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Die Raubritter vor München

Karl Valentin: Die Raubritter vor München - Kapitel 7
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Raubritter vor München
authorKarl Valentin
year1974
firstpub1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-00165-8
titleDie Raubritter vor München
pages164
created20181211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die verhexten Notenständer

Die Bühne ist leer und unaufgeräumt. Ein grauer Samtvorhang schließt sie nach hinten ab, vor dem ein paar Versatzstücke herumstehen. Alles, was gebraucht wird, bringen die beiden Clowns und der Bühnenmeister während des Spieles auf die Szene.

Karl Valentin ist als musikalischer Clown geschminkt. Er hat einen riesigen, haarlosen, weißen Schädel, aus dem der blutrote Mund melancholisch herausleuchtet. Eine große schwarze Hornbrille ohne Gläser sitzt auf seiner traurigen dunkelroten Nase. Die dünnen Beine stecken in langen, enganliegenden Trikots, seine bunte Phantasiejacke wird oben durch eine steife, breite, weiße Halskrause oder eine überdimensionale gestärkte weiße Schleife abgeschlossen. Sein Clownhut, manchmal ein schwarzer Halbzylinder, dessen völlig flacher Rand tief in die Stirn gezogen ist, manchmal eine abgeschnittene »Kreissäge« mit ganz schmaler Krempe, paßt ihm schlecht, er rückt ihn fortwährend unbeholfen zurecht, wobei man fühlt, daß auch seine halben weißen Zwirnhandschuhe die Hände offenbar behindern. Oft hat er über die helle Weste eine gewaltige Uhrkette mit riesigen Gliedern von einem Gilettascherl zum andern gezogen, die Füße stecken in riesigen Gummischuhen.

Liesl Karlstadt hat sich in schlotternde weiße Hosen gesteckt, unter denen nur ihre gewürfelten Filzschuhe hervorschauen. Sie trägt ein glitzerndes Bolerojäckchen und gleichfalls eine große weiße gestärkte Halskrause und ein lustiges Clownhütchen, auch sie ist kreideweiß geschminkt – ein wenig auf die Maske der Mickymaus –, und trägt weiße Handschuhe. Alles an ihr atmet Lustigkeit und Verschmitztheit. Lange weiße Spitzenmanschetten fallen aus den enganliegenden Trikotärmeln ihres goldbestickten bunten Samtjäckchens auf die Handrücken.

Der Herr Direktor erscheint im dunklen Straßenanzug.

Der Bühnenmeister im flatternden weißen hochgeschlossenen Arbeitskittel, unter dem seine offene Weste und ein dunkelweißes Hemd hervorschauen.

Karl Valentin kommt fertig als Clown geschminkt und kostümiert auf die Bühne und wartet.

Der Herr Direktor kommt von der anderen Seite: Sie, machen Sie sofort, daß Sie wegkommen! Was wollen Sie denn hier?

Karl Valentin: Ich wart bloß auf meinen Freund.

Der Herr Direktor: Das geht nicht, da müssen Sie gehn!

Karl Valentin: Ich hab mich mit meinem Freund zusammenbestellt, Ecke Schwanefelder- und Senetalerstraße. 100

Der Herr Direktor: Ja, das ist da draußen, aber nicht hier, das ist doch die Bühne.

Karl Valentin: Ja, da haben wir uns zusammenbestellt.

Der Herr Direktor: Also, das geht auf keinen Fall, es kommt nun gleich die nächste Nummer, da können Sie nicht warten, da müssen Sie da naus gehn.

Karl Valentin: Dann bitte sagen Sie meinem Freund, ich war da, und bin wieder fortgegangen.

Der Herr Direktor: Ist schon recht, ich werde sagen . . .

Karl Valentin: Grüß Gott! Valentin geht ab.

Der Direktor will nun auch gehen.

Liesl Karlstadt tritt fertig im Clownkostüm auf. Sie wartet.

