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Die Rebächle

Hermine Villinger: Die Rebächle - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHermine Villinger
titleDie Rebächle
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunSechste Auflage
year1911
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IV

Großmama wohnte in der belebtesten Gegend der Kaiserstraße. Sie hatte einen kleinen Balkon und zwei hübsche Zimmer nach der Straße. Ein dunkles Eßzimmer und zwei Schlafzimmer lagen nach hinten. In dem einen schlief Großmama, in dem andern Leithammel. Aber die Georginen schliefen auch noch irgendwo.

»'s geht alles,« sagte Großmama mit ihrem sorglosen Achselzucken, »man sollt's gar nit glaube, was alles geht – drum nur nie verzweifle –«

»Da kommt Mama Grossi mit den Rebächle,« hieß es in der Residenz, wenn die beliebte Künstlerin mit ihren Enkelinnen zur Parade zog, rechts und links die Georginen, Leithammel voraus.

Die ersteren waren in dem besten Konfektionsgeschäft der Stadt untergebracht, wo Großmama lieb Kind war.

Das war sie überall, und darum hieß man ihre Rebächle auch überall willkommen und machte zwischen den künftigen Schneiderinnen und der künftigen Künstlerin keinen Unterschied.

Der trat indes mit der Zeit mehr und mehr zutage. Denn die Georginen – wo man sie hinstellte, da blieben sie stehen. Sie waren brav bei der Arbeit – darüber hinaus gab es nichts für sie.

Leithammel in ihrer leidenschaftlichen Strebsamkeit, Leithammel in ihrem hohen Flug stieß sich unausgesetzt an der Geistesträgheit der Schwestern. Sie schämte sich ihrer und wollte sie mit aller Gewalt ihrer Enge entreißen. Dramen sollten sie sich vorlesen lassen, wenn sie des Abends vom Geschäft heimkamen, fürs Theater sollten sie sich begeistern.

Die Georginen schliefen beim Vorlesen ein und hielten sich bei Leithammels leidenschaftlichen Vorstellungen die Ohren zu. Es kam zu Szenen, und Großmama machte der Sache ein Ende und brachte die Georginen nach Frankfurt. Auch dort hatte sie Freunde, die sich ihrer Enkelinnen annahmen und für deren Unterkommen in einem erstklassigen Konfektionsgeschäft sorgten.

Nun war Ruhe in dem kleinen Künstlerheim. Das heißt, Ruhe vertrug sich nicht mit einem Geschöpf wie Leithammel. Sie war schön kraft ihres Ausdrucks, ihres lebendigen Mienenspiels und ihrer prachtvollen Farben. Groß, schlank und kräftig, mit Haaren wie ein dunkler, von Sonnenblitzen durchleuchteter Wald.

Voll heißen Eifers riß sie das Leben an sich, wollte alles wissen, alles erfahren, alles verstehen, an Menschen und Dinge unwiderruflich den Maßstab ihrer absoluten Wahrhaftigkeit legend.

Beim Studieren mit Großmama – Kämpfe ohne Ende.

»Warum soll ich diese Stelle so machen, Großmama, aus welchem Grund?«

»Ha, darum sollsch sie so mache – was braucht's denn einen Grund?«

»Aber Großmama, wie kann man eine große Künstlerin sein und nicht wissen, weshalb man eine Sache so oder so macht – da könnte man ja etwas Falsches bringen –«

»Gott bewahre,« sagte Großmama, »wenn ich nit weiß, wo's mit einer Roll naus will, geh ich zum Kolleg Heim. Der weiß es immer.«

Leithammel schlug die Hände zusammen: »Dann bist du ja gar nicht die große Künstlerin, für die ich dich hielt!«

Mama Grossi lachte: »O, du Gick in die Welt, 's isch doch ganz einerlei, wo ich's her hab, wenn ich's nur recht mach –«

Solche Szenen gab's täglich. War Leithammel nicht zu überzeugen, setzte Großmama ihren Hut auf:

»Ich muß schnell eine Tass' Schokolad mit Schlagrahm beim Konditor trinke, daß ich wieder zu mei'm Humor komm –«

Leithammel brauchte nach solchen Zweifeln Großmama nur spielen zu sehen, dann war alles wieder gut. Aus der heftigen Streiterin wurde eine glühende Bewunderin, und Stunden innigsten Verstehens vereinten die beiden.

Da wurde erst ein wenig genascht und dann mit der Tüte in der Tasche Arm in Arm durch die Gassen gewandelt. Am liebsten in der Dämmerzeit.

An allen möglichen Häusern gingen sie vorbei, blieben da und dort stehen, und Großmama nannte die Namen der Menschen, die hier gewohnt und mit denen sie befreundet war.

Sie gingen durchs Herrengäßle und schauten in den schmalen Gang von Großmamas elterlichem Hause. Ein trübes Oellämpchen brannte, und Großmama stand und lauschte, und über ihre schönen Züge flog ein wehmütiges Lächeln.

»Grüß Gott, Vaderle,« flüsterte sie. »Grüß Gott, Mutterle –«

Und Leithammel schmiegte sich fester an sie, und eine Ahnung vom Wandel der Zeiten schlich ihr ins Herz und preßte es zusammen.

Aber um die Ecke, in der Blumenstraße, als sie der Kleinkinderschule Fensterparade machten, lachten und naschten sie schon wieder.

