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Die Rebächle

Hermine Villinger: Die Rebächle - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorHermine Villinger
titleDie Rebächle
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunSechste Auflage
year1911
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II.

Großmama hatte wie immer den sonntäglichen Gottesdienst verschlafen und saß allein beim Frühstück. Vom Fenster aus sah sie die Enkele mit ihren wilden Mähnen die Dorfstraße entlang stürmen, Leithammel voran, hinterdrein das verträumte Unnützlein.

Mademoiselle sah fein und elegant aus, obwohl sie noch immer dieselbe Mantille trug, die sie damals aus Paris mitgebracht hatte. Heute aber war es ordentlich, als gehe von dem leuchtenden Bröschle der Großmama ein warmer Hauch über das gelbliche Gesicht der Französin. Lange nicht hatten ihre dunkeln, sanften Augen einen so freudigen Schein ausgestrahlt. Sie kam zwar immer gehoben aus der Kirche, denn die Gebete in dem kleinen, in blauen Samt eingebundenen Gebetbuch mit der Aufschrift »Fiat« pflegten ihre Seele hoch über alle Schwernis des Lebens zu tragen.

Aber vielleicht war an diesem Morgen doch hauptsächlich das Bröschle schuld daran, daß dieser Flug über alles Irdische hinweg so besonders gut gelungen war.

»O Madame,« sagte sie, bei Frau Grossi eintretend, »ich habe nur einen Kummer, nur –«

»Ich weiß, ich weiß,« fiel ihr die Künstlerin in die Rede, »weil ich nit in d' Kirch geh – da sieht mich mei arms Cassalele schon zu unterscht in der Höll –«

»O Madame, o nein, nein,« ereiferte sich die Französin, »ein so gütiges Herz – niemals – niemals – nur vielleicht nicht ganz so oben im Himmel als –«

»Laß du mich nur mache,« beruhigte sie Großmama, »ich werd schon zu meim Plätzle komme, hab ich's doch zeit meines Lebens verstande, mich durchzudrängle –«

Die vor Ungeduld zappelnden Enkelinnen ließen Großmama nicht weiterreden. Wohl oder übel mußte sie sich in den Garten schleppen lassen und gute Miene zum bösen Spiel machen, denn nun galt es lauter Dinge zu bewundern, für die sie nicht das geringste Interesse hatte. Nichts wurde ihr geschenkt. Ueber den gepflasterten Hof ging's, zuerst in den Stall. Großmama mußte Poppinante ein Stückchen Zucker geben und Mimi-Kuh ein Büschel Heu. Sie mußte Daggi und ihre sechs Jungen bewundern, und es wurde ihr fast übel, als die Kinder, nachdem sie die weichen kleinen Hunde geherzt und geküßt, direkt über Großmamas ebenso weiche Wangen herfielen. Sie mußte sich neben das verlassene Wochenbettchen der armen Bimbelina setzen, der Ernestine, die hartherzige Köchin, sämtliche junge Kätzchen ersäuft hatte.

Alsdann ging's über den Mist weg zum andern Ende des Stalles, wo der alte Stallknecht, den Kehrbesen zu Füßen, mit dem ganzen Gesicht grinste.

»Wie geht's denn, Herr Hoflakai?« sagte Großmama und reichte ihm die behandschuhte Rechte.

»Ha, ich dank der gütige Nachfrog, Frau Großmama,« gab er zur Antwort, »'s isch mir halt allemol e rechti Freud, daß Sie's nit vergesse, daß ich beim Hof war. Im Stall mit em rote Kitteli. Sunst könnt mir's e wenig besser geh, wenn 's Ernstin nit gar so e grobs Luder wär. D' Poppinante tät große Auge mache, wenn ich ihr 's Fresse so grob hinlade wollt –«

»Lieber Herr Hoflakai,« fiel ihm Großmama in die Rede, »wenn man bei Hof war, geht's eim halt nach. Was kann man denn von so einem Rauhbein verlange, das die Nas nie über sein Dörfle nausgestreckt hat?«

»Sell isch wohr,« nickte der Hoflakai, »jo, sell muß mer bedenke –«

Großmama lenkte zur Küche, »denn,« sagte sie, »einem böse Hund muß man zwei Brocke hinwerfe. Gute Tag, mei Liebe!« rief sie das Rauhbein an, »wie geht's, Ernstin, wie geht's?«

»Wie werd's gehe,« brummte die Köchin, die ein Huhn ausnahm und nicht aufblickte.

»Nix für ungut, Liebe,« sagte Großmama, »man sieht doch gern ein freundliches Gesicht –«

»Wenn mer lauter kaputs Geschirr hat,« fuhr Ernestine auf, »da vergeht eim 's Lache –«

»Da habe Sie recht, Ernstine,« sagte Großmama, »verzage Sie nit, Sie solle neus Geschirr habe –«

»Hm,« machte das Rauhbein, »i hab au selle Gläser noch nit, die Sie mir versproche –«

»Jesses!« rief Frau Grossi aus, »jetzt mach ich aber gleich zwei Knöpf an mein Taschetuch – sind Sie jetzt zufriede, Ernstine?«

»Mer wolle's abwarte,« meinte diese.

