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Die Raubritter vor München

Karl Valentin: Die Raubritter vor München - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Raubritter vor München
authorKarl Valentin
year1974
firstpub1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-00165-8
titleDie Raubritter vor München
pages164
created20181211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Im Schallplattenladen

Das Szenenbild gibt das Innere eines Schallplattengeschäftes wieder. Im Hintergrund sieht man die Schaufenster mit Spiegelschrift, hinter denen von Zeit zu Zeit Straßenpassanten vorübergehen. Ein Ladentisch verläuft von hinten nach vorne auf der rechten Bühnenseite, darauf stehen mehrere Vorführapparate, Schallplatten mit und ohne Papierbeutel liegen herum, die Wände sind mit Plakaten der Schallplattenreklame bedeckt, vor dem Ladentisch stehen mehrere Hocker ohne Lehne, ein Lautsprecher ist unter dem Ladentisch befestigt. In Wandregalen sieht man Schallplattenkästen und -ständer, Vorführapparate und Lautsprecher. Auf einem sechseckigen Tischchen mit gedrehten Füßen stehen weitere Reklameschallplatten, Schallplattenverzeichnisse und -prospekte sowie Werbedrucksachen liegen aus.

Die Verkäuferin (Liesl Karlstadt) trägt ein dunkles Kleid mit weißem Ausputz um den Halsausschnitt und an den Ärmeln.

Karl Valentin hat sehr unordentliche Haare; offenbar hat er diesmal eine besonders zerzauste Perücke erwischt. Sein Oberkörper steckt in einem kurzen, hellen Sommerüberzieher mit verdeckter Knopfleiste, der verkehrt zugeknöpft ist, so daß der rechte Schoß vorne viel weiter herunterhängt als der linke und auch der Kragen oben nicht paßt. Eine dunkle Korkenzieherhose hängt bis tief auf die unförmigen uralten Schnürstiefel herab. Karl Valentins Kostüm wird durch den unvermeidlichen schwarzen »Goggs« und einen dicken gewöhnlichen Bambusspazierstock vervollständigt. Er legt beides kaum aus der Hand und richtet damit allen möglichen Schaden an. Dabei rutschen ihm die Gummiröllchen aus den Ärmeln und fliegen gelegentlich durchs Lokal.

Der Verkäufer ist ein unauffällig und adrett gekleideter junger Mann.

Karl Valentin: Guten Tag! Ich krieg eine Schachtel Dritte Sorte.

Verkäufer: Ja bei uns gibt es keine Zigaretten zu verkaufen.

Karl Valentin: Was gibts denn dann?

Verkäufer: Bei uns gibt es nur Schallplatten und Gramaphone.

Karl Valentin: So? Dann gebn S' mir halt ein Gramaphon!

Verkäuferin: Nun, dann schauen S' Ihnen den da amal an, das ist ein sehr schöner Apparat.

Karl Valentin: Aber der ist ja kaputt, der hat ja ein Loch! Er 83 deutet auf die Schallöffnung. Und dann möcht ich einen, der da vorne einen Reißverschluß hat.

Verkäuferin: Einen Reißverschluß gibt es doch an einem Apparat nicht.

Karl Valentin: So ein Apparat ist aber recht unpraktisch. Wenn man da den Finger hintut und fällt der Deckel zu, dann kann man sich leicht einzwicken.

Verkäuferin: Ja da muß man halt Obacht geben.

Karl Valentin: Wenn man aber nicht Obacht gibt? Und dann sticht man sich auch sehr leicht an dem Stachel da. Hätten S' nicht einen solchen mit einem Trichter?

Verkäufer: Nein, mit Trichter gibt es keinen Apparat mehr. Die sind ja unmodern.

Karl Valentin: Aber grad so einen möcht ich haben.

Verkäuferin: Ja warum denn?

Karl Valentin: Wissen S', ich hab nämlich noch eine ganze Flasche Sidol zu Haus, und die möcht ich aufbrauchen.

Verkäuferin: Nun, da werden Sie doch einen anderen Zweck dafür finden.

Karl Valentin: Ja freilich, ich hab so Schnallen zhaus.

Verkäuferin: Wie meinen Sie? Was für Schnallen?

Karl Valentin: So Türschnallen halt.

Verkäufer: Ach so!

Verkäuferin: Und wie steht es mit dem Gramola da? Der wäre sehr billig und gar nicht teuer.

Karl Valentin: Also unteuer! Was kostet denn der?

Verkäufer: Wir könnten Ihnen den Apparat sehr preiswert überlassen. Ich mache Ihnen ein günstiges Angebot. Sie bekommen den Apparat zum Preise von fünfundachtzig Mark. Also sehr billig! Und dabei verdienen wir hier an diesem Apparat nur fünf Mark, denn der kostet uns selbst im Einkaufspreis achtzig Mark.

Verkäuferin: Du, Josef! Der Apparat hat uns aber nur dreißig Mark gekostet.

Verkäufer: Aber nein! Der doch nicht!

Verkäuferin: Du irrst dich, der hat uns nur dreißig Mark gekostet.

Verkäufer: Nein, wenn ich dir sage, der hat uns immer schon achtzig Mark gekostet. Er stößt sie mit dem Fuß.

