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Die Raubritter vor München

Karl Valentin: Die Raubritter vor München - Kapitel 8
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Raubritter vor München
authorKarl Valentin
year1974
firstpub1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-00165-8
titleDie Raubritter vor München
pages164
created20181211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Im Photoatelier

Die Bühne zeigt diesmal ein kleines altmodisches Photoatelier in irgendeiner Vorstadt. Verschiebbare Wolken hängen herum. Eine Tür im Hintergrund führt auf die Treppe. Man sieht die elektrische Türglocke neben der oberen Türfüllung, die auf das Treppenhaus hinausgeht. Eine seitliche Tür führt zur Dunkelkammer, durch das große Oberlicht an der Decke fällt offenbar Nordlicht vom Dach her. Gemalte Hintergründe für photographische Aufnahmen mit allen möglichen Landschaften stehen herum. Zwei Tische und abgeschabte Fauteuils vervollständigen die Einrichtung. Ein unförmiger Photoapparat mit Objektiv und Gummiballon, Kassetten, Ständer zum Verstellen und eine Bogenlampe älterer Konstruktion lassen erraten, was hier getrieben wird. Ein Schaukelpferd, Spielzeug aller Art, eine Stange mit hölzernem Vogel, der Tisch mit dem üblichen Eisbärenfell lassen auf den häufigen Besuch kleiner Kundschaft schließen. Einzelne ungerahmte Photographien, eine Glasplatte, farbige Papierbeutel, eine gläserne Fixierwanne mit Wasser und mehrere Stühle verschiedener Größe liegen und stehen herum.

Der Meister trägt weichen Hut und Samtjoppe und ein Bärtchen. Liesl Karlstadt spielt den Photolehrling Alfons in dunkler Hose und Weste mit weißem Kittel, Kragen und Krawatte – ohne den geringsten Respekt vor Heinrich, dem Gehilfen.

Meister steht allein auf der Bühne und betrachtet eine Photoplatte, ruft: Heinrich, komm heraus, was ist mit dieser Platte wieder los?

Heinrich kommt, nimmt die Platte, betrachtet sie: Nicht ganz entwickelt, die hat der Fonse ausgewickelt – a: entwickelt.

Meister: Fonse, da komm raus!

Alfons: Ha, was is denn?

Meister: Was ist mit dieser Platte?

Alfons: Des geht ja mich nix an, des is ja net mei Arbeit. Zu Heinrich, des hast ja du gmacht.

Meister: Na, einer von euch zwei muß sie doch gemacht haben!

Heinrich: Naa, oaner von uns drei hats gmacht.

Alfons: Ah, des is ja de – de ham ma ja mitanander entwickelt. Da wars ganz schön, aber der spielt immer mit der Platten so – wirft sie – na is heut mittag in Kartoffelsalat neigfalln.

Meister: Also nicht lange reden, die Platte muß nochmal gemacht werden.

Heinrich: Ja, ob uns der halt nochmal hergeht, des glaub i kaum. 112

Alfons: Des glaub i aa net, der war bei der Aufnahme schon so ekelhaft.

Heinrich: Ah, des is ja der Herr Ding, der braucht nimma kemma, den photographier i auswendig.

Meister: Da muß eben hingeschrieben werden, dann kommt er schon. Also und daß ihr wißt, ich fahre nun auf zwei Tage weg, habe eine geschäftliche Angelegenheit zu erledigen, und in zwei Tagen bin ich wieder zurück.

Heinrich: Auf Wiedersehen!

Meister: Daß ihr mir gut aufpaßt, wenn ich nicht da bin, ich hoffe, daß ich mich auf euch verlassen kann. Das Material wißt ihr ja, es ist alles draußen in der Dunkelkammer, und seid vorsichtig mit dem Sublimat.

Alfons: Ja, des hat der scho amal gsuffa statt Limonad.

Heinrich: Hat mir aber gar nix gmacht.

Meister: Ja, Unkraut verdirbt nicht.

Heinrich: Oder solln wir die zwei Tage nicht lieber zusperrn?

Meister: Das tät euch so passen, für was seid ihr denn da?

Alfons: Da san mir ja nimma da, wenn ma zusperrn.