Der Herr Direktor: Ja, Sie, was wollen denn Sie hier?

Liesl Karlstadt: Ich wart bloß auf meinen Freund.

Der Herr Direktor: Das geht hier nicht, da können Sie nicht warten.

Liesl Karlstadt: Mein Freund und ich haben uns nämlich zusammenbestellt Ecke Schwanefelder- und Senetalerstraße.

Der Herr Direktor: Das ist aber draußen auf der Straße, nicht hier auf der Bühne.

Liesl Karlstadt: Nun, wir haben ausgemacht da herin, denn draußen bei dem Sauwetter, da tröpfelt's immer.

Der Herr Direktor: Also das geht mich nichts an, verlassen Sie die Bühne.

Liesl Karlstadt: Bitte, wenn aber mein Freund kommt, dann sagen Sie einen schönen Gruß von mir, und ich war schon da.

Der Herr Direktor: Ja, Ihr Freund war schon da.

Liesl Karlstadt: Wie, der war schon da?

Der Herr Direktor: Gerade im Moment . . .

Liesl Karlstadt: So, der war schon da, wo ist er denn hingegangen?

Der Herr Direktor: Da hinaus.

Liesl Karlstadt: So, der war schon da? Ja, was ist denn jetzt des? Sie geht eilig ab.

Karl Valentin kommt wieder.

Der Herr Direktor: Sie, nun sind Sie schon wieder da!

Karl Valentin: Ich möchte fragen, ob mein Freund schon da war?

Der Herr Direktor: Der war eben hier, der ist da hinausgegangen.

Karl Valentin: Da bin ich ja hereingekommen, da müssen wir 101 wahrscheinlich aneinander vorbeigegangen sein. – Nun werd ich ihn schon finden. Er geht ab.

Liesl Karlstadt kommt wieder herein.

Der Herr Direktor: Was wollen Sie denn schon wieder hier?

Liesl Karlstadt: Ja, Sie haben gesagt, mein Freund wär da draußen, ist ja gar nicht wahr.

Der Herr Direktor: Der war eben wieder herin.

Liesl Karlstadt: Ah, drum war er nicht drauß.

Der Herr Direktor: Jetzt ist er aber drauß.

Liesl Karlstadt: So, dann werd ich ihn schon finden.

Sie will abgehen, stößt aber sogleich mit dem wieder auftretenden Karl Valentin zusammen. Sie geben sich beide die Hand und bleiben Hand in Hand eine ganze Weile stehen, ohne etwas zu sagen. Dann

Beide zugleich: Wie geht's Ihnen denn immer? Sie machen wiederum eine Pause, dann wieder beide zugleich. O danke gut!

Sie schweigen abermals. Endlich sagt

Liesl Karlstadt: Jetzt haben wir uns schon lange nicht mehr gesehen.

Karl Valentin: So, so!

Liesl Karlstadt: Da kann man nichts machen!

Karl Valentin: Das hab ich auch schon einmal g'habt . . .

Liesl Karlstadt: Sie, ich hätte eine kleine Bitte an Sie, kann ich Sie einen Moment sprechen?

Karl Valentin: Bitte.

Liesl Karlstadt: Ich möchte Ihnen was sagen, sind S' nicht beleidigt?

Karl Valentin: Durchaus nicht, da haben Sie meine Hand.

Liesl Karlstadt: Um die handelt sich's nämlich . . . Ich möcht Sie nur ersuchen, ob Sie meine Hand nicht wieder auslassen möchten, die haben Sie noch vom Grüß-Gott-Sagen in der Hand gehabt . . .

Dann gehen sie beide zur Rampe vor.

Karl Valentin: Liebe Zuhorcherinnen und Zuhorcher! Wir erlauben uns, anläßlich aus unläßlich des Umzuges des Einzuges . . .

Liesl Karlstadt: Geh, was reden S' denn da für an Schmarrn zam!