Verkäuferin: Warum stößt du mich denn?

Karl Valentin: Die harmonieren auch net zsamm.

Verkäufer: Weil der immer schon achtzig Mark gekostet hat. 84

Karl Valentin: Natürlich, Frau, sonst müßt er doch fünfundfünfzig Mark daran verdienen. Sagen S' mal, haben Sie den Apparat nicht mit Dampfbetrieb?

Verkäuferin: Mit Dampf betrieb gibt es keinen, aber mit elektrischem Betrieb, zum Beispiel der hier, das ist ein ganz moderner Apparat mit Lautverstärker.

Karl Valentin: Was kostet denn der?

Verkäuferin: Ja, der ist eminent teuer.

Karl Valentin: Der ist mir auch zu eminent teuer.

Verkäufer: Wissen Sie denn, was der Apparat kostet?

Karl Valentin: Nein!

Verkäuferin: Der kostet fünfhundert Mark.

Karl Valentin: Mit der Nadel?

Verkäuferin: Wollen Sie sich nicht das Reisegramola ansehen? Das wäre sehr billig, das kostet nur zwanzig Mark.

Karl Valentin: Mit Reise?

Verkäuferin: Nein, natürlich ohne Reise.

Karl Valentin: Aber ich reise ja fast selten nie, ich bin noch ganz selten gerissen.

Verkäuferin: Sie können ja den Apparat zu Hause auch spielen lassen.

Karl Valentin: Geht der zu Hause auch?

Verkäuferin: Natürlich!

Karl Valentin: Und auf der Reise?

Verkäuferin: Und auf der Reise!

Karl Valentin: Zu gleicher Zeit?

Verkäuferin: Nein, entweder zu Hause oder auf der Reise.

Karl Valentin: Ah, dann ist das ja ein Entweder-Apparat. Sagen S' amal, kann man den Apparat auf der Straßenbahn auch spielen lassen?

Verkäuferin: Aber auf der Straßenbahn wäre doch die Strecke zu kurz.

Karl Valentin: Auf der Ringlinie?

Verkäuferin: In der Straßenbahn spielt doch kein Mensch Gramola.

Karl Valentin: Na also, dann werd ich mich zu einem von den drei beiden entschließen.

Verkäuferin: Und dann machen wir auch Reparaturen.

Karl Valentin: Bevor man schon einen kauft? Das muß ja ein gutes Fabrikat sein.

Verkäufer: Nein, falls mal irgendwie Bedarf wäre an Reparaturen. 85

Karl Valentin: Ja, Sie, ich habe einen bekannten Freund, der hat auch so einen Apparat, und der gibt jetzt immer so unreinliche Töne. Wissen S', der wohnt schon drei Jahre im Waschhaus, und da ist's so feucht, und da ist ihm die Nasn da eingerostet.

Verkäuferin: Die Nadel? Ja und was soll man da machen?

Karl Valentin: Ja, da hat er gmeint, ob man die Nadel da nicht spitzig machen könnt.

Verkäuferin: Nein, das geht nicht. Da soll sich halt Ihr Freund ein Schächterl neue Nadeln kaufen.

Karl Valentin: Ja, das hab ich ihm auch gsagt.

Verkäuferin: Und dann hätten wir noch sehr schöne Sachen in Schallplatten.

Karl Valentin: Die wären mir eigentlich viel lieber als ein Gramaphon.

Verkäuferin: Was sollen das dann für Platten sein?

Karl Valentin: So runde dunkelschwarze Platten.

Verkäuferin: Ja, ich meine, wollen Sie Schallplatten mit Musik oder mit Gesang?

Karl Valentin: Nein, nur mit Schall, mit billigem Schall.

Verkäuferin: Gut, wir werden Ihnen mal was vorspielen.

Karl Valentin: Ja, sind S' so frei!

Verkäufer eine Platte herbeibringend: So, sehen Sie, da ist zum Beispiel ein sehr schöner Marsch.

Karl Valentin: M – arsch. Er wiederholt das öfters.

Der Verkäufer spielt den Marsch. Karl Valentin pfeift dazu, nachdem die Nadel abgesetzt ist.

Karl Valentin: I pfeif auf jede Platten.

Verkäufer: Also, was sagen S' dazu, die ist doch schön?

Karl Valentin: Ja das schon, aber das war doch nicht Caruso?

Verkäuferin: Ja, Sie wollen Caruso hören?

Karl Valentin: So. I!?

Verkäufer: Wollen Sie dann eine Platte hören von Caruso? Das können Sie natürlich auch. Er legt eine Caruso-Platte mit dem Prolog des Bajazzo auf.

Karl Valentin hört zu bis zum Lachen des Bajazzo, bevor die Nadel abgesetzt wird: Jetzt lacht er, jetzt freut er sich selber, weil er nauf kommen ist.

Verkäuferin: Was sagen Sie jetzt?

Karl Valentin: Ja, die Caruso-Platten sind schön, aber man kann doch auf diese Platte nicht tanzen.

Verkäuferin: Auf eine Caruso-Platte tanzt auch kein Mensch. 86

Karl Valentin: Nicht auf der Platte, ich mein halt so, so nach der Platte.

