es war ihr Schicksal. An jedem Theater noch hatten die Kollegen sie gehaßt, weil sie sich fern von ihnen hielt, weil sie eine andre Meinung von der Kunst hatte und immer suchte und suchte nach solchen, die ihre Meinung teilten. Sie duldete nichts, sie verzieh nichts. Gleich war sie bereit, einem unwürdigen Vorgesetzten den Bettel vor die Füße zu werfen.

Das ging alles, so lange Großmamas Hilfe ihr zur Seite stand.

Jetzt war sie auf ihre Gage angewiesen.

Sie spielte die Magda in Sudermanns »Heimat«.

Was an Hohn und Spott und Verachtung in ihr war, brachte sie in dieser Rolle zum Ausdruck. Sie wirkte elementar.

Aber – »wie schade,« hieß es da und dort, »daß sie so wenig liebenswürdig sein kann –«

Die Frau Direktor in der Direktionsloge sagte zu ihrem Gatten:

»Das geht nicht länger so fort – seit sie hier ist, nicht eine einzige neue Toilette – die Magda, die überhaupt nur auf Toiletten gestellt ist! Wir müssen gleich nach der Vorstellung mit der Rebach reden, hörst du?«

Der Gatte nickte. Er war klein und fett und hatte sehr kurze Arme. An dem tief im Halse steckenden Kopf prangten zwei mächtige Ohren. Er war sechzig und die kleine, behende Gattin dreißig. Im Theater nannte man sie die Regentin.

Seidene Unterröcke rauschten um ihre schlanke Gestalt, feine Glanzlederstiefelchen blinkten unter diesen Röcken hervor, und ein starkes Heliotropparfüm bildete ihren Dunstkreis.

Sie pochte, den Gatten hinter sich herziehend, an Leithammels Ankleidezimmer. Die Garderobiere verschwand. Die Künstlerin stand vor der Direktorin. Die beiden sahen sich mit Augen an, die einander nichts verhehlten.

Die kleine Frau, vor der sie alle krochen, fuhr in höchster Wut auf:

»Sie sind eine hochmütige, unliebenswürdige Person, wissen Sie das?«

»Ja,« bekam sie zur Antwort.

»Aber das gehört doch eigentlich nicht hierher,« meinte der Direktor, »es handelt sich doch –«

»Ja,« fiel ihm die Gattin ins Wort, »Sie diskreditieren unser Theater durch Ihre schundigen Toiletten. Das geht nicht länger. Wir können keine Schauspielerin brauchen, die nichts für ihre Toiletten ausgibt.«

»Meine Gage erlaubt mir keinen größeren Aufwand,« sagte Leithammel, indem sie ein klein wenig mit der Achsel zuckte.

»Hm,« meinte der Direktor mit einem breiten Lächeln, »das ist doch nicht Sache der Gage. Ich habe Ihnen schon oft gesagt, es gibt andre Mittel –«

»Für mich nicht,« fiel ihm Leithammel in die Rede, »das habe ich Ihnen auch schon oft gesagt.«

»Dann sind wir überhaupt fertig miteinander,« erklärte die Direktorin mit einem schadenfrohen Aufblitzen ihrer Augen, »die Toilettenfrage ist in Ihrem Kontrakt ausdrücklich betont – Sie vermögen ihr nicht nachzukommen – also –«

Einen Augenblick war es still. Der Direktor und seine Frau warteten auf den obligaten Verzweiflungsausbruch, der ihren Kündigungen unausbleiblich zu folgen pflegte.

Sie warteten umsonst.

»So haben wir uns weiter nichts zu sagen,« meinte Leithammel mit einem kaum merklichen Neigen des Hauptes.

Der Direktor und seine Frau wußten nicht, wie sie zur Türe hinauskamen. Sie prallten auf der Schwelle aneinander, und ihre Blicke richteten sich zu gleicher Zeit, erschrocken darüber, auf die Künstlerin.

Diese wandte ihnen schon den Rücken.

Was sie soeben erlebt, es war nichts Neues in ihrer Bühnenlaufbahn. Seit Großmamas Tod war ihr drei-, viermal wegen der Toilettenfrage von größeren Stadttheatern gekündigt worden.

Zu Hause erwartete sie ein warmes Zimmer. Ein kaltes Abendbrot stand auf dem Tisch, die surrende Teemaschine.

Leithammel war bis auf das äußerste erschöpft. Sie hatte vier Wochen lang fast alle Abend gespielt. Völlige Unfähigkeit, noch irgend etwas zu denken, hatte sich ihrer bemächtigt. Sie aß mit Heißhunger, trank eine Tasse Tee um die andre und streckte sich dann auf dem breiten, weichen Kanapee aus. Die Lampe wurde näher gerückt, Unnützens Brief zur Hand genommen. Und nachdem Leithammel die Bogen der Reihe nach geordnet, begann sie zu lesen:

»Ach, Leithammel, ich bin glückselig. Ich hatte eine so große Angst. Höre, wie alles ging. Ich konnte mich nicht entschließen, Dir vor meiner Abreise zu schreiben. Ich fürchtete so sehr, Du möchtest mit meinem Vorhaben nicht einverstanden sein, mich warnen und meinen endlich gefaßten Entschluß wankend machen. Es war aber so in mir. Ich mußte fort. Ich liebte ihn ja längst durch seine Briefe. Ich habe Dir erzählt, wie er mir schrieb, daß ich alles Zeug hätte, eine berühmte Schriftstellerin zu werden, und er mir dazu verhelfen wolle. Ach, so groß erschien mir meine Zukunft, so wundervoll. Ich baute schon in Gedanken Rebach auf, ein Schloß machte ich aus Rebach. Ich sah uns alle reich und unbeschreiblich glücklich.

Die Reise fand mich freilich wieder kleinlaut. Ganz schmählich war mir zumut unterwegs. Es fällt mir erst jetzt ein, welch einen komischen Eindruck Ernstine und ich auf die Menschen gemacht haben müssen. Denke sie Dir in einem ganz kleinen verschossenen Hütchen von unserm Cassalele und mit so vielen Röcken, daß sie sich auf ihrem Sitz nicht regen konnte. Auch hielt sie ihren Marktkorb fest auf den Knien, und wenn sie aß, was sie sehr oft tat, versteckte sie sich hinter dem Deckel ihres Korbes. Die Mitreisenden und auch den Schaffner behandelte sie auf das unfreundlichste und bewachte sie mit solch mißtrauischen Blicken, als hätten wir lauter Todfeinde um uns.

Und als wir erst in den großen, lauten, von Hunderten von Menschen angefüllten Bahnhof unsers Bestimmungsortes einfuhren! Husch, war Ernstine auf und davon; ich sah sie wie besessen den Zug entlang rennen. ›Wo isch unser Koffer? Wo isch unser Koffer?‹ schrie sie. Alle Leute lachten. Mir aber war das Weinen nahe. Da stand ich mit meiner Handtasche, dem Regenschirm und Ernstinens Marktkorb.

Plötzlich trat eine kleine, rundliche Dame auf mich zu.

›Sie sind gewiß die Unnütz?‹ fragte sie.

›Ach ja, ja,‹ rief ich aus.