Meister: Wenn jemand kommt, dann habt ihr die Aufnahme zu machen.

Heinrich: Mir könna ja gar koane Aufnahmen machen, Sie habn uns ja nia was machen lassen, mir ham ja bloß allweil mit dem Schachterl da entwickeln könna.

Meister: Aber gesehn habt ihrs doch von mir, ihr seid ja lange genug da, ihr habt doch immer zugeschaut!

Alfons: Ja, da ham mir aber nia Obacht gebn.

Heinrich: Ja, wenn aber recht viel Leut komma zum Photographieren?

Alfons: Zu uns kommt doch niemand!

Meister: Warum soll da niemand kommen?

Alfons: Das müßt a Zufall sein.

Heinrich: Wenn aber a ganzer Gesangverein kommt, soll'n ma den aa aufnehmen?

Meister: Natürlich!

Alfons: Na, er moant ja, wenn gleich recht viel kommen – a paar tausend gleich –

Meister: Ach, ein paar tausend kommen nie!

Heinrich: Na – er meint ja nur, wenns komma taten.

Meister: Na, wir haben doch schon oft Gruppenbilder gemacht, ihr müßt einfach die Kundschaft anständig bedienen, schöne Posen stellen, damit es auch schöne Aufnahmen 113 werden. Und dann noch was: daß ihr mir ja nicht raucht! Also, ich gehe jetzt, in zwei Tagen bin ich wieder zurück.

Heinrich: Auf Wiedersehen!

Meister: Pressierts Ihnen so?

Alfons: Der is manchmal gelungen.

Meister: Ja, dir fehlt auch schon nichts. Also, daß mir alles klappt. Auf Wiedersehen.

Alfons: Ich mach schon zu, bitte.

Meister ab.

Alfons: Jetzt hörn mir aber glei 's Arbeiten auf – was tean ma jetzt?

Heinrich: Nix mehr – deck ma glei d' Arbeit zu, daß mas nimma sehn. Jetzt mach ma zwoa Tag Urlaub. Anrührn tean ma nix mehr – zündet sich eine Zigarette an und setzt sich auf den Stuhl – so, aufmachn tean ma von jetzt an überhaupt nimmer, bis er kommt, d' Hausmoasterin war heut scho da und sonst kommt ja neamand. Der Briefträger wirft sei Sach ins Briefkastl nei. Und du gehst nunter und laßt dir an Grammaphon leihen und Lampions häng ma auf, dann mach ma a italienische Nacht. Und i telephonier meiner Henna!

Alfons: Und wenn sich wer photographieren lassen will, de solln einfach zu an andern Photographen gehn.

Es läutet.

Alfons: Soll i aufmachen?

Heinrich: Net aufmacha!

Es läutet.

Heinrich: Wer wirds denn sein?
SSSSSS!

Es klopft.

Heinrich: Also, ausgschamte Leut gibts!

Meister von außen: Heinrich – Alfons, warum macht ihr nicht auf? Habt ihr denn das Läuten nicht gehört?

Heinrich: Wann – heut?

Meister: Ja, jetzt im Moment.

Alfons: Na – mir habn nix ghört, gar nix.

Meister: So – und ich hab sechsmal hintereinander geläutet.

Alfons: Naa – dreimal wars bloß.

Meister: Ah, da kommt ihr wieder auf.

Heinrich winkt wegen dem Tischtuch.

Meister: Was soll denn das bedeuten?

Alfons: Zudeckt hab ichs, weil wie Sie nausgangen sind, ist auf amal so a Wind gangen, hätt bald alles nuntergweht. 114

Meister: Was, a Wind?

Alfons: A Sturm wars eigentlich.

Meister: So, auf einmal geht da herin ein Wind.

Alfons: Ja, wir warn selber ganz baff.

Er schneidet Heinrich die Zigarette ab – der Stummel fällt auf den Boden und raucht weiter.

Meister: Was ist denn das? Da schau mal her?

Alfons: Wo?

Meister: Da – was ist das?

Alfons: Ui, was is denn des?

Heinrich: A Glühwürmchen!

Alfons: Ja, pfeilgrad!

Meister: Das raucht ja!