»Prachtvolle Person,« lachte Frau Grossi in sich hinein, als sie mit ihren Enkelinnen zum Garten schritt, »so einheitlich – ganz prachtvoll –«

»Großmama,« verwunderte sich Leithammel, »du hättest sie doch eigentlich für ihre Unfreundlichkeit zanken sollen –«

»Bewahr mich Gott!« rief Frau Grossi aus, »weisch, Kind, der eine hat seine Freundlichkeit im Mundwinkel, der andre in de Händ – laß es damit gut sein, daß sich die Ernstin halber tot für euch schafft –«

Im Garten ging alles streng der Reihe nach, denn Leithammel hatte System.

»Still!« rief sie ihren Schwestern zu, als jede von ihnen Großmama etwas andres zeigen wollte. »Zuerst kommt der Gemüsegarten – hast du schon solche Gelberüben gesehen? Spalierobst ziehen wir auch. Wir hatten kein Spalierobst früher, und jetzt überall. Alles durch Hesperus.«

Von den Gemüserabatten ging's zu den Bienenstöcken, und obwohl sich Großmama entsetzlich vor einem Stich fürchtete, es half nichts, sie mußte ganz nahe treten und Leithammels Erörterungen über die Bienenzucht standhalten.

Aber die kleine Unnütz hielt sich nicht länger.

»Großmama, Großmama!« schrie sie, mit dem Fingerchen auf den dicht mit Bienen besetzten Eingang des Bienenkorbes zeigend, »denke dir, Großmama, eine Königin wohnt da drin, und sie legt immerfort Eier und bekommt viele, viele kleine Prinzessinnen. Sie schlafen in weißen Bettchen von Wachs, und die Vorhänge sind von Wachs und alle Tische und Stühle. Und die wunderlieben Püpple der Prinzessinnen sind auch von Wachs –«

»Hör auf,« fiel ihr Leithammel in die Rede, »Bienen spielen nicht mit Püpple –«

»So laß sie doch,« nahm Frau Grossi den kleinen Liebling in Schutz.

Da machte Leithammel große Augen:

»Großmama, du redest der Unwahrheit das Wort?«

Aber schon im nächsten Augenblick riefen Großmamas unglaubliche Irrtümer in bezug auf die Namen der Blumen die größte Heiterkeit hervor. Sie kannte nur Stadtblumen. Von den schönen farbenfreudigen Landblumen wußte sie nichts.

»Hört auf mit euerm Gebabbel!« schrie sie und hielt sich die Ohren zu, »mir schwirrt der Kopf vor lauter Kraut und Rübe und Bauereblume und Bienegesums. Gehe wir hinaus auf die Gass', wo man vielleicht ein paar Mensche sieht –«

In der breiten, sauber gefegten Dorfgasse standen die Weiber und knicksten tief, als die Rebächle mit ihrer schön gekleideten Großmama des Weges kamen.

Aus den niedrigen Häuslein rechts und links fuhren die Köpfe.

Da nickte Großmama und lachte und war guter Dinge. Sie blieb vor einem der Häuslein stehen und sprach mit einem Mann, der ein schmales, tiefsinniges Gesicht hatte und aus einem niedrigen Fenster wie ein Vogel aus seinem Nest sah.

»Herr Bürgermeister« hatte Großmama ihn angeredet.

Er schüttelte den Kopf:

»Bürgermeischter bin i gsi. Davon wüßt i e langi G'schicht zu verzähle. Die G'schicht vom Item. Aber ich bin alt, und Kopfarbeit isch schwer. Mei Geischt isch der Pflug, und der Bode isch hart. Der Bode isch mei eigner Leib.«

Die Kinder lachten. Großmama nickte dem Alten zu und wollte eben nach der Bedeutung des Item fragen, da ertönte von weitem lautes Geschrei. Hinter einem Karren kam's hervor. Das Meile war's, ein Mütterchen von über siebzig Jahren. Sie holte des Morgens das Weißbrot aus dem Städtchen. Nun hatte sie's dem Bäcker abgeliefert und wollte mit dem leeren Karren heim. Da gewahrte sie die Herrschaftlichen.

»Heidegale!« schrie sie, »Heidegale!«, ließ ihren Karren stehen und schoß auf Großmama zu, eine kleine, dürftige Gestalt, das Gesichtchen voll Falten, mit ein paar Augen wie ein Sperber. »Sind Ihr au wieder da – bigut, isch das e Freud – Gelt aber, 's geht gut – gelt aber? Jo jo, 's Bete – 's Bete hilft – Alle Tag hab ich ein Vaterunser für Euch bet – 's Bete isch di höchschti Kraft uf dere Welt – das weiß kei Mensch besser als i – Hilft mir St. Peter nit, geh ich uf St. Märge – Wie der Speck im Sauerkraut lieg ich unserm Herrgott im Ohr – Und, bigut, i bring allis fertig – do wäre drei schlimmi Weiber im Ort – ›bigot‹ habe sie g'sagt, solang der Tag war – ›bigot – bigot‹ – Und isch doch so e argi Versündigung am Name Gottis – Zum Steinerweiche hab i bet – ganz umesunst, nit für ein Kreuzer Geld – alleweil bet und bet – Wolle Ihr das Wunder höre? Ueber eimol, am Fronleichnamstag, hör i sie ›bigut‹ sage – alli drei sage sie ›bigut‹, und der Name Gottis war gerettet. Im Himmel isch d' Freud nit größer g'si als bi mir – Heidegale!« schloß sie und schnalzte mit der Zunge.