Karl Valentin: Ja, i werd wohl wissen, was ich red!

Liesl Karlstadt: Ja, einen Mist reden S' zam!

Karl Valentin: Wir erlauben uns, hinlänglich des Einzuges Kaiser Ludwigs des Bayern in München im Jahre 1312 . . . 102

Liesl Karlstadt: hinlänglich – anläßig des Einzuges heißt's doch!

Karl Valentin: Anläßig – anläßlich heißt's – Wir erlauben uns, anzüglich des Umzuges – einzüglich des Auszu . . .

Liesl Karlstadt: Geh – geh – geh – anläßlich des Einzuges heißt's!

Karl Valentin: Ich hab doch g'sagt: hinläßlich des Abzuges! – Sie machen mich ganz wirr, – wo ich so ein, so schon einer sind – bist – bin – will ich sagen. – Wir erlauben Ihnen . . .

Liesl Karlstadt: Was?

Karl Valentin: Wir erlauben uns, umständlich, ah anständig . . .

Liesl Karlstadt: anläßlich . . .

Karl Valentin: anläßlich des Umstandes . . .

Liesl Karlstadt: des Einzuges –

Karl Valentin: des Einzuges Kaiser Nepomuks . . .

Liesl Karlstadt: Nicht Nepomuk – Kaiser Ludwig –

Karl Valentin: Kaiser Ludwigs in München zum Sendlingerplatztor . . .

Liesl Karlstadt: Isartor!

Karl Valentin: . . . Isartor, im Jahre 1940 . . .

Liesl Karlstadt: Lassen S' mich reden! – Also dann reden Sie!

Karl Valentin: Anläßlich des Einzuges Kaiser Ludwigs des Bayern zum Isartor im Jahre 1312 gestatten wir uns nachträglich noch ein Duett zu blasen auf zwei Trompeten, ein sogenanntes halbes Quartett! Wir beginnen mit dem Anfang!

Beide blasen die erste Stimme.

Karl Valentin: Halt! Jetzt ham mir alle zwei die erste Stimme geblasen; bei einem Duett muß doch einer die erste und der andere die zweite Stimme blasen.

Liesl Karlstadt: Das ist doch klar – das hätten S' aber vorher schon wissen können!

Beide blasen die zweite Stimme, hören wieder auf.

Liesl Karlstadt: Jetzt blast er auch die zweite!

Karl Valentin: Ja, ich hab doch ausdrücklich g'sagt: einer die erste und der andere die zweite!

Liesl Karlstadt: Das ist ja recht, und da hab ich den einen g'macht.

Karl Valentin: Den einen hab ich gemacht; Sie hätten den andern machen soll'n! – Mir ist's gleich. Ich kann die erste und die zweite blasen. 103

Liesl Karlstadt: Ja – dann kann ich ja heimgehen; dann brauchen S' mich ja überhaupt nicht mehr!

Karl Valentin: Nein! – ich mein so: ich kann die erste – und kann aber auch die zweite blasen!

Liesl Karlstadt: Das ist eben bei mir leider auch der Fall.

Karl Valentin: Dann sind S' doch froh!

Liesl Karlstadt: Ja – also, was wollen S' denn jetzt für eine blasen?

Karl Valentin: Ach, wissen S' was? Blas ma gar nicht! Oder blasen Sie die erste und ich die zweite – oder umgekehrt!

Liesl Karlstadt: Oder machen wir's so, wie Sie woll'n!

Karl Valentin: Ja – so geht's auch! Ja – wie woll'n Sie?

Liesl Karlstadt: Wissen Sie was? Sie blasen jetzt die zweite, dann brauch ich nur mehr die erste blasen!

Karl Valentin: Ja, so mach ma's!

Liesl Karlstadt: Können Sie sich's merken?

Karl Valentin: Nein – merken kann ich mir gar nichts –, da kann ich eher noch blasen.