›Ich bin Tante Rikchen. Die Geheimrätin, meine Schwester, erwartet Sie zu Hause. Sie ist eine vortreffliche Frau, aber sie hat keine Ahnung, wie einem Menschen zumute sein mag, der vom Lande kommt. Da habe ich mir gesagt. Sie wissen vielleicht nicht Bescheid –‹

›Gar nichts weiß ich, gar nichts,‹ fiel ich ihr ins Wort, ›ich bin Ihnen ja so dankbar, Fräulein –‹

›Tante Rikchen,‹ sagte sie, ›für alle Welt Tante Rikchen. Wo ist Ihr Gepäckschein?‹

›Den hat Ernstine.‹ Ich sah nach ihr. Die Unglückliche stand, von einer Anzahl Gepäckträger umringt, die alle furchtbar lachten und auf die sie in der derbsten Weise losschimpfte. Plötzlich brach sie sich Bahn und rannte hinter einem Karren her, auf dem sie den Koffer entdeckt hatte. Da legte sich Tante Rikchen ins Mittel, und im Nu war alles in Ordnung. Der Koffer wurde auf eine Droschke geladen. Ich sollte einsteigen, da fing Ernstine fürchterlich an zu heulen, so daß sie schon wieder die Aufmerksamkeit aller auf sich zog.

Tante Rikchen, die mit dem ganzen Gesicht lachte, nahm Ernstine beim Arm:

›Schnell, schnell, einsteigen –‹

›Was fallt Ihne ein,‹ rief Ernstine und riß sich los, ›in zehn Minute geht jo mei Zug. Zum Mittagkoche muß i wieder daheim sein. Daß nur unserm gnädige Fräule nix g'schieht – i bind's Ihne auf d' Seel –‹

›Aber, meine Liebe,‹ sagte Tante Rikchen, ›Sie müssen doch erst etwas essen hier im Restaurant –‹

›I hab mei Futter bei mir,‹ schluchzte Ernstine, renkte mir fast die Hand aus dem Gelenk und eilte ins Bahnhofgebäude zurück, den großen Marktkorb am Arm, das kleine Hütchen von Mademoiselle im Rücken.

Tante Rikchen hörte nicht auf zu lachen.

›Ach, die köstliche Person – wie schade, wie schade, daß sie nicht mitkam – die und meine Schwester – na, ich sage Ihnen, die und meine Schwester –‹

Immer wieder kicherte sie laut auf.

Endlos kam mir die Fahrt vor. Das Leben in den Gassen, die hastenden Menschen, die vielen Wagen und Trams – mir schwindelte. Ich konnte Tante Rikchen, die immer drauflosschwatzte, kaum ein Wort verstehen. Und dann – du kannst dir denken, wie mir das Herz pochte: Wie wird es sein, wenn wir voreinander stehen –

Endlich hielten wir vor einem großen, schönen Haus. Der elegante Eingang, die mit rotem Teppich belegte Treppe schüchterten mich sofort ein.

Tante Rikchen sagte: ›Hier präsentieren sich alle neuen Häuser wie Paläste. Ist aber gar nichts dahinter. Meine Schwester wohnt drei, ich vier Treppen hoch. Auch ist hier kein Mensch mehr schüchtern. Das gewöhnt man sich schon in der Wiege ab.‹

Wir standen vor einer verschlossenen Tür mit einem Guckloch. Auf Tante Rikchens Läuten schauten ein Paar Augen durch dieses Guckloch, man hörte das Geklirre einer Kette und das Burgverließ tat sich auf.

Ein Mädchen öffnete die Tür in ein hohes, geräumiges Zimmer. Längs der Wände, wo man hin sah, Bücher. Auf den oberen Schafften leuchteten ein paar weiße Marmorköpfe aus dem Dunkel.

›Da sind Sie ja,‹ sagte eine Stimme aus dem Nebenzimmer, wo der Tisch gedeckt war und ein Gaslüster brannte, ›kommen Sie, kommen Sie –‹ Im nächsten Augenblick stand ich vor der Geheimrätin, die mit unbeschreiblicher Sorgfalt Schinken schnitt.

›Schön,‹ sagte sie mit einem kurzen Aufblick, ›Edu wird sich freuen. Er ist tief in der Arbeit, aber die Mahlzeitstunden hält er ein, das habe ich mir ausgebeten. So, du kommst gleich mit?‹ wandte sie sich an die Schwester.

›Ja,‹ nickte Tante Rikchen, ›ich habe Unnützchen abgeholt, sonst wäre sie wohl noch lange nicht gekommen.‹

›I wo,‹ verwunderte sich die Geheimrätin, ›Tante Rikchen macht sich nämlich immer ein wenig wichtig,‹ belehrte sie mich.

Ich stotterte: ›Ich weiß wirklich nicht, was aus mir geworden wäre ohne Tante Rikchen. Es war so furchtbar schwierig mit dem Gepäck –‹

Die Geheimrätin schüttelte das Haupt:

›Hier ist überhaupt nichts schwierig, hier geht alles von selbst. Das einzige, was man zu tun hat, ist, sich dieser über alles Lob erhabenen Organisation zu fügen.‹

Dann wurde wieder ein dünnes, fast durchsichtiges Stückchen Schinken geschnitten.

Tante Rikchen, von der ich fortwährend die Empfindung hatte, als amüsiere sie sich über die Maßen, denn immer wieder brach ein kleines Kichern über ihre Lippen, Tante Rikchen meinte:

›Unnützchen steht da wie im Verhöre, du hast sie noch nicht einmal aufgefordert, sich zu setzen, Eidechse –‹

›Tante Rikchen,‹ fiel ihr die Schwester ins Wort, ›ich habe dir schon hundertmal gesagt, verunglimpfe mir meinen Namen nicht –‹

›Ich habe Eudoxe gesagt,‹ behauptete Tante Rikchen.

›Nein, du hast Eidechse gesagt, nicht wahr, Unnütz, sie hat Eidechse gesagt?‹

Ich suchte mich auszureden, ich hätte nicht recht verstanden, während mich Tante Rikchen auf einen Stuhl niederdrückte.

Die Geheimrätin ist eine große, imponierende Erscheinung von flacher, breiter Gestalt, die Haare, tiefschwarz, liegen ihr glatt ums Gesicht, das sehr regelmäßig und ungeheuer ernsthaft ist. Ein Spitzenhäubchen und ein Spitzenfichu geben ihrem Anzug etwas Vornehmes. Sie hat rasche und eckige Bewegungen und ist sehr kurzsichtig.

Sie erzählte mir: Mein Sohn wird eine große Arbeit über die Literatur der Inder herausgeben, daneben hört er nicht auf, sich mit der deutschen Literatur zu beschäftigen. Nichts von Bedeutung entgeht seinem Kennerblick. So hat er auch sofort Ihr Talent erkannt. Sein Hauptinteresse gehört aber der indischen Literatur.‹

›Ein Unglück, daß er gerade auf die Inder versessen ist,‹ warf Tante Rikchen hin.

›Ich habe dir schon hundertmal gesagt, davon verstehst du nichts,‹ fuhr die Geheimrätin auf.

›Na, ich frage mich nur, was hat man eigentlich von seinem Leben, wenn man mit seinen Gedanken immer in Indien und nie da ist, wo man hingehört.‹

›Er wird die Mitwelt um einen großen Schatz bereichern,‹ erklärte die Geheimrätin, ›damit hat man das Höchste im Leben erreicht.‹

Mir wurde immer banger vor dem Manne, der mir durch seine Briefe so nahe gekommen war und von dem ich nun hörte, daß seine Gedanken immer in Indien seien. Ein Gefühl der Scham erfaßte mich – waren meine Gedanken nicht all die Zeit her bei ihm gewesen? Und nun war er nicht einmal bei meiner Ankunft da –

Tante Rikchen nahm mich bei der Hand:

›Sie haben Ihr Zimmerchen oben bei mir. Meine Schwester sieht über alle Kleinlichkeiten des Lebens hinweg, aber Ihnen ist es vielleicht angenehm, sich des Reisestaubes zu entledigen.‹

Ich folgte dieser Aufforderung mit Eile und fand oben ein sehr hübsches, peinlich sauberes Zimmer, in dem sich Mademoiselles uralter Holzkoffer ganz erbärmlich ausnahm.