Alfons: Dann is a Rauchwürmchen.

Meister: Wie kommt die Zigarette da her?

Alfons: Die Buben tuns immer zum Fenster reinwerfen, Schneeballn, Stoana, usw.

Meister: Wo ist da ein Fenster?

Alfons: Wer hat denn das Fenster zugmauert?

Heinrich: Aber in unserem früheren Atelier war a Fenster.

Meister: Das kann ja recht nett werden, die zwei Tage!

Alfons: Na, wenn wir gwußt hätten, daß 's Sie wärn, hätten mir glei aufgmacht.

Heinrich gibt ihm einen Wurf.

Meister: So, und wenn es eine Kundschaft gewesen wäre?

Heinrich: 's war ja koa Kundschaft, warn ja Sie.

Meister: Wenns aber eine gewesen wäre?

Heinrich: Es war doch koane.

Meister: Na, es ist gut, daß ichs weiß, zufälligerweise mußte ich noch einmal zurück, weil ich meine Brieftasche vergessen habe.

Heinrich: In der Dunkelkammer liegts drin.

Alfons: Ja, sieben Mark fünfzig Pfennig san drin.

Meister: So, habt ihr da auch schon wieder hineingeschaut?

Heinrich: Ich weniger oft, aber er.

Alfons: Ja, weil ich gmeint hab, daß 's mei Brieftaschn is, aber er hat mir erst hernach gsagt, daß i gar koane hab.

Meister: Da ist einer wie der andere.

Geht zur Dunkelkammer – schaut plötzlich um. Heinrich macht ihm ein Gesicht nach.

Meister: Was war denn das jetzt? 115

Heinrich: Ich kann mich nicht mehr erinnern.

Der Meister geht in die Dunkelkammer.

Alfons leise: Sei Brieftaschn hat er vergessn.

Meister: Also, jetzt geh ich, ich sage euch, daß ihr mir sofort aufmacht, wenn es läutet, das Geringste wenn ich hören muß, wenn ich zurückkomme, dann könnt ihr was erleben.

Alfons: Kommen Sie jetzt dann nochmal zrück?

Meister: Frag nicht so frech, sonst hau ich dir eine runter!

Er wirft ihm seine Koffer nach, dann ab.

Heinrich: So, jetzt san mir richtig neitanzt.

Alfons: Du warst so gscheit, du hast gsagt, mir solln net aufmachen, is er glei mit oaner italienischen Nacht daherkommen, i dank schö.

Heinrich: Am Läuten kennt mas doch net, wers is, für eahm sollt halt a Extraglockn da sein – jetzt hat ers gspannt, daß mir nicht aufmachen.

Alfons: Ja, jetzt is scho z'spät, jetzt denk i mir nix mehr, und jetzt brauchst aa nimmer aufmachen, jetzt kommt er nimmer.

Es läutet.

Alfons: Scho wieder.

Es läutet.

Heinrich achselzuckend: Jetzt sollt mas halt wissen . . .

Es klopft fest.

Meister von außen: Heinrich – Alfons – was ist denn das?

Alfons: Ui – des is er wieder! Er macht auf.

Meister: Ja zum Donnerwetter, was ist denn das? Warum wird denn da wieder nicht aufgemacht?

Alfons: Ich war jetzt grad net da, ich war jetzt draußen in der Dunkelkammer.

Heinrich: Ich war draußen in der Dunkelkammer.

Alfons: I war drauß, lüag net a so.

Sie wollen sich gegenseitig stoßen und treffen den Meister.

Heinrich: Ich werd wohl wissen, wo ich grad war.

Alfons: Na, gwiß war ich draußen, es kann ja möglich sein, daß er auch draußen war, da hab ich ihn halt net gsehn, weils so finster is.

Meister: So, und ghört habt ihr auch nichts?

Heinrich: Wenns so finster is draußen.

Meister: Wie stellt ihr euch denn das vor, wenn das nun eine Kundschaft gewesen wäre?

Heinrich: 's war ja keine, warn ja wieder Sie. 116

Meister: Wenns aber eine gewesen wäre?

Heinrich: Niemals!!

