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Die Rebächle

Hermine Villinger: Die Rebächle - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHermine Villinger
titleDie Rebächle
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunSechste Auflage
year1911
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created20070521
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V

Von Leithammel kamen regelmäßige Berichte an Großmama. Wo sie überall gastiere, sie und Allens, ob sie gefallen, was sie gespielt. Dann von ihrem Engagement an einem größeren Stadttheater.

Ein Jahr verging und darüber. Von Allens war nicht mehr die Rede.

»Ich frag sie nit, ich laß sie mache,« sagte Großmama zu ihrem Cassalele. »'s isch immer besser, man verpfuscht sich sein Schicksal selber, als andre verpfusche 's ei'm. Arms, arms Mädele! Ich wett, er isch verheiratet und muß sich z'erscht scheide lasse. So isch's gewöhnlich. Aber diesmal isch er an die letz komme. Ich kenn mein Leithammel; eing'stehe tut sie ja nix, da ging sie lieber zugrund. Aber wenn ich in der Nacht aufwach, da fühl ich's in alle Glieder: mei Fleisch und Blut liegt in schwerem Kampf – Ich schick ihr Geld, soviel ich kann, und schreib aufs Anweisungskärtle: ›Deine Großmama, die immer die Arme offen für dich hat‹ – das muß sie wisse. Nix Stupiders auf der Welt als Eltern, die mit ihre Kinder trutze, weil sie ihre eigne Wege gange sind. Der Mann im Mond war auch so einer g'wese. Gott hab ihn selig. Leg ihm ein Kränzle aufs Grab, Cassalele, leg ihm ein Kränzle aufs Grab – Ich bin ja so froh, daß er im Jenseits isch –«

Sie kam jetzt immer öfter nach Rebach und blieb immer länger. Sie hauste in den Wohnräumen überm Gang und verwandelte diese allgemach in das warme, liebenswürdige Künstlerheim, wie sie es zum Leben nötig hatte. Schließlich gab sie ihre Stadtwohnung ganz auf und wohnte, wenn sie zu spielen hatte, bei der Freundin Reut. Da nahm sie zuweilen das sich unbeschreiblich nach den Freuden der Residenz sehnende Mondkälble mit, und eine der verheirateten Töchter der Exzellenz fand Gefallen an dem bildhübschen Mädchen. Sie lud es zu Besuch und wollte es nicht mehr hergeben.

Cassalele weinte.

»Sei nit sentimental, Cassalele,« lachte Großmama sie aus, »freue sollsch dich, Gott danke, daß es so komme isch –«

»O Madame,« lispelte die Französin, »Mondkälble ist die einzige meiner Schülerinnen, die sich die Règles de civilité wirklich zu eigen gemacht –«

»Ja,« nickte Mama Grossi, »sonst aber isch nix an dem Fratz. Ganz rot isch sie worde, wie ich einmal bei meiner liebe Reut von de Georginne gesproche hab. ›O Großmama,‹ hat sie sich beklagt, ›wie kannst du vor allen Leuten sage, daß meine Schwestern Schneiderinnen sind –‹ Husch, hat sie eine auf ihr netts Mäule g'habt –«

Immer seltener wurden Mama Grossis Reisen in die Residenz.

Eines Tages erklärte sie:

»Jetzt bleib ich ganz bei euch. Wenn ei'm die Gasse so veröde, daß mer kein Mensch mehr begegnet, mit dem man jung war, wird mer in der eigene Heimat fremd, 's isch merkwürdig, wie gleichgültig man in seine junge Jahre aneinander vorbeigeht. Man hat keine Ahnung, wie eifrig man im Alter die paar Häupter zählt, die mit ei'm grau geworde sind. Ich hätt nit gedacht, daß ich einmal zufriede sein könnt ohne mei Theater, ohne mei liebe Reut, meine Gasse und mei Parad. Ich muß lache, wie oft ich mich verschwöre, keine drei Tag hielt ich's in euerm Dörfle aus – Man sollt sich nie verschwöre – Ueberhaupt – die Birkel hat einmal zu mir gesagt: ›Sie wechsle sechsmal im Jahr Ihre Meinunge‹ – ›Ha,‹ hab ich g'sagt, ›und Sie pfeife seit dreißig Jahr immer dieselb Weis – ich weiß nit, ob das unterhaltlicher isch –‹ Weisch, Cassalele, bei dir wird alles Wehmut, bei mir wird alles Genuß. Ich studier jetzt mei Roll für mei letztes Auftrete. So viele Sache sind mir noch nie eing'falle. Der Intendant fragt und fragt: ›Auf wann darf ich Ihre Abschiedsvorstellung ansetzen?‹ Ich schreib allemal: ›Für den nächsten Monat.‹ So hab ich's immer vor mir und freu mich auf mei Publikum. Aber im tiefste Innere weiß ich's ganz genau: – ›Der Gedanke, du stehsch heut zum letztemal auf der Bühn, tät dich ja umbringe‹ – Und ich muß noch eine Weil lebe – Ich hab mein volle Gehalt, ich hab mei schöne Rent von meiner liebe selige Reut – ich kann im Leithammel schicke und schicke – 's geht keinen Mensche was an. Sie war schon an siebe Theater – Und daß es mit dem Allens aus isch – Sie sagt nix davon, aber ich weiß es –«

»O Madame,« fiel ihr die Französin ins Wort, »daß sie nicht kommt, und weiß doch, wie Sie sich nach ihr sehnen.«

»Die kann nit klein komme, Cassalele,« sagte Großmama, »die kann nur groß komme. Darum schick ich ihr das viele Geld. Sie muß frei sein könne. Abhängigkeit treibt so ein Geschöpf in den Tod. Ich hab das oft mit meiner liebe Reut besproche. Ach, mei liebe Reut! Wie viele war ich Wohltat! Jahr und Jahr sind sie ins Theater g'laufe und habe über ihre Grossi g'lacht. Aber mei liebe Reut, die hat g'handelt – Jede Weihnacht mei bezahlte Konditorrechnung in einem duftige Blumenkörble. Ohne mei liebe Reut säß ich jetzt in Schulde, und wer weiß, was aus 'm Leithammel g'worde wär.«

Neben dem Einstudieren ihrer Rolle war Mama Grossi auch sonst noch tätig. Eine Anzahl junger Mädchen, ihre Schülerinnen, kamen allwöchentlich aus der Residenz nach Rebach, um bei der geliebten Künstlerin ihre Stunden weiter zu nehmen.