Ebenso ich in meinem schlichten Lüsterkleidchen, das mir in Rebach so schön vorgekommen war. Ich steckte schnell meine weiße Schleife vor, das Feinste, was ich besitze.

Tante Rikchen kam mich abholen, sah sofort meine Schleife und lachte.

Alles unnötig. Es sind ganz vortreffliche Menschen, meine Schwester und ihr Sohn, aber es interessiert sie nicht im geringsten, wie ein andrer aussieht. Uebrigens merken Sie sich, Unnützchen, hier schließt man beim Gehen sein Zimmer ab, und lassen Sie ums Himmels willen nie wieder die Vorplatztüre offen stehen, wie eben. Müssen Sie die zu Hause denn nicht auch schließen?«

›Wir haben gar keine,‹ gab ich zur Antwort.

›O Gott,‹ rief Tante Rikchen aus, ›der reine Paradieszustand! Hier bringen sie einen wegen ein paar Mark um. Täglich können Sie zehn Morde in der Zeitung lesen, immer Einbruch. Na, Unnützchen, nur nicht bange, es wird schon schief gehen.‹

Als wir unten eintraten, kam er aus der entgegengesetzten Türe. Er trug eine Brille, durch die er mich zerstreut ansah. Alles an ihm, sein Gang, seine Bewegungen, hatten etwas Unsicheres, Kurzsichtiges. Ich sah das nicht gleich, es lag mir wie ein Nebel vor den Augen. Endlos kam mir der Augenblick vor, da wir voreinander standen und kein Mensch ein Wort sprach, niemand uns zu Hilfe kam und er mich immerfort fragend ansah und verlegen die Hände rieb. Endlich sagte ich:

›Grüß Sie Gott, ich bin die Unnütz.‹

Da war er sehr erfreut und schüttelte mir die Hand, aber so lose, daß sie fast aus der seinen fiel. Sein Gesicht ist klein und bartlos, seine Gestalt – wie soll ich mich ausdrücken? – wie ohne Knochen. Ich muß bekennen, ich war ein wenig enttäuscht, besonders weil sein Wesen so ganz anders ist als seine Briefe. Aber bei Tisch sprach er sofort von meinen Sachen und ganz wundervoll und fast ununterbrochen. Sehr oft sprach seine Mutter zugleich mit ihm, worüber Tante Rikchen leise kicherte.

Einmal, als er gerade aß, sagte seine Mutter:

›Unnütz wird also jetzt für eine Weile bei uns bleiben, nicht wahr, Unnütz?‹

›Ich hab' mich so gefreut,‹ preßte ich hervor.

›Ich habe,‹ korrigierte mich der Doktor. ›Sie sprechen ja Dialekt! Ihre Stoffe sind an und für sich schon volkstümlich genug. Ueber den Dialekt müssen wir wegkommen –‹

›Ich fürcht',‹ fing ich an zu stottern.

›Ich fürchte,‹ fiel er mir ins Wort.

›Es wird schon schief gehen,‹ sagte Tante Rikchen.

Die Geheimrätin warf ihr einen strafenden Blick zu.

›Edu, du mußt sie nicht gleich einschüchtern, sie kommt vom Lande, sie ist deine Sprache nicht gewohnt.‹

›Ganz wie du meinst, Mama.‹

›Unnütz muß ein wenig plaudern, nicht, Edu?‹

›Ja ja, ja ja,‹ nickte er mit großer Heftigkeit, und alle sahen mich an.

Da sagte ich: ›Sind Sie wirklich allein in Indien gewesen, Herr Doktor?‹

Tante Rikchen lachte laut auf.

›Sonderbare Frage,‹ gab mir der Doktor zur Antwort. ›Was soll Mama in Indien? Wie steht es aber mit Ihrer Arbeit?‹

›Ich habe noch keine neue angefangen.‹

›Was,‹ entsetzt er sich, ›man muß überhaupt immer mit einer Arbeit beschäftigt sein. Ununterbrochen! Was bietet uns das Leben sonst? Sie haben bisher Gestalten und Motive aus Ihrer nächsten Umgebung genommen. Gut. Aber weiter, weiter! In dem »Werde, der du bist« der Inder ist nicht nur das Gute gemeint. Alle schlummernden Fähigkeiten sollen erwachen. Nichts verkümmern. Sie müssen von den falschen Begriffen von Gut und Böse zurückkommen. Noch löst sich alles bei Ihnen in Harmonie auf. Falsch!‹

Ich sah ihn verständnislos an.

Er nickte. ›Entwicklung ist Widerspruch. Alle Gegensätze der unmittelbaren Wirklichkeit sind nur relative. Heraus aus Ihrem einseitigen unbewußten Ich! Die Großstadt soll diese Umbildung, diese Erweiterung an Ihnen vollbringen–‹

Ich kann Dir nicht sagen, wie er mir imponierte.

Die Geheimrätin fiel ihrem Sohn in die Rede:

›Donnerstag ist unser »jour«, da sollen Sie die bedeutendsten Köpfe der Gegenwart kennen lernen –‹

Er sprach immer weiter. Sie zählte eine Anzahl von Namen an den Fingern auf.

Der Kopf schwirrte mir.

Tante Rikchen fing an zu kichern, und zwar immer lauter, bis Mutter und Sohn plötzlich schwiegen und die kleine strickende Tante empört anschauten.

Sie sagte: ›Ihr redet und redet und merkt nicht, wie dem armen Kinde die Augen zufallen. Bedenkst du denn gar nicht, Eidechse –‹

›Schon wieder,‹ fuhr die Geheimrätin auf, ›hast du gehört, Edu – Edu, du bist mein Zeuge –‹

›Ich sagte Eudoxe,‹ behauptete Tante Rikchen, ›wir Geschwister sagten nie anders zu dir, als wir noch in der alten Hirschgasse im Graben spielten.

›Tante Rikchen, du willst mich bloß ärgern,‹ fiel die Geheimrätin ihrer Schwester ins Wort, während der Doktor, ohne an dem Streit teilzunehmen, mit dem Ausdruck tiefster Verstimmung im Nebenzimmer verschwand.

›Wir haben niemals in einer so gemeinen Straße wie der Hirschgasse gewohnt,‹ fuhr die Geheimrätin zu sprechen fort, ›Prinzessinnen sind nicht feiner erzogen worden als wir –‹

›I wo,‹ platzte Tante Rikchen los, legte ihr Strickzeug zusammen und nahm mich bei der Hand.

Die Geheimrätin redete zwar immerzu, aber das genierte Tante Rikchen nicht, ihr mitten hinein eine gute Nacht zu wünschen und mich aus dem Zimmer zu ziehen.

Auf der Treppe sagte sie:

›Es sind ganz vortreffliche Menschen, aber falls Sie einen Wunsch haben, liebes Kind, so kommen Sie zu mir. Mein Neffe war zwar zweimal in Indien, aber in seiner Vaterstadt weiß er so wenig Bescheid wie ein dreijähriges Kind. Und auch für meine Schwester hört außerhalb ihrer vier Wände die Welt auf. Na ja, es wird schon schief gehen. – Gute Nacht, Unnützchen –‹


Ich hab' Dir den ersten Abend beschrieben, Leithammel; so sind alle Abende. Weder die Geheimrätin noch ihr Sohn verlassen jemals das Haus.

Des Morgens wischt sie die vielen Bücher ab. Dann diktiert er ihr stundenlang. Des Abends strickt sie Strümpfe für einen Armenverein. Ihn sieht man nur bei den Mahlzeiten. Und nie wird bei Tisch von geringfügigen Dingen gesprochen.