Meister: Was heißt »Niemals« – das kann ja nett werden, es ist nur schade, daß ich unbedingt fort muß, sonst würde ich euch auf der Stelle hinauswerfen, aber am Ersten fliegt ihr alle beide.

Alfons schleicht sich leise hinaus.

Meister: Ja, schleich dich nur hinaus, scheinheiliger Tropf!

Heinrich: Auf Wiedersehen!

Meister: Bande! Er geht ab.

Heinrich schüttet ihm Fixierwasser nach: Kommt der Zigeuner noch amal daher!

Alfons: Mir san ja glei so dumm, alle zwoa, des hätt ma uns doch denka könna, daß der no amal kommt. Der is ja so raffiniert, werst sehn, der kommt schon noch a paarmal, den kenn i doch, den Bruadern!

Heinrich: Das kann scho sein, aber da garantier i dir, daß uns der nimmer drankriegt, weil in dem Moment, wo es jetzt läut, ist die Tür auf, lieber mach i's scho vorher auf.

Alfons: Ja, ich stell mich jetzt daher bis morgen auf d' Nacht und wart, bis er kommt, und wenns läut, reiß ich auf.

Es läutet. Alfons reißt mit Wucht die Tür auf. Heinrich steht mit einer Fixierwanne aus Glas daneben, die Tür haut ihn fest an den Kopf, er läßt die Wanne fallen, – sie zerbricht, daraufhin haut er Alfons eine klatschende Ohrfeige herunter. Eine Frau mit Kind kommt herein, altmodisch ländlich gekleidet. Alfons und Heinrich lachen.

Frau: Bin ich da recht beim Photographen?

Heinrich: Der is net da – warum, was wolln S' denn?

Frau: Mei Enkelkinderl möcht i photographieren lassen.

Heinrich: Ham Sie 's dabei?

Frau: Daaa –

Heinrich: Des is noch z' jung zum photographieren.

Frau: Ja also wolln S' des Kind photographieren?

Heinrich: Der Photograph ist net da momentan.

Frau: No ja, dann wart i halt, bis er kommt.

Sie setzt sich nieder. Alfons und Heinrich schauen entrüstet.

Frau: Kommt er bald, der Photograph?

Heinrich: Ja, übermorgen in der Früh.

Frau: Was übermorgen – i kann doch net bis übermorgen da warten!

Alfons: Warum ham S' Ihnen dann hingsetzt?

Frau: Ja also, wolln S' jetzt das Kind photographieren oder net? 117

Heinrich: Gengas doch zu an andern Photographen – der Ding in der Amalien-Straß, der macht wunderbare Bilder.

Alfons: Der is auch viel billiger als wie wir.

Frau: Da will ich aber nicht hingehn, denn Ihr Geschäft ist mir gerade empfohlen worden.

Heinrich: Von wem denn?

Frau: Von an guten Bekannten.

Heinrich: Der soll sei Maul halten, 's nächste Mal.

Alfons: Des derfst doch net sagn, de Frau sagts unserm Alten, dann schmeißt er uns no amal naus.

Frau: Ja also, was is jetzt?

Heinrich: Ja machs doch du, wennst so gscheit bist.

Alfons: Da is doch nix dabei, des photographieren mir jetzt, des gibt a Gaudi . . .

Heinrich: So, de jungen Kinder san viel schwerer zum photographiern, wie die Alten.

Alfons: Du bist a so a Schuaster – des geht scho – wo soll i's denn hinsetzen, des Kind – am Stuhl oder am Boden?

Heinrich: Na, ins Fell legt ers immer nackert nei.

Alfons: Jessasja – stimmt. Also Frau, bitte ausziehen.

Frau: Ausziehen??

Alfons: Ja, nackert –

Heinrich: Da tua a Platten einleg'n, 13×17!

Alfons ab. Die Frau zieht sich aus und steht in ihrer altmodischen Unterwäsche da. Alfons und Heinrich schauen ihr zu.

Heinrich: Wie ham mas denn da? Was tean S' denn da?

Frau: Ausziagn ham S' gsagt.

Heinrich: 's Kind solln S' ausziagn.

Frau: Jaso – 's Kind. Sie zieht das Kind aus.

Heinrich: Auf Eahna san ma net scharf.