Und das waren immer Freudentage, wenn die munteren Gäste kamen.

Statt der früheren Näschereien gab's jetzt Milch und Butterbrot und Honig, und Mama Grossi, schön bis ins Alter und immer fein angetan, ermunterte die Jugend:

»Zugreife, Kinderle, zugreife, Milch und Brot macht Wange rot –«

»Salz und Brot,« korrigierte sie Krabb.

Worauf ihr Großmama einen Kuß auf die rosige Wange drückte.

Auch Ernestinens Grobheit amüsierte sie.

»Ich weiß doch, und wenn sie mich auch noch so anfahrt, die tät uns alle miteinander aus 'm Feuer hole, wenn's brenne tät. Drum, wenn sie so in der Schafferei isch, ich geh nie an ihr vorbei, ohne daß ich sag: ›Hut ab, Ernstin, Hut ab‹ – 's isch jeder gern g'streichelt, und wenn's auch ein Rauhbein isch –«

Nur wenn die Kommerzienrätin Birkel sich erkundigte, ob sie über einen Sonntag kommen dürfe, zeigte sich Großmama hart.

»Schreib ihr, Cassalele, ich hätt den Schnupfe, denn vor dem fürchtet sie sich wie 's Wetter.«

Als die Französin einmal einwenden wollte:

»O Madame, eine so treue Freundin –«

»Was treu,« fuhr Großmama im höchsten Zorne auf, »Langweil hat sie g'habt – das war ihr ganze Treu. Dreißig Jahr lang hat sie mir mein Sonntag verpfuscht – Wenn sie jetzt nit weiß, wohin damit, so kann ich nur sage: das freut mich, und zwar von Herze, denn ich bin kei Heilige und will auch gar keine sein. Du bisch eine, Cassalele,« setzte sie liebevoll hinzu.

Wenn der Lehrer nicht Schule hielt, war er im Herrenhaus. Bald bei Krabb im Garten, bald bei Unnütz, die nun, ebenso wie Mademoiselle, sich überm Gang, bei Großmama, eine Stube eingerichtet hatte.

Die ganze Bibliothek von Mama Grossi befand sich in Unnützens Zimmer. Die Klassiker, eine Anzahl altmodischer Bücher; auch alte Möbelstücke und Sächelchen, die Großmama hatte verschleudern wollen, hatte Unnütz liebevoll für sich gerettet. Sie hatte Freude an solchen alten Schächtelchen oder Bildchen und konnte sie oft lang in der Hand halten und darüber in Betrachtung versinken.

Sie hatte feine, zarte Hände, Hände, die nicht heftig zugriffen wie die Leithammels, sondern sich langsam schlossen und innig anschmiegten.

»Sie isch mei Augeweid,« sagte Großmama von dem aufgeblühten Mädchen, »aber wenn ich sag: ›Unnützle, hol mir mei Brill im Schlafzimmer,‹ bringt sie mir g'wiß ein Glas Wasser. Wüßt ich in der Umgegend ein erfreulichs Mannsbild, tät ich sage: 's Unnützle isch verliebt bis über d' Ohre – so g'heimnisvoll, so ganz erfüllt von Gott weiß was kommt das Kind daher –«

Großmama mußte an die Futterkiste voll Gedichte denken und verfügte sich eines Tages ganz in der Stille in den Stall.

Aber die Futterkiste hatte keinen Deckel mehr, und eine Katzenmutter saß drin auf alten Lumpen und leckte ihre Jungen.

An einem Sonntag war's, als der Schullehrer über die Maßen feierlich, in Handschuhen und Zylinder, bei Großmama eintrat.

Krabb folgte ihm auf den Füßen. Sie war jetzt sechzehn, eine untersetzte kleine Person mit rotem Haar und einer Gesichtsfarbe wie Pfirsichblüten. Sie sah so altklug ins Leben, als habe ihr dieses überhaupt nichts mehr zu sagen.

Als der Lehrer schüchtern und hörbar atmend unter der Türe stehen blieb, gab ihm Krabb einen kräftigen Schubs, so daß er fast gegen die mitten in der Stube stehende Großmama angeprallt wäre.

Mit großer Rührung, erschüttert, wollte er nach Worten suchen, da trat ihm Krabb zur Seite und sagte so ungefähr, als handle es sich um ihre Bienen oder Kohlraben:

»Du, Großmama, wir wollen nämlich heiraten, Hesperus und ich –«

»Potztausend,« rief Mama Grossi aus, während ihr belustigter Blick den der Unnütz suchte, die mit Mademoiselle unter der Türe erschienen war.

»O wie schön,« rief Unnütz aus und klatschte in die Hände, »jetzt gehört Hesperus für immer zu uns – das freut mich –«

»Gelt, wegen der Orthographie,« fügte Krabb.

»O Gott, und ihr schönes Französisch,« jammerte Cassalele, »wie schade –«

»Warum denn,« sagte Mama Grossi, »ziehe Sie Ihre Handschuh aus, Herr Schwiegerenkel, in dene sind Sie emal gar nit daheim – Gelt, wer hätt das gedacht Anno dazumal, als ich mit meine Rebächle zum erstemal in Ihr Schulhaus komme bin –«

»Gottes Wege sind wunderbar,« nickte er, während ihm Krabb mit Aufwendung all ihrer Kräfte die Handschuhe von den Händen zu ziehen suchte.

