Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Valentin >

Die Raubritter vor München

Karl Valentin: Die Raubritter vor München - Kapitel 5
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Raubritter vor München
authorKarl Valentin
year1974
firstpub1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-00165-8
titleDie Raubritter vor München
pages164
created20181211
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Das Oktoberfest

Der Bühnenhintergrund zeigt ein buntes Panorama des Oktoberfestes, auf dem man Buden aller Art erkennt. Ganz im Hintergrund ragt ein großes Praterrad in den Himmel, weiß-blaue Fahnenstangen tragen Wimpel und zweizipfelige Fahnen in den Landesfarben oder Fichtenkränze. Von anderen Masten sind Leinen mit Wimpeln gezogen. Ganz rechts im Vordergrund ist halb von der Seite eine Schaubude zu sehen, vor der ein kleines Podium aufgebaut ist; bunte Bilder von der Riesendame Wiesi-Wiesi und dem Ohrenphänomen Tafit hängen an den Zeltwänden. Daneben hat die Hellseherin ihren Wahrsagestand errichtet, das Glücksrad schließt sich weiter hinten an. Weitere Schaubuden folgen nach der Bühnenmitte zu: die Menschenfresser, ganz im Hintergrund erkennt man die Schichtl-Bude, deren Podest ebenfalls ein wenig in die Bühne hineinragt. Ein großes Bierzelt im linken Vordergrund ladet durch Tische und Bänke zur Brotzeit ein. Links davon hat der Lukas seinen Stand aufgemacht, an dem ein großer weiß-blauer Mast mit dem Schild ›10 Pfennig‹ und einer Pappe voller Orden emporragt. Der Schlegel liegt zum Ausholen bereit. Während des ganzen Spiels wird die Szene von stummen Passanten belebt, die von einer Bude zur andern in beiden Richtungen lustwandeln.

Sie (Liesl Karlstadt) hat ein buntgeblümtes, hochgeschlossenes Musselinkleid mit langen Ärmeln an, auf dessen weißem Brustlatz unordentlich eine schwarze Schleife hängt. Ihr altmodischer Topfhut ist mit einem Sträußchen Himmelsschlüssel geschmückt.

Er (Karl Valentin) hat sich fein gemacht und offenbar seinen guten blauen Anzug zum Wiesenfest hervorgesucht, der förmlich nach Mottenkugeln riecht. Um den steifen Gummikragen mit seinen verschwitzten Ecken ist eine bunte altmodische Schleife gebunden. Der kurze, hellbraune Sommerüberzieher ist aufgeknöpft. Darum sitzt er nie richtig, sondern zipfelt nach allen Seiten. Er trägt einen Schnurrbart, der ehemals vielleicht nach der Mode »Es ist erreicht« nach oben gezwirbelt war, jetzt aber melancholisch rechts und links nach unten hängt, nur die äußersten Spitzen heben sich ein klein wenig. Auf der breiten, kurzen Nase sitzt schief ein altmodischer Zwicker, der an einer Seidenschnur befestigt ist, wie man es zuweilen bei kleinen Beamten noch sehen kann. Auf die militärisch kurzgestutzten Haare hat er einen grauen Filz gestülpt, dessen Krempe rund nach allen Seiten lustig, aber unregelmäßig emporstrebt, während der Kopf bereits jede Fasson verloren hat. Die Tabakspfeife, die er später aus dem angebrannten Taschenfutter 65 zieht, ist eine Reformpfeife; man kann das Mundstück über den Kopf drehen.