Alfons richtet das Kind her, man hört es schreien.

Heinrich: Geh hör auf mit der Sirene!

Alfons zerrt das Kind am Fuß. Heinrich richtet das Kind mit Popo zum Publikum. Alfons richtet das Kind mit Popo zum Objektiv. Heinrich deckt das Objektiv zu – geht zum Kind – haut es mit der Zeitung.

Heinrich: Hör doch amal dei Plärrn auf, du wirst doch bloß photographiert, das tut dir doch net weh, sei doch net so kindisch . . .

Er richtet mit einer Stange die Wolken, haut zum Schluß der Frau den Hut herunter und knipst dann. Frau geht aus dem Weg.

Heinrich: Ja solln Sie net drauf kommen?

Frau: Ja woher! 118

Heinrich: Ich hab aber schon geknipst, i hab gmoant, Sie san d' Mutter.

Frau: A woher, das soll doch a Überraschung wern, i bin ja d' Großmuatter

Heinrich: Des is ja wurscht, wenn Sie auch größer san, deswegn hätten S' halt weggehn solln.

Frau: Des kann doch i net wissen.

Alfons: Ja, jetzt san S' scho drauf.

Frau: Na müassn S' halt noch amal a Aufnahme machen.

Heinrich: Des könnas Ihna denken, daß mir wegen dem Schratzen nochmal a Platten anpatzen.

Alfons: Mir habn Ihna gleich gsagt, Sie solln zu an richtigen Photographen gehn. Da ham S' Ihna Kind wieder, machen S', daß S' weiterkommen.

Frau: Des is amal a saubers Gschäft, des wer ich mir aber merken, so eine Bruchbude, da hört sich doch alles auf, eine solche Unverschämtheit ist mir auch noch net passiert, no ja, euer Gschäft kann man ja empfehln. Sie geht ab.

Heinrich: Mir ham koa Eiergschäft – Sie brauchen uns net empfehln, mir san froh, wenn niemand kommt.

Alfons stellt sich vor die Tür hin.

Heinrich: De war ja guat, de Frau.

Der Scharfrichter, ein großer, starker, furchtbar energischer Mann mit lauter Stimme, in einer Maske zum Fürchten, mit schrecklichem Seehundsbart, buschigen Augenbrauen und unheimlichen Augen, reißt die Tür auf und stürzt herein, wobei er Alfons einen Stoß gibt: Guten Tag – ein Bild will ich haben –

Heinrich: Wer hat denn den da reingschmissen?

Alfons: Was wolln Sie?

Scharfrichter: Ein Bild!

Alfons: Ein Knie- oder Brustbild?

Scharfrichter: Das ist egal, schnell ein Bild.

Heinrich mischt die Bilder wie Karten und zeigt sie ihm. Der Scharfrichter haut sie ihm aus der Hand.

Scharfrichter: Gehn Sie weg mit Ihrem Blödsinn – ein Bild muß ich haben – Sie wissen scheinbar gar nicht, wer ich bin. – Mein Name ist Meier – Scharfrichter.

Beide: U u u u u u u u u u u

Alfons: Da derfst scharf einstellen, bei dem.

Heinrich fährt dem Scharfrichter mit dem Apparat in den Bauch.

Scharfrichter: Was erlauben Sie sich?

Alfons: Tu ihn amal a bisserl hinrichten. 119

Heinrich rührt ihn an: Ich möcht Sie hinrichten.

Scharfrichter: Hinrichten tu ich, ich bin der Scharfrichter.

Heinrich spuckt in die Hände und richtet den Bart.

Scharfrichter: Unappetitlicher Kerl, spuckt in die Hände und greift nach meinem Bart!

Alfons: Schau, daß d' fertig wirst, daß ma 'n nausbringen.

Heinrich: Bitte, darf ich Sie freundlich ersuchen, recht freundlich zu schauen?

Alfons: Ja, etwas lebhafter, bitte!

Scharfrichter: Das kann ich nicht.

Heinrich: A bisserl lächeln!

Scharfrichter: Ich kann nicht und will nicht lachen.

Heinrich: Bei uns müssen S' lachen, das ist ja zum Lachen.