»O Frau Grossi, stehe ich Ihrer hochverehrten Familie denn nicht viel näher, als Sie glauben? Bei Ihnen angefangen, liebte ich heimlich und reinen Herzens eine Ihrer Enkelinnen nach der andern, um endlich bei meiner teuern Krabb Erhörung zu finden und Belohnung für all mein heißes Sehnen.«

»Gut, daß Mondkälble fort ist,« sagte Krabb, »denn jetzt muß das aufhören.«

Sie verließ das Zimmer, um gleich darauf mit hochroten Wangen und allen Zeichen der Erregung wieder hereinzustürzen.

»Großmama, Großmama, Ernstin will keine süße Speise machen; wenn's ein Baron wär', hat sie gefügt, für den Schullehrer tät sie's nicht!«

Alle brachen in ein herzliches Gelächter aus. Großmama griff in die Tasche.

»Will's ein bißle streicheln, unser Rauhbein.«

– Hesperus hing den Lehrer an den Nagel und bezog mit seiner jungen Frau die verlassenen Räume, in denen einstens die Rebächle gehaust hatten.

Er verlegte sich ganz auf die Landwirtschaft, und man sah das junge Paar nur bei Tisch, wo sie von nichts anderm als ihrer Obstkultur und Bienenzucht redeten. Von ihrer Arbeit allein hing nun die Erhaltung ihres geliebten Rebach ab. Und sie arbeiteten im wahren Sinne des Wortes im Schweiße ihres Angesichtes. Leithammel, die einst so zuversichtlich die ganze Schuld abzuzahlen versprach, die Georginen, die ihre Mithilfe zugesagt – alle ließen die Heimat im Stich. Obwohl man von den letzteren wußte, daß es ihnen glänzend ging, daß die Aeltere der Georginen sich sogar mit dem Sohne ihres Prinzipals verheiratet hatte. Aber wie früher zu Hause, standen sie auch jetzt genau da, wo man sie hingestellt hatte, und dachten nicht weiter. Und ihre Angehörigen gaben sich damit zufrieden: die Georginen sind versorgt.

Mit Leithammel aber war es etwas andres. Leithammel war der wunde Punkt, an den man nicht rühren durfte. Großmama wich aus, wenn man nach Leithammel fragte. Großmamas frisches Gesicht nahm plötzlich einen Ausdruck des Kummers an, wenn man ihre älteste Enkelin erwähnte.

Und so wagte auch Unnütz nicht, nach ihrer Lieblingsschwester zu fragen. Sie schrieb ihr wohl oft und immer wieder, aber Leithammel wies sie auf ihre Briefe an Großmama hin. Darin standen nur Tatsachen. Daß sie es an diesem oder jenem Theater nicht ausgehalten und wieder weitersuchen müsse, bis sie das Richtige gefunden. Man möge sie nicht drängen, man möge sie nichts fragen –

Auf leisen Fußsohlen ging Unnütz um Großmama herum. Manchmal war's, als wolle sie sprechen, dann plötzlich hielt sie sich den Mund zu und lief lachend davon.

»Was hat das tolle Dingle,« fragte sich Großmama, »irgend etwas geht in ihr vor –«

Sie sehnte sich nach einem Einblick in das Innere ihres Lieblings. Es war ihr unbehaglich.

»Wenn nur keine Dummheit dahintersteckt – wenn mir nur mei Unnützle nit auch zum Theater will,« sagte sie zu ihrem Cassalele. »Die Anzeiche stimme –«

Es war, als ob von Tag zu Tag in Unnütz das Herz höher schlüge und ihre Augen freudiger leuchteten.

Und eines Abends, als Großmama und Mademoiselle bei ihrem Spielchen saßen, flog Unnütz, die mit den andern gute Nacht gesagt hatte, plötzlich wieder herein. Ohne ein Wort zu sprechen, legte sie ein sein eingebundenes Büchlein vor Großmama hin und einen Briefumschlag.

Und rasch, wie sie gekommen, lief sie wieder davon.

Mama Grossi aber las die groß auf dem Umschlag stehenden Worte: »Für Rebach.« Und als sie den Brief öffnete, glitt ihr ein Tausendmarkschein in die Hand.

Auf dem Büchlein aber stand in goldenen Buchstaben:

Meile
Die Geschichte einer Glücklichen
Von U. von Rebach

Im Gemach feierliche Stille. Ein Drehen und Wenden dieses Büchleins. Wiederholte Versuche zu lesen, die immer wieder mißlangen, weil die Augen trotz der Brille so ganz und gar versagten –

»Cassalele,« sagte Mama Grossi, »des isch jetzt noch die allergrößt Freud in mei'm Lebe –«


Das also war das große Geheimnis, das Unnütz all die Zeit her mit sich herumgetragen. Sie hatte Großmama überraschen wollen. Und was diese auch sagte, wie sehr sie sich dagegen auflehnte, den ganzen Erlös ihrer Arbeit gab Unnütz für Rebach hin.

»Großmama,« bat sie, »laß mich doch – mir hat so oft geträumt, ich hätte von der Heimat fort müssen – da war mir zum Sterben.«

»Wer hätt das gedacht, Cassalele,« sagte Mama Grossi bei Tisch, »daß es unser Unnützle isch, die einmal das meiste für Rebach tut –«

»Nun, die Hälfte kommt doch auf Hesperus,« meinte Krabb, »denn er hat alle orthographischen Fehler korrigiert und alles Geschäftliche besorgt –«

»Aber Krabb, wie kannst du –«

Der Schullehrer war dunkelrot geworden.

»Ja, du bist zu bescheiden, ich muß dir immer das Wort reden –«

»Da hast du ganz recht,« nickte Unnütz der Schwester zu, »ich hätte gewiß mein ›Meile‹ nirgends angebracht ohne Hesperus.«

»Und mit deinen orthographischen Fehlern,« beharrte Krabb.