Schrecklich, wenn er eine Frage an mich richtet. Meine Antworten enttäuschen ihn immer. Er tadelt mich nicht, er sagt nur zu seiner Mutter, sie solle mir diese oder jene seiner Abhandlungen aufs Zimmer schicken.

Manchmal des Abends, wenn er das Speisezimmer verlassen hat, erzählt sie mir von ihm, wie er als Kind nie gespielt, sondern immer gelernt habe, ihr Mann habe ihn von der Wiege an unterrichtet.

›Der Geheimrat,‹ sagte sie, ›war der bedeutendste Mann seiner Zeit –‹

›I wo,‹ rief Tante Rikchen aus und wollte sich ausschütten vor Lachen.

Wem soll man nun glauben?

Ich war natürlich sehr gespannt auf die Donnerstage mit den bedeutenden Professoren und ihren Frauen. Zu meinem Erstaunen glichen die letzteren in keiner Weise der Geheimrätin, sondern waren fast alle hübsch und sehr elegant gekleidet.

Die Sicherheit ihres Auftretens und die unbeschreibliche Gewandtheit, sich auszudrücken, verblüffte mich im Anfang nicht wenig. Sie nannten mich Altertümchen, aber sie waren sehr lieb gegen mich.

Nach kurzer Zeit rückten sie von den gelehrten Herren weg und setzten sich eng zusammen. Oh, wie sie klagten! Todmüde waren sie alle, abgehetzt, bis zur Entkräftung nervös von dem, was der Tag und hauptsächlich die Geselligkeit von ihnen verlangte. Und was das Schlimmste war, dieser entsetzliche Donnerstag bei Forhards!

Sie genierten sich weder vor Tante Rikchen noch vor mir und kamen überein, der Geheimrätin einen Schrecken einzujagen, indem sie sich vornahmen, von den dünnen Schinkenschnittchen drei statt zwei auf ihren Teller zu nehmen.

Nun waren sie wie die Kinder und wollten sich halbtot lachen.

›Wie halten Sie es nur hier aus?‹ fragte mich eine der Damen.

Ich fragte zurück: ›Warum kommen Sie, wenn Sie es hier so langweilig finden?‹

›Ach, liebes Kind, zwangshalber. Er ist eine Kapazität,‹ bekam ich zur Antwort.

Forhard sprach immerzu, so daß ich von der Bedeutung der übrigen Herren nicht viel wahrnehmen konnte. Nur einer schrie einmal ganz erbost:

›Sie sind in Indien ebenso in einer Klause gesessen wie hier, Doktor!‹

Da erklärte Forhard: ›Ich habe die Sanskritliteratur an der Quelle studiert und ein überaus wertvolles Material gesammelt.‹

Er hatte etwas sehr Würdiges, als er über diese Dinge sprach.

Endlich, man war halbtot vor Hunger, ging man zu Tisch. Ich paßte genau auf, und wirklich, jede der Damen nahm drei von den dünnen Schinkenstückchen auf ihren Teller. Infolgedessen war die Platte leer, als Forhard, seine Mutter, Tante Rikchen und ich drankamen.

Das Erstaunen der Geheimrätin war groß. ›Ich glaube, Edu war so interessant, daß ich mich versehen habe,‹ sagte sie und schnitt frischen Schinken auf.

Es rührte mich, daß die Geheimrätin mit keinem Gedanken daraufkam, man könne ihr einen Streich gespielt haben.

Auch merkte sie nichts von der Absicht, die in dem beständigen Widerspruch lag, den die Damen ihr gegenüber an den Tag legten.

Sie sagte nur, nachdem diese gegangen waren:

›Dieses Alles-besser-wissen-Wollen der heutigen Jugend ist der Krebsschaden der Jetztzeit.‹

Sämtliche Damen hatten mich beim Gehen aufgefordert, sie zu besuchen.

Die Geheimrätin hatte ihnen geantwortet: ›Wir verlassen niemals das Haus.‹

Und Forhard sprach von meiner großen Zukunft, und daß ich meine Zeit unter keiner Bedingung vertändeln dürfe.

Wenn er so spricht, überkommt mich eine unbeschreibliche Freudigkeit. Dann sehe ich mich schon reich, sehe mich imstande, Euch alle glücklich zu machen. Die arme Krabb, die so sparen muß – die Armen im Dorf – Und Du, Du, Leithammel, die ich so lange nicht gesehen. Nicht wahr, wenn ich reich bin, dann sehen wir uns wieder? Tag und Nacht träume ich von dieser Stunde. Ich habe ein kleines Bildchen von Großmama bei mir, aber ich mußte es in die Schublade legen, ich darf es nicht ansehen. Ich werde sonst verrückt vor Heimweh. Weißt Du, ein solches Heimweh, daß ich manchmal schon auf der Treppe war, um auf und davon zu laufen. Ja, und denke Dir, wenn er so gelehrt spricht und kein Ende findet, da kann mich plötzlich eine unerklärliche Sehnsucht überkommen – mittenhinein – Heidegale zu schreien. Heidegale! Heidegale! –

Aber damit wär' ja alles aus, meine ganze Zukunft! Er hat es mir oft genug gesagt, nur im Kontakt mit bedeutenden Menschen könne etwas aus mir werden. Und ist es nicht schön, wie er an seiner Mutter hängt? Wie ein kleines Kind folgt er ihr aufs Wort, und es ist rührend, wenn er plötzlich auf sie zutritt und ihr die Brille putzt. Ich liebe ihn ja nicht mehr wie früher, da ich ihn nur aus seinen Briefen kannte. Aber wenn er mich belehrt, dann ist er ganz wie in seinen Briefen. Nicht nur die deutsche und indische, auch die französische und englische Literatur kennt er, und ich kann nur staunen. Sein Gedächtnis ist unglaublich. Auf meinem Zimmer liegen ein paar dicke Bände, die er geschrieben, die Technik des Romans und die Technik der Novelle.

Ach, ich habe erst ein einziges Mal hineingesehen. Aber ich habe nicht den Mut, ihm zu sagen, daß mir alles viel zu schwer ist. Ich habe einen so fürchterlichen Respekt vor ihm. Was ich für ihn empfand, alles ist zu Respekt geworden.

Nur manchmal, wenn von unbedeutenden Dingen die Rede ist und er plötzlich ein Gesicht macht wie ein ganz kleines Kind – ich hatte nämlich bei Tisch von Rebach gesprochen, von unserm Schwalbennest, von Großmama, wie sie jeden so richtig zu taufen verstanden – es fuhr mir plötzlich alles so 'raus, ich lachte und weinte auch ein bißle – da sah ich, wie Forhard immer unruhiger wurde, wie seine Hände auf dem Tisch herumtappten, bis er sein Glas und das Salzfaß umwarf. Es war zum Totlachen. Ich konnt' mich kaum bemeistern. Tante Rikchen genierte sich nicht.

›Mama,‹ sagte er, ich habe dir doch meine Schrift über den Pessimismus für sie gegeben – Sie müssen diese Schrift beherzigen, Unnütz, sie sich ganz zu eigen machen.‹

›Ich hab's nicht bekommen,‹ erklärte ich.

›Ich habe es‹ – korrigierte er mich, während die Geheimrätin behauptete:

›Jawohl, ich habe es Ihnen gegeben.‹

Ich wagte nicht mehr, den Mund aufzutun.

Tante Rikchen erhob sich:

›Na, ich werde einmal nachsehen –‹

Schon nach wenigen Augenblicken kam sie mit der Schrift aus dem Nebenzimmer zurück.