Von den vielen Nebenfiguren trägt Der Rekommandeur einen altmodischen Gehrock, Die Hellseherin schmutzige Zigeunertracht mit Münzketten und geknöpftem rotem Kopftuch, das ihr malerisch über die Schultern hängt. Der Glückshafenmann ist hemdärmelig mit offener Weste und alter, dunkler, gestreifter Hose. Der Ausrufer der Menschenfresser trägt einen Tropenhelm und eine schmierige Khaki-Uniform. Schichtl erscheint in seinem historischen Frack und Chapeau claque. Der alte Münchner hat einen gewaltigen Bierbauch, Seehundsbart und trägt schwarzen »Goggs«, goldene Brille mit kleinen, ovalen Gläsern, niedrigen Stehumlegekragen, einen fertiggebundenen Selbstbinder von undefinierbarer Farbe und eine dicke goldene Uhrkette mit zahlreichen Anhängseln aus Hirschhorn und Sauzähnen über der Weste. Der Lukasbesitzer hat eine graue Ballonmütze auf, das kragenlose Hemd ohne Knöpferl ist unter den Westenausschnitt geschlagen, die Ärmel sind bis über die Ellenbogen aufgekrempelt. Die Wiesenbesucher sind bunt und unauffällig kostümiert. Schon bevor sich der Vorhang öffnet, hört man den Wiesenlärm summen.

Der Rekommandeur indem er stets auf seinen Schaubildern anzeigt, worüber er spricht: Zutritt, Zutritt, meine Damen und Herren, soeben ist Anfang – Beginn einer neuen Vorstellung. Niemand soll den Festplatz verlassen, ohne unserer Vorstellung beigewohnt zu haben. Das muß man gesehen haben. Fragen Sie die Leute, die herauskommen, was sie gehört und gesehen haben. Das Attraktionsprogramm mit Fräulein Lilly Wiesi-Wiesi; das größte Weib, das je in Europa gezeigt wurde. Die Dame ist gegenwärtig zwei Meter dreißig groß und wiegt dreihundertzwanzig Pfund. Die Mutter der Dame ist normal und hat nicht das geringste Talent zu einer Riesin. Die Dame ist militärfrei und spielt mit Vorliebe gern Grammophon. Um die Größe beizubehalten, ißt die Dame nur längliche Speisen, wie Stangenspargel, Makkaroni, Rhabarber und Salzstangerl. Getränke muß sie sprudelnd heiß trinken, da die im Munde eingenommenen heißen Flüssigkeiten infolge der langen Speiseröhre meistens eiskalt in den Magen kommen und zu einer Magenerkältung führen könnten.

Er und Sie kommen auf die Bühne.

Er: Kauf ma uns no a Maß . . .

Sie: Naa, Benedikt, mir ham so scho drei Maß, sonst wer'n ma b'suffa. Ein Betrunkener is was Ekliges, aber 's Widerlichste 66 is, wenn man sich nüchtern an Rausch ansauft. Jetzt macha mir an kloana Wiesenbummel, i möcht heut in jede Schaubudn neigeh, und Prater fahrn möcht i aa.

Er: Sei doch stad und paß auf, was der hier zum Ausschreien hat.

Der Rekommandeur hat ein neues Plakat aufgerollt und zeigt es jetzt zur Vorankündigung seiner nächsten Nummer: In der zweiten Abteilung sehen Sie »Tafit«, den Mann mit den Riesenohren. Herr Tafit ist ein medizinisches Rätsel – er ist normal gebaut, bis auf die Ohren – es sind Riesenohren mit einem Meter Durchmesser. Er ist geboren in dem Jahr, als der Komet am Himmel war. Im Alter von zwölf Jahren und sechzehn Monaten kam er in die Lehre eines neapolitanischen Schuhmachermeisters in Ceylon. In seiner vierzigjährigen Tätigkeit als Schusterjunge war seinem Meister Gelegenheit gegeben, ihn in unaufhörlicher Art und Weise bei den Ohren zu ziehen. Infolge dieser jahrelangen Ausdehnung der Ohrmuscheln haben dieselben ungeheure Dimensionen angenommen. Durch die ungeheure Bauchung der Ohrmuscheln hat sich bei Herrn Tafit die Schallaufnahmefähigkeit dermaßen verstärkt, daß Herr Tafit, wie ein Sprichwort sagt, das Gras im Finstern wachsen hört. Das Zerdrücken eines Flohes erschallt bei Herrn Tafit wie ein Böllerschuß. Bei Sturmwind kann sich Herr Tafit nicht auf die Straße wagen, da die Ohrmuscheln Wind fangen würden. In seinen Riesenohren erzeugt Herr Tafit jährlich zwölf Zentner Ohrenschmalz, welches er stets an einen Wagenschmierfabrikanten abgibt und an dem Erlös desselben einen ganz schönen Nebenverdienst zu verzeichnen hat. Herr Tafit ist der Liebling sämtlicher Damen. – Er ist vollständig normal gebaut – bis auf die beiden Ohren – es ist keine Illusion – kein Schwindel – alles echt.