Leithammel, das Ausschreiten in frischer Waldluft gewöhnt, war oft krank vor Sehnsucht nach einem Spaziergang im Stadtwald. Dazu war Großmama nie zu bewegen. Höchstens der Schloßgarten wurde zuweilen des Sonntagmorgens besucht, wenn »Leut drin ware –« Mama Grossis Reich waren die Gassen, wo jeder Vorübergehende sie grüßte, und die jungen Mädchen mit vor Verehrung roten Köpfen der geliebten Künstlerin immer wieder in den Weg liefen.

Einmal geschah's, daß sich solch ein junges Mädchen rasch zu Großmamas Füßen niederbückte mit den Worten:

»Die Schuhnestel sind aufgegangen – verzeihen Sie, wenn ich sie binde –«

Als sie sich wieder aufrichtete, gab ihr Mama Grossi einen herzhaften Kuß mitten auf der Gasse:

»Dank recht schön, liebs Mädele, kannsch morge zum Sonntagnachmittag komme –«

Selig flog das junge Geschöpf davon.

Leithammel aber sagte: »Du hättest sie nicht einladen sollen, Großmama, deine Schuhnestel waren ja gar nicht lose, ich hab's gesehen, sie hat sie erst aufgebunden –«

»Um so netter,« meinte Großmama, »solang man die Jugend noch mit einem Kuß glücklich mache kann, isch noch nit aller Tage Abend.«

Als Leithammel aber noch immer nicht schwieg, sondern das Tun des jungen Mädchens absolut als ein unehrliches angesehen haben wollte, blieb Mama Grossi plötzlich stehen. Sie sah ihre Enkelin groß an: »Herrgott, Leithammel, du bisch mei ganze Mutter, du machsch mir angst – am End isch 's Theater doch nit 's Richtig für dich –«

»Das sagst du, das sagst du,« rief Leithammel aus, »und kennst meine Liebe zur Kunst!«

Sie schluchzte fast.

»Kind,« seufzte Großmama, »du wirsch dich vergucke, wenn du glaubsch, mit deiner Wahrhaftigkeit auf der Bühn Glück zu mache – da wird ja nix als g'loge –«

»Du bist doch dagegen eingeschritten – du hast es doch nicht geduldet –«

»Alles hab ich geduldet,« fiel ihr Großmama ins Wort, »d' Auge und Ohre zudrückt und mitte durch – 's geht alles.«

Da sagte Leithammel: »Ich werde es ganz anders machen –«

Worauf sie beide verstimmt schwiegen.

Am folgenden Tag war aber alles wieder vergessen. Mama Grossis Sonntagnachmittage spielten eine Rolle in der Residenz. Wie schön war's, besonders an trüben Novembertagen, in diesem zwanglosen Künstlerheim. Denn hier war immer Sonne. Junge, heitere Mädchen ersetzten die dienenden Geister, kochten den Kaffee und liefen auch schnell zum Konditor, wenn's not tat und der Kuchen nicht reichte. Und obwohl Mama Grossi nicht halb so viele Tassen besaß, als Gäste zu ihr kamen, es kam kein Mensch zu kurz.

So viel leichtes Leben ging von der schönen Frau aus, die wie der Inbegriff der Behaglichkeit auf ihrem altmodischen Kanapee thronte und ihren Gugelhupf in den Kaffee tunkte.

Rings um sie her bequeme, abgeblaßte Sessel. Auf dem Boden verschossene Teppiche. Auch die Beleuchtung ließ zu wünschen übrig. Und doch, wie schön! Alle Wände voll Jugendbilder der Künstlerin, Stahlstiche berühmter, längst dahingegangener Kollegen und Kolleginnen. Geschenke hoher Herrschaften in Gestalt prachtvoller Meißner Vasen und Figuren, sowie schwere Silbersachen auf Etageren. Da und dort auf einer Kommode, auf einem Sockel feierliche Standuhren, die alle nicht gingen. Auf dem Schreibtisch unter einer Glasglocke das Jubiläumsgeschenk, das Mama Grossi von ihren Kollegen erhalten – ein goldener Lorbeerkranz, mit dem sie ihren Brautkranz, vergilbte Myrten, sinnig verflochten. Sonst viel Unordnung, zum Schreiben kaum ein Plätzchen. An der Wand neben dem Schreibtisch das Repertoire und ein andrer Zettel, auf dem mit großen Buchstaben jene Worte geschrieben standen, die Mama Grossi nicht richtig zu schreiben vermochte: »Billett. Myrte. Atmosphäre. Asthma. Halleluja. Haranguieren. Verhindert.«

Alle Gäste, die kamen, wurden von Mama Grossi mit freudigem Willkommgruß empfangen. Am herzlichsten klang ihre Stimme beim Eintreten ihrer Jugendfreundin, der Frau von Reut. Hinter der stattlichen Exzellenz erschien der spindeldürre Johann, der eine prachtvolle Torte aus der Serviette schälte und mitten auf den Tisch setzte.