Liesl Karlstadt: Da brauchen Sie sich auch gar nichts merken. Sie blasen einfach die zweite Stimme, und das, was ich tu, das geht Sie gar nichts an.

Karl Valentin: So – dann geht Sie das auch nichts an, was ich tu, merken Sie sich's!

Beide blasen falsche Töne.

Der Herr Direktor kommt auf die Bühne gestürzt: Hören S' doch auf, das ist ja ganz falsch!

Karl Valentin: Das hörn wir schon selber! Mischen S' Ihnen nicht in andere Leut nein, mischen Sie sich lieber in sich selbst nein! Sie sind der Allerjüngste, schämen Sie sich, daß S' noch so jung sind!

Der Herr Direktor: Ham Sie denn keine Noten?

Karl Valentin: Freilich, aber nach Noten können wir doch nicht auswendig blasen!

Der Herr Direktor: Das braucht es auch gar nicht; nehmen Sie doch Noten!

Beide blasen das Stück zweistimmig vollkommen falsch.

Der Herr Direktor: Furchtbar!

Karl Valentin: Is guat, daß das der Kaiser Ludwig damals nicht gehört hat!

Der Herr Direktor: Nein, das dulde ich nicht! Jetzt spielen Sie einmal nach Noten.

Beide nehmen ihre Noten, Karl Valentin ein kleines, Liesl Karlstadt ein 104 riesengroßes Notenbuch aus Pappe, worin die Notenköpfe übergroß gemalt sind, so daß die Zuschauer die Noten gut erkennen können.

Liesl Karlstadt kann das große Buch nicht halten und sagt zu Karl Valentin: Da müssen Sie mir schon helfen.

Karl Valentin nimmt das Buch in der Mitte, zwickt sich damit in den Finger, nimmt es dann an der Ecke, Liesl Karlstadt ergreift es an der anderen Seite, dabei blasen beide unausgesetzt den gleichen leeren Ton in ihre Instrumente.

Liesl Karlstadt: Ja, Sie blasen ja nur immer einen einzigen Ton.

Karl Valentin: Ich kann ja nicht mehr blasen, weil ich nicht auf die Klapperln hindrücken kann.

Liesl Karlstadt: Warum können S' denn auf einmal nicht mehr hindrücken?

Karl Valentin: Weil ich's Buch in der Hand hab.

Er läßt das Buch los, es fällt Liesl Karlstadt auf den Fuß.

Liesl Karlstadt: Au, au!

Karl Valentin: Ich hab eine andere Idee, schaun S' her: Ich häng Ihnen mein Buch da hinten nauf und Sie hängen Ihr Buch ihm nauf. Dabei zeigt er auf sich selbst. Mir!

Liesl Karlstadt: Ah, Sie meinen wahrscheinlich so, daß einer dem andern hint neinschauen kann.

Beide hängen sich die Noten gegenseitig auf den Rücken, Liesl Karlstadt trägt ein ganz kleines Notenblatt, Karl Valentin ein riesengroßes auf Pappe aufgeklebtes, das ihm weit über die Schultern hinausragt. Alle beide Clowns laufen im Kreis umeinander herum und versuchen zu blasen; dabei bemerken sie, daß immer nur einer blasen kann.

Karl Valentin: Da müssen Sie vor mir stehen.

Liesl Karlstadt stellt sich vor ihm auf: Ja, jetzt is falsch, Sie müssen vor mir stehn, sonst kann ich Ihnen ja nicht da hinten neinschaun.

Karl Valentin: Ja so, da war ich jetzt im Irrtum. Jetzt is wieder nix. Wia kommt jetzt des? Des müßt scho gehn, aber des geht net.

Der Bühnenmeister kommt herein: Jetzt möcht ich bloß wissen, wie lange Sie den Blödsinn noch machen wollen; glauben Sie vielleicht, das Publikum schaut Ihnen noch lange zu?