Da sagte die Geheimrätin:

›Unnütz hätte es auch auf der Treppe verlieren können.‹

Ich kann nicht sagen, wie mich diese Worte in Erstaunen setzten. Eine so bedeutende Frau, die nicht sagen kann: ›Ich habe mich geirrt.‹


Ach, Leithammel, nun fragt er mich alle Tage: ›Wie weit sind Sie mit Ihrer Lektüre? Wie weit sind Sie mit Ihrer Arbeit?‹ und sieht mich dabei so unbeschreiblich ernsthaft an, daß ich fast in den Boden sinke vor Scham. Denn ich habe noch nichts getan. Die Geschichte, die ich in den ersten Tagen meines Hierseins im Kopf hatte, auf und davon ist sie geflogen wie ein treuloser Vogel. Und der Pessimismus. Wenn ich zwei, drei Seiten gelesen habe, werf' ich ihn weg und hol mir lieber einen frischen Bogen, um Dir zu schreiben, sonst vergeh' ich vor Heimweh –

Weißt Du, daß ich immer mehr drauf komme, daß wir in Rebach gar nicht so arm sind? Die Vögel finden bei uns ihr Futter, die Armen im Dorf ihr Stück Brot, ihre Suppe. Hier kriegen die Vögel nichts, und für die Armen liefert die Frau Geheimrätin zu Weihnacht vierundzwanzig Paar Socken ab. Und damit fertig.

Ach, Leithammel, eine neue Sünde! Tante Rikchen nimmt mich mit auf ihren Ausgängen. Wochenlang war ich nicht zum Hause hinausgekommen. Nur immer vom Fenster aus habe ich in die von früh bis spät so belebte Straße hinabgeschaut. Ich, so des Gehens, des Umherschlenderns gewohnt! Und wagte nichts zu sagen. Sie sind dann so verwundert und begreifen nicht, daß man irgend etwas anders haben möchte, als sie es gewohnt sind.

Nun nimmt mich Tante Rikchen mit. Sie sagte:

›Drin wissen sie nichts. Sie glauben, ich sitze den ganzen Tag in meinem Zimmer und fühle mich geehrt, seine wissenschaftlichen Arbeiten abzuschreiben. Ein armer Teufel in der Nachbarschaft tut's für mich mit Freuden, für eine geringe Bezahlung.‹

›Tante Rikchen,‹ wagte ich zu fragen, ›warum sagen Sie nur immer wieder Eidechse?‹

›Ja, wissen Sie, Kind, das ist wegen der großen Ernsthaftigkeit. Diese Menschen sind ganz vortrefflich, aber sie lachen nie. Ich muß notwendig manchmal lachen, und darum nenne ich meine Schwester Eidechse. Es ist wundervoll, daß sie immer wieder darauf hereinfällt. Wenn ihr jemand sagen würde, daß wir, statt zu arbeiten, spazierengehen, sie würde es für eine Verleumdung halten. Schon zwei Mädchen hat sie fortgeschickt, die mich verklatschten.‹

Schön ist es auf den Gassen, wunderschön! Man muß hier immer eilen, denn alles eilt. Zu meiner großen Freude kehren wir sehr oft in Konditoreien ein, und dann essen wir uns für den ganzen Tag satt. Das Höchste sind mir mit Schlagrahm gefüllte Mohrenköpfle.

Tante Rikchen sagt: ›Wissen Sie, Kind, man muß sich zu helfen wissen. Edu und seine Mutter sind ganz vortrefflich, aber von dem, was man einen vernünftigen Appetit nennt, haben sie keine Ahnung. Sie sind schon ganz mager geworden, Unnützchen, Sie müssen sich an meine Tüten halten.‹

Zuweilen begegnet man Armen. Viele sind unendlich schmutzig, tragen Lumpen statt Kleider und haben böse, stiere oder hoffnungslos traurige Augen. Und niemand kümmert sich um sie. Achtlos gehen die wohlgekleideten Menschen an ihnen vorbei. Es ist keine Zusammengehörigkeit wie bei uns in Rebach. Unselig aufgeputzte Mädchen sehe ich, mit frechen Blicken, alte, gebeugte Frauen, denen weiße Strähne ins Gesicht hängen und deren magere Hände sich heimlich nach einer Gabe ausstrecken. Was sehe ich nicht alles, während Tante Rikchen vor den Schaufenstern steht und sich nicht trennen kann! Oft ist mein Inneres so angefüllt von Gesichtern und Elend und Not, daß ich mir vor Sehnsucht nicht zu helfen weiß.

Wie eine Fremde sitze ich dann an den Donnerstagen unter all diesen streitenden, ganz nur von ihrer Wissenschaft erfüllten Männern. Was sie denken und was sie sprechen, geht mir lange nicht so nahe wie die Blicke all dieser Armen auf der Gasse. Und doch, was kann ich ihnen nützen? Ohne Tante Rikchen hätte ich nicht den Mut, den Fuß vor das Haus zu setzen. Ich bin und bleib' die Unnütz. Im tiefsten Wald kenne ich keine Furcht, aber vor den Menschen bin ich scheu. Ich hätte auch nicht den Mut, das Lügengewebe zu zerreißen, das sich mehr und mehr um mich gebildet. Wenn sie des Abends bei Tisch fragen, ob wir fleißig gewesen, und Tante Rikchen so wacker draufloslügt, schäme ich mich den gläubigen Augen von Mutter und Sohn gegenüber fast zu Tode – Und doch! Ich hab's so in mir: Aus all den Büchern auf meiner Stube lern' ich nicht, was ich auf der Gasse lern'. Und daß ich nasche – Ich hab Dir's im Anfang nicht gestehen wollen – man verhungert fast in diesem Haus – Sonst, Theater und Konzerte und was Tante Rikchen noch alles mitmacht, darauf lasse ich mich nicht ein. Was ich aber für notwendig halte, das geschieht –


Ach Leithammel, ist es denn möglich, ein ganzes Jahr, sagen sie, müsse ich hierbleiben! Es ist ja wahr, schon viel ist anders. Die Donnerstagsgesellschaft hat meine Geschichten gelesen. Die Herren sprachen fast eine Stunde über ›Meile‹. O Gott, wie haben sie mir's zerpflückt! Meile hätte müssen unter ihrem Karren zusammenbrechen, nicht, wie bei mir, im Gutshause vor einem Lichtchen sitzen und friedlich beten.

So kindlich und versöhnlich gehe es in der Welt nicht zu, das solle ich mir nicht träumen lassen.

Forhard sagte: ›Ich habe ihr meine Schrift über den Pessimismus gegeben. Da werden ihr wohl die Augen aufgehen, wie es um diese schlechteste aller Welten bestellt ist. – Merken Sie sich wohl, nickte er mir zu, ›durch strenge Kritik allein werden Sie auf den richtigen Weg kommen. Kritik bis zur Vernichtung.‹


Ach Gott, Leithammel, wie schwer ist das Leben, wenn man erst vernichtet werden muß! Und doch, es muß etwas Wunderbares sein um den Ruhm! Er, der Doktor, sagt, es sei das Höchste. Man gehe wie auf Sprungfedern.

Denke Dir, einer der Herren hat auf Veranlassung des Doktors einen Aufsatz über das ›Meile‹ und ›Die Bürgermeister von Rebach‹ geschrieben. Voll des Lobes, trotz aller tadelnden Stimmen vorher. Jetzt ist die zweite Auflage in Vorbereitung. Heidegale!

O Leithammel, wünsche Dir etwas, laß mich Dir eine Freude machen! Du, die Du so lange schon berühmt bist, warum sprichst Du nie davon?