Sie: So a Schmarrn! Geh zua, Benedikt, schau daß d' weiterkommst. Hier glei nebenan is a Hellseherin. Die möcht i leicht fragen, ob mir dahoam auch richtig 's Gas zuadraht ham.

Die Hellseherin spricht in gebrochenem Deutsch: Gehn Sie her, schöner Mann – um zwanzig Pfennig sag ich Ihnen Ihre ganzen Charaktereigenschaften und Ihre Zukunft aus den Linien der Hand.

Er: Naa, naa – i mag nix im voraus wissen! Was kimmt, kimmt früah gnua. Aber mei Frau – de schwärmt für solche Sachen! – Des is selber so a halberte Astrologin.

Sie: San Sie wirklich a Hellseherin? 67

Die Hellseherin: Ja, ich bin Hellseherin!

Er: Bei der Nacht aa – wenns finster is?

Sie: Geh, tua doch de Frau net dablecka. Zur Hellseherin. Da, Frau, schaun S' amal meine Handlinien o! – Sagen S' ma, ob mir dahoam 's Gas zuadraht ham.

Die Hellseherin: Oh! Eine brave Frau! Eine gute Frau!

Er: Geh weita, Barbara – stimmt scho net!

Sie: Benedikt! Die Handlinien sagen mehr als du weißt!

Die Hellseherin: Sie haben heute noch eine große Glück!

Er: Moanen S'? – Barbara! – Dann gehn ma glei zum Glückshafn nüba und kauf ma uns a paar Los.

Die Hellseherin: Aber diese Linie – gnädige Frau – oh! Die ist nicht gut! Ihnen trifft heute noch der Schlag.

Sie: Um Gotteswillen! Des hätten S' ma liaba net gsagt! – Hast g'hört, Benedikt – da Schlag trifft mi heut noch.

Er: Ja?

Sie: Was »ja«? Ich glaub, des gfreit di, wenn mi der Schlag trifft!

Er: Aber Barbara! – Was woaß denn so a Hellseherin – des woaß ja net amal a Dokta.

Man hört von weitem eine Turmuhr schlagen.

Sie weint: Benedikt – jetzt woaß i, wievui 's gschlagn hat bei mir.

Er: Bei dir? – Naa, des war d'Uhr von de Paulskircha. – Komm, gehn ma. Diese Hellseherei is ja lauter Bockus Hockus.

Sie: Hokus Pokus sagt ma.

Er: Da oanzige Hellseher is unser Herrgott, und der verlangt koane zwanzig Pfennig! Mir genga jetzt zum Glückshafn nüber und nehmen a paar Los. Du hast doch heit a Glück, hat d' Hellseherin profizeit. Dann wer'n ma glei sehng, obs recht hat.

Sie: Ja, des tuan ma. Da drüben is ja so glei da Glückshafn. Sie gehen zur nächsten Bude.

Er: Da hast a Mark und zwanzig Pfennig – geh hin und nimm zwölf Los.

Sie: Bitte zwölf Lose.

Er: Bin neugierig, ob a Treffa dabei is.

Sie: Und i bin neugierig, ob ma 's Gas dahoam zuagmacht ham. Aufgeregt. Da schau her, Benedikt – Nummer 38. Sie hält jedesmal triumphierend das Los mit der Nummer in die Höhe.

Er: Ja, was is des!

Sie: Da schau her – Nummer 176.

Er: Ja, was is des! 68

Sie: Scho wieder a Treffa – da schau her – Nummer 18.

Er: Ja, was is des!

Sie: Nochmal a Treffa – Nummer 78.

Er: Ja, was is des!

Sie: Da schau her – a 's fünfte aa noch a Treffer – Nummer 80. Gell, die Hellseherin hat recht! – Sie haben heute noch eine große Glück, hat s' gsagt. – Sie weint. Moanst, ob s' eppa aa mitn Schlag treffa recht hat?