»O du mei liebs Exzellenzle,« rief Mama Grossi aus, »schon wieder eine von deine Extrafeine – laß dir ein Schmätzle gebe und komm schnell aufs Kanapee – du weisch, die Birkel spannt immer auf dein Plätzle. Gleich wird sie hereinspaziere mit ihre paar Schokoladgutsele – immer dieselbe seit Woche – allemal beim Aufbruch schleicht sie hinterrücks zum Tisch und steckt ihr Dütle wieder ein. So e steinreiche Frau! Jeder Mensch auf der Welt sieht mir's auf hundert Schritt an, wenn ich ihn nit leide kann, nur die Birkel merkt nix, merkt nix, und wenn ich's noch so deutlich mach –«

Frau von Reut legte lachend die Hand auf den Arm der erregten Freundin:

»Aber Liebe, jetzt hast du schon wieder deinen Birkelkoller, und sie ist noch nicht einmal da –«

»'s isch immer am beschte, ich hab ihn vornweg,« sagte Mama Grossi, »ich vertrag sie nachher besser – Kinder,« unterbrach sie sich, »seht euch doch die wundervoll Tort an – Bei mir isch alle Sonntag Weihnacht! Wie geht's, Johann?« wandte sie sich an den alten Diener, der noch immer unter der Tür stand und Mama Grossi mit dem Ausdruck rückhaltloser Bewunderung anstarrte, »wie geht's, Alterle?«

»Ha, ich dank recht schön, Frau Grossi,« gab er mit einem tiefen Diener zur Antwort, »die vorletzt Woch hab ich einmal ein arger Schnupfe g'habt –«

»Daß Sie das noch wisse,« verwunderte sich Großmama, »alle Achtung vor Ihrem Gedächtnis. Ich weiß nit einmal mehr, was gestern war.«

In diesem Augenblick erschien die Kommerzienrätin Birkel, eine kleine, schmächtige Frau in einem seidenen Schleppkleid, das zu eng war und sich deshalb aufbauschte. Auch die Spitzen an den Aermeln, an der Taille, alles ärmlich und knapp zugeschnitten, gerade wie ihr Gesicht, an dem auch überall gespart worden war.

Sie meinte mit leiser Stimme, indem sie ihr Tütchen auf den Tisch legte: »Heute wieder so viele Leute da – ich fürchte fast, meine Schokoladeplätzchen möchten nicht reichen –«

»Ja, das ist schon möglich,« schnitt ihr Mama Grossi das Wort ab, »aber wie Sie sehe, Frau Kommerzienräte, wir habe Sache g'nug.«

Frau Birkel wollte in dem Fauteuil neben Frau Grossi Platz nehmen.

»Aber Sie wissen doch,« meinte diese, »das isch ja seit Menschegedenke im Kolleg Heim sein Platz – sehe Sie, Frau Kommerzienräte, selbiger Fauteuil dort, der isch ausge –«

»Ich bin aber lieber so nah als möglich bei Ihnen,« erklärte die Birkel, »und dünn, wie ich bin –«

Husch, saß sie auf dem Kanapee zwischen den beiden Freundinnen.

Mama Grossi sprang auf:

»Nein, Verehrteste, für Käsdruckerles bin ich nit –«

Weitere Gäste kamen, Professoren mit ihren Gattinnen, Künstler und Künstlerinnen. Da und dort fanden sich diese und jene zusammen, und lautes Reden und Lachen erfüllte die Räume.

Auch Kollege Heim, der Freund und Zeitgenosse Großmamas, hatte in seinem angestammten Fauteuil Platz genommen. Er schlürfte eine Tasse Kaffee nach der andern, sprach selten ein Wort, sondern amüsierte sich damit, jede Affektiertheit in Wort oder Gebärde, die sein scharfes Auge entdeckte, mit einem lauten »Hm« zu rügen.

Kommerzienrätin Birkel konnte keinen Satz sprechen, ohne daß ihr diese Mahnung zuteil wurde.

Mama Grossi wurde dadurch so aufgeräumt, daß sie immer lustiger darauflos schwatzte und die »Haschs« und »Bischs« und »Weischs« ihr nur so von den Lippen flogen.

Kollege Heim griff plötzlich nach seinen Handschuhen:

»Zu viele ›Schs‹ verderben mir den Magen,« behauptete er.

»Aber lieber Kolleg,« ereiferte sich Mama Grossi, »verlangen Sie doch nit, daß ich wie e schlechte Schauspielerin im Lebe wie auf'm Theater sprech –«

»Nicht ein ›Sch‹ möchte ich an dir missen,« erklärte Frau von Reut.

Der Künstler steckte seine Handschuhe wieder ein. Nichts machte ihm mehr Freude, als wenn man die Kollegin gegen ihn verteidigte.

»Eine Künstlerin,« erklärte er, indem er die Kommerzienrätin scharf fixierte, »eine Künstlerin hat die Verpflichtung, ein vollkommenes Deutsch zu sprechen.«

Richtig, Frau Birkel ging in die Falle –

»Da haben Sie aber recht,« nickte sie Heim zu, »oh, wie recht, ich würde es mir zum Grundsatz machen, meine liebe Frau Grossi –«

»Grundsatz,« lachte diese auf, »ich hab überhaupt keine Grundsätz, mei Liebe –«

»Das kann unmöglich Ihr Ernst sein,« entsetzte sich die Kommerzienrätin.

»Natürlich isch's mei Ernst! Zu was braucht denn ein anständiger Mensch auch noch Grundsätz? Was recht isch, versteht sich von selber.«

Frau von Reut nickte der Freundin herzlich zu. Was diese auch sagte, es hatte immer ihren Beifall.

Die Kommerzienrätin rutschte unruhig auf ihrem Kanapee hin und her:

»Ich weiß doch nicht. Ich bin allerdings nur eine bürgerlich denkende Frau –«

»Hm,« machte Kollege Heim.