Wenn nur nicht alles bei mir so beeinträchtigt wäre durch den Gedanken: Ich belüge sie. Er, der keine Mühe für mich scheut, dem Pflicht das Heiligste ist auf der Welt!

Und die Geheimrätin!

Neulich sagte sie zu mir:

›Gleich aus Ihren Briefen haben wir ersehen, daß Ehrfurcht in Ihnen ist, Ehrfurcht und Bewunderungsfähigkeit. »So,« hat mein Edu gesagt, »muß ein junges Mädchen sein –« Denken Sie sich meinen Edu mit einer Frau wie eine dieser Professorinnen, die nichts können als widersprechen! Daher, Sie glauben nicht, wie wohltuend Sie für mich und meinen Sohn sind. Lassen Sie sich um Gottes willen nicht von Tante Rikchen beeinflussen. Sie sehen an ihr, wohin Naschen und dieses oberflächliche Sich-über-alles-lustig-Machen führen kann. Die Arme hat keine Ahnung von dem, was das Höchste ist.‹

›Was ist das Höchste?‹ wagte ich zu fragen.

›Nun, doch die Wissenschaft – was sonst? Entsagen allen gewöhnlichen Genüssen. Meine Schwester nascht. Naschen degradiert, entnervt –‹

›Das glaub' ich nicht‹, fuhr es mir heraus, ›Großmama hat auch genascht, und wie war sie tüchtig – o so tüchtig –‹

›Was hat sie denn geleistet?‹

›Ihre sechs Enkelinnen erzogen und unser Gut vor dem Ruin gerettet –‹

›Und genascht‹, sagte die Geheimrätin, ›glauben Sie, liebes Kind, wenn sie nicht genascht hätte, würde sie noch viel mehr geleistet haben –‹

Ich sagte nichts, aber ich dachte – als ob ein paar Mohrenköpfle einen schlechter machen könnten! Meiner Lebtag glaub' ich das nicht– Ich sag' Dir, ich laß sie mir schmecken.

Kommt mir ein Gewissensbiß – weißt Du, was mich aufrichtet? Wenn ich an Großmamas: ›'s geht alles‹ denk' und im Geist ihr liebes Achselzucken sehe.

Denkst Du auch so oft an Großmama? Ich für meine Person glaube, daß nichts so schön ist auf der Welt wie unser Rebach, und hab' ich's zu was gebracht, sollen mich keine zehn Pferd' mehr von dort wegbringen.

Jetzt hab' ich Dir einen Folianten geschrieben. Ach Leithammel, da drin ist mehr Heimweh, als Du ahnst!

Deine Unnütz.«

Leithammel war mit dem Brief zu Ende. Die Blätter lagen rings um sie her, auf dem Tisch, auf dem Boden, den letzten Bogen hielt sie in der Hand.

›Meine kleine Unnütz,‹ murmelten ihre Lippen, ›was wird dein Schicksal sein –?‹

›Sonderbar‹, fuhr sie in ihrem Gedankengang fort, ›die Enge verschlingt die Menschen genau so, wie jene unbegrenzte Freiheit des Künstlerdaseins sie verschlingt – dieser Professor, der nie lacht, der nur Arbeit kennt, aber unverdorben ist – ohne Argwohn – und Allens, der nichts ernst nahm, dem nichts heilig war –‹

Sie stöhnte laut auf –

Lachend, lachend hatte er ihr mitgeteilt: »Ich bin nämlich verheiratet – hat aber weiter nichts zu sagen – man läßt sich scheiden –« Und sie, halb wahnsinnig, händeringend: »Dann bist du nicht – dann bist du ja nicht der – für den ich dich hielt –« Und da sie nicht einging auf seine Vorschläge – »dummes Ding« lautete sein Abschiedswort –

Sie hatte diese Rückblicke immer vermieden. Aus Angst, schwach zu werden, war sie den Erinnerungen, wenn sie auf sie einstürmen wollten, entflohen.

Nun kamen sie.

Jawohl, sie hätte alles erreichen können. Der Ruhm, von dem Unnütz sprach, in den Schoß wäre er ihr gefallen, hätte sie den Weg eingeschlagen, den ihr Großmama vorgezeichnet. Sie aber war einem Elenden gefolgt – und dann hatte sie sich eingebildet, ihren Weg allein machen zu können – hatte sich eingebildet, stark genug zu sein. Liebte sie nicht ihre Kunst, hatte sie nicht das Bewußtsein, ein starkes Talent zu besitzen? Aber nirgends, an keinem Theater fand sie es so, wie sie es sich gedacht – erhofft – Immer und überall Verlogenheit, Gemeinheit – die Kunst, die sie so hochgehalten – wer waren ihre Jünger? Endlich wurde es ihr klar – Allens war noch lange nicht der Schlimmste. Er war wie alle. Und weil sie ihre Enttäuschung nicht zu verbergen vermochte, so bekam sie, wie von ihm, da und dort, leise und laut zu hören: dummes Ding – dummes Ding –

Sie erinnerte sich, wie sie mit Großmama gastiert hatte, auch an kleinen Theatern, an Sommertheatern sogar – hatte Großmama geklagt? War sie nicht heiter und freundlich zwischen allen diesen Menschen hindurchgegangen? Sah sie nicht – oder wollte sie nicht sehen?

»Sie lügen alle,« hatte sie einmal gesagt, »aber darum sind sie noch lang nit schlecht. Sie gebe ihr Letztes, wenn einer im Unglück isch. Und vor allem sind sie nie langweilig –«

Jawohl, Großmama war mit ihrem Theater verwachsen, Großmama ließ sich von nichts zurückschrecken. Bis in ihr hohes Alter spielte sie, immer glücklich, immer schön, nie ihres Berufes müde – während sie, die Enkelin – so kurz erst beim Theater – ach, und schon fühlte sie, daß sie keinem Menschen mehr eine Wohltat war. Daß alles, was sie leistete, daß jedes Wort, das sie sprach, von der tiefen Bitternis ihres Innern durchtränkt war. Wie ein Traum tauchte jene Julia vor ihr auf, wie sie sie einst gespielt mit dem heiligen Feuer ihres unentweihten Herzens. Sie konnte keine Julia mehr spielen mit ihrer Herbheit, ihrem Haß – sie haßte ihren Beruf – so heiß wie sie ihn geliebt, haßte sie ihn jetzt –

›Was tun?‹ zermarterte sie sich den Kopf, ›womit könnte ich mir mein Brot verdienen –?‹ Die schwerste Arbeit wollte sie auf sich nehmen – nur weg – nur vom Theater weg! Sie war anders als Großmama, die Biegsamkeit, der leichte Sinn ging ihr ab – und dann – sie war sich so klar, so entsetzlich klar – ein Gesicht, dem Verbitterung und Ekel ihren Stempel aufgedrückt – herb, bis zur Schroffheit unliebenswürdig – – war's nicht lächerlich, ein solches Geschöpf und Schauspielerin?

Und doch – ohne Mittel – eine Schiffbrüchige – verarmt in jeder Hinsicht – sie – sie– von der Großmama das meiste erhofft – so in die Heimat zurückkehren – so vor Krabb hintreten –

»Nein! nein! nein!« schrie Leithammel auf, »lieber – tausendmal lieber weitermachen wie bisher –«

›Und noch tieferes Elend erfahren?‹ fragte eine Stimme in ihr.