Er: Papperlapapp! – Des is lauter Zufall! Schau, da san scho wieda zwoa Treffer – Nummer 95 und Nummer 70. Hast du die aa?

Sie: Ja freilich, Benedikt, das sind alles die unsern, heut kommen überhaupt nur Gewinste, wo mir ham. Schau her, Nummer 30 hab i aa und de nächste Nummer 10 hab i aa und jetzt bin i gspannt, ob de letzten – Schau, akrat kemma jetzt unsere letzten Nummern heraus: 6, 36 und 46.

Er: Laß da glei die Gwinste gebn – i bin neugieri, was ma alles gwonna ham.

Der Glückshafenmann: Bitte, Nummer 38 – ein Regulator.

Er: Ja, was is des! Und a Zifferblatt is aa drauf!

Der Glückshafenmann: Nummer 176 – ein Nudelholz und ein hölzerner Kochlöffel.

Er: Ja, was is des! A Lebenswecker!

Der Glückshafenmann: Nummer 18 – ein Vogelbauer.

Sie: Ja, was is des! A leerer Vogelbauer, den Vogel dazua hast du eh scho in dein Hirn drin!

Der Glückshafenmann: Nummer 78 – eine rote Gießkanne.

Er: Ja, was is des! Da, d'rmit kannst du dem deinigen Vogel a Wasser gebn!

Der Glückshafenmann: Nummer 80 – ein Teddybär.

Sie: Ja, was is des! Des is was für d'Kinder!

Der Glückshafenmann: Nummer 95 – ein Karton Kämme.

Er: Ja, was is des! Na ham ma glei an Vorrat für de lausign Zeitn.

Der Glückshafenmann: Nummer 70 – ein Putzkübel.

Sie: Ja, was is des! Mei, Benedikt, des trifft si guat, wo mei alter schon so lang rinna tuat.

Der Glückshafenmann: Nummer 30 – ein Schrubber.

Sie: Ja, was is des! Jessas, kriagn ma an Besn aa glei dazua.

Der Glückshafenmann: Nummer 10 – ein Kinderreifen.

Sie: Ja, was is des! Geh her, Benedikt, den häng i dir glei um an Hals! Sie tut es.

Der Glückshafenmann: Nummer 6 – ein Kleiderrechen. 69

Er: Ja, was is des! Na brauch ma bloß no an Strick zum Aufhänga.

Der Glückshafenmann: Nummer 36 – ein Waschschaff.

Sie: Ja, was is des! Da konn i morgn früah glei in d' Waschküch geh.

Der Glückshafenmann: Nummer 46 – ein Nachttopf.

Sie: Ja, was is des! Den trag i aber net, da müaßt i mi ja schama.

Er: Wia wuist denn des überhaupt alles hoambringa?

Sie: Woaßt was, Benedikt, die Kleinigkeiten schiabst in dei Taschn eini. Sie stopft ihm das Nudelholz, den Kochlöffel und den Teddybär rechts und links in die Taschen, und unter den Arm schiebt sie ihm den Karton mit den aufgehefteten Kämmen und den Kleiderrechen. Den Vogelbauer gibt sie ihm in die rechte Hand und unter den linken Arm den Regulator. Endlich muß er die Gießkanne und den Nachttopf in die linke Hand nehmen. Sie selbst trägt den Putzkübel, den Schrubber und das Waschschaff.

Sie: Komm, jetzt gehn ma!

Er: A solchenes Glück, mehra Treffa als wia Los! Er geht mühsam weiter.

Sie: Du, Benedikt, de Liliputaner san heier aa wieder auf der Wiesn herausd, de kloanstn Menscha der Welt.

Er: Ja, de mecht i mir aa gern oschaugn – naa, des geht ja net, weil i meine Augngläser net dabei hab. Mir kenna höchstens zu de Riesn neigeh, der soll zwoameterzwanzge groß sei, den siehg i ohne Augngläser aa.

Sie: Geh, Schmarrn, so kloa san de Liliputaner net, daß d' glei d' Augengläser dazua brauchst.