Verkäuferin: Ach, Sie wollen eine Tanzplatte haben?

Karl Valentin: Mit Schall!

Verkäufer: Ach, ich verstehe Sie schon. Sie wollen eine Schallplatte hören, nach der man tanzen kann.

Karl Valentin: Ja!

Der Verkäufer legt einen Ländler auf.

Karl Valentin – schon bevor die Musik spielt: Ja der ist recht. Er hört einige Takte lang zu. So was mein ich, das ist die richtige! Was kostet die?

Verkäuferin: Eine Mark fünfzig das Stück.

Karl Valentin: Ist mir zu teuer. Die Hälfte wäre halt recht.

Verkäuferin: Ja auseinanderschneiden kann ich Ihnen die Platte nicht.

Karl Valentin: Nicht von der Platte die Hälfte, vom Preis mein ich.

Verkäuferin: Wir haben schon billigere Platten; wenn ich nur wüßte, was Sie wollen.

Karl Valentin: Sagen S' amal, haben Sie die Platte von der Freiwilligen Sanitätskolonne, das ›Sanitätslos‹ oder so ähnlich?

Verkäufer: Wie meinen Sie, das Sanitätslos?

Karl Valentin: Ja, das Sanitätslos!

Verkäufer im Katalog nachsehend: Wie soll das heißen? Das Sanitätslos?

Karl Valentin: Nein, das Sanitätslos – allein.

Verkäufer: Das Sanitätslos allein?

Karl Valentin: Ohne allein.

Verkäufer: Nur »Das Sanitätslos«?

Karl Valentin: Ohne das!

Verkäufer: Nur Sanitätslos?

Karl Valentin: Ohne Nur!

Verkäufer: Also Sanitätslos!

Karl Valentin: Ohne Nur und ohne Also.

Verkäufer: Sanitätslos!

Karl Valentin: Ja! – Die mein ich!

Verkäufer: Nein, eine solche Platte gibt es nicht.

Karl Valentin: Doch, ich weiß ja genau.

Verkäuferin: Vielleicht wollen S' einmal die Melodie pfeifen oder singen?

Karl Valentin: Der Refrain geht so. Er singt die letzte Strophe von ›Seemannslos‹. 87

Verkäuferin: Ach, Sie meinen ja ›Seemannslos‹!

Karl Valentin: Ja, stimmt, ›Seemannslos‹ heißts, ja, so heißts.

Verkäufer: Die haben wir natürlich auf Lager, die können Sie haben.

Er bringt diese Platte herein, gibt sie der Verkäuferin, die sie Karl Valentin hinhält; der schlägt sie mit dem Stock entzwei.

Verkäuferin: Um Gotteswillen, was machen Sie denn da?

Karl Valentin: Die will ich nicht haben. Die Platte spielt meine Hausfrau seit Jahren jeden Tag, zum Hals wächst mir die Platte raus, Hemmungen hab ich bekommen, dem Irrsinn war ich schon nahe. Diese Platte rotte ich aus, die kauf ich überall auf, Rottiwürfel mach ich daraus.

Verkäuferin: Aber beruhigen Sie sich doch. Nehmen Sie doch Platz!

Verkäufer: Aber Sie brauchen diese Platte doch nicht zusammenschlagen.

Karl Valentin hat sich gesetzt: Sie, sagen Sie mal, wo ist denn jetzt eigentlich die Lehne?

Verkäuferin: Wie meinen Sie? Was für eine Lene? Bei uns war noch nie eine Lene. Vielleicht in unserem Hauptgeschäft, bei Häring, ich glaube, da ist eine Lene, so ein großes, schwarzes Fräulein?

Karl Valentin: Die Lehne meine ich!

Verkäuferin: Ach, die Stuhllehne!

Karl Valentin: Der Stuhl ist hier und die Lehne ist im Hauptgeschäft! Haben Sie vielleicht diese Himbeer-, Heidelbeer-, Brombeer-, Preißelbeerplatten?

Verkäufer wiederholt: Himbeer-, Heidelbeer-, Brombeer-, Preißelbeerplatten? Nein, die gibts nicht!

Karl Valentin: Halt – Meyerbeer-Platten meine ich.

Verkäuferin: Nein, die haben wir zur Zeit nicht mehr, die sind ausgegangen.

Karl Valentin: Wohin?

Verkäuferin: Kommen Sie mal hier an den Tisch, dann zeig ich Ihnen noch verschiedene Platten.

Karl Valentin: Gestorbene Platten?

Verkäuferin: Vielleicht darf ich Ihnen einige Valentin-Platten vorführen? Sie legt die Platte auf ›Vor Gericht‹.

Man hört die Stimmen Karl Valentins und Liesl Karlstadts.

Stimme des Richters: Also, Sie geben zu, daß Sie den Kläger ein Rindvieh geheißen haben? 88

Stimme des Angeklagten: Ja, ich habe aber gemeint, daß er deshalb nicht beleidigt ist.

Stimme des Richters: Wieso meinten Sie das?

Stimme des Angeklagten: Na jo, weil er so saudumm dahergeredet hat.