Karl Valentin: Die solln halt wegschaun, wegen dem Publikum machen wir des auch gar nicht, das machen wir bloß für uns zwei und fünftens ist das kein Blödsinn! Wir wollten was machen, wir haben zwei Instrumente, zwei Notenbücher, wir sind zu zweit und können uns doch gegenseitig hinten net neinschaun. Wie kommt das? 105

Der Bühnenmeister: Wissen Sie, was Sie brauchen? Notenständer!

Karl Valentin: Wir haben aber keine.

Der Bühnenmeister: Aber ich hab welche.

Liesl Karlstadt: Ja, geben S' uns a paar.

Der Bühnenmeister: Sie können dann gleich ein paar haben von mir.

Liesl Karlstadt: Dann teilen wirs zusammen. Jetzt können Sie das Buch wieder runtertun, wenn der Notenständer bringt. Es hat Sie so nicht gut gekleidet, da ham S' ausgschaut wia a Segelflugzeug!

Der Bühnenmeister bringt einen ganz großen und einen ganz kleinen Notenständer: So, da haben Sie einen und da Sie.

Karl Valentin nimmt den großen Ständer, sein kleines Notenbüchlein fällt immer durch. Liesl Karlstadt nimmt den kleinen Ständer, aber das große Buch hat nicht Platz und der Ständer fällt immer damit um.

Der Bühnenmeister: So geht das freilich nicht. Tauschen Sie doch die Ständer.

Karl Valentin und Liesl Karlstadt tauschen ihre Notenständer, indem Karl Valentin sich vor Liesl Karlstadts Notenständer stellt. Da sie aber nur die Plätze gewechselt haben, hat jetzt Karl Valentin den kleinen Notenständer mit dem großen Notenbuch, der immer umfällt, und Liesl Karlstadt den großen Notenständer mit dem kleinen Notenbuch, das immer durchfällt.

Der Bühnenmeister: Jetzt geht's ja wieder nicht! Ich hab doch gesagt, daß Sie tauschen sollen!

Liesl Karlstadt: Das haben wir doch getan!

Der Bühnenmeister zu Liesl Karlstadt: Sie haben das große Notenbuch, da nehmen Sie doch den großen Notenständer. Zu Karl Valentin. Sie haben das kleine Notenbuch, Sie nehmen den kleinen Notenständer!

Karl Valentin: Das ist doch klar, da wären mir aber selber auch drauf kommen, da hätt ma Sie net braucht dazua.

Der Bühnenmeister geht achselzuckend ab.

Liesl Karlstadt kann das schwere Buch nicht auf den hohen Ständer hinaufbringen. Sie setzt mehrmals an, läßt es aber immer wieder sinken.

Karl Valentin hilft ihr nicht, sondern steckt die Hände in die Hosentaschen und sagt über die Schulter: Da werden S' Ihna aber schwer tun mit dem Buch.

Liesl Karlstadt ächzend: Natürlich, wenn nur wenigstens einer da wäre, der mir helfen täte.

Karl Valentin schaut sich mit langem Hals auf der ganzen Bühne 106 um, ohne sich vom Platz zu rühren: Es ist schon niemand da auch.

Liesl Karlstadt macht eine letzte gewaltige Anstrengung, und es gelingt ihr schließlich mit zitternden Knien, ihre schweren Noten auf den hohen Ständer hinaufzuwuchten. Völlig außer Atem haucht sie: Dank schön!

Karl Valentin hat mit den Händen in den Hosentaschen interessiert zugeschaut, ohne sich zu rühren, und sagt nun gönnerhaft: Bitte, bitte!

Nun wollen beide blasen. Liesl Karlstadt hebt ihr Instrument steil nach oben, um die Noten auf ihrem hohen Notenständer lesen zu können, dabei fällt ihr ihr Clownhütchen immer wieder hinten herunter, sie hebt es auf und versucht es von neuem mit dem gleichen Erfolg. Karl Valentin aber muß sich zum Blasen nach vorn bücken, um auf seinen kleinen Notenständer hinunterzuschauen. Dabei fällt ihm sein Hut ebenso nach vorn herunter. Auch ihm gelingt es nicht, mit aufgesetztem Hut sein Blasen zu beginnen.