»Aber ich bin der Meinung – das heißt, ich erlaube mir als treue Freundin des Hauses, der Meinung zu sein, daß, wenn unsre liebe Frau Grossi nach Grundsätzen handelte, sie unmöglich ihre Enkelinnen, die doch von Rechts wegen zur Gesellschaft gehören, Schneiderinnen werden lassen könnte –«

»So, was denn sonst, meine Liebe?« erkundigte sich Mama Grossi, während der Kollege sich behaglich, wie in Erwartung eines Genusses, in seinem Stuhl zurücklehnte.

»Was sonst?« wiederholte Frau Birkel, »nun, Erzieherinnen, Gesellschaftsfräuleins – meinetwegen auch Künstlerinnen – alles standesgemäßer als Schneiderinnen.«

»Soviel ich weiß,« sagte Mama Grossi, »muß eine Erzieherin was gelernt habe, und zur Künstlerin gehört Talent. Bleibt noch's Gesellschaftsfräulein. Habe Sie die Gräfin vergesse, mei liebe Birkel, die als Sonntags zu mir komme isch? War schon über fünfzig. Zwei Jahr lang hat sie nach so einer Stell g'sucht und endlich bei einer reiche Kaufmannswitwe ein Unterkomme g'funde. Was hat ihr nun die Gräfin g'nützt?

Oder hat ihr die Gesellschaft, zu der sie gehörte, vielleicht g'holfe? Meine Georginne habe zu nix Talent als zum Kleidermache. Darum solle sie 's Kleidermache lerne. Und wenn sie auf eigne Füße stehe und Geld verdiene, so isch mir des tausendmal respektierlicher, als wenn sie manchmal als die Fräulene von Rebach aus Gnad und Barmherzigkeit zum e adlige Mittagesse eing'lade werde –«

»Können Exzellenz verstehen?« wandte sich die Kommerzienrätin an jene.

»Ich finde die Sache so klar wie das Einmaleins,« sagte Frau von Reut.

Die jungen Mädchen standen unter der Türe des Nebenzimmers und lauschten und kicherten.

»Nun, Fräulein von Rebach,« wandte sich die Kommerzienrätin an Leithammel, »man wird immer gefragt, wie es denn um Ihr Talent stehe. Es ist für mich als treue Freundin des Hauses sehr peinlich –«

Frau Grossi schuckerte jedesmal zusammen, so oft sich die Kommerzienrätin als treue Freundin rühmte –

»Sehr peinlich,« fuhr diese zu sprechen fort, »nie eine Antwort auf diese Frage geben zu können. Dürfte man nicht um eine Probe dieses Talentes bitten?«

»Warum nicht,« sagte Leithammel und trat in die Mitte des Zimmers. Ihre Augen öffneten sich weit. Ihre Gestalt wuchs.

»Mein ist der Helm,« begann sie mit einer prachtvollen Gebärde der Rechten, »und mir gehört er zu –«

Einen Augenblick der Stille. Die Erwartung war groß. Das Mädchen sah wunderschön aus.

Da brach sie plötzlich in ein gassenbubenartiges Triumphgeschrei aus, stürzte wie ein Stoßvogel auf das Tütchen der Kommerzienrätin los, eilte damit zu den jungen Mädchen unter der Türe und schüttelte sämtliche Schokoladeplätzchen über die laut schreiende Schar.

Alles lachte.

Nur die Kommerzienrätin stotterte erbost:

»Das ist aber doch zu arg –«

»Nicht wahr,« nickte ihr Kollege Heim zu, »nicht einmal vor Schokoladeplätzchen hat die heutige Jugend mehr Respekt –«

Manchmal erschien auch das Unnützlein an solchen Sonntagen. Sie blieb ein Fremdling in diesem Kreise. Allein schon durch ihr Aeußeres. Großmama schickte ihr zwar die Kleider aus der Residenz, aber Unnütz, ohne das geringste zu verstehen, ging mit unbeschreiblicher Kühnheit ans Werk, die Dinge ihrem eigensten Wesen anzupassen. Sie trug ihr schönes reiches Haar in einem Knoten mitten auf dem Kopf, während alle Welt den Knoten im Nacken trug. Ging mit freiem Hals, während die Mode hohe Kragen vorschrieb. Unbefangen wie ein Kind erschien sie unter Großmamas Gästen, denn der Gedanke, irgendeine Wirkung hervorzubringen, lag ihrer Seele fern.

Am liebsten saß sie wie ein Vögelchen auf Kollege Heims Stuhllehne. Der hatte plötzlich das zärtlichste Großpapagesicht, und die beiden schwatzten und kicherten miteinander wie Schulkinder. Ganz wie der menschenerfahrene Schauspieler erkannte das junge Unnützlein gleich auf den ersten Blick alles Affektierte, Unwahre und Unechte. Sie erzählte dem alten Freund von Meile und den übrigen Bewohnern ihres Dörfleins, und wie sie genau eines jeden Kummer kenne. Auch zu den Hochzeiten komme sie, zu den Kindstaufen. Da sollte er einmal sehen, wie's da zugehe. Da habe jeder sein Gesicht ganz so, wie er ist – aber hier seien die Leute, außer Großmama, alle ganz einerlei.

Waren diese Leute gegangen, schlang Unnütz die Arme um Großmamas Hals:

»Ich hab' dich ja so lieb – aber gelt, morgen darf ich wieder in mein Dörfle, Großmama?«

»Gut,« bekam sie zur Antwort, »geh in dein Bett, Kind, morgen bring' ich dich wieder heim –«

»Und bist nicht bös?«

»Warum soll ich denn bös sein – du bisch halt mei Landpomeränzle –«

Dann saßen sie noch lang beisammen, Großmama, Kollege Heim und Frau von Reut. Der alte Diener Johann servierte in aller Stille ein kleines Abendessen, um dessen Herkunft sich Mama Grossi nicht im mindesten sorgte.