Stimme des Richters: Eigentlich finde ich, daß Sie saudumm daherreden, denn ein Rindvieh ist doch ein Tier, und ein Tier kann doch nicht reden. Oder haben Sie schon ein Tier reden gehört?

Stimme des Angeklagten: Jawohl, einen Papagei!

Stimme des Richters: Ja, ein Papagei ist doch kein Rindvieh!

Stimme des Angeklagten: In dem Moment, wo ein Papagei dumm daherredet, ist eben der Papagei auch ein Rindvieh!

Stimme des Richters: Haben Sie denn schon einen Papagei gehört, der dumm daherredet?

Stimme des Angeklagten: Und ob!

Stimme des Richters: Erklären Sie mir das.

Stimme des Angeklagten: Das kann ich beweisen. Meine Hausfrau hat einen Papagei in einem Käfig, und wenn man an den Käfig klopft, dann sagt das Rindvieh: »Herein!«

Stimme des Richters: Finden Sie das dumm?

Stimme des Angeklagten: Und ob!

Stimme des Richters: Wieso?

Stimme des Angeklagten: Wie kann denn ich in den kleinen Käfig hineingehen!

Stimme des Richters: Wir kommen da ganz von der eigentlichen Sache ab. – Warum haben Sie den Kläger ein Rindvieh geheißen?

Stimme des Angeklagten: Weil er meine Frau beleidigt hat.

Stimme des Richters: Inwiefern?

Stimme des Angeklagten: Er hat zu meiner Frau gesagt, sie sei eine blöde Gans, und meine Frau ist keine Gans, dafür habe ich Beweise.

Stimme des Richters: Da brauchen Sie doch keine Beweise dafür, denn genauso wie der Kläger kein Rindvieh ist, kann Ihre Frau keine Gans sein, wenigstens keine blöde Gans.

Stimme des Angeklagten: Aber Herr Richter, mit dieser Bemerkung »wenigstens keine blöde Gans« geben Sie ja selbst zu, daß eine Frau eine Gans sein kann, und eine Gans ist aber doch blöd.

Stimme des Richters: Wieso ist eine Gans blöd? 89

Stimme des Angeklagten: Weil eine Gans nicht einmal sprechen kann.

Stimme des Richters: Na ja, ein Tier kann eben nicht sprechen.

Stimme des Angeklagten: Doch, der Papagei!

Stimme des Richters: Jetzt kommen Sie wieder mit dem saudummen Papagei als Vergleich!

Stimme des Angeklagten: Da muß ich Ihnen widersprechen, denn ein Papagei ist nicht saudumm, weil Sie, Herr Richter nicht den Beweis erbringen können, daß jede Sau dumm ist, denn es gibt im Zirkus dressierte Säue, also kluge Säue.

Stimme des Richters: Aber wir haben doch von der blöden Gans gesprochen, nicht von einer dressierten Sau.

Stimme des Angeklagten: Gut, bleiben wir wieder bei meiner Frau.

Stimme des Richters: Nun müssen wir aber zur Ursache der Beleidigung kommen. Aus welchem Grund hat denn der Kläger Ihre Gans eine blöde Frau geheißen, Verzeihung: umgekehrt wollte ich sagen, Ihre Frau eine blöde Gans geheißen?

Stimme des Angeklagten: Ja, die Sache ist zu schweitweifend.

Stimme des Richters: Sie meinen: zu weitschweifend.

Stimme des Angeklagten: Zu weitschweifend, jaja! Wir haben nämlich einen Heimgarten, und die Frau Wimmer hat auch einen Heimgarten, direkt neben unserem Heimgarten, und da ist immer ein Konkurrenzneid, wer die schönsten Blumen hat.

Stimme des Richters: Ja, weiter –

Stimme des Angeklagten: Und da tun wir immer Samen tauschen –

Stimme des Richters: Was tun Sie?

Stimme des Angeklagten: Samen tauschen! Sie gibt mir zum Beispiel einen Chrysanthemensamen und ich gebe ihr dafür einen Rhabarbersamen, und da hat sie mir heuer für meine Fensterblumen statt Hyazinthen Sonnenblumen-Samen gegeben, und wir haben so viele Sonnenblumen bekommen, daß wir nicht mehr zum Fenster naussehen können, da hat ihr Mann zu meiner Frau gesagt, sie ist eine blöde Gans, und ich hab zu ihm gesagt: »Sie sind ein Rindvieh« und er hat dann zu mir gesagt – (Pause)

Stimme des Richters: Was hat er gesagt?

Stimme des Angeklagten: (schweigt)

Stimme des Richters: Na, so reden Sie doch, was hat er noch gesagt? 90

Stimme des Angeklagten: Na ja, Herr Richter, was wird so ein ordinärer Mensch denn noch gesagt haben, des können S' Ihnen doch denken!

Stimme des Richters: Na, was hat er gesagt?

Stimme des Angeklagten: Ich bitte um Ausschluß der Öffentlichkeit!

Verkäuferin: Hat Ihnen die Schallplatte gefallen?