»Was heißt denn Heidegale, Meile?« fragte Großmama, »ich hab das Wort noch nie gehört –«

»Sell will i meine,« sagte die Alte, »mer isch gar pfiffig, wenn mer so gut mit seim Herrgott steht, isch mer gar erleuchtet – Heidegale – das heißt: uf die Galeer mit de Heide, die nit an der lieb Gott glaube – das isch 's Aergscht – das isch bigut 's Aergscht uf dere Welt – und 's Herz druckt mir's fascht ab, wenn i denk, 's gibt Leut, die unsern Herrgott nit liebhabe – unsern liebe Herrgott, der keins uf der Welt im Stich laßt – Aber jetzt hab i en Fall,« setzte sie eifrig hinzu, »der isch bigut noch der allerschwierigst, do muß ich bis nuff nach St. Märge. Der Kronewirte ihren Mann soll ich sanftbete. E halbs Märkli krieg i für de Weg. Acht Bittgäng sind ausg'macht. Hilft's nit, muß i zwei Märkli rausgebe. Heidegale, unser Herrgott wird mi doch nit im Stich lasse!«

»Nein,« sagte Großmama, nahm ihr Portemonnaie aus der Tasche und zahlte Meile vier Mark in die Hand.

»Bigut!« schrie sie auf, »do hab ich's glei für mei Zweifle – Heidegale, jetzt heißt's uf der Stell en Bittgang mache um die göttlich Verzeihung –«

Schnell schlug sie ein Kreuz, nahm ihren Karren und fuhr davon.

»Um 's Meile und den Bürgermeister wär ein mancher froh,« sagte Großmama wie in Gedanken vor sich hin.

Es war aber nur die kleine Unnütz, die sich dafür interessierte, wer froh um die beiden sein könne.

»Weisch, Kind,« bekam sie zur Antwort, »die Leut, die male, und die Leut, die Geschichte schreibe –«

Sie waren auf dem kleinen Marktplatz mit der Kirche und dem Schulhaus, das zugleich das Rathaus war, angekommen.

Da flog ein Rosenstrauß aus einem der Schulfenster direkt vor Großmamas Füße hin.

»Vom Hesperus,« sagte Leithammel, »das weiß ich ganz gewiß –«

»Den wolle wir aber gleich besuche,« schlug Großmama vor und schritt mit ihrem schönen Strauß dem Hause zu.

Leithammel öffnete die Tür.

Gleich rechterhand war das Schulzimmer. Sie traten ein.

Großmama sah sich in dem weißangestrichenen Raume mit den niedrigen Schulbänken um. An der Wand hing eine große Weltkarte, daneben eine kleinere, das badische Land. Ueberall an den Wänden hingen kleine, aus Zeitschriften herausgeschnittene Bilder mit den Köpfen von Moltke und Bismarck, Schiller und Goethe. Zu den offenen Fenstern schien die Sonne herein, und aus dem kleinen Gärtchen drang ein herrlicher Duft von Nelken und Reseden. Ein Heer summender Bienen umschwärmte die Blumen.

Die schöne Frau stand auf dem Katheder, als Hesperus die Treppe heruntergepoltert kam und gleich darauf in kopfloser Hast ins Schulzimmer trat. Er trug einen leinenen Kittel, unbeschreiblich schlotterige Beinkleider und grasgrüne Schlappen. Aber ein junger, lieber, kluger Kopf saß auf der bäuerischen Gestalt, und klare blaue Kinderaugen leuchteten dem schönen Frauenbild entgegen, das seinen Platz einnahm und ihn dermaßen bezauberte, daß er am liebsten in die Knie gesunken wäre.

Frau Grossi streckte ihm die Hand entgegen.

»Ich muß doch den Herrn Lehrer kenne lerne,« sagte sie, »von dem meine Fratze ihre Weisheit habe –«

Da wurde ihm leicht: »Ach Gott, ach hochverehrteste Künstlerin – wenn Sie wüßten – der Inbegriff, der Inbegriff – ich war nämlich als junger Lehrer in der Residenz – wenn Sie spielten, fror ich zwei Stunden ohne Mantel vor der Theaterkasse – wie ein Wahnsinniger hab' ich mir den besten Platz erkämpft – und das geschieht noch jetzt – zweimal im Jahr – zur zeitweiligen Erfrischung. Gehorsamer Diener.«

Er verneigte sich tief.

Großmama gab ihm auf das zierlichste seine Verbeugung zurück.

»Sie mache mir 's Herz froh, Herr Lehrer! Mir tun alle Kinder leid, wenn so ein Erzlangweiler auf 'm Katheder sitzt. Sie sind ein Mensch, der lache kann, das sieht man Ihne auf weit an.«

Die Mädchen umjubelten ihren Schullehrer, und Leithammel wischte ihm sorgfältig den mit Erde beschmutzten Rockärmel ab.