Scharfrichter: Ich lache nicht.

Heinrich: Ja, das paßt auch net zu seim Beruf – aber so könna mas net machen.

Alfons: So gehts net, so schaun S' aus wie a alter Seehund.

Scharfrichter: Frecher Kerl!

Alfons: Jetzt lacht er gleich – eins – zwei – drei –! Jetzt kommts Vogerl raus.

Scharfrichter: Weg mit dem Unsinn, fahr ab, Idiot!

Alfons: Ah, der lacht net, dann mag i auch nimmer.

Heinrich: Der reagiert net auf solchene Sachen. Er nimmt das Glöckchen – L a l a l a l a – er knipst.

Alfons: Jetzt hat er glacht – danke – fertig.

Scharfrichter: Bis wann kann ich die Bilder haben?

Heinrich: Bis in acht Tagen.

Scharfrichter: Das ist mir zu spät.

Heinrich: In sieben Tagen – in sechs – fünf – vier – drei – zwei – eins – null – gestern.

Scharfrichter: Also morgen!

Heinrich: Jawohl.

Scharfrichter: Und daß mir die Bilder gut werden, daß Sie sich Mühe geben.

Heinrich: Ja ja, bei Ihnen besonders, weil wir net wissen, ob wir Ihna net amal brauchen könna.

Scharfrichter: Guten Tag! Er geht ab.

Heinrich zur Tür hinaus: An schöna Gruß an die Geköpften!

Alfons: Geh, laß ihn doch stehn, sei froh, daß er draußen ist – des war fei der Scharfrichter – daß des net kennt hast?

Heinrich: Ja mei – gschäftlich hab i mit eahm no nia was z' tun ghabt. 120

Alfons: Aber gell, heut geht a Gschäft, weil der Alt net da is?

Es läutet draußen. Vor der Tür steht ein Brautpaar. Der Bräutigam, ein Riese von über zwei Meter Länge, mit Zylinder; zunächst ist sein Kopf durch die geöffnete Tür überhaupt nicht zu sehen; er trägt »Hochwasserhosen«, gleichfalls zu kurzen Gehrock, Gummi-Eckenkragen mit weißer Binde, Gummiröllchen und weiße Handschuhe. Die Braut ist eine sehr kleine, häßliche Frau, die auch von einem Zwerg dargestellt werden kann.

Heinrich: Ah, der hat wahrscheinlich was vergessen. Er macht die Tür auf – erschrickt und haut sie gleich wieder zu. Jeß Maria!

Alfons: Was is denn?

Heinrich: A Geköpfter steht draußen.

Alfons: Wia, lassn sehn. Er schaut hinaus – Ahhh! – Er haut wieder zu.

Heinrich: Gell, weil wir gfrevelt habn, da steht oana ohne Kopf draußen.

Alfons: Wia, schaun ma nomal hinaus. Tut es. Freilich hat er an Kopf, aber ganz drobn. Macht die Türe auf. Bitte gehn S' rein.

Bräutigam: Das geht ja nicht, die Türe ist zu klein.

Alfons: Ui, der kann net rein, weil er so lang ist.

Heinrich: Häng die Oberlichten aus!

Alfons hängt sie aus.

Bräutigam: Das geht ja noch nicht!

Heinrich: Halt, i hol d' Säg, na schneiden mir an Türstock durch.

Er holt die Säge – sägt die Querlatte an der Tür ab. Das Brautpaar kommt herein.

Heinrich: Sie wünschen, bitte?

Bräutigam: Wir möchten Brautbilder haben.

Alfons zur Braut: Sie auch?

Heinrich: Wieviel?

Bräutigam: Ein halbes Dutzend, bitte.

Heinrich: So viel wern ma gar net ham. Er nimmt Bilder und zeigt sie her.

Bräutigam: Von uns wollen wir doch Bilder haben, das sind wir ja gar nicht.

Heinrich: A so, von Eahna wolln S' welche ham, ja de müßten aber extra angefertigt werden.

Bräutigam: Natürlich, das wollen wir ja!

Heinrich: Ja ja, aber de hättens halt billiger kriegt, weil die san net abgholt worn, die flacka scho jahrelang bei uns umanander. 121

Alfons: Bitt schön, möchten S' Ihna aus dem Album was raussuchen.