Er: Du, Barbara, jetzt muaß i dumm fragn. Was is denn eigentlich der Unterschied zwischen einem Liliputaner und einem Zwerg?

Sie: Sehr einfach – ein Zwerg ist klein und ein Liliputaner ist auch klein.

Er: Dann ist doch eigentlich kein Unterschied zwischen einem Zwerg und einem Liliputaner?

Sie: Naa, aber der Zwerg kann niemals größer werden, während der Liliputaner immer klein bleibt.

Er: Des is doch dann auch koa Unterschied.

Sie: A Zwerg und a Liliputaner ham überhaupts keinen Unterschied.

Er: Nacha kannst zum Zwerchfell aa Liliputanerfell sagn.

Sie: A geh, red doch koan so an Schmarrn. Die ham scho an Unterschied aa, nämlich im Alter. 70

Er: Wieso?

Sie: Ein Zwerg kann jung sei und mit der Zeit kann er älter werden, genau wie ein Liliputaner auch.

Er: Ganz klein, winzig klein sind nur die Kinder von den Zwergen und Liliputanern.

Sie: Des stimmt net, denn i hab amoi in der Zeitung glesn, daß die Liliputaner und die Zwerge koane Kinder kriagn.

Er: So! – Ja – wo komma nacha de erwachsenen Liliputaner her?

Sie: Immer nur von ganz normalen Eltern.

Er: A so is des. – Dann kenna also mir zwoa niemals Liliputaner kriagn.

Sie: Aber unsere Kinder – der Georg und d' Resi warn doch aa kloa, wie s' auf d' Welt komma san, dann warn doch des aa Liliputaner gwen.

Er: Ja, de san aber mit der Zeit größer worn.

Sie: Des is saudumm. Denn wenn de kloa bliebn warn, hättn mir jetzt a scheens Gschäft.

Er: Wieso?

Sie: Na ja, dann könnt ma uns aa a Bude macha lassn und unsere Kinder ausstelln, dann hätt ma a sichere Existenz. Leider gehts net, weil mir nicht normale Eltern san.

Er: Vielleicht wern mas no.

Sie: Naa, des ham ma scho übersehn.

Er: An was kennt ma des eigentlich, daß mir nicht normal sind?

Sie: Am saudumma Daherredn. Sie gehen jetzt auf eine im Hintergrund erhöht stehende Schaubude zu, aus der gerade wieder ein Ausrufer heraustritt.

Der Ausrufer: Meine Herrschaften! Versäumen Sie nicht den Clou des Festplatzes! – Echte Kannibalen! – Echte Menschenfresser! Aus dem fernen Afrika. – Sie zahlen heute auf allen Plätzen nur halbe Preise.

Sie: Des is billig! – Da gehn ma nei.

Er: Traust dich neigeh?

Sie: Warum nicht?

Er: Wenn dich aber so a Menschenfresser frißt?

Sie: Der werd ausg'rechnet mi fress'n!

Er: Freili! – Du bist doch a Mensch.

Sie: Benedikt! – Wie meinst du denn das?

Er: Mensch is Mensch – ob Mann oder Frau.

Der Ausrufer: So, meine Herrschaften! Zum Beginn der Vorstellung stelle ich Ihnen fünf Menschenfresser vor – echte Kannibalen aus dem Stamme der Akka-Akka. – Ihre ferne 71 Heimat ist Nordwestafrika. In der ersten Abteilung zeigen sie Ihnen einen Original-Kriegstanz. – Los!

Man hört auf einer heiseren Grammophonplatte einen Kriegstanz mit Negertrommeln und Negergeschrei.

Sie: Du, Benedikt, woaßt du ganz bestimmt, daß mir z' Haus 's Gas zuadraht ham?

Er: Ah geh weiter, laß mi mit dein Gas z'friedn.

Der Ausrufer: In der zweiten Abteilung hören Sie ein Kriegsgebet.

Das Grammophon krächzt einen Negerchor im Sprechgesang, alle Zuschauer klatschen in die Hände.

Der Ausrufer: In der dritten und letzten Abteilung die schaurige Kannibalenmahlzeit. – Die Akka-Akka verzehren nun vor Ihren Augen ein Stück Pferdefleisch.