Karl Valentin: Die war nicht unnett! – Aber daß da die Öffentlichkeit ausgeschlossen wurde, ist mir unbegreiflich, denn gerade bei dem Verlauf der Verhandlung wären doch alle gespannt gewesen, was der Angeklagte zum Schluß noch gesagt hat. Ich kann mirs ja denken, aber was ich mir denke – gerade das wäre auch interessant – ob sich das die anderen Zuhörer im Gerichtssaal auch gedacht haben.

Verkäuferin: Was denken Sie sich, was der Angeklagte da sagen wollte?

Karl Valentin: Na, was hätte er wohl sagen wollen!

Verkäuferin: Ich kann mirs denken!

Karl Valentin: Na also, – und deshalb wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Verkäuferin: Hier habe ich noch eine hübsche Platte von einem Ballgespräch. Sie legt sie auf.

Man hört einen Walzer und wieder die Stimme Karl Valentins und Liesl Karlstadts.

Er: Ein herrlicher Walzer, nicht wahr, mein Fräulein?

Sie: Aber tüchtig heiß isch es do.

Er: Ja, eine ermattende Hitze ist hier.

Sie: Aber lieber z'heiß als z'chalt.

Er: Vorigen Sonntag war ich auch hier, da wars lange nicht so heiß.

Sie: Was Sie net säget.

Er: Es war nicht ganz so heiß, aber immerhin.

Sie: Jo, jo, das ischt oft verschiede.

Er: Und vom Tanzen wird einem immer noch heißer.

Sie: Ich hasse d' Hitz.

Er: Ja, ja, man erspart sich ein Dampfbad dabei.

Sie: Ich bi froh, daß ich chein wüllene Rock hüt agleit ha, da hätt ich jo noch mehr gschwitzet.

Er: Das glaube ich, man kann sich beim Tanzen nicht leicht genug anziehen.

Sie: Mini Mamma schwitzt o sehr liecht, seit sie!

Er: Tanzt Ihre Frau Mama auch noch gern? 91

Sie: Nei!

Er: Warum nicht?

Sie: Ach Gott, sie is scho ziemli alt und schwitzt ä so liecht, seit sie.

Er: Ihre Frau Mama auch? Da haben Sie die Hitze wahrscheinlich von Ihrer Mutter geerbt.

Sie: Hä, Sie, Sie sind jetzt o nen Witzbold!

Er: So, so, Ihre Mama schwitzt auch sehr oft –

Sie: Nei, nei, nu wenn sie tanzt, meint s'.

Er: Ach so, nur beim Tanzen schwitzt sie?

Sie: Jo, jo, bim Tanz –

Er: Tanzt sie noch öfters?

Sie: Nei, überhaupt numme.

Er: So, sie tanzt nicht mehr.

Sie: Chein Schritt meh.

Er: Na, dann schwitzt sie doch auch nicht mehr –

Sie: Nei, t' Mamma hat mitm Tanze endgültig Schluß gmacht, aber d'r Papa schwingt no gern 's Tanzbei.

Er: Was Sie nicht sagen; schwitzt Ihr Herr Papa auch so leicht?

Sie: Natürlich, bim Papa isch es jo liecht verständli.

Er: Wieso?

Sie: Hä, er isch jo en geborene Schwyzer!

Verkäuferin: Nun, wie hat Ihnen diese Platte gefallen?

Karl Valentin: Nein, diese Platte gefällt mir nicht. – Wenn so ein Idiot, währenddem er mit einer Dame tanzt, nichts anderes zu reden weiß als nur vom Schwitzen, dann soll er eben nicht tanzen, dann soll er statt tanzen arbeiten, dann schwitzt er nicht. Denn einer, der so saudumm daherredet beim Tanzen, der verdient wirklich nicht, daß er mit einer Dame tanzen darf, selbst wenn er nicht schwitzen würde.

Verkäuferin: Aber das Nächste wird Ihnen bestimmt gefallen, eine nette häusliche Szene. Sie legt auf. Hören Sie nur!

Liesl Karlstadts und Karl Valentins Stimmen ertönen.

Männerstimme: Klara! Ich finde meine Brille nicht. Weißt du, wo meine Brille ist?

Frauenstimme: In der Küche hab ich sie gestern liegen sehen.

Männerstimme: Was heißt gestern! Vor einer Stunde hab ich doch noch gelesen damit.

Frauenstimme: Das kann schon sein, aber gestern ist die Brille in der Küche gelegen.

Männerstimme: So red doch keinen solchen unreinen Mist, was nützt mich denn das, wenn die Brille gestern in der Küche gelegen ist! 92

Frauenstimme: Ich sag dirs doch nur, weil du sie schon ein paarmal in der Küche hast liegen lassen.

Männerstimme: Ein paarmal! – Die habe ich schon öfters liegen lassen, – wo sie jetzt liegt, das will ich wissen!

Frauenstimme: Ja, wo sie jetzt liegt, das weiß ich auch nicht; irgendwo wirds schon liegen.

Männerstimme: Irgendwo! Freilich liegts irgendwo – aber wo – wo ist denn irgendwo?

Frauenstimme: Irgendwo? Das weiß ich auch nicht – dann liegts halt woanders!

Männerstimme: Woanders! – Woanders ist doch irgendwo.