Kollege Heim war immer gesprächig, wenn Unnützlein da war.

»Feldluft,« stieß er zwischen dem Kauen hervor, »ein Frühlingstraum – so viel zu denken und zu raten – und doch so haarscharf schon gezeichnet –«

»Viel von mir, nicht wahr, Kolleg Heim?« warf Mama Grossi dazwischen.

»Ja und nein – Sie waren sich des Eindrucks, den Sie machten, immer bewußt, liebe Grossi – haben mit Ihren ›Haschs‹ und ›Bischs‹ viel mehr um sich geschmissen, als gerade nötig war – sich sozusagen selbst mitgenossen, während Sie andre erfreuten. Noch heute –«

»Da haben Sie recht,« stimmte ihm Mama Grossi bei, »das liegt in mir – ich mag mich –«

Kollege Heim lächelte und klopfte der alten Freundin die Schulter.

»Unnützlein,« fuhr er zu sprechen fort, »würde niemals als Schauspielerin Glück haben. Sie ist ein Wesen ganz für sich. Solche machen in der Welt wenig Aufsehen. Aber sie wird immer glücklicher sein als Leithammel.«

»Jesses,« seufzte Mama Grossi, »wenn das Mädel nur an unserm Theater engagiert werde tät –«

»Das wäre ihr Glück,« nickte Kollege Heim, »der würde es schrecklich schwer werden, klein zu dienen. Uebrigens,« setzte er hinzu, da Mama Grossi ein trauriges Gesicht machte, »Sie können ruhig sein, Ihre Rebächle gehen nicht verloren. Die eine hat den starken Willen – die andre – an solch ein Menschenkind wagt sich ja nichts Gemeines heran –«

»Sie Lieber,« freute sich Mama Grossi und warf dem Kollegen eine Kußhand zu.

Eines Tages erklärten Großmama und Kollege Heim Leithammel für reif zum Gastieren.

Der Enkelin der Mama Grossi öffneten sich alsobald die Pforten des Hoftheaters. Erst aber sollte Leithammel auf kleineren Bühnen sich die nötige Gewandtheit aneignen.

»Und den Unterschied kenne lerne,« sagte Großmama, »was unser Theater isch und was ein anders isch. Ich hab immer höre müsse: ›Grossi, Ihne stehe alle große Theater offe, warum ums Himmels wille bleibe Sie denn immer in Ihrem Residenzle?‹ Wo ich aber auf meine Gastspielreise noch hinkomme bin, immer hab ich denkt: Oh, du mei liebs Theäterle auf 'm Schloßplatz, meintwege fehlt dir ein bißle der groß Zug, wie sie sage – Aber dei Sauberkeit isch noch viel mehr wert. Guck, Leithammel, wenn ich's erlebe tät, daß du an unser Theater kämsch –«

Großmama fing plötzlich an zu schlucken und auf dem Tisch zu trommeln, und Leithammel machte ein Paar Fäuste in der Tasche und verschwor sich:

»Sie soll's erleben! Sie soll's erleben!«

Im Spätsommer kamen sie von ihren Gastspielreisen zurück. Beide, Großmama und Enkelin, mit etwas abgeblaßten Wangen. Sie hatten vierunddreißigmal gespielt – Leithammel die Julie, Großmama die Amme. Immer dieselben Rollen an allen möglichen Theatern.

Vom Schmutz, durch den die Großmama tapfer watete, hatte Leithammel wenig bemerkt. Sie stand unter guten Fittichen und war im übrigen von ihrer Aufgabe so erfüllt, daß sie weder rechts noch links sah. Die Künstler und Künstlerinnen, die ihr begegneten, mochten aussehen, wie sie wollten, sie sah in allen nur sich, ihr eignes Bestreben, ihr Wollen und Sehnen.

Bei der Rückkehr war große Zusammenkunft in Rebach. Alle saßen sie wieder um den runden Tisch im Kinderzimmer, und Großmama erzählte von Leithammels Erfolgen, und Leithammel berichtete von den noch größeren der Großmama.

Was aber die Hauptsache war – Leithammel legte den Erlös ihrer Gastspiele – tausend Mark – für ihr geliebtes Rebach hin. Ganz so war's gekommen, wie sie es sich gedacht.

»Vielleicht in einem Jahr,« meinte sie stolz, »habe ich Rebach frei –«

Daraufhin wagten die Georginen nur schüchtern mit ihren bescheidenen Ersparnissen herauszurücken.

Altklug legte Krabb hundert Mark, das Erträgnis für ihren Honig, dazu.

»Kinder,« sagte Großmama, »an den Tag wolle wir denke, und wenn wir schon lang grau sind. Wie eine Vorahnung isch mer's, meine Rebächle werde was – 's geht mir keins zugrund. Potz Blitz, wie eure Auge leuchte und eure Bäckle glühe –«

»Die Ihren auch, Madame,« flüsterte die Französin.

»Und du bisch nit halber so gelb als sonst, mei Cassalele,« bekam sie zur Antwort.

Unnütz fing schon an zu bauen.