Er zeigt auf ein Bild. Man hört das Schmatzen, Zerbeißen und Rülpsen der Fresser. Mehrere Zuschauer gehen vorbei und rufen: »Schwindel -Betrug!«

Sie: Jawohl! Das is der größte Schwindel da herin – diese Bude gehört gesperrt!

Er: Das sind Vorspiegelungen falscher Tatsachen!

Alle Zuschauer murmeln: »Ganz richtig!«

Sie: Schama S' Eahna! Auf Ihrem Plakat wolln Sie dem Publikum weismacha, daß des echte Menschenfesser san, daweil fressen s' a Pferdefleisch!

Alle lachen und pfeifen.

Der Ausrufer: Keine Aufregung, meine Herrschaften! – Von Schwindel kann hier keine Rede sein! – Das sind garantiert Kannibalen – echte Menschenfresser. – Die fressen nur jetzt vor der Vorstellung Pferdefleisch. – Wo sollen wir denn Menschenfleisch so viel hernehmen, oder ist vielleicht jemand unter den Herrschaften, der sich fressen lassen will? Bitte, kommen Sie rauf!

Das Publikum ist verstummt.

Der erste Zuschauer: Ich nicht!

Der zweite Zuschauer: Ich auch nicht!

Der dritte Zuschauer: Kommt gar nicht in Frage!

Der vierte Zuschauer: Zu sowas gib ich mich nicht her!

Der fünfte Zuschauer: Das ist doch keine Art nicht!

Der sechste Zuschauer: Dafür bin ich mir zu gut!

Der Siebente Zuschauer: Zuerst Eintritt zahln und sich dann fressen lassen!

Der achte Zuschauer: Lächerliche Zumutung! 72

Er: Barbara – geh nur nauf, laß dich nur fressn, i kriag scho wieder a andere.

Sie: Ah geh zua, Benedikt, wenn i nur wüßt, ob mir dahoam 's Gas zuadraht ham.

Er: Du, Barbara, da schaug nüber, 's August-Schichtl-Theater is grad aus worn, da schaug nur grad den Haufa Leit o, de wo grad rauskemma.

Sie: Ja, zum Schichtl geh ma eine.

Er: Da brauch ma gar net neigeh, der macht heraus vor seiner Bude mehra Gaudi als wia drinna, schick di, daß ma ganz vorn hikemma – schaug hi, seine Musikantn stehn scho alle heraus vor der Bude und seine Artistn aa, der Herkules, der Schlangamensch, der Zauberer, der weißgeschminkte Clown, an Schichtl sei Tochter steht aa scho heraus, de scheene Johanna, de beste Trapezkünstlerin der Welt. Sie gehen auf die im Hintergrund links zum Teil sichtbare Schichtl-Bude zu.

Sie: Und de scheena gscheckatn Gwander, wo s' alle oham.

Er: Schaug hi, jetzt kommt er selber, der Schichtl.

Man hört die Zuschauer lachen.

Er: Paß auf, jetzt werd er glei ofanga mit seine Sprüch.

Schichtl tritt auf die Ecke seines Podiums heraus: Sehr verehrtes Publikum! Nachdem die Volksmassen mein Theater befriedigt verlassen haben, beginnt eine neue Gala-Elite-Vorstellung. Auftreten der ersten Künstlerspezialitäten des Kontinents, Jongleure, Seilkünstler, Equilibristen – Zauberer – Trapezkünstlerinnen – Herkulesse – Schlangenmenschen und so weiter. Zum Schluß der Vorstellung die berühmte Geister- und Gespenstererscheinung. Sichern Sie sich jetzt schon Plätze. Zutritt, Zutritt. Er läutet mit der Glocke. Die Kapelle gibt das letzte Zeichen und die zweite Vorstellung nimmt ihren Anfang.

Eine Schallplatte spielt den Tölzer Schützenmarsch.

Schichtl: Ja, warum gehts denn net rei? Ja, wia ham mas denn? Ja, wia kemmts ma denn ös vor, moants vielleicht, i bin für eich da, oder seids ös für mi da? Da stengens alle da heraus und schaugn mi o. Gehts eina und schaugts hinaus. Was habts denn im Prinzregententheater? Da zahlts zehn Mark Eintritt und verstehn deats doch nix davo.