»Darf ich der edlen Künstlerin vielleicht mein Gärtlein zeigen?« fragte er.

»Ach nein, Herr Lehrer, lieber nit,« meinte sie, »ich hab schon so viel Grüns gesehe heut morge – und dann – in der Natur blamier ich mich immer – 's isch mir nämlich ganz einerlei, wie die Blume und die Bäum und die Berg alle heiße – ich hab kein Gedächtnis für Name, besonders nit für Fremdwörter – die sind mir ganz zuwider.«

Die Kinder schauten errötend ihren Lehrer an, der zuerst ein verdutztes Gesicht machte, dann aber so herzlich darauflos lachte, daß die Kinder wie erlöst mit einstimmten.

Großmama zeigte auf einen großen Schwamm, der in einer Schüssel auf dem Katheder lag.

»Isch der am End für die Dorfnäsle?« fragte sie, indem sie den Schwamm mit der Spitze ihres Schirmes berührte.

Der Lehrer wurde dunkelrot: »Nämlich,« stotterte er, »ich bin von Haus aus ein Zornnickel. Unbegabte bringen mich an den Rand der Verzweiflung – wenn sie mich so anglotzen und nicht verstehen – fünf Minuten lang, zehne – fünfzehne – zweimal schon hab' ich mich hinreißen lassen und draufgeschlagen – sinnlos, wütend und leider recht kräftig – daher meine Versetzung in dies Nest – von der Residenz in dies Nest – Schicksal, Frau Grossi –« schloß er mit einem tiefen Aufatmen, »Schicksal –«

»Ich kann's nicht beklage,« sagte Großmama, »jetzt kommt's meine Enkele zugut, daß Sie hier sind. Aber –« sie deutete von neuem auf den Schwamm – »ich weiß noch immer nicht –«

»Richtig, richtig,« nickte der junge Mann, »den halt' ich mir für die Unbegabten – nämlich, wenn's mir so in den Fingern zuckt und ich mir nicht mehr zu helfen weiß, dann schmeiß' ich ihnen den Schwamm an den Kopf. Das gibt kein Loch – und mir ist wohl –«

»Wissen Sie was, Herr Lehrer,« fiel ihm Großmama ins Wort, »Sie sind ein herziger Mensch – ein ganz herziger – wenn Sie wieder in die Residenz komme und wolle ins Theater – nur zuerst bei mir angeklopft – ich hab immer ein Plätzle für Sie – Sie solle nie mehr zwei Stund an der Kass' stehe, mei Lieber –«

»O Frau Grossi,« rief er aus, »Sie wollten wirklich meiner gedenken –«

»Jawohl,« nickte sie, wie Sie da stehe, mitsamt Ihre schöne grüne Pantoffle –«

In seinen treuherzigen Augen zeigte sich eine Träne.

»Die Pantoffel hat mir noch mein Mutterle selig auf dem Krankenbett gestickt –«

»Das hab ich doch dere Arbeit gleich ang'sehe,« sagte Großmama, »prachtvoll, ganz prachtvoll –«

Sie gingen. Leithammel schritt eine Weile mit tiefernstem Gesichtchen vor Großmama und den Schwestern her.

Plötzlich wandte sie sich um.

»Findest du diese Pantoffel wirklich prachtvoll, Großmama?«

Diese lachte laut auf:

»Was denksch – abscheulich sind sie, ganz abscheulich!«

»Dann hast du ja die Unwahrheit gesagt –« kam es ganz entsetzt von Leithammels Lippen.

»Geh mir weg,« bekam sie zur Antwort, »man verdirbt doch den Leut nit ihre Freud, und wenn's noch so eine dumme isch –«


Bei Tisch wollte der Baron sich mit seiner Vaterwürde brüsten und hatte unausgesetzt an seinen Töchtern zu tadeln.

»Sind das Manieren,« fuhr er schließlich Mademoiselle an, »sie schmatzen ja – was tun Sie denn eigentlich hier, bitte?«

»Das ging' meines Erachtens nit auf zwei Böge Konzeptpapier, was mein Cassalele hier tut,« gab Großmama dem Schwiegersohn zur Antwort.

»Großmama gibt mir doch nie recht,« wandte er sich gekränkt an seine Frau.

Diese meinte mit ihrem müden Lächeln: »Das ist ja nur Spaß. Großmama meint es nie ernst.«

Da sie aber in diesem Augenblick etwas über das Gesicht ihrer Mutter huschen sah, das auch ihr nicht ganz geheuer erschien, raffte sie sich plötzlich aus ihrer Apathie auf mit der Frage:

»Mademoiselle, haben die Kinder genug Braten gehabt?«

»Aber Mama,« antwortete Leithammel anstatt der Französin, »du weißt doch, daß wir nie Braten bekommen, weil er sonst nicht reicht –«

Großmama brach in ein köstliches Theaterhüsteln aus, während der Baron Mademoiselle belehrte: »Ein Kind hat überhaupt nicht bei Tisch zu reden. Bei meinen Eltern durften wir sogar niemals ungefragt den Mund auftun, meine Schwester und ich –«

›Das merkt man dir noch heut an,‹ dachte Mama Grossi –

»Meine Frau ist zu zart,« fuhr der Baron zu sprechen fort, »um den ganzen Tag mit den Kindern sein zu können. Darum arten sie aus.«

Alice seufzte: »Ich weiß nicht, was das ist, ich werde nie fertig –«

»Aber ich weiß, Mama,« rief die kleine Unnütz aus, »weil du nie dein Fadenröllchen findest, das ist's –«

Und sie heftete ihre Augen triumphierend, aber mit dem Ausdruck unerschütterlicher Bewunderung auf ihre schöne, tieferrötende Mama.