Da weinte sie laut auf. Da wand sie sich auf ihrem Lager und rang die Hände und hob sie zum Himmel:

»Großmama, Großmama – wie du mich damals nahmst in deine Arme – ach, noch einmal – noch ein einziges Mal so hilfreich – so gütig – an ein Herz genommen werden – ich kann ja nicht mehr – der Ekel bringt mich um – ich bin ja gar keine Künstlerin – sonst müßte ich's doch überwinden – wie du alles überwunden hast – Großmama –«

Tränen erstickten ihre Stimme – es gab ihr solche Stöße, daß sie fast schrie – sie dachte an nichts mehr, daß Menschen neben ihr wohnten, daß man sie hören könne – sie konnte nicht mehr denken – sie erlag ihrem Schmerz –


Es ging auf zwei Uhr in der Nacht. Im Zimmer nebenan saß Doktor Renk. Die Mutter war längst zu Bett. Es war kalt, aber er rührte sich nicht von der Stelle. Er saß hier seit Stunden und hörte diesen Schmerz mit an.

Wenn er die Künstlerin zufällig auf der Treppe getroffen hatte oder im Zimmer war, wenn sie einmal kam, wie sprach sie da immer so heiter, ja beinahe lustig! Als fehle ihr gar nichts, als gehe es ihr über alle Begriffe gut. Nie ein Wort der Klage, während doch ihre Augen aus tiefen Höhlen schauten und ihre ausdrucksvollen Mundwinkel kaum das Zittern zu verbergen vermochten, das schlaflose Nächte und körperliche und seelische Überanstrengung verschuldet.

Aber er war Arzt, sie vermochte ihn nicht zu täuschen.

Und er kannte das Schluchzen und Zu-Gott-Schreien aus den Tagen seiner Kindheit, wenn im Schlafzimmer der Eltern die Stimme des Vaters ertönte, so hart, so grausam scharf, und die Mutter sich unter Tränen zu entschuldigen suchte, daß es ihr wieder und wieder nicht gelungen war, ihre Sache recht zu machen.

Da hatte er geweint und geschluchzt in seinem Kinderbettchen und zu Gott gerufen, gerade wie das arme Geschöpf daneben jetzt weinte und schluchzte und zu Gott rief.

Das war Renks Kindheit. Groll gegen den Vater, unendliches Mitleid für die Mutter.

»Nun lebe, wie es dir paßt,« war das erste, was er zu ihr sagte nach dem Tode des Vaters.

Und sie kochte und fegte und war guter Dinge.

»Gott sei Dank, daß keine vornehmen Leut mehr ins Haus kommen –«

Sie konnte es nicht oft genug wiederholen.

Aber der Sohn darbte.

Er war ein Mensch von großer Kraft, breitschultrig, mit stark ausgebildetem Kopf.

Das stolze, aufrechte Mädchen daneben interessierte ihn. Er stellte sich ihre Züge vor, wenn Liebe und Glück statt Hochmut und Bitterkeit aus ihnen spräche.

Sonst pflegte der Doktor regelmäßig des Sonntagmorgens einen Ausflug zu unternehmen. Seine Erholung nach der unbeschreiblichen Anstrengung der Wochentage.

Heute blieb er zu Hause. Er wußte, nach dem, was er am Abend vorher mit angehört, die Künstlerin mußte kommen, um ihre Wohnung zu kündigen. Er hörte, wie in ihrem Zimmer Koffer hin und her geschoben wurden. Sie war schon in voller Tätigkeit.

Der Doktor saß und wartete.

Es pochte. Im nächsten Augenblick trat Leithammel über die Schwelle.

Die Anwesenheit des Doktors verwirrte das junge Mädchen. Sie fragte nach der Frau Professor. Renk rief die Mutter aus der Küche.

Sie kam mit hochrotem Kopf und zurückgeschlagener Schürze.

Leithammel trat ihr entgegen:

»Frau Professor, ich muß Ihnen zu meinem Kummer die Wohnung kündigen – ich werde schon in den nächsten Tagen die Stadt verlassen –«

»Was!« rief die Professorin aus, »ach du lieber Gott –«

Und fing sofort an zu weinen.

»Wollen wir nicht Platz nehmen?« fragte der Doktor.

»Nein, das kann ich nicht«, erklärte seine Mutter, »'s verbrotzelt mir ja alles draußen – du lieber Himmel, schon wieder ein Abschied – ich kann kein Abschiednehmen mehr vertragen –«

Sie hatte das Zimmer verlassen. Der Doktor wies mit einer energischen Handbewegung nach einem Stuhl. Nun saßen er und Leithammel einander gegenüber.

»Sie wollen sich nach einem neuen Engagement umsehen, Fräulein von Rebach?«

»Ja.«

»Sie sind kaum imstande, fürs erste Ihr bisheriges Leben fortzusetzen. Ich spreche als Arzt. Sie brauchen keine Angst zu haben, Fräulein von Rebach, ich dränge Ihnen meine Teilnahme nicht auf. Wie ich jetzt zu Ihnen spreche, würde ich zu jedem sprechen in diesem Falle. Sie können ja einfach nicht mehr –«

»Ich –« wollte ihm Leithammel ins Wort fallen.

Er schüttelte den Kopf:

»Hören Sie mich zu Ende.«

Seine Augen sahen sie fest und unverwandt an, und in diesen Augen lag nicht die Spur eines persönlichen Gefühls, weder Wohlgefallen, weder Mitleid. Feste, sichere, zielbewußte Arztaugen sahen sie an und hielten sie im Banne.

»Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen, falls es nicht in Ihrer Absicht liegt, sich zugrunde zu richten. Machen Sie eine Pause. Und zwar, indem Sie sich, wenn auch nur für eine kurze Zeit, einer andern Tätigkeit zuwenden. Eine Tätigkeit brauchen Sie, das ist selbstverständlich.«

Sie sah ihn an. Sie wollte sprechen, aber etwas krampfte ihr die Kehle zusammen. Sie wußte nicht, wie unsagbar hilflos ihre Augen an dem Munde dieses Mannes hingen.

Er hatte alle Mühe, sachlich zu bleiben.

»Treten Sie in meinen Kurs zur Erlernung der Krankenpflege,« fuhr er zu sprechen fort, »dies wird zugleich eine Erholungszeit für Sie sein. Meine Mutter wird Sie mit Freude pflegen. Ich weiß nicht, ob Sie Sinn für Krankenpflege haben. Aber ich bin überzeugt, Sie geben sich der Sache mit Ernst hin. Damit wäre viel gewonnen.«

Leithammel war während der Rede des Doktors abwechselnd rot und blaß geworden. Als lese er ihr die Gedanken von den Lippen ab, meinte er leichthin:

»Sie treten alsdann für ein Jahr als Schwester in mein Krankenheim – natürlich ohne Bezahlung. Damit wäre Ihr Leben hier im Hause samt Ihrer Lehrzeit wettgemacht.«

»Ich fürchte – ich bin – so hart,« meinte Leithammel in zögerndem Tone.

»Das ändert sich,« sagte der Doktor, »die Kranken sind gute Erzieher. Entschließen Sie sich, Fräulein von Rebach.«

Sie erhob sich rasch, ihr Atem ging hörbar:

»Ich danke – ich nehme Ihr Anerbieten an.«


Leithammel hatte ihr Pflegerinnenexamen bestanden. Ihre Wangen waren wieder rund, ihr Tun tüchtig, von einem klaren Geist und guten Willen geleitet. Sie versah ihr Amt mit der größten Gewissenhaftigkeit und freute sich, wenn bei schwierigen Fällen Doktor Renk sie an seine Seite rief.

Bald verdiente sie auch hier wie einst zu Hause den Namen Leithammel, denn sowohl des Morgens als des Abends, sie war immer die erste und letzte auf den Füßen.

In ihrer Seele sah es vorläufig noch aus wie in der Natur nach einem schweren Gewitter.