Frauenstimme: Ach, red doch nicht so saudumm daher, woanders kann doch nicht zu gleicher Zeit »woanders« und »irgendwo« sein! – Alle Tage ist diese Sucherei nach der saudummen Brille. Das nächste Mal merkst dir halt, wo du sie hinlegst, dann weißt du, wo sie ist.

Männerstimme: Aber Frau! So kann nur wer daherreden, der von einer Brille keine Ahnung hat. Wenn ich auch weiß, wo ich sie hingelegt hab, das nützt mich gar nichts, weil ich doch nicht sehe, wo sie liegt, weil ich doch ohne Brille nichts sehen kann.

Frauenstimme: Sehr einfach! Dann mußt du eben noch eine Brille haben, damit du mit der einen Brille die andere suchen kannst.

Männerstimme: Hm! Das wäre ein teurer Spaß! Tausendmal im Jahr verleg ich meine Brille, wenn ich da jedesmal eine Brille dazu bräuchte – die billigste Brille kostet drei Mark – das wären um dreitausend Mark Brillen im Jahr.

Frauenstimme: Du Schaf! Da brauchst du doch nicht tausend Brillen!

Männerstimme: Aber zwei Stück unbedingt, eine kurz- und eine weitsichtige. – Nein, nein, da fang ich lieber gar nicht an. Stell dir vor, ich habe die weitsichtige verlegt und habe nur die kurzsichtige auf, die weitsichtige liegt aber weit entfernt, so daß ich die weitsichtig entfernt liegende mit der kurzsichtigen Brille nicht sehen kann!

Frauenstimme: Dann läßt du einfach die kurzsichtige Brille auf und gehst so nah an den Platz hin, wo die weitsichtige liegt, damit du mit der kurzsichtigen die weitsichtige liegen siehst.

Männerstimme: Ja, ich weiß doch den Platz nicht, wo die weitsichtige liegt. 93

Frauenstimme: Der Platz ist eben da, wo du die Brille hingelegt hast!

Männerstimme: Um das handelt es sich ja! – Den Platz weiß ich aber nicht mehr!

Frauenstimme: Das verstehe ich nicht. – Vielleicht hast du s' im Etui drinnen.

Männerstimme: Ja! Das könnte sein! Da wird sie drinnen sein! Gib mir das Etui her!

Frauenstimme: Wo ist denn das Etui?

Männerstimme: Das Etui ist eben da, wo die Brille drinnen steckt.

Frauenstimme: Immer ist die Brille auch nicht im Etui.

Männerstimme: Doch! – Die ist immer im Etui. Außerdem ich habs auf.

Frauenstimme: Was? – Das Etui?

Männerstimme: Nein! – Die Brille.

Frauenstimme: Jaaaaa! Was seh ich denn da? – Schau dir doch einmal auf deine Stirne hinauf!

Männerstimme: Da seh ich doch nicht hinauf.

Frauenstimme: Dann greifst du hinauf! – Auf die Stirne hast du deine Brille hinaufgeschoben!

Männerstimme: Ah! – Stimmt – Da ist ja meine Brille! – Aber leider?!

Frauenstimme sehr schnell: Was leider?

Männerstimme: Ohne Etui!

Verkäuferin: Hat Ihnen die Schallplatte gefallen?

Karl Valentin: Eine optische Platte hat mit Humor nichts zu tun. Ich bin selbst ein leidenschaftlicher Augengläserträger; ich weiß, was das für ein Übel ist, wenn man etwas lesen will und man findet seine Brille nicht. Da beneide ich nur diese Menschen vor Tausenden von Jahren, wo es noch keine Augengläser gab; die haben sich nicht ärgern müssen.

Verkäuferin: Ja, vor tausend Jahren hat es auch noch keine Zeitung gegeben, damals haben ja die Menschen noch gar keine Brille gebraucht.

Karl Valentin: Zeitung hat es freilich keine gegeben –

Verkäuferin: Aber die Bibel hat es doch schon gegeben.

Karl Valentin: Ja, die Bibel schon – sehr einfach – wenn einer die Bibel nicht lesen konnte ohne Augengläser, dann hats ihm eben ein anderer vorgelesen, der noch gut gesehen hat.

Verkäuferin: Warten Sie! Hier habe ich noch etwas Reizendes von einem Hunderl. 94

Sie legt eine neue Platte auf – man hört Hundegebell sowie abermals die Stimmen von Karl Valentin und Liesl Karlstadt.

Damenstimme: Ach, is des a netts Hunderl! Ham S' das schon lang?

Herrenstimme: Ja, ja, schon zehn Jahr.

Damenstimme: So, so, insgesamt?

Herrenstimme: Selbstverständlich!

Damenstimme: Warum darf er denn nicht frei laufen?

Herrenstimme: Er hat keinen Beißkorb.

Damenstimme: Ja, beißt er denn?

Herrenstimme: Ja woher, nicht im geringsten!

Damenstimme: Dann braucht er doch keinen Beißkorb.

Herrenstimme: Doch, ohne Beißkorb darf er nicht Straßenbahn fahren.

Damenstimme: Aber er fährt doch jetzt nicht Straßenbahn.

Herrenstimme: Jetzt nicht, es ist ja auch gar keine Straßenbahn da.