»Du mußt nicht vergessen, Weibele,« sagte Hesperus, »die Hauptsache ist das Werk. Ich kann nichts korrigieren und nichts anbringen, sobald das Werk nicht da ist.«

»Seht ihr, wie bescheiden er wieder ist,« grollte Krabb, »immer stellt er sein Licht unter den Scheffel.«

»Ja, das leid du ja nit, Krabb,« sagte Großmama, »auch daß er sein Aeußeres so vernachlässigt, darfsch du nit leide. Dein Mann isch schon einen Krage und ein Krawättle wert.«

Hesperus kam in große Verlegenheit.

»Zu Haus,« stotterte er, »haben wir in Hemdsärmeln gegessen; 's war halt gar einfach bei uns zu Haus –«

»Das isch kei Schand,« fiel ihm Mama Grossi in die Rede, »wir habe auch kei Tischtuch g'habt im Herregäßle. Aber später, wenn man eins hat, muß man sich ein bißle danach zu richte suche –«

»Die Welt isch e Lustspiel,« erklärte Mama Grossi des Abends beim Zubettgehen, »der Hesperus kommt mir vor wie einer, der sich zwische die himmlisch und irdisch Lieb g'setzt. Die eine sorgt für sein Behage, die ander für seine Seelennahrung. Hasch nit schon g'sehe, Cassalele, wie er sich hinlunscht, wenn er mit seiner Krabb z'sammesitzt? Aber beim Unnützle, da isch sein Rücke so grad wie e Kerz. Das Kind! Das Kind! Die halb Nacht freu ich mich auf die hungrige Auge, die frage und frage und nie g'nug kriege –«

Zwei Künstlerseelen hatten sich in Großmutter und Enkelin gefunden.

»Weisch,« plauderte Mama Grossi, »ich hab immer g'wußt, daß was in dir steckt, aber ich hab g'fürchtet, 's isch 's Theater – du glaubsch nit, Unnützle, wie eine Lascht hat's auf mir gelege –«

»Aber Leithammel,« wollte Unnütz einwenden.

»Die kann sich helfe,« fiel ihr Großmama ins Wort, »die war unglücklich in der Untätigkeit – die wachst im Kampf, du gingsch zugrund. Mit alle Fäserle hängsch du an der Heimat. Wirsch zwar deiner Lebtag ein arms Poetle bleibe, so wie sie früher in ihre Dachstüble g'sesse sind – denn du hasch keinen Ehrgeiz, kei Schneid. Aber wenn du nur zufriede bisch, des isch d' Hauptsach –«

Aber die Stunden der Enttäuschung kamen, und die junge, zage, von ihrem ersten Erfolg noch so bewegte Seele wollte verzweifeln – denn auf dies erste Buch, von dem es in einer Kritik hieß: »Wer die Geschichte eines ›Meile‹ geschrieben, darf sich an die Seite unsrer ersten Schriftsteller stellen« –, auf dieses erste Buch folgten Mißerfolge auf Mißerfolge. Mit nichts war der Verleger zufrieden.

Denn nicht immer wie bei »Meile« reichte das Geschaute allein. Da und dort, fast überall fehlte das Letzte. Wohl fühlten ihre Liebenden und sprachen mit einer Leidenschaft, einer Innigkeit, wie ein in alle Geheimnisse des Fühlens Eingeweihter nicht tiefer und heißer die Liebe hätte schildern können. Wenn es sich indes um die realen Angelegenheiten einer solchen Liebe handelte, bewegten sich die Begriffe des jungen Mädchens in einer Welt, die nicht existierte.

»Schatzele, du bisch e Esele.« lachte Großmama ihr trübseliges Unnützle aus, »hasch g'meint, das geht grad nur so klipp und klar mit deiner Dichterei weiter? In keinem Künstlerberuf geht's klipp und klar, sondern 's isch ein ewigs Nauf und Nunter und Hin und Her. Alle miteinander, die wir eine Kunscht treibe – kein Augeblick stehe wir auf sicherem Bode. Ich darf wohl sage – mein Humor hat keine vor mir g'habt und wird auch so bald keine nach mir habe. Und doch, wie oft isch's vorkomme – e neus G'sicht, e schöne Toilett – weiter nix. – Wer aber ihre Grossi im Stich g'lasse, das wäre meine liebe Residenzler. Oder 's hat sich irgendein blutjungs Bürschle hing'setzt und in unklare Worte bewiese, daß eine meiner beschte Leistunge weiter nix als eine Schnarre sei. Das muß man alles trage, alles schlucke lerne. Nunter mit, und wenn man fascht verstickt, weg über die Dorne am Bode, und wenn sie die Fuß blutig ritze –

›Alle Gewalte zum Trotz sich erhalte –‹

Wenn der Goethe weiter nix g'sagt hätt, verküsse tät ich ihn, wenn ich ihn hätt. – Jetzt schreie sie freilich, meine Residenzler, und greine mir nach. War ich aber bliebe, – ›die alt Grossi isch nimmer zum Ansehe‹ – tät's heiße. So sind sie, die Mensche. Man darf sie nit ernscht nehme – so weit muß man komme, dann isch's Dasein, wenn man sonst noch e gute G'sundheit hat und sein Auskomme und e paar liebe Leut, eine Gab Gottes, die man nit hoch g'nug schätze kann –«

Eines Tages sagte sich Krabb: »Großmama ist verändert.«

In einer dunkeln Ecke des Korridors teilte sie Mademoiselle diese Wahrnehmung mit.

Und die Französin nickte weinend:

»Sie schüttet heimlich ihren Kaffee aus, damit ich nicht merken soll, daß sie ihn nicht trinkt.«

Die beiden gingen in die Küche, um mit Ernstin wegen Großmamas künftiger Kost zu verhandeln.