Ruhe, nur Ruhe, kein Denken, kein Besinnen – Nur das eine erlösende Bewußtsein – keine Rückkehr mehr –

Ihre Hände waren leise und geschickt. Sie vergaß nichts, keine Mühe war ihr zu groß –

Aber, aber diese so klarsehenden Augen!

»Ach, Herr Doktor,« klagte eine schwerkranke alte Frau, »Sie geben mir immer Hoffnung, aber die Schwester sagt kein Wort; man braucht ihr nur in die Augen zu sehen, da weiß man genug –«

Leithammel stand mit dem Doktor an diesem Krankenbett. Ein paar Tage vielleicht hatte die alte Frau noch zu leben.

»Herrgott,« rief der Doktor aus, »die Schwester denkt gar nichts. Das sind eben ihre Augen. Sie haben ja ein Herz wie ein junger Has! Sie können uns alle miteinander noch überleben. Im Frühjahr stehen Sie wieder auf, und im Sommer sitzen Sie in Ihrem Garten.«

Da lachte die Frau: »Ach Gott, und ich hab' schon gemeint, ich seh' unsre Nelken nimmer! Ja, wenn man halt ein gesundes Herz hat!«

So ging dieser Mann von Bett zu Bett, und Leithammel mit ihm, und alle seine Worte waren Lügen – Lügen, die eingefallenen Wangen einen Hauch von Röte verliehen und halberloschene Augen zum Aufleuchten brachten.

Er sagte nicht zu Leithammel:

»Sie müssen es machen wie ich –«

Er sagte nur: »Kommen Sie mit –«

Da sah sie genug. Wie die Güte wirkte, sah sie, welch unbegrenzte Dankbarkeit ein liebevolles Wort, ein Wort der Ermunterung, ein Lächeln hervorrief. Denn sie hingen alle am Leben, die Aeltesten und Kränksten wie die Jüngsten, aller Augen sehnten sich nach Täuschung, nicht nach Wahrheit –

Und Leithammels spröde Lippen begannen, stockend erst und ungeschickt, es dem Mann gleichzutun, dessen Worte Hoffnung brachten von Bett zu Bett.

Und als sie merkte, wie von Tag zu Tag die Blicke der Kranken sehnsüchtiger und dankbarer zu ihr aufblickten, da brauchte sie sich keine Mühe mehr zu geben, die guten Worte traten ihr von selbst auf die Lippen, von selbst kam das Lächeln, das die Herbheit aus ihren Zügen bannte. Ein heimliches, freudiges Werden erfüllte ihr Inneres –

Zu etwas gut sein – einen Platz auszufüllen in der Welt –

Immer seltener dachte sie an das Erlittene, Erduldete.

Trotzdem gab es Augenblicke, da überkam sie es wie Angst – dann erschien sie sich selbst wie eine Fremde, und die Frage stieg in ihr auf: ›Werde ich immer so bleiben können?‹

Eines Tages kam sie dazu, wie Renk einen Wärter eines groben Versehens wegen zur Türe hinauswarf.

Leithammel machte große Augen.

Der Doktor fuhr sich über das erglühte Gesicht.

»Ja, ja, Fräulein von Rebach,« meinte er mit einem eignen Lächeln, »wir ändern uns nicht, bilden Sie sich das nicht ein. Das einzige, was wir zu erreichen vermögen, ist die Einsicht, daß wir unrecht haben. Also verzweifeln Sie nicht, wenn einmal eines Tages Ihre schöne Engelhaftigkeit nachlassen sollte. Was uns nicht natürlich ist, hält nie lange an.«

Leithammel wurde dunkelrot. Sie verstand sofort, was er mit diesen Worten meinte. Ja, sie hatte sich verstiegen; sie war, ihr alter Fehler, wieder einmal zu scharf ins Zeug gegangen.

Die Blicke des Doktors suchten die ihren.

Da war ihre Verlegenheit auch schon überwunden. Sie lachte.

Er nickte ihr wie einem Kameraden zu.

»Eine sehr strenge Erziehung von frühster Kindheit an macht viel aus. Eine kolossale Selbstbeherrschung kann dadurch erlangt werden. Aber wie viel geht auch dabei verloren! Alles Eigne oft. Und das Eigne ist doch immer die Hauptsache.«

Mit einem Seufzer der Erleichterung stieg Leithammel von der Höhe herunter, zu der sie sich mühsam hinaufgequält hatte. Eigentlich war ihr jetzt erst wohl. Sie lachte insgeheim über ihre frühere Feierlichkeit. Und daß Renk sie durchschaut hatte! – Ja, der hatte Augen! Sie sollten nichts mehr an ihr zu tadeln finden.

›Jetzt,‹ sagte sie zu sich selbst, ›Jetzt erst bin ich frei –‹

Und sie nahm sich vor, endlich an Unnütz zu schreiben. Oh, sie freute sich auf ihren freien Sonntag – alles, alles wollte sie der Schwester mitteilen.

Samstag vormittag wurde sie in die Stadt geschickt zu einer Kranken, welche die Anstalt verlassen, aber noch der Hilfe brauchte.

Leithammel eilte die Straße entlang, und plötzlich – Richtig, sie war ja in der Nähe des Theaters. Dort an der nächsten Ecke, wo sie vorbei mußte, standen ihre früheren Kollegen – wie immer vor Beginn der Probe.

Leithammel merkte auf den ersten Blick, auch sie war erkannt worden. Ein Tuscheln entstand. Alle Mienen hatten sich verfinstert. Hatten sie Böses vor? Es sah nicht geheuer aus. Umkehren? Nein. Die schlanke Schwester schritt fest an ihren früheren Kollegen vorbei und neigte freundlich grüßend das Haupt. Wie die Hüte flogen, wie sie nickten, die ehemaligen Kolleginnen – dann große Stille. Leithammel fühlte, wie aller Blicke ihr folgten.

Was war nun geschehen? Ein freundlicher Gruß, und all die gerunzelten Stirnen hatten sich geglättet –

›Eigentlich habe ich immer alles verkehrt angefangen,‹ sagte sich Leithammel, ›mein ganzes Leben habe ich verkehrt angefangen – Ich wollte die Menschen lehren, wie sie sein sollten – O Großmama, du Weise, du Gütige, welchen Weg habe ich machen müssen –‹

Sie flog dahin. Alle Kraft mußte sie anwenden, um nicht laut aufschluchzen, laut aufzujubeln –

›Gesegnet sei mein Leben,‹ betete es in ihr, ›gesegnet sei mein Leben, das mich so geführt –‹

Sonntag war sie schon in aller Frühe auf, um ihren Brief zu schreiben. Zur Hälfte schon stand ihre Beichte auf dem Papier, da brachte ihr der Postbote ein Schreiben von Unnütz.

Es enthielt die wenigen Worte:

»Leithammel, um Gottes willen steh mir bei! Ich soll mich mit ihm verloben. Ich kann nichts machen. Ich kann mir nicht helfen. O komm wie früher und rette mich aus meiner Not!

Unnütz.«

Leithammel fand den Doktor noch zu Hause, eben im Begriffe, seinen sonntäglichen Ausflug zu unternehmen.

Sie bat um Urlaub auf einige, vielleicht mehrere Tage. Bevor sie ihm jedoch den Grund ihrer Reise mitgeteilt, unterbrach er sie rasch, beinahe schroff:

»Ich kann Sie jetzt nicht entbehren. Verschieben Sie Ihre Reise.«

Das Blut stieg Leithammel in die Stirne.

Sie antwortete ebenso schroff:

»Ich muß jetzt reisen. Ich bitte um Urlaub.« Aus Trotz verschwieg sie jetzt den Grund.

Der Doktor eilte die Treppe hinab.

»Gut, gut, reisen Sie – machen Sie, was Sie wollen –«

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