Karl Valentin: Sie, das geht nicht, der Notenständer ist für mich zu nieder, wenn ich da blas, fällt mir immer der Hut vorn hinunter.

Liesl Karlstadt: Bei mir ist's grad das Gegenteil, wenn ich da hinauf schaue, dann fällt mir der Hut immer hinten nunter, und außerdem ist's bei mir dazu noch furchtbar unappetitlich, denn mir läuft der Saft aus dem Mundstück immer gleich literweis ins Mäu nei, wenn i 's Instrument so hoch hebn muß. Möchten Sie nicht daher gehen und mit mir den Platz tauschen?

Sie geht zu Karl Valentins kleinem Notenständer und setzt sich davor auf den Fußboden. Karl Valentin macht es ihr nach, geht zu ihrem großen Notenständer und setzt sich am Fuß desselben ebenfalls hin. Er schaut wehmütig steil auf die Noten in die Höhe, die er nun erst recht nicht erreichen kann. Der Bühnenmeister holt die beiden Notenständer schimpfend von der Bühne.

Beide schauen ihm traurig nach und sagen zugleich: Jetzt ham ma gar nix mehr, der hats uns nur leihweise geliehen.

Sie stehen auf und klopfen sich den Staub von den Hosen. Der Bühnenmeister kommt zurück, er bringt einen doppelseitigen großen Notenständer, Karl Valentin und Liesl Karlstadt legen jeder auf seiner Seite ihre Noten darauf und beginnen zu blasen. Kaum haben sie angefangen, so wird der Notenständer immer länger, sie steigen auf den Stuhl, um ihn einzuholen, indem sie immer weiterblasen, aber der Notenständer geht immer mehr in die Höhe, so daß sie die Noten nicht mehr lesen können, sie lassen die Instrumente resigniert sinken. 107

Karl Valentin schreit in das begleitende Orchester zum Kapellmeister hinunter, der immer weiterspielt: So hörn S' doch auf, sehen S' denn net, daß er wachst?

Karl Valentin und Liesl Karlstadt beklagen sich von den Stühlen herunter beim Publikum: Haben Sie das gesehen? Wir haben jetzt da geblasen, da ist der Notenständer immer länger wordn, wenn wir jetzt keinen Stuhl hätten, hätten wir überhaupt gar nicht mehr auf unsere Noten schaun können.

Der Notenständer ist inzwischen wieder sanft heruntergesunken und so klein geworden, wie er anfangs war. Karl Valentin und Liesl Karlstadt steigen von ihren Stühlen herunter und sagen dabei.

Beide: Jetzt weil wir am Stuhl droben gestanden sind, jetzt ist der Notenständer wieder ganz herunten. Jetzt brauch ma keinen Stuhl mehr.

Der Notenständer ist inzwischen wieder emporgewachsen, und wie sie ansetzen wollen, bemerken sie es und schauen steil und entgeistert zu ihren Noten hinauf. Dann treten sie ganz dicht unter die Schmalseite des Notenständers, Karl Valentin wackelt an seinem Stiel, der Notenständer saust plötzlich herunter und schlägt mit dumpfem Knall auf ihre Schädel.

Beide schreien: »Au, au!« und jammern.

Karl Valentin weint.

Liesl Karlstadt: Sie, da herin da spukt's!

Karl Valentin räuspert sich, wischt sich die Augen und spuckt aus.

Liesl Karlstadt: Aber jetzt bin ich draufgekommen! Gehen Sie her, ich muß Ihnen was sagen! Sie zieht Karl Valentin am Ellenbogen auf die Seite und flüstert: Können Sie sich das denken, wie jetzt das gegangen ist?