Die Magd schluchzte in ihre aufgehobene Schürze: »I merk's scho lang – sie ißt nimmer recht – 's isch nit guet in dem Alter – 's isch nit guet –«

»Krabb,« sagte Großmama eines Tages, als ihr die Enkelin ein Kraftsüppchen aufs Zimmer brachte, »du bisch 's gebore Mütterle, deine Bube kriege's einmal gut –«

»Meine Buben,« rief Krabb in heller Freude aus, »glaubst du wirklich, Großmama?«

»Zuversichtlich,« nickte diese, »ich hab's so in mir – du kriegsch lauter Bube, und der Hesperus wird nit ruhe, bis sie alle Professors sind –«

Unnütz eilte in diesem Augenblick singend durch den Gang:

»Und kommt das Manuskript zurück,«

tönte es in die Stube,

»Dann ist es aus mit allem Glück!
Heidegale! Heidegale!«

»Großmama, glaubst du, daß Unnütz jemals vernünftig wird?« fragte Krabb.

»Nein, aber dafür bisch du's für zwei; du hasch überhaupt alle meine Erwartunge übertroffe, Krabb!«

»Nachdem du auf mich am wenigsten gehalten, Großmama,« meinte die junge Frau in etwas gekränktem Tone, »du hast immer gemeint, Leithammel bringt es am weitesten.«

»Ich kann dir nit helfe,« sagte Mama Grossi, »aber ich mein's noch heut. Sie hat's nur schwieriger und braucht darum länger. Du gehsch deinen einfache, gerade Weg, und so isch's recht. Bei dir heißt's immer: ›g'schafft.‹ In der Kunscht geht die Sach nit so glatt. Wenn man in zwei Welte lebt, so isch's kein Wunder, daß man im gewöhnliche Lebe manchmal fünfe grad sein laßt. Drum leg ich dir's Unnützle ans Herz. Ich hab auch immer jemand braucht, der für mich g'sorgt hat. 's gibt halt so Leut, die zeit ihres Lebens ein Mütterle habe müsse. Du bisch mei letzt's. Krabble –«

Unnütz, die allein nichts von Großmamas Veränderung bemerkte, kam eines Tages strahlend ins Zimmer gestürzt: »'s war was,« jubelte sie, einen Brief vorzeigend, »mein letztes Geschichtle war was, Großmama –«

»Da hat mein Schatzele keinen Wunsch mehr,« freute sich diese.

»O doch,« sagte Unnütz und sah ihr bittend in die Augen, »Leithammel wiederzusehen –«

Ueber Mama Grossis Antlitz flog ein Schatten.

»Was kann ich mehr tun als immer und immer wieder schreibe: Komm –«

»Du kannst sie holen, Großmama,« flüsterte Unnütz.

Mama Grossi sagte nichts, aber es war so, als atme sie schwer; sie wollte es nur nicht Wort haben und sah zum Fenster hinaus. Plötzlich wandte sie sich um, nahm ihr Unnützle in die Arme und küßte es unter Tränen. –

»Weisch 's allerneust,« sagte sie des Abends beim Auskleiden zu ihrem Cassalele, »morge reise wir, 's Unnützle und ich. Wir wolle de Leithammel hole. Gelt, Cassalele, du packsch mir – mei blaus Kleid, mei brauns und mei dunkelkarrierts mit 'm helle Einsatz – Hüt nur zwei. – Ich kann dir gar nit sage, wie mich der Gedanke aufregt – mei Leithammel – mei Leithammel –«

Mama Grossi war dunkelrot im Gesicht. Sie atmete schwer:

»Gelt, du packsch mir, gelt, du packsch mir–« wiederholte sie immer wieder.

»O Madame,« entsetzte sich die Französin, »eine so weite Reise – Sie und Unnütz allein – das geht nicht – das kann ich nicht verantworten. – Ich werde mit Ihnen reisen. Ich bin ja im Reisen so bewandert – wenn man von Paris gekommen ist – denken Sie doch, Madame, von Paris –«

Da lachte Mama Grossi – oh, wie sie lachte –

»Daß wir nur ums Himmels wille nit ganz wo andershin komme, Cassalele, wir drei Weise aus dem Morgenland – daß wir nur nit wo andershin komme –«

Und Mama Grossi kam in der Tat ganz wo andershin, als sie gewollt. – Schon in der Nacht hatte sie ihre Reise angetreten, allein und unbemerkt. Ohne sie zu erschrecken, hatte der Todesengel diese heitere Seele aus ihrem irdischen Schlaf in den ewigen hinübergeleitet.


Dann sah man noch eine kurze Zeit die kleine, nun ganz schiefe Gestalt der Französin in aller Morgenfrüh durchs Dorf zum Gottesacker schleichen. Des Abends aber öffnete sie ihren großen, uralten Holzkoffer und strich mit zitternder Hand über das schwarze, sorgfältig ausgebreitete Seidenkleid hin. In diesem schön und würdig gefalteten Kleid wollte das Cassalele ihre letzte Reise ins Jenseits zu ihrer geliebten Madame antreten.


Winterstille im Dorf. Keine Seele weit und breit. Im Schnee nur die Fußstapfen des Postboten. Ein paar Raben auf dem Dach des Nachbars. In Stroh gewickelte Brunnen. Dann und wann eine Bäuerin, bis an die Nase in ein Tuch gehüllt – das war das Dorfbild bis zum Schlusse der Schule. Dann ein paar jauchzende Kinderstimmen – fliegende Schneeballen – davonziehende Raben. Gleich darauf abermalige Stille – eine so große Stille, daß man den Schnee auf die weiße Decke am Boden fallen zu hören glaubte–

An einem Fenster des Herrenhauses eine schwarze Gestalt mit rotgeweinten Augen, die trostlos einen Stützpunkt in dieser Oede suchten –

Unnütz ohne Großmama und Mademoiselle – denn Großmama und Mademoiselle, die waren für sie eins – die waren für sie die beiden Menschen, an denen sie von Kindheit an mit der ganzen Kraft ihrer Liebe gehangen.