»Wißt ihr was, wir machen aus dem Oekonomiegebäude ein Heim für die alten Weible im Ort – Ihr glaubt nicht, wie schlecht sie es haben – nirgends ist Platz für sie – überall sind sie zuviel – Du hättest sehen sollen, Großmama, wie zufrieden 's Meile gestorben ist. Heidegale – war ihr letztes Wort –«

»Du warst ja gar nicht dabei,« fiel ihr Krabb in die Rede, »du bist davongelaufen, wie's mit ihr zum Sterben kam.«

»Aber du hast es mir gesagt,« meinte Unnütz, »gelt, Großmama, wir dürfen bauen?«

»Ha weisch, Kind,« meinte diese, »jetzt warte wir noch ein bißle. Erst müsse wir doch Rebach frei habe. Das kostet noch Arbeit und Müh genug –«

»Da schau,« sagte Leithammel und packte ihre Bluse vornen zusammen, »so mager bin ich davon geworden.«

Nun erschrak Unnütz, und aus ihren Augen stürzten Tränen.

»Ach Gott, und ich hab' gar nichts getan –«

Aber Großmama zog sie auf den Schoß, und Leithammel wischte der Schwester die Tränen ab.

»Sie ist die faulste von allen,« grollte Krabb, »und doch wird sie verhätschelt; warum denn, Großmama?«

»Ha, weil man die Mensche froh mache muß, auch wenn sie was ang'stellt habe,« bekam sie zur Antwort.

Am andern Morgen fanden sich die zusammen, die zusammengehörten.

Großmama saß bei ihrem Cassalele.

»Ich sag dir,« schwatzte sie, »Blut hab ich g'schwitzt unterwegs – Jesses, hab ich oft gedacht, wenn Leithammel das oder jenes merke tät – nix hat sie g'merkt – die lumpigste Komödiante hat sie für Halbgötter g'halte – und wie's ihne g'schmeichelt hat – zum Totlache war's – Cassalele, Cassalele, sie wird doch bei uns engagiert werde – Leithammel an einem geringen Theater – g'steinigt tät sie werde – denn wenn da eins nit mitmacht, so isch's verlore – die glaube ja lieber an den Teufel als an Anständigkeit. Schenk mir schnell noch ein Täßle Kaffee ein, Cassalele, daß ich meine Bedenke nunterspül –«

Sie schaute zum Fenster hinaus: »Da spaziere ja unsre Georginne – wie die Bauere gaffe – ja gelt, so Modedame habt ihr hier noch nie g'sehe, die wie die Katz um den Brei sich um ein Pfützle drehe. Aber brav, recht brav! Nur muß ich mich manchmal frage: Sind sie lebendig oder ausg'stopft? Beim Leithammel und der Unnütz – ach Gott,« rief sie aus, »die zwei sind mei ganzer Staat – wenn ich auch noch nit weiß, was im Unnützle steckt –«

In ihrem lieben Schwalbennest saßen Leithammel und Unnütz ganz allein. Da war's fast dämmerig am hellichten Tag, so gründlich hatte sich der wilde Wein das Terrain erobert. Schwere Ranken fielen von der Decke und streiften fast die Häupter der beiden Mädchen. Auf der Erde kroch das Gezweig hin, schlängelte sich gierig an dem wurmstichigen Tisch empor und überzog ihn mit einer grünen, von tausend Tierchen belebten Decke. Das Fenster mit dem Blick in die ferne Rheinebene war fast übersponnen. Leithammel schaffte Luft, indem sie mit beiden Händen in das Blättergewirr griff.

»Man merkt, daß niemand mehr da heraufkommt als du, Unnütz,« sagte sie zur Schwester, »du läßt alles wachsen und gehen, wie es will.«

»Darum bin ich ja auch die Unnütz,« meinte diese.

Leithammel zog sie zu sich auf einen Baumstumpf:

»O du Kleine, du Kleine, das Leben ist himmlisch, sag' ich dir – Und was noch alles kommen mag – ich könnt's nicht mehr hier aushalten – entsetzlich, so ein Tag wie der andre – Zum Erleben ist man auf der Welt – zum Erleben großer, wunderbarer Dinge – ach, so wunderbare –«

Unnütz hing an den Lippen der Schwester:

»Erzähle – erzähle – deine Augen sind so anders, Leithammel – du glaubst nicht, wie anders –«

Eine flammende Röte stieg in Leithammels Antlitz, sie hielt der Schwester den Mund zu. Es war so, als kämpfe sie mit sich, aber sie unterlag.

»Großmama darf nichts wissen. Unnütz; Großmama ist der Meinung – immer und immer wieder hat sie mir's gesagt – ich dürfe mich nie in einen Schauspieler verlieben – das sei das größte Unglück der Welt –«

»Aber Großmama hat's doch auch getan,« fiel Unnütz der Schwester in die Rede.

Diese nickte und wühlte mit der Fußspitze in den Blättern am Boden.

»Ich will ja auch nicht,« stieß sie hervor, »ich bin ja die Aelteste – ich muß für Rebach sorgen – Ja, das will ich. Aber schön war's doch – wunderschön –«

Sie atmete tief.

»Wie dein Herz klopft,« flüsterte Unnütz.

»Wie die Birke dort ist er, so schlank und biegsam,« jubelte Leithammel auf – »ein so großer, großer Künstler – Zweimal haben wir miteinander gespielt – Wie anders war das – so ganz anders – Vorher, bei all den Romeos – ich dachte an nichts – ich wußte von nichts –«

Eine tiefe Röte stieg in ihre Stirne.