Karl Valentin ganz laut: Vielleicht hat der unten an Kunstdünger hing'schmiert und dadurch wachst der Ständer.

Liesl Karlstadt: Nein, am Boden liegt ein Schnürl, und da zieht der Bühnenmeister wahrscheinlich immer dran, dadurch wird der Notenständer immer länger und kürzer.

Karl Valentin: Dem schneiden wir das Schnürl ab!

Während sie auf der Seite zusammen reden, hat der Bühnenmeister den Doppelständer geholt und unbemerkt einen anderen dafür hingestellt, an dem tatsächlich unten eine Schnur herabhängt, die bis in die Kulisse geht.

Liesl Karlstadt bemerkt jetzt das Schnürl: Ja sehen Sie, da liegt eins. Obacht! Treten S' nicht drauf! Sehen Sie, das ist ein richtiges längliches Schnürl!

Sie zieht an dem Schnürl, ein Schuß ertönt, der Ständer fällt um. 108

Karl Valentin läßt sich vor Schreck auf den Boden fallen und hebt dabei die Hände hoch, als ob er sich ergeben wolle: Ich bin ganz geschwollen, mir paßt der Hut nimmer.

Er versucht, sein Clownhütchen mit einer Hand wieder auf den Kopf zu setzen, aber das gelingt ihm nicht, das Instrument hat er dabei unter den anderen Arm geklemmt, ohne seine andere Hand aus der Hosentasche zu ziehen.

Liesl Karlstadt: Da brauchen S' nur Ihre Hand raustun! Überhaupts kann Ihnen ja gar nix wehtun! Das schwere Ding, das da runterg'fallen is, is doch mir naufg'fallen!

Karl Valentin: So, Ihnen is naufg'falln, dann tut's mir nimmer weh! Er lacht vergnügt.

Liesl Karlstadt: Der Notenständer ist Ihnen eben zu nieder, aber den kann man ja höher machen.

Sie zieht am Schnürchen, der Notenständer hüpft in die Höhe.

Liesl Karlstadt: Sehen Sie, der ist hinaufgefallen, gut, daß wir nicht droben gestanden sind.

Der Bühnenmeister kommt mit einem neuen Notenständer und schaut vorwurfsvoll auf den in die Höhe gehüpften alten.

Karl Valentin: Sie, da ist was passiert, der is hinaufgefallen!

Der Bühnenmeister: Und ganz von selbst?

Liesl Karlstadt: Ja, wir haben nur naufg'schaut, da is er schon davonghupft.

Der Bühnenmeister: Sie müssen doch alles kaputt machen. Da haben S' einen anderen!

Liesl Karlstadt und Karl Valentin setzen ihre Noten auf den neuen Doppelständer, wie sie aber zu blasen anfangen wollen, dreht sich das Oberteil blitzschnell neunzig Grad um die eigene Achse, sie laufen eilig nach, der Notenständer dreht sich abermals um neunzig Grad.

Liesl Karlstadt: Blasen S' doch nicht immer! Da zieht's ja!

Sie setzen beide wieder an, aber mit dem ersten Ton dreht sich der Notenständer abermals, sie laufen um den Ständer herum und versuchen dabei immer wieder zu blasen, der Ständer dreht sich immer schneller, sie laufen in Karriere hinterher.

Karl Valentin schreit außer Atem zum Bühnenmeister hinter die Bühne: Sie, der fliegt davon!

Der Bühnenmeister kommt mit einem neuen Notenständer auf die Bühne gestürzt, stellt ihn hin und geht schnell wieder ab. Liesl Karlstadt und Karl Valentin stellen ihre Noten drauf und wollen anfangen zu blasen, beim ersten Ton schwingt der Notenständer hin und her wie ein Metronom Tick-tack, tick-tack. 109

Karl Valentin schreit: Sie, den kann man nicht brauchen, der is ja b'soffen.