Sie pflegte die Räume, in denen die Teuern gelebt, als müßten sie jeden Augenblick wieder hereintreten. An dieser oder jener Tür machte sie halt und wartete. Sie verbrachte die Abende in Einsamkeit und Sehnsucht.

Krabb kam herüber, auf jedem Arm einen schreienden Buben.

»Willst du nicht die Zwillinge ein wenig hüten, Unnütz, ich muß kochen, weil Ernstin wäscht.«

»Könntest du mir nicht ein paar Windeln säumen, ich weiß mir nicht zu helfen vor Arbeit –«

Immer wieder versuchte sie, die Schwester in ihr tätiges Leben hereinzuziehen.

Tat Unnütz, was von ihr verlangt wurde, kam Hesperus.

»Um Gottes willen, wie richten dir die Kinder die Stube zu! Du wirst nicht fertig mit dem wilden Volk –«

Und er nahm die »Professoren«, wie Mama Grossi seine Buben schon vor der Geburt getauft hatte, beim Wickel.

»Versuch's, etwas zu schreiben, Unnütz,« riet er.

Sie versuchte es. Umsonst. Um nicht allein zu sein, ging sie des Abends hinüber.

Hesperus las seiner jungen Frau einen Artikel über die Ueberwinterungsperiode der Bienen vor oder über Obst- und Weinbau.

Wenn Krabb um acht Uhr zu ihren Kleinen ging, suchte Hesperus Unnütz für die Dinge zu interessieren, die in der Welt vorgingen, und las ihr aus der Landeszeitung vor.

Der Schnee schmolz, und als die Amseln zum erstenmal sangen, läuteten sie im Dorf das Totenglöcklein. In der nächsten Nachbarschaft des Herrenhauses trugen sie den jüngsten Sohn zu Grabe.

Unnütz, die überall Gast war, wo Freud oder Leid im Dorfe Einkehr hielt, Unnütz raffte sich auf und suchte die Nachbarn heim.

Die Beerdigung war vorbei. Die ganze Verwandtschaft und das halbe Dorf füllten die zwei Stuben der Leidtragenden. Es wurde geweint und geschluchzt.

Dann plötzlich flogen Messer und Gabeln auf den Tisch, die alte Bäuerin trug eine mächtige Suppenschüssel herein, ihre Tochter kam mit Tellern und Löffeln. Es war eine Nudelsuppe mit einem großen Stück Rindfleisch.

Der alte Bauer fuhr sich mit dem Rockärmel über die Augen, die bitterlich geweint hatten, langte mit der Gabel das saftige Stück Fleisch aus der Suppe und tranchierte es auf einem Hackbrett. Jeder der Gäste kam mit seiner Gabel und langte zu.

Auch die Mutter weinte nicht mehr, sondern tat wie die andern und aß mit Lust.

Als die Suppenschüssel geleert war, nahm die Bäuerin sie hinaus und brachte sie frisch gefüllt wieder herein. Diesmal stak ein großes Huhn darin. Dann kam noch Schweinebraten mit Sauerkraut.

Es war wenig gesprochen worden während der Mahlzeit.

Von Zeit zu Zeit hatte der alte Bauer einen Hustenanfall.

Als sie alle satt waren und die Teller von sich schoben, schaute die Mutter ihre älteren Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, die sie seit vielen Jahren nicht gesehen, der Reihe nach an.

»Ihr sin au Leut worde,« bemerkte sie, »gelt, Vadder?«

»Jo, jo,« nickte er.

»'s muß halt e Leich sein, daß mer sich wieder emol sieht,« meinte einer der Söhne.

»Der letzt Pfennig isch d'r aufgange für den Leicheschmaus. Das isch uns unser Jüngster wert –« sagte die Mutter.

Ein paar dicke Tränen liefen ihr über die Wangen.

Dann erkundigte sie sich bei ihren Kindern:

»Sin ihr au g'sund?«

Diese nickten. Und da der Bauer wieder hustete, meinte eines der Mädchen:

»Der Vadder hat's au bös –«

»Wer lang lebt, hustet lang,« meinte der Alte, worauf sie alle lachten.

Ebenso schnell, wie aufgedeckt worden war ebenso schnell wurde der Tisch geräumt. Nur der Krug mit dem sauern Wein blieb stehen.

Die Leute rückten enger zusammen. Mitten unter ihnen Unnütz, die sich nicht rührte, sondern nur schaute.

Der neue Schullehrer, städtisch gekleidet, der in Rebach einen Gesangverein gegründet, begann jeder Stimme den Ton anzugeben:

»Brü, Brü, Brü, Brü, Brü –«

Alsdann setzten die andern ein:

»Brüder, reicht die Hand zum Bunde,
Diese schöne Feierstunde
Führ' uns hin zu lichten Höhn –«

Stundenlang saßen sie und sangen Lied um Lied. Der älteste Sohn füllte immer wieder den Krug, der alte Bauer hustete sich nach jedem Lied fast die Seele heraus.

»Mann,« sagte die Bäuerin, »nimm e Bröckele Zucker in Mund.«

Der Bauer öffnete die Tischlade und holte die uralte, verbogene Zuckerbüchse heraus.

Als er sie öffnete, war sie leer.

Da klappte er sie ruhig zu, stellte sie an ihren alten Platz und nahm mit seiner heiseren Stimme den Gesang wieder auf.

»Mann, hol dir ein Bröckele Zucker aus der Kommod,« sagte die Bäuerin, als der Bauer von neuem hustete.

Er stand auf, öffnete die Schublade der Kommode und holte eine blaue Tüte heraus.

Da sie alle gerade anstießen und der Schullehrer eine Rede hielt, merkte niemand außer Unnütz, daß auch die Tüte leer war.

Ohne ein Wort zu sagen, legte der Mann die Tüte an ihren alten Platz und kehrte zum Tisch zurück.

Es wurde Abend. Sie hatten ihre Lieder wieder und wieder gesungen, und ihre Augen glänzten vom Wein. Lebhaft besprachen sie die Arbeit des kommenden Tages, und fröhlich und guter Dinge gingen sie auseinander.