Heinrich: Diese Firmlingsbilder wern sehr gern gekauft – oder solls was in Uniform sein?

Alfons zeigt das Album her: Das wärn mehr so Massenaufnahmen. Er läßt es fallen.

Bräutigam: Das ist nichts für mich, wir beide wollen uns doch bloß photographieren lassen.

Alfons: Na müaßten S' halt noch a paar Bekannte holen schließlich.

Heinrich: Sehn S', das ist ein direktes Brautbild –

Bräutigam: Ja – das möchten wir haben.

Heinrich: Werden Ihnen de net z' teuer sein?

Bräutigam: Warum, was kosten denn die?

Heinrich: Das weiß ich nicht – der Alt is net da, und der hat uns in die Preis net eingweiht.

Alfons: Des steht doch hinten drauf –

Heinrich: De kosten vierzig.

Bräutigam: Was vierzig?

Heinrich: Ja, des wiß ma ebn net – entweder vierzig Stück oder vierzig Mark.

Alfons: Ich glaub, vierzig Stück eine Mark – nein, das stimmt auch nicht.

Heinrich legt das Bild halb zusammen: Oder mach ma vielleicht die Hälfte?

Bräutigam: Ja so – aber die andere Hälfte?

Heinrich: Jetzt wissen S' was, wir machen jetzt amal die Aufnahme, und an Preis können S' dann mit unsern Meister ausmachen, wenn er kommt.

Alfons: Na mach ma liaber die kleinern, weil wenns dann nix wern, is net so viel Geld hin. Bitte, stellen Sie sich amal daher.

Heinrich richtet den Apparat: Weiter zurück, bitte –

Bräutigam: Aber schöne moderne Bilder sollns werden.

Alfons: Da können S' Ihnen verlassen, das werden Prunkbilder.

Er zieht den Arm der Braut heraus, hängt den Zylinder drauf – dann tut er den Zylinder wieder weg und läßt die Braut mit dem Zeigefinger zum Bräutigam deuten.

Heinrich geht mit dem Apparat über die Bühne hinunter in den Zuschauerraum, schreit: Den bring i net auf d' Platten nauf.

Bräutigam: Was ist denn los?

Alfons: Er bringt Sie net auf d' Platten drauf, Sie san z'lang, sagt er, wir haben keine so langen Platten. 122

Heinrich kommt mit dem Apparat: Muß der Kopf unbedingt drauf sein?

Bräutigam: Was ist das für eine Frage? Natürlich muß der drauf sein.

Alfons: Machstn halt bis daher und dann an Kopf extra, den papp ma dann unten hin.

Bräutigam: Ich glaube, Sie können überhaupt nicht photographieren.

Heinrich: Ich kann Sie schon photographieren, aber da müßten Sie sich niederknien – niederkniegeln.

Bräutigam: Was, niederknien! – das habe ich aber noch nicht gesehn!

Heinrich: Mir ham so an Langhaxeten a no net gsehn.

Bräutigam kniet sich nieder.

Alfons: So is besser, da kommt wenigstens er drauf.

Heinrich: Jetzt ist aber sie zu groß, das ist nichts! Zur Braut Knien Sie sich auch nieder!

Die Braut kniet sich nieder.

Alfons: Das is Gschmacksache.

Heinrich: Gfällt mir nicht.

Bräutigam: Mir auch nicht.

Heinrich: Warum ham S' denn gheirat?

Bräutigam: Die Stellung gefällt mir nicht.

Heinrich zum Bräutigam: Setzen Sie sich lieber nieder.

Bräutigam setzt sich auf den Boden; zur Braut: Setz dich auch hin, Herzerl!

Die Braut setzt sich auf den Boden.

Heinrich: So ists gut. – Einen Moment bitte. Er knipst. Danke schön!

Beide stehen wieder auf.

Heinrich: Das ist eine seltene Aufnahme geworden.

Alfons: Die ist wirklich gut geworden. Er schaut in die Kassette. Du, Heinrich, mir ham kei Platte drin ghabt. Er nimmt die Platte vom Tisch.

Bräutigam: Was ist denn los?