Leithammels Blicke drückten etwas andres aus. In ihrem bisher kindlich vertrauenden Gemüt war durch Großmamas Lüge plötzlich ein Zweifel an der Vollkommenheit der Erwachsenen erwacht. Und dieser Zweifel nahm im Nu merkwürdige Dimensionen an. Er wurde zu einer Leuchte, der die verborgensten Ecken, in die noch nie ein Lichtschimmer gedrungen war, plötzlich mit Tageshelle übergoß. Hatte Mama überhaupt jemals etwas getan? Wenn sie ins Kinderzimmer kam, seufzend, um eine Anzahl Kleidungsstücke zu holen, wurden nicht all diese Sachen eines Tages von Mademoiselle wieder geholt und ausgebessert, da nichts daran geschehen war? Oder wenn Mademoiselle Mama im Kinderzimmer festhielt und ihr die zerrissene Wäsche zeigte und von notwendigen Anschaffungen sprach, hielt sich da Mama nicht die Ohren zu oder brach in Tränen aus mit den Worten: »O Mademoiselle, liebe Mademoiselle, schreiben Sie an Großmama –«

Eines Tages kam dann ein großer Packen mit Strümpfen und Schuhen und neuer Wäsche, und obenan thronte unwiderruflich die Düte voll köstlicher Gutsel. Den Kindern aber war diese von jeher die Hauptsache unter all den Sendungen gewesen, deren Nützlichkeit ihnen wenig Kopfzerbrechen verursachte.

Ein leiser Seufzer stahl sich von Leithammels Lippen. Hinter der schön gewölbten Stirne dieses elfjährigen Mädchens vollzog sich in aller Stille eine schwere Gedankenarbeit. Sie wußte plötzlich, es gab noch andre Dinge auf Erden als Düten voll Süßigkeiten, herbe, unklare Dinge gab's, die unsäglich auf die Seele drückten und sich nicht in Worte kleiden ließen.

Des Nachmittags mußte Großmama mit den Kindern zur Burg hinauf. Hinter dem Garten erhoben sie sich auf waldiger Höhe, die Reste der alten Stammburg derer von und zu Rebach. Ein steiler, unbequemer Weg führte zu dem schmalen Hochplateau. Ach, dieser Weg – mit heimlichem Seufzen legte ihn Großmama jedesmal zurück, denn weder ihre Füße noch ihre Stiefelchen waren für mühsame Wege eingerichtet. Aber den Kindern eine Freude verderben? Also ließ sich Großmama in Gottes Namen hinaufschleppen, rechts und links von ihren Enkelinnen unterstützt. Von hinten schob Mademoiselle.

Da oben im Stammschloß gab's einen wunderbaren Raum mit massiven Wänden und einer ebensolchen Decke. »Das Schwalbennest« nannten die Kinder diese Zufluchtsstätte, der bisher Wind und Wetter nichts anzuhaben vermocht.

Ein grober, unschieriger Tisch stand in der Mitte, um ihn herum eine Anzahl glattgehobelter Baumstümpfe. Alles von den Kindern mit Hilfe des Lehrers schlecht und recht zusammengezimmert. Nach Westen hin öffnete sich ein hohes, ganz und gar mit wildem Wein umwuchertes Fenster. Die grünen Zweige krochen herein und klammerten sich an Decke und Wände. Vögel und Fledermäuse nisteten in der grünen Umkleidung. Im Herbst war sie von leuchtendem Rot.

Die Kinder freuten sich immer von neuem über die herrliche Aussicht ihres Turmfensters, kannten jeden Berg und jedes Dorf, das sich ihren Blicken bot, und wollten es nie begreifen, daß Großmamas Augen nicht das Straßburger Münster zu entdecken vermochten, das sich wie ein dunkler Strich aus der lichten Rheinebene löste.

»Bei Sonnenuntergang kann man ganz gut in den Himmel schauen,« behauptete Unnütz, »einmal hab ich sogar ein Engele gesehen. Es trug goldene Stiefel und hatte einen funkelnden Apfel in der Hand. Es war wunderschön, wie es die große goldene Sonnentreppe hinunterstieg.«

Die Kleine sah ein wenig ängstlich nach Leithammel hin, die ihr sonst immer die schönsten Geschichten mit ihrem: »Das ist ja alles nicht wahr –« verdarb.

Aber Leithammel hatte diesmal gar nicht achtgegeben. Sie hing sich an Großmamas Arm, als diese sich beeilte, den modrigen Raum zu verlassen.