Da war Unnütz, als höre sie Großmama sagen: »So isch's recht – so muß es sein! Das isch g'sund!«

Und zum erstenmal seit Großmamas Tod hielt Unnütz wieder Umschau in der Welt. Die leere Zuckerdose fiel ihr ein, die leere Tüte, und wie der Mann, der nichts fand, kein Wort der Ungeduld, des Unmuts geäußert. Das schlichte Erlebnis nahm Gestalt an in ihren Augen, es wurde ihr zum Symbol. Zum Symbol der Menschen, die immer suchen und suchen und nicht finden.

Am andern Morgen, als sie im Dorfe die Arbeit wieder aufnahmen, als ihr Pflug tiefe Furchen durch die dunkelbraune Erde zog, deren herber Geruch bis ins Dorf drang, da saß auch Unnütz wieder bei der Arbeit. Glühend vor Eifer, durchdrungen von allem, was sie erlebt, schrieb sie die Geschichte der drei Bürgermeister zu Rebach. Die heiterste Geschichte, die sie je geschrieben, aus der alle Gedanken und Empfindungen und Frische der Großmama sprach.

Und eines Tages hielt Unnütz wieder ein paar hundert Mark in den Händen.

Das erste, was sie tat, war, einen Teil ihres Honorars an Leithammel zu schicken. Das übrige Geld legte sie in ihres Schwagers Hände.

»Oh,« frohlockte Krabb, »wie kommt uns das eben so gut!«

»Was fällt dir ein,« fiel ihr Hesperus in die Rede, »nicht einen Pfennig rühren wir an. Was sich Unnütz erwirbt, werde ich für sie beim Bankier anlegen.«

Unnütz wollte nichts davon wissen. Auch Krabb schmollte. Hesperus blieb fest.

Auch von Leithammel kam das eingesandte Geld der Schwester wieder zurück.

Von diesem Geld bekam Hesperus nichts zu sehen. Aber Krabb, die Armen im Dorf und Ernstin hatten einen guten Tag.

Aus dem ehemaligen Rauhbein war mit der Zeit eine würdige Alte geworden, auf deren Antlitz Tüchtigkeit und Treue die Spuren der früheren Brutalität verwischt.

Der selige Baron hatte sich immer der unwirschen Person geschämt, die, wenn zuweilen ein Besuch ins Herrenhaus kam, mit bäuerischer Unmanier Red und Antwort stand.

Seit Großmamas Tod hatte Ernstin selten mehr das schwere eichene Tor für einen Besuch zu öffnen. Niemand von des Barons Sippe erinnerte sich mehr seiner Nachkommenschaft. Die Rebächle mit ihrem herrlichen Haarschmuck, die, gleich geringer Leute Kindern, ihr Brot verdienen mußten, hatten aufgehört, zu den Standesgenossen ihres Vaters zu zählen.

Unnütz nahm ihr früheres Leben wieder auf. Sie verkehrte mit den Dorfleuten oder verweilte sich im Wald. Sie saß stundenlang droben im Schwalbennest und träumte. Zuweilen aber schaute sie über ihr Dörflein weg in die ferne duftige Rheinebene. Und sie sehnte sich. Sie sehnte sich nach einer Seele, mit der sie sich hätte aussprechen können, so wie sie sich mit Großmama ausgesprochen hatte. Hesperus konnte ihr die Rätsel des Daseins, die immer zahlreicher vor ihrem fragenden Blick auftauchten, nicht länger lösen. Hesperus hatte keine Zeit mehr. Seine Seele war von einer neuen Sehnsucht erfüllt: Meine Söhne müssen studieren.

Im Schweiße seines Angesichtes tat er sein Tagewerk, und neben ihm Krabb, voll aufgeblüht, ausdauernd, niemals müde. – Und wie ihr Mann hatte auch sie keinen andern Gedanken als: unsre Buben müssen studieren.

So kam's, daß sie immer wieder versuchte, Unnütz die Büblein aufzuladen. Und Hesperus, dem die Arbeit über den Kopf wuchs, holte seine »Professoren« nicht mehr wie früher aus der Schwägerin Zimmer. Aber Ernstin holte sie. Energisch packte sie die kleinen Wilden beim Schopf und brachte sie in die Küche.

»Will euch pariere lehre,« drohte sie ihnen, »ihr seid nit von Adel – g'wöhnlichs Volk seid ihr und müßt Hieb habe –«

Eines Tages kam die Antwort auf die vielen Seufzer, die Unnütz in die Ferne gesandt. Eine Seele suchte sie auf in ihrer Einsamkeit. Unnütz hielt einen Brief in der Hand, einen Brief voll Anerkennung für ihr letztes Buch, das der Schreiber das volkstümlichste Buch nannte, das er seit lange gelesen. Auf das liebevollste ging er auf alle Einzelheiten der Erzählung ein, unterschob der Verfasserin Absichten und Kenntnisse, von denen sie keine Ahnung hatte, sprach von ihrer Metaphysik, wollte wissen, welchen Lebensweg sie gemacht, um zu der großen Naturphilosophin zu werden, die aus ihrem Buche spreche, und bat sie um ein reichliches Material von Lebensnotizen, da er beabsichtige, einen Aufsatz über das Buch zu schreiben.

Er nannte sich Doktor Eduard Forhard.

Unnütz glühten die Wangen. Sie las und las. Was hieß Metaphysik, was wollte er mit den Worten: physiologisch und philologisch –

Es blieb ihr nichts andres übrig, sie mußte Hesperus fragen.

»Das hab' ich einmal alles gewußt,« meinte er nachdenklich, »aber ob ich jetzt noch imstande bin, dir die Sache klar darzulegen –«

Er versuchte es.

Aber viel Klarheit brachte ihr die Umschreibung der nie gehörten Worte nicht.