Es war ganz still. Unnütz saß mit vorgebeugtem Haupte da. Sie lauschte auf die stummen Geheimnisse hinter der Stirne der Schwester, auf alle die Dinge, die diese nicht aussprach, und die wie ein Gewirr von Tausenden von sinnverwirrenden Gefühlen das Haupt der jungen Lauscherin umgaukelten.

Ganz leise sagte Leithammel:

»Er wird auch am Hoftheater gastieren.«

»Weiß es Großmama?«

»Nein.«

»O Leithammel!« schrie Unnütz auf.

»Warum schreist du so,« fragte die ältere Schwester, »du wirst doch nicht glauben – ich werde niemals Großmama kränken – ich gebe dir mein Wort –«

»Aber dann mußt du ihr auch alles sagen, Leithammel.«

Diese nickte.

Sie wollte es, sie kämpfte redlich, als sie mit Großmama wieder in die Stadt zurückgekehrt war. Aber immer, wenn Leithammel gerade in der Stimmung gewesen wäre, ihr Inneres zu offenbaren, sprach Großmama irgendein Wort, ließ sie irgendeine Bemerkung fallen, die dem jungen Mädchen den Mund verschloß.

Eines Tages wurde Großmama eine Karte hereingebracht.

»Allens,« las sie, »wer isch das? – der Name klingt mir bekannt –«

Da gewahrte sie, wie Leithammel sich umsonst bemühte, ein Wort hervorzubringen.

Die Türe ging auf, und ein eleganter, schlanker Mensch trat über die Schwelle.

Nun erkannte ihn Großmama sofort.

Sicher und gewandt eilte er mit den Worten auf sie zu:

»Hoffentlich der künftige Liebhaber dieser wohllöblichen Residenz. Ich werde hier als Romeo mit Ihrer Enkelin gastieren.«

»Hasch du das g'wußt?« wandte sich Mama Grossi an diese.

Leithammel senkte den Blick.

Da erfaßte Großmama ein Gefühl unsagbaren Schmerzes. Totenblaß saß sie auf ihrem Kanapee und hörte für einen Augenblick nur wie aus weiter Ferne die Stimmen der beiden jungen Menschen.

Diese, ganz nur mit sich selbst beschäftigt, gewahrten nichts von der Veränderung, die mit Mama Grossi vor sich gegangen war.

Sie hatte also Zeit, sich aufzuraffen. Prüfend glitt ihr Blick über die elegante Erscheinung des jungen Mannes hin.

Ganz jung war er nicht mehr, wohl an die Dreißig. Schadhafte Zähne, dünnes Haar, eine fahle Gesichtsfarbe – verdorben – ach, so ganz und gar verdorben – Und dieses sprühende, leuchtende junge Geschöpf –

›Daß mer so en Kerl nit umbringe darf,‹ stöhnte es in Großmama auf.

Er erzählte, eben habe er dem Intendanten weisgemacht, er sei aus sehr guter Familie, und der Herr habe ihm aufs Wort geglaubt.

»Zu lächerlich, dieser Wert, den die Leute auf die Familie legen! Ich habe einen Kollegen, eines Geheimrats Sohn – der größte Rüpel, der mir noch vorgekommen ist – darum, welch ein Reiz, die Leute an der Nase herumzuführen, jedem etwas andres vorzumachen – Viele halten mich für den lammfrommsten Gesellen – Wundervoll, wie sie mich gegen jene zu verteidigen pflegen, die in mir der Schlimmsten einen sehen. Ich kann so bürgerlich tun, daß mir brave Seifensiedergattinnen zutraulich Mann und Töchter ans Herz legen –«

Großmama schielte immer wieder nach Leithammel. Aber diese, der sonst die Wahrheit über alles ging, saß da wie das Bild vollkommener Anbetung.

»Jetzt verstehe ich auch Ihren Romeo,« unterbrach Großmama die Reden des jungen Mannes, »'s hat mir was g'fehlt – die Einheit war's – viele gute Einzelheiten, aber kein Ganzes – Kein Wunder, wenn sich einer so verrupft –«

Der junge Mann lachte laut auf: »Sie sind köstlich, Mama Grossi, aus Ihnen spricht die alte Schule – ein Charakter soll der Künstler sein –«

»Sind Sie mir still mit dem Wort Charakter,« fiel ihm Großmama ins Wort, »ich hab's von jeher nit ausstehe könne – wie aus lauter blitzeblanke harte Stein isch's g'macht. Nein, ich bin kein Charakter, mei Lieber, dagege wehr ich mich mit Hand und Fuß –«

Sie schlug sich gegen die Brust:

»Bei mir kommt alles daher – 's Herz muß mer auf 'm rechte Fleck habe, dann wird alles recht – d' Kunscht und 's Lebe und schließlich auch der Tod.«

»Leithammel,« sagte Großmama, nachdem der junge Mann gegangen war, »hat dir jetzt des G'schwätz wirklich gefalle könne?«

»O Großmama, das war doch kein Geschwätz!«

»So. Ja, findsch du so einen Mensch, der jedem was vorlügt, denn wahr und aufrichtig?«

»Aber wie der Tag! Er hat ja alles gesagt. Das ist doch eine geradezu großartige Aufrichtigkeit.«

Verwundet bis in das Innerste ihres Herzens, schloß sich Großmama in ihr Studierzimmer ein. Da saß sie und schluchzte wie ein Kind. Um sie her die Bilder ihrer heimgegangenen Kollegen und Kolleginnen. Direkt vor ihr das große Bild ihres Mannes.