»Großmama,« sagte sie, »ich weiß auch eine Geschichte, aber eine wahre. Der Bäck am Bach hat sieben junge Entlein, ganz klein noch, mit gelbem Gefieder. Ich hab ihnen lang zugesehen – bald rennen sie über Hals und Kopf in den Bach, dann plötzlich in den Stall oder auf die Wiese – keinen Augenblick haben sie Ruhe. Manchmal auch verlieren sie einander und schreien und jammern, bis sie sich wieder zusammengefunden. Der Bäck hat gesagt: ›Sie sind halt mutterlos, da wisse so Tierle nit, wo sie hingehöre, renne nur alleweil die Kreuz und Quer und suche und suche –‹«

Unnütz sah der Schwester gespannt in die Augen. Das kleine Herz klopfte ihr bis in den Hals, während ein leises: »Was suchen sie denn?« von ihren Lippen kam.

»Großmama,« sagte Leithammel in geheimnisvollem Tone, »da hab ich mit einemmal gewußt – uns geht's gerad wie den armen Entle – wir rennen auch so die Kreuz und Quer und wissen nicht, wo wir hingehören –«

»Aber Kind,« rief Großmama im höchsten Grade erstaunt aus, »was fällt dir denn ein – ihr habt doch eure Eltern –«

»Ja, überm Gang,« bekam sie zur Antwort.

Großmama machte eine rasche, beinahe heftige Wendung. Dies geschah an jener Stelle des Hochplateaus, wo das Geröll plötzlich jäh und abschüssig in die Tiefe führte. Großmama verlor das Gleichgewicht und stürzte in die Knie. Sie wäre ohne Zweifel ins Rutschen gekommen, wenn nicht Leithammel, an deren Arm sie sich hielt, so fest auf den Beinen gestanden wäre. Auch war schon Mademoiselle zur Stelle. Mit eiserner Kraft griff sie in die Rockfalten ihrer geliebten Madame, auf der Erde kniend, der eignen Gefahr nicht achtend.

Die Kinder schrien laut. Unnütz rannte wie von Sinnen auf und davon.

Großmama, die beim Fallen tiefblaß geworden war, stand schon nach wenigen Augenblicken mit Hilfe von Mademoiselle und der Kinder wieder auf den Füßen. Sie atmete tief. Ein Blick in die Tiefe belehrte sie: die Gefahr war groß.

Plötzlich flutete eine leuchtende Röte über das noch eben blasse Gesicht der Frau. Sie breitete die Arme aus.

»›Goldne Sonne, leihe mir
Die schönsten Strahlen, lege sie zum Dank
Vor Jovis Thron –‹

Kinderle, Kinderle, fascht wär's um mich geschehe g'wese. Ach Gott, ach Gott, wie isch 's Lebe so schön – noch einmal so schön, wenn's ei'm an Krage gange isch –«

Mademoiselle streckte Großmama eine Handvoll Spitzenvolants hin, die ihr beim Zugreifen in der Hand geblieben waren –

»Schmeiß sie weg, Cassalele, schmeiß sie weg,« lachte Frau Grossi, »was hälfe mir alle Volants der Welt, wenn ich da unte liege tät –«

Fröhlich und guter Dinge traten sie den Rückweg an. Von den elternlosen Entlein war nicht mehr die Rede. Großmamas Mißgeschick hatte alles andre in den Hintergrund gedrängt.

Nur in der Seele der kleinen Unnütz wachte nach dem Schrecken mit Großmama das Schicksal der mutterlosen Entlein wieder auf. Mit völliger Geistesabwesenheit nahm sie ihr Abendbrot ein, und bald zogen von ihrem Teller Milch und Honig, sich zu einem gemeinsamen Spaziergang entschließend, einträchtiglich über den Tisch hin, hinüber zu Mademoiselle, die unverdrossen ihren langen Schiffärmel in die klebrige Sauce tunkte.

Wenn ihre geliebte Madame verunglückt wäre! Etwas andres vermochte die Französin nicht zu denken.

Auch die Eltern überm Gang waren durch das Ereignis auf der Burg aus ihrem Gleichgewicht gebracht worden. Alice griff nach ihrer Stickerei, die sie vor der Geburt ihres ersten Kindes angefangen, mit dem Vorsatze, alle ihre Kinder in reizende, von ihr gestickte Röckchen zu kleiden. Inzwischen waren fünf Kleine gekommen, aber die Stickerei war noch immer nicht fertig geworden.

Jedesmal nach Großmamas Besuch wurde diese Arbeit hervorgeholt. Diesmal mit einem ganz besonderen Gefühl von Reue und Scham. Alice eröffnete die Unterhaltung mit dem schmerzlichen Ausruf:

»Gott, wenn Großmama verunglückt wäre – denke doch, Edmund –«

»Ja,« sagte er aus der Rauchwolke heraus, die seiner mit dem Hauswappen gezierten Pfeife entstieg, »es ist ja nun aber nicht geschehen –«

»Wie unbeschreiblich untüchtig bin ich doch im Vergleich zu ihr,« fiel ihm die Gattin in die Rede.

»Unsinn!« fuhr er auf.