Sie gestand dies in ihrer Antwort, in der sie schlicht und offen von ihrem Leben sprach, mit einem leisen Ansatz von Humor, der sich noch nicht recht getraute, seine Schwingen zu regen. Sie schrieb voll Demut an den großen Mann, der so freundlich sein wollte, sich für ihr Leben zu interessieren. Großmama war der Hauptinhalt ihrer Lebensnotizen.

Sie konnte zufrieden sein mit dem Eindruck ihres Briefes. Doktor Forhard schrieb wieder und wieder. Er schickte ihr Bücher und Bücher. Er lockte ihr alles Liebe und Reizende aus der Seele, und seine Teilnahme war so überzeugend, daß Unnütz mehr und mehr ihre Scheu überwand und dem neuen Freunde ihr innerstes Denken kundgab.

Sie war glücklich, überglücklich! Hatte sie nicht schon, noch ein Kind fast, an diesen Freund gedacht, als sie die Futterkiste im Stall mit ihren Gedichten anfüllte!

Alles erfuhr sie nun – woran es ihr fehlte – woran die Schuld lag, daß so viele ihrer Arbeiten mißlangen –

»Da und dort,« schrieb er bei Besprechung ihrer Schriften, »eine entzückend geniale Idee, ein herrlicher Humor. Und doch das Ganze kein Kunstwerk. Es ist bei Ihnen so: Wächst Ihnen die Form aus dem Stoff heraus, so gibt es etwas Ausgezeichnetes. Müssen Sie aber erst die Form an den Stoff heranbringen, so hapert's –«

Sie fühlte sich wachsen unter der Leitung dieses Mannes. Aber nicht immer verstand sie, was er meinte. Sie klagte ihm ihr Leid, er setze zuviel voraus, sie sei zu dumm, um ihn ganz zu verstehen.

Forhard hatte in seinen Briefen von seiner Mama gesprochen.

Eines Tages kam ein Brief von dieser Mama. Sie und ihr Sohn seien übereingekommen, was Unnütz hauptsächlich fehle, sei die Erfahrung. Ein Schriftsteller, der nichts von der Welt wisse, könne auf die Dauer unmöglich produzieren. Nur aus dem Kontakt mit Menschen könne man Menschen schildern. Und Mama Forhard lud Unnütz ein, den nächsten Winter bei ihr zuzubringen.

Rebach verlassen! Von Rebach fortgehen – weit, weit bis in den fernen Norden. – Unmöglich. – Und doch –

Schwer, nur mit der größten Mühe entschloß sich Unnütz, ihren Angehörigen die Einladung mitzuteilen.

Hesperus nickte: »Das tät' dir gut, das tät' dir gut, man muß etwas von der Welt wissen, wenn man Geschichten erzählen will.«

Krabb erklärte: »Du mußt dich vor allen Dingen nach diesen Leuten erkundigen, Hesperus. So ins Blaue hinein lasse ich Unnütz nicht reisen.«

Hesperus war in Beziehungen mit einem Gynmasialprofessor in Freiburg. Von diesem erfuhr er, Forhard sei Privatdozent an der Universität in B. gewesen. Jetzt sei er Privatgelehrter. Er und seine Mutter, eine Geheimratswitwe, mit der er zusammmwohne, lebten in guten Verhältnissen.

Das also war in Ordnung. Aber die Reise!

Unnütz und Krabb waren nie weiter als bis zu der kaum zwei Stunden von Rebach entfernten Residenz gekommen.

Jeden Abend erklärte Unnütz: »Ich reise nicht –«

Und Krabb atmete auf, und auch Hesperus fiel es wie ein Stein vom Herzen.

Dann in der Nacht konnte Unnütz nicht schlafen. Immer wieder kam ihr die Vorstellung:

›Ein Mensch, der mich ruft – ein Mensch, der mich an der Hand nehmen und mir die Welt zeigen – der mich alles lehren will, was ich nicht weiß –‹

Aber das war es nicht allein, die Hauptsache war – die große, große Sehnsucht nach diesem Menschen, der ihr keine Ruhe mehr ließ und sie Tag und Nacht begleitete –

Eines Tages erklärte Unnütz: »Ich reise –«

Da weinten sie alle drei, und Hesperus preßte hervor:

»Ich fahre mit. Ich bringe dich hin –«

»Nur bis zur Bahn,« fiel ihm Unnütz ins Wort, »ich fürchte mich nicht, allein zu reisen,« log sie.

Krabb atmete auf.

Der uralte Holzkoffer von Mademoiselle wurde hervorgeholt, und Unnütz packte ihr bißchen Zeug hinein, das ihn kaum zur Hälfte füllte.

In der Frühe sollte Ernstin den Koffer ins Städtchen zur Bahn fahren.

In einem seltsamen Aufzug erschien die alte Magd. Ihre sämtlichen Röcke hatte sie an, einen über dem andern. Darüber die fadenscheinige Mantille der seligen Mademoiselle und auch ihr Hütchen, das auf dem breiten Gesicht der Magd wie ein Tüpflein saß.

Wuchtig trat sie aus dem Haustor, unter dem die Geschwister, in Tränen zerfließend, Abschied nahmen.

Als Krabb beim Anblick Ernstinens in hellem Entsetzen in die Worte ausbrach:

»Aber um Gottes willen, wie sehen Sie denn aus!« wurde ihr die Antwort zuteil:

»Ich laß mei gnädigs Fräule nit allei in d' Fremd reise – ich hab mich stattlich 'rausputzt, damit's die Leut sehe, die isch e Fräule ›von‹ und hat ihr Bedienung –«

Damit nahm sie ihren Karren mit dem Koffer auf:

»Hab mich g'nau erkundigt,« rief sie zurück, »bin morge um zehne wieder do –«

Damit fuhr sie davon.

Hinter ihr drein schritt Hesperus im Sonntagsgewand, das ihm zu eng geworden war, und Unnützlein, dem der Gedanke, nicht allein reisen zu müssen, Schwingen verlieh.

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