Liesl Karlstadt: Der is damisch wordn, den dürfen S' gleich in den Eisschrank neinstellen.

Der Bühnenmeister stürzt verzweifelt auf die Bühne und bringt einen neuen Notenständer. Liesl Karlstadt und Karl Valentin stellen ihre Noten auf und blasen einen kurzen Marsch. Dann verbeugen sie sich, bei der dritten Verbeugung sinkt der Notenständer in sich zusammen.

Karl Valentin zum Bühnenmeister: Sie, den kann man nicht brauchen, der ist zu weich I

Der Bühnenmeister bringt schnell einen neuen Notenständer, Liesl Karlstadt holt die große Trommel, indessen sagt

Karl Valentin: Als nächstes erlauben wir uns, ein Duett vorzutragen auf den verschiedenartigsten Instrumenten der Welt, hier die kleinste Mundharmonika. Er zieht ein winziges Instrument aus dem Westentascherl. Und hier die größte Trommel der Welt.

Liesl Karlstadt bringt ächzend eine riesige Trommel mit einem Meter achtzig Durchmesser hereingeschleppt.

Karl Valentin: Diese kleine Mundharmonika hat zwanzig Pfennig gekostet, die haben wir bar bezahlt. Die große Trommel kostet sechshundert Mark, aber darauf sind wir noch einige Mäuse schuldig.

Liesl Karlstadt: Raten!

Karl Valentin: Wir ersuchen beim nächsten Vortrag um größtmögliche Ruhe, damit man die Trommel gut hört.

Sie spielen wenige Takte eines Marsches.

Karl Valentin: Wir erlauben uns noch einen Vortrag vorzutragen, betitelt Da capo.

Der Bühnenmeister kommt und bringt einen neuen Notenständer.

Karl Valentin: Variationen über das bekannte Volkslied ›Lang, lang ist's her‹ für Klarinette und Pomperton.

Liesl Karlstadt bringt ihm ein Bombardon, er nimmt es, setzt sich damit auf den Stuhl, rutscht aber, offenbar von der Schwere des Instruments nach vorne gezogen, nach vorwärts vom Stuhl wieder herunter, Liesl Karlstadt hilft ihm wieder hinauf, er fällt nach links, sie hilft ihm wieder hinauf, da fällt er nach rechts, dann hustet er in das Schalloch des Bombardons hinein, hebt es geschwind hoch, schaut mit einem Auge zum Mundstück hinein und steckt sein Taschentuch wie ein Geiger in den Hemdkragen, nun blasen beide eine Oktave. Karl Valentin hält den tiefen Ton aus und imitiert damit das Brummen des Zeppelins. Dazu sagt er.

Karl Valentin: Zeppelin! 110

Dann blasen beide ›Lang, lang ist's her‹, bleiben aber auf dem vorletzten Ton hängen, alles wartet auf den Grundton, sie blasen immer weiter, Karl Valentin blättert dabei die Noten um, da fallen sie ihm herunter, beide blasen immer noch weiter, während der Notenständer, vom Gewicht der Noten befreit, auseinanderschnalzt, das Oberteil fliegt über die Bühne und verschwindet nach oben. Beide schauen ihm entgeistert nach.

Der Bühnenmeister kommt mit einem letzten Notenständer auf die Bühne gestürzt und stellt die Noten drauf.

Karl Valentin und Liesl Karlstadt blasen nun den letzten Ton und den Schlußmarsch, das Orchester spielt einen Tusch, sie verbeugen sich, der Notenständer verbeugt sich ebenfalls dreimal nach vorn, Liesl Karlstadt geht ab, Karl Valentin pfeift beim Abgehen dem Notenständer und sagt.

Karl Valentin: Geh weiter, wir sind schon fertig!

Der Notenständer rutscht von allein in die Kulisse; dabei fällt der Vorhang. 111

 


 

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