Damenstimme: Aber da kommt alle Augenblick eine.

Herrenstimme: Das nützt mir nichts, ich darf doch nicht fahren, weil ich keinen Maulkorb habe.

Damenstimme: Sie brauchen doch keinen. Nur das Hunderl muß einen haben.

Herrenstimme: Des weiß ich schon, der hat ja einen, nur dabei hab ich ihn nicht.

Damenstimme: Ja, dann dürfen S' freilich nicht in die Straßenbahn hinein.

Herrenstimme: Natürlich darf ich nicht hinein, dann fahr ich halt mit der nächsten.

Damenstimme: Ach so, ich hab geglaubt, Sie wollen schon mit dieser fahren.

Herrenstimme: Freilich wollt ich mit dieser fahren, aber bis ich heim lauf und hol den Beißkorb, ist doch die Straßenbahn weggefahren, die kann doch auf mich nicht zehn Minuten warten.

Damenstimme: Ja, des kann auch der Schaffner nicht machen, denn wenn er nicht wegfährt, dann würden sich ja die nachkommenden Straßenbahnwagen stoppen, des geht nicht, des können S' auch nicht verlangen, daß wegen so einem kleinen Hunderl . . .

Herrenstimme: Freilich kann ich das nicht verlangen, das weiß ich schon selber. Lassen S' mir jetzt mei Ruah mit dera saudumma Fragerei, kümmern Sie sich um Ihre Kinder und net 95 um andere Leut ihre Viecher! Man hat ja so so viel Ärger und Verdruß mit den Hunden. Mitten in der Nacht muß man oft ausm warmen Bett raus und muß die Tiere nunterlassen. In Hof dürfens nicht nunter, in Hausflur sollns nicht. Ja, wir Menschen habens bequem, aber ich kann meinem Hund nicht zumuten, daß er aufs W. C. geht. 's ganze Jahr hat ma mitm Hausherrn und dem Hausmeister Streitigkeiten wegen den Hunden – wie gestern abend zum Beispiel: Setzt sich mein Hund mitten aufs Trottoir und macht sein großes Gschäfterl; ein Herr sieht das, kommt auf mich zu, brüllt mich an: »So eine Sauerei, haben wir den Bürgersteig deshalb, daß diese Sauviecher ihn beschmutzen dürfen?! Der Hund weiß es natürlich nicht, daß das der Bürgersteig ist, aber Sie blöder Kerl könnten das wissen! Ich glaube, die Straße ist breit genug für derlei Verrichtungen!«

Damenstimme: Ja mei, aber auf d' Straßn soll so ein Hunderl auch wieder nicht, da schrein dann die Autofahrer und Radfahrer glei wieder: »Weg von der Straßn mit dem Sauhund!«

Herrenstimme: Na ja, ich hab mich belehren lassen, und an andern Tag, wie mein Hund sich wieder aufs Trottoir setzt und will sein großes Geschäfterl machen, hab ich ihn sofort mit der Leine vom Bürgersteig heruntergezogen auf d' Straßn. Schreit mich ein Mann an: »Sie unverschämter Kerl, den Tierschutzverein sollt ma holen, mitten unterm Geschäft zieht der rohe Mensch das arme Hunderl auf die Straße hinunter. Angezeigt gehören Sie, so ein Rohling!«

Damenstimme: Ja mei! Was machen S' denn dann morgen, wenn das Hunderl wieder müssen muß?

Herrenstimme: Aufs Hausdach geh ich mit meim Hund hinauf, oder ich laß ihn einschläfern und dann ausstopfen.

Damenstimme: Da ham S' recht. Dann braucht er sein Gschäfterl nimmer ausüben, dann hat er für immer ausgeschäftelt.

Verkäuferin: Gefällt Ihnen diese Platte?

Karl Valentin: Das ist eigentlich eine Hundsplatte!

Verkäuferin: Wie bitte?

Karl Valentin: Eine Hundsplatte! – Die handelt von Hunden, und Hunde sind Geschmackssache.

Verkäuferin: Nun, Sie werden doch keine Hunde nicht fressen!?

Karl Valentin: Hunde sind Liebhaberei! Wenn Sie dieselbe Platte in Katzen hätten, dann würde ich die Platte kaufen!

Verkäuferin: Ah! – Sie sind ein schwieriger Kunde! – Aber 96 hier, da hab ich was für Sie, das sind biegsame Platten in allen Farben. Da hol ich Ihnen noch welche. Sie geht ab.

Karl Valentin allein: Ja was 's net alles gibt, biegsame Gramaphonplatten. So ein Glump erfindens, aber fürn Katarrh habens heut noch nix.

Er prüft die Wachsplatten auf Biegsamkeit, zerbricht dabei einige Platten, bis die Verkäuferin entsetzt wieder auf die Bühne kommt.

Verkäuferin: Ja, was machen S' denn da? Sie haben mir da drei Platten zerbrochen!

Karl Valentin: Vier!

Verkäuferin: Aber die sind doch nicht biegsam, das müssen Sie doch sofort bemerkt haben!

Karl Valentin: Sofort!