Als Mama Grossi das Taschentuch vom Gesicht nahm, war ihr plötzlich, als ob aus den Rahmen an der Wand lauter blinzelnde, lachende Augen auf sie herniederschauten.

›Haben wir's nicht alle auch so gemacht?‹ schienen sie zu fragen, ›und du, hast du es etwa anders gemacht? – Und sitzest da und tust, als sei das Unerhörteste geschehen –‹

›Ihr habt gut lache,‹ nickte Mama Grossi ihnen zu, ›das war ganz was andres – Ihr und ich, wir habe alle mehr oder weniger leichts Blut g'habt – Aus kleine Gasse kame wir – unsre Eltern habe kein Tischtuch auf 'm Tisch und keine Glacehandschuh an de Hand g'habt – Man isch unter kräftige Wörtle aufg'wachse und hat draufschlage g'lernt – Mei Leithammel aber kommt aus 'm Wald. Mei Leithammel weiß von nix Falschem, von nix Bösem und von nix Wüstem – Für des Kind isch so e Heirat ein Sturz aus lichter Himmelshöh in de tiefscht Hölleschlund – Da soll man nit heule – da soll man nit heule, wenn man g'meint hat – so, jetzt isch man auf 'm Berg – jetzt isch's g'wonne – Ihr habt gut lache an eure Wänd da drobe,‹ schloß Mama Grossi ihre Rede, nahm Hut und Mantel und Verfügte sich zu ihrer Freundin Reut.

Als sie von der zurückkam, war sie etwas ruhiger.

Frau von Reut hatte zu ihr gesagt:

»Aber Liebe, so gräme dich doch nicht so – meine Töchter haben alle auf ihre erste Liebe verzichten müssen – und ich auch, seligen Angedenkens. Wenn es die Verhältnisse nicht erlauben, so geht's eben nicht. Wir Alten sind dazu da, um die Jugend vor dem Unglück zu bewahren.«

›Also,‹ nahm sich Mama Grossi vor, ›ich werd's nit zulasse –‹

Die Proben für Romeo und Julia hatten inzwischen begonnen. Leithammel ging Großmama aus dem Wege, und diese ließ sie gewähren. Die Hauptsache war jetzt das Gastspiel. Erst nachher wollte sie mit der Enkelin sprechen.

So kam der Tag der Aufführung heran.

Mama Grossi ging als Amme zwischen den beiden hin und her, köstlicher als je, geschäftig, schwatzend und, ach, mit so blutendem Herzen! Mit tausend Ohren lauschte sie während ihrer albernen Reden nach Julia hin – Ein in Glut getauchtes, vor Leidenschaft fieberndes Wesen, alles mit sich reißend in die heiße, zitternde Atmosphäre ihres Empfindens – so war Julia! Und durch wen? Durch einen Romeo, so blaß und farblos, daß er völlig neben dieser Julia verschwand –

Großmama frohlockte:

›Wenn sie das nit sieht – wenn ihr jetzt nit die Auge aufgehe –‹

Es war am Morgen nach der Vorstellung. Großmama und Leithammel kamen spät aus ihren Schlafzimmern.

Der Theaterdiener war schon eine Weile da und wartete.

Der Intendant hatte gleich nach der Vorstellung mit Großmama gesprochen. Sie hatten sich verständigt. Jetzt kam der Kontrakt, der die junge Künstlerin einstweilen für drei Jahre für das Hoftheater verpflichten sollte.

Leithammel jauchzte laut auf. Glückselig lag sie in Großmamas Armen. Erreicht! Erreicht!

Mama Grossi saß das Morgenhäubchen im Nacken.

»Ach Gott, 's isch wieder kei Tinte im Tintefaß – schnell, schnell,« wandte sie sich an den Theaterdiener, »hole Sie im Leithammel sein Tintefaß –«

Der Mann ging.

In demselben Augenblick trat Allens über die Schwelle.

Mit einem Blick übersah er die Situation.

»Ich gratuliere Ihnen,« sagte er zu Leithammel.

»Und Sie,« rief sie aus, »Sie sind doch auch engagiert – es ist doch nicht anders möglich –«

»Ich bin nicht engagiert – ich habe nicht gefallen –«

»Unerhört – o unerhört,« schluchzte Leithammel, »nach einer solchen Leistung – ich begreife nicht – ich hasse ein Publikum, das so, so – blind, so ungebildet – Ich will nichts von einem solchen Publikum wissen – Ich unterschreibe nicht –«

Allens hielt sie in den Armen. Und sie weinte und schluchzte und bebte an seinem Hals.

Der Theaterdiener wollte mit der Tinte kommen. Großmama hieß ihn gehen. Den Kontrakt könne er später holen.

Dann trennte sie die beiden.

»Ich will's,« sagte sie, als Allens zögerte, das Mädchen freizugeben.

»Ich will, daß Sie mich verlasse,« wiederholte sie.

Leithammel geleitete ihn zur Türe, dann wandte sie sich um, flammende Röte im Gesicht, heiße Vorwürfe auf den Lippen.

Da nahm sie Großmama ganz sachte in ihre Arme und küßte und küßte sie unter heißen Tränen.

»Arms Mädele,« stammelte sie, »arms, arms Mädele – ach Gott, du wirsch mer doch nit verg'rate –«

Und Leithammel fiel vor ihr nieder, als habe sie ein harter Schlag getroffen, und schrie und schluchzte: »Nur Gutes – nur Gutes, Großmama, sollst du von mir hören, nur Gutes – Gutes –«

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