Sein Jagdschnupfen, wie er die häufigen Erkältungen nannte, die er sich bei der Jagd zuzog, hatte sich verschlimmert. Er mußte alle Augenblick niesen und war von der schlechtesten Laune.

Das Ehepaar saß an einem kleinen Seitentisch des Speisezimmers. Eine Lampe, um die sich ein paar Falter jagten, stand zwischen ihnen.

Der Baron dampfte ingrimmig darauflos. Immer, wenn Großmama da war, nahm seine Frau diese widerwärtige Arbeit zur Hand, und in der Regel gab's dann einen trübseligen Abend.

Um vorzubeugen, begann er mit dem Bericht:

»Heute eine prächtige Jagd gehabt – sieben Reb –«

»Unsre Kinder,« fiel ihm die Gattin ins Wort, »tragen keine Schuhe, keine Strümpfe, die nicht von ihr kommen –«

»Gut, dafür lasse ich mich auch behandeln wie einen grünen Jungen. Mehr kannst du nicht von mir verlangen.«

»Ich weiß gar nicht, was wir anfingen,« fuhr Alice in ihrer Jeremiade fort – »ich weiß es wirklich nicht – ohne Großmama – unsre Kinder hätten nichts zum Anziehen. Leithammel merkt es auch schon –«

»Natürlich,« brauste er auf, »wenn Großmama mich vor aller Welt Mann im Mond nennt und dich Jeremia – wie sollen da die Kinder Respekt vor uns haben? Was sich doch gehört,« setzte er mit Nachdruck hinzu.

»Nun hat sie wieder für neue Wäsche gesorgt – ich habe gar nicht gewußt – die Großen hatten alles verwachsen. So etwas müßte doch eine Mutter wissen. Ach Gott, ich habe ja den besten Willen – gehe ich nicht jeden Morgen vor dem Frühstück durch das Kinderzimmer, um zu sehen, was es zu tun gibt? Es ist immer schon fast elf Uhr, wenn ich zum Frühstück komme. Nie noch habe ich einen warmen Kaffee gehabt.«

»So gehe nicht durchs Kinderzimmer,« warf der Gatte ein.

»O Edmund, alles dieser armen Mademoiselle überlassen – du weißt nicht, was sie leistet, du gehst auf die Jagd und amüsierst dich, und ich sitze hier und habe Zeit, über alles nachzudenken. Ich will jetzt wenigstens das Kleine in der Nacht zu mir nehmen, es ist ja viel zu viel für Mademoiselle – ach, was möchte ich nicht alles – Leithammel wird so gewalttätig, und denke dir, Unnütz lügt – die längsten Geschichten erzählt sie, die alle nicht wahr sind – da müßte man doch einschreiten. Von morgen an will ich das Kind überwachen. Ja, ich will mir alle Mühe geben –«

»Heute beruhigst du dich wieder einmal gar nicht,« fuhr ihr der Gatte in heller Ungeduld in die Rede, »ich habe dir doch sagen wollen, daß ich sieben Rebhühner geschossen – und denke dir,« setzte er triumphierend hinzu, »Stein, der Prahlhans, gar nichts. Er hat endlich zugegeben: ›Rebach, dir macht's keiner gleich‹ – ich muß mir aber wirklich einen Grog machen,« setzte er heiser hinzu und rief nach Ernestine.

Sie erschien nicht.

Erst als der Baron die Türe aufriß und ein Himmeldonnerwetter in den Hof sandte, kam sie herbei, halb angezogen.

»Heißes Wasser!« herrschte sie der Baron an.

»Jetzt noch um halber zehne,« begehrte sie auf, »das isch Tierquälerei.«

»Nächstens fliegt Sie zum Haus hinaus –«

»Ich kann laufe –«

Der Baron kannte sich nicht mehr und griff nach der Stuhllehne.

Nun kam Leben in seine Gattin.

Sie flog von ihrem Sitz auf und schickte die Magd zu Bett, rasch die Türe hinter ihr schließend.

»Mademoiselle,« beruhigte sie den Gatten, »wird dir heißes Wasser machen – ich werde Mademoiselle darum bitten –«

Auch im Kinderzimmer war noch keine Ruhe eingekehrt; Leithammel, zu erregt, um zu schlafen, wollte auch die Georginen am Einschlafen verhindern. Als sie sich zu den Schwestern niederbeugte, machte sie eine Entdeckung. Mit zwei Sätzen stürzte sie auf die Büchse los, in der Großmama einen Vorrat von Schokolädle zu hinterlassen pflegte. Die Büchse war leer.

»Das seid ihr,« fuhr Leithammel auf die Schwestern los, »das könnt nur ihr sein – ihr habt noch die Mäuler voll – ich hab's gerochen – Großer Gott,« entsetzte sie sich, »das ist ja gestohlen –«

Eine der Georginen behauptete:

»Unnütz war's – wir nicht –«

Leithammel sah nach dem Bett der Kleinen.

Es war leer.

»Sie hat sich versteckt, sie hat sich versteckt,« triumphierten die Georginen.