Verkäuferin: Aber das geht doch nicht! Kommen Sie mal da rüber, dann zeig ich Ihnen was andres.

Sie nimmt eine Platte, legt sie auf den Hocker, auf dem Valentin gesessen hat, führt ihn an den Tisch rechts.

Verkäuferin: Sehen Sie, das hier, das sind Kristallplatten!

Karl Valentin: Um Gotteswillen! Die sind ja noch empfindlicher!

Er geht zurück zum Hocker und setzt sich auf die dort liegende Schallplatte, die hörbar zerbricht.

Verkäuferin: Um Gotteswillen, jetzt haben Sie mir schon wieder eine Platte zerschlagen.

Karl Valentin: Was heißt »zerschlagen«. Zersetzt habe ich sie! – Sie, sagen Sie mal, früher hat es doch auch so kleine Platten gegeben, ach, da haben Sies ja. Er nimmt die kleinen Platten in die Hand. Was kostet denn da das Pfund?

Verkäuferin: Die gehen nicht pfundweise, da kostet das Stück –

Karl Valentin hat sich mit dem Stock auf den Ladentisch gelehnt.

Verkäuferin: Aber ich bitte Sie, nehmen Sie doch den Stock da weg! –

Sie schlägt Valentins Stock vom Ladentisch. Karl Valentin fällt neuerdings auf eine Schallplatte, die wieder kaputtgeht.

Verkäuferin: So – jetzt ist schon wieder eine Platte kaputt!

Karl Valentin: Der saudumme Stock!

Er nimmt den Stock und wirft ihn hinter die Bühne; Fensterscheibengeklirr deutet an, daß die große Auslagescheibe zerschlagen ist. Verkäuferin eilt hinaus und bringt den Stock zurück. Der Verkäufer kommt mit herein. 97

Verkäuferin: Um Gotteswillen, Josef, schau nur, was der gemacht hat. Ja, schauen S' nur grad. Jetzt haben Sie uns die Auslagescheibe auch noch zusammengeschlagen!

Karl Valentin: Wie wärs mit einer biegsamen Auslagscheibe?

Verkäufer: Aber das geht nun doch zu weit. Was wollen Sie denn eigentlich hier im Laden?

Karl Valentin: Einen Gramaphon kaufen!

Verkäufer: Also, was ist denn mit dem hier?

Karl Valentin: Das ist doch der, bei dem Sie nur fünf Mark verdienen, das will ich nicht.

Verkäufer: Und mit dem da, wie stehts damit? Er weist auf das Reisegramola.

Karl Valentin: Ja, ich reise ja nie!

Verkäufer: Ja, was wollen S' denn dann? Er wird wütend.

Karl Valentin: Wieso denn? Haben Sie Kaufzwang?

Verkäufer: Was heißt hier Kaufzwang?

Karl Valentin: Ich kann mir doch in einem Laden einen Gramaphon ansehen und kann ihn erst zu Weihnachten kaufen. Das kann ich doch machen, wie ich will!

Verkäufer: Ja, das können Sie. Aber Sie haben kein Recht, mir einen derartigen Schaden zuzufügen, haben Sie verstanden?

Karl Valentin: Das ist vergessen! Und übrigens, heute ist die Zeit nicht mehr, daß man in einen Laden hineingeht und kauft sich ganz einfach einen Gramaphon, heute kommt zuerst die Magenfrage!

Verkäuferin: Dann hätten Sie in einen Wurstladen gehen müssen!

Karl Valentin: Das kann Ihnen wurst sein!

Verkäufer: Nein, das ist nicht der Fall. Wo kämen wir denn hin, wenn wir lauter Kunden hätten, die uns einen derartigen Schaden anrichten?

Karl Valentin: Dann gingen S' zugrund!

Verkäufer: Na also! Wie stehts jetzt, was wollen S' nun hier im Laden?

Karl Valentin: Ja, wie gesagt, das liebe Geld halt. Was kostet eine Schallplatte?

Verkäufer: Drei Mark.

Karl Valentin: Ja schaun S', um drei Mark, da krieg ich schon einen Hut! Und was kosten Gramaphonnadeln?

Verkäuferin ihm verschiedene Arten von Nadeln zeigend: So ein Schachterl kostet halt sechzig Pfennig. 98

Karl Valentin: Eine Nadel bräucht ich eigentlich nur. Geben Sie s' nicht stückweise her?

Verkäufer: Nein, das geht dann doch schon nicht, das wären nette Geschäfte!

Karl Valentin: Also, so ein Schächterl kostet sechzig Pfennig. Und der – er zeigt auf das große Grammophon mit Lautverstärker – der kostet fünfhundert Mark?

Verkäufer: Ja!

Karl Valentin sieht Kataloge auf dem Tisch liegen, nimmt einen und fragt: Sie, was kostet denn so ein Katalog?

Verkäuferin: Der kostet nichts!

Karl Valentin: Wie, der kostet nichts?

Verkäufer: Nein! Den bekommen Sie gratis, umsonst!

Karl Valentin: Umsonst? So? Dann nehm ich einen Katalog! Er geht ab.

Verkäufer ihm nachgehend: Da hört sich doch alles auf!

 
Vorhang

 


 

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