Heinrich: Nichts, wir habn nur eine Kleinigkeit vergessen. Nochmal, bitte schön!

Alfons bringt das Schaukelpferd: Setzen Sie sich einmal da drauf, das wird eine Sportaufnahme.

Heinrich will den Fuß vom Bräutigam in den Steigbügel stecken, setzt ihn dann aufs Pferd, hängt ihm die Braut um die Schultern und sagt: So, Sie hängen Ihnen hint drauf, wie bei einem 123 Motorradl. Hier wird auch Kunstlicht verwendet. Er knipst. Danke.

Alfons: So, das ist sicher etwas geworden, die werd ich gleich entwickeln, dann könnens Ihnen gleich anschaun!

Er geht in die Dunkelkammer . . . Pause – – – Man hört die Platte auf den Boden fallen. Er kommt ganz kleinlaut heraus.

Heinrich: Depperter Depp, jetzt laßt er wieder die Platte fallen!

Bräutigam: Jetzt wirds mir aber bald zu dumm – Sie können scheints wirklich nicht photographieren, jetzt machen Sie noch rasch ein Kniebild von meiner Braut und dann gehen wir.

Er setzt sich auf den Stuhl.

Heinrich: Ein Kniebild – ist recht.

Er hebt den Rock der Braut auf

Bräutigam haut ihm mit dem Zylinder auf den Kopf daß es kracht: Was fällt Ihnen ein, den Rock meiner Frau aufzuheben, das erlaube ich nicht.

Heinrich: Wie kann ich denn ein Kniebild machen, wenn der Rock drüber ist?

Bräutigam: Das ist eine Gemeinheit von Ihnen.

Alfons: Wenn er so ekelhaft ist, dann machst einfach ein Brustbild von ihr.

Heinrich: Wie kann ich denn a Brustbild machen, wenns koa Brust hat. Er langt hin.

Bräutigam schlägt ihm wieder mit dem Hut auf den Kopf: Sie unverschämter Kerl!

Heinrich: Was glaubn Sie denn eigentlich – mit Ihnen tu i jetzt nicht lang rum, stelln S' Ihnen mal da rüber, Sie wackeln auch die ganze Zeit.

Er gibt ihm den Ständer, derselbe rutscht runter.

Heinrich: Auweh, da is wieder die Schraubn kaputt – geh, haltn Sie selber das Stangl.

Er gibt ihm das Stangl in die Hand. Alfons hängt den Schleier der Braut über den Ständer.

Heinrich: Die Braut gehört doch auf die rechte Seitn nüber, stellen S' Ihna nüber, – er legt dem Bräutigam noch die Hand an den Kopf – grad als ob S' sagen täten Herrgott, bin i a Rindviech, daß i heut gheirat hab. Er nimmt das Bukett, legt es der Braut zu Füßen, steckt es ihr dann ans Kleid, dann in den Mund. So ists gut, – einen Moment . . .

Alfons hat während dieser Zeit den richtigen Zylinderhut des 124 Bräutigams vor das Objektiv gehängt. Er knipst. Jessas, jetzt hängt der Hut wieder da – jetzt is wieder nix.

Bräutigam: Ihr seid ja zwei Idioten – da hört sich doch alles auf, komm, wir gehen jetzt.

Heinrich: Sie sind einfach zu lang zum Photographieren, wegen Ihnen braucht ma a Photoatelier wia de Kegelbahn.

Bräutigam: Ach Unsinn, Sie können beide nichts.

Alfons: Da können doch mir nichts dafür, daß Sie so lang san, außer wir machen eine Queraufnahme, wissen S' was, legen S' Ihnen amal hin.

Bräutigam: Was, legen?

Er legt sich hin. Heinrich legt den Photoapparat auch auf den Boden und sich dazu.

Alfons: Das wird eine Queraufnahme.

Er stellt den Fuß der Braut auf des Bräutigams Bauch, hält ihre Hand mit dem Strauß in die Höhe, die andere Hand aufs Herz.

Alfons: Einen Moment bitte . . .

Meister reißt die Türe auf und fällt gleich in Ohnmacht: Allmächtiger Gott!

 
Vorhang

 


 

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