Die Mädchen durchsuchten das Zimmer, sie leuchteten auf den dunkeln Gang hinaus – keine Unnütz –

Leithammel lief im Nachthemd mit bloßen Füßen in den Hof, in den Garten. Es wurde ihr angst, so daß sie immerzu rief: »Unnütz, so komm doch – es geschieht dir nichts – komm herein –«

Mademoiselle saß an der Wiege der Kleinsten und hielt noch immer die Flasche in der Hand, die das Kind ausgetrunken hatte. Der Lärm im Nebenzimmer genierte sie nicht. Die Gabe, unter den erschwerendsten Umständen zu träumen, war ihr längst eigen.

Nachdem sie sich den ganzen Tag über die Brosche gefreut, kam ihr nun, zur Abendstunde, das Bedenken, Madame möchte am Ende die langgewohnte Brosche vermissen. Oft, in früheren Tagen, war sie nach solch einem überschwenglichen Schenkanfall am folgenden Morgen bei Mademoiselle eingetreten mit den Worten: »Du, Cassalele, könnt ich nit mei Pelzle wiederhabe – ich frier so –«

Da erschien Leithammel auf der Schwelle des Zimmers. Die Mähne stand ihr wild ums Gesicht, und ihre Stimme zitterte, als sie fragte:

»Ist Unnütz bei Ihnen, Mademoiselle?«

»Unnütz!« Die Französin fuhr auf. »Ist sie nicht in ihrem Bett?«

»Hurtig, hurtig,« rief Leithammel den Schwestern zu, »zieht euch an – Sie, Mademoiselle, durchsuchen das Haus – ich nehme die Laterne – wir gehen ins Dorf –«

»Aber Papa und Mama,« meinte eine der Georginen.

Leithammel antwortete ihr damit, daß sie mit der Hand nach der Stirne wies.

»Nehmt den Hoflakai, nehmt das Rauhbein mit,« schrie Mademoiselle den davoneilenden Mädchen nach.

Sie waren schon auf der Gasse. Der Mond schien. Eine herrliche Sommernacht. Aus dem Walde links vom Weg tönten eigne, unheimliche Laute. Die Georginen drückten sich enger an Leithammel.

»Was schreit denn so?« fragte eines der Mädchen.

»Käuzlein sind's im Wald, ihr Schneegäns –«

»Und dort, was blinkt denn so?«

»Der Bach, ihr Simpel –«

»O Leithammel, es war nicht Unnütz, wir haben die Schokolade gegessen,« gestand eine weinerliche Stimme.

Leithammel schluchzte laut auf: »Wenn wir Unnütz nicht mehr fänden – ach Gott, dann bin ich ganz allein – laß uns Unnütz wiederfinden, o lieber Gott im Himmel – Vater unser – Vater unser,« fing sie laut an zu beten, und die Schwestern beteten aus Leibeskräften mit.

Im Dorf regte sich nichts. Kein Lichtlein brannte weit und breit. Die Kinder kamen auf den Marktplatz, immer laut betend und dazwischen »Unnütz, Unnütz!« rufend.

Gottlob, beim Lehrer war noch Licht.

Er hörte die Stimmen auf der Gasse und öffnete das Fenster:

»Wer ist da? Was ist los?«

»O Herr Lehrer, Herr Lehrer, Unnütz ist verloren!« lautete die schluchzende Antwort.

Im nächsten Augenblick war er drunten. Eng umdrängten ihn die Kinder. Leithammel umfaßte seinen Arm:

»Herr Lehrer, wir werden sie doch wiederfinden –«

Sie faltete die Hände: »O Herr Lehrer, helfen Sie uns, helfen Sie uns!«

Wie schön war das Kind in seinem Schmerz!

»Nur ruhig,« tröstete er, »das Unnützlein hat sich gewiß verträumt – besinnt euch einmal –«

Er horchte plötzlich auf. Sie standen vor dem Häuschen des Bäckers. Dahinter rauschte der Fluß, und auf der mondbeschienenen Wiese irrte ein kleines Entlein herum und schrie wie am Messer.

»Was tut denn das noch so allein hier –« meinte der Lehrer und nahm's auf.

»Dort, dort schreit noch eins –« rief Leithammel.

Sie gingen dem Geschrei nach.

Mitten auf der Dorfstraße irrte ein zweites Entlein herum.

»Herr Lehrer,« sagte Leithammel mit einemmal, »ich hab' Großmama von den sieben Entlein erzählt, die keine Mutter mehr haben – da hat mich Unnütz so groß angeschaut –«

»Ich höre das dritte,« sagte der Lehrer.

Vor der Türe des Herrschaftshauses fanden sie's.

Als sie mit dem schreienden Tierchen in den Schloßhof kamen, tönte ihnen lautes Geschnatter aus dem Stall entgegen. Leithammel leuchtete hinein. Da lagen die übrigen vier Entlein bei der kinderlosen Katze im Korb, und daneben, in einem Haufen Stroh, die kleine Unnütz im tiefsten Schlummer.

Leithammel jauchzte laut auf:

»Das hat sie getan – sie hat die mutterlosen Entlein der armen Bimbelina gebracht –«

Und sie nahm die kleine schlafende Unnütz auf ihre kräftigen Kinderarme und trug sie hocherhobenen Hauptes ins Haus.

Der Lehrer sah ihr erstaunt nach.

Wie schön war das Kind in seiner Freude!

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