Die Zuschauer begleiten seine Witze mit einem Lachen, das immer mehr zunimmt.

Schichtl: Bei mir zahlts nur zwanzg Pfenning und habts was für euer Geld – da schaugts a, der gscherte Hammel, da hint, 73 da geh rei in mei Theater, laß ma aa was verdeana, i kaaf dir aa deine dafeiltn Kartoffeln o. Jetzt lacht er. Also, gehts rei, es kost ja bloß zwanzg Pfenning, i machs ja nur so billig, weil i woaß, daß ös alle koa Arbat habts, sunst dats eich net alle daher stelln und 's Maul aufreißn.

Die Leute lachen noch lauter.

Schichtl: Jessas, reißt der da hint sein Brotladn auf, machn zua – da kunnt ma si ja gleich fürchtn. Den muaß i engagiern, wenn i amoi in mein Theater koan Platz mehr hab. In den sei Mäu genga allwei no a paar eina. – Wohlriechende Landbewohner!

Die Leute lachen laut.

Schichtl: Stellts euch net so lang daher, sonst kriagts no Plattfüaß aa, wer woaß, ob ichs nächste Jahr no auf d' Wiesn außakimm, wahrscheinlich fahr ich 's nächste Jahr nach Europa oder nach Holzkirchen.

Wieder lachen einige.

Schichtl: Na habts as. Also gehts rei, mir fanga jetzt o. Wer rei will, hat höchste Zeit, und de wo net reigenga, de ham ja so koan Pfenning im Geldbeutel drinna, weils eahna ganz Geld scho versuffa ham. Überhaupts moants ös vielleicht, ich mach euch vor der Bude da heraus an Hanswurschtn? Wenn i amoi nimmer aufs Oktoberfest rauskimm, dann is z' spät, dann kennts euch an Trauerflor über eure Ohrwaschln nüberbindn und kennts heuln dazua, wia a alter Hofhund. Also gebts eure zwanzg Pfenning an der Kasse ab, dann kennts von mir aus higeh, wos megts. Also mir fanga jetzt o.

Er läutet wieder mit der Glocke.

Schichtl: So – jetzt habts as übersehgn, jetzt is d' Kassa gschperrt, jetzt derfts gar nimma rei, wenns aa mögn tats.

Der Zuhörerkreis lacht laut.

Schichtl: Jetzt kimmt mir koaner mehr rei, net amoi, wenn er an Tausender zahlt.

Man hört noch stärkeres Gelächter, eine Blechmusik fällt mit dem ›Bienenhausmarsch‹ ein.

Schichtl: Die Künstler begeben sich jetzt in das Theater und die Vorstellung nimmt ihren Anfang.

Sie: Au weh – jetzt san ma ausgrutscht, weil ma nit glei neiganga san.

Er: Ah, wenn ma neiganga warn, dann hätt ma ja den Schichtl heraus net ghört – heraus macht er doch mehra Gaudi als wia drinna, und dann bei seine Geister- und 74 Gespenstervorstellungen hättst du di ja doch gforchtn. Und erst bei der Hinrichtung mit der Guillotine – brr – da köpft der Schichtl alle Tag an andern Zuschauer – sei froh, daß ma net neiganga san – der hätt dich am End aa köpft.

Sie: No, gar so zwider waar dir des vielleicht gar nicht gwen.

Er: Des will i grad net enthaupten – a – behaupten. Woaßt was? Aber jetzt genga ma zur Bräurosl nüber und kaff ma uns a Wiesenmaß.

Sie treten in den Biergarten links vorn an der Bühnenseite neben dem Lukasstand. Ein alter Münchner sitzt schon da.

Sie: Ist der Platz noch frei?

Sie setzen sich umständlich hin, wobei die Gewinne alle durcheinander zu Boden fallen.

Er: Hätt ma nur nix gwonna.

Sie: Zwölf Los ham ma gnomma, da warn dreizehn Treffer dabei, des is aa nix, wenn ma gar so a Glück hat. Jetzt hätt i aber Durst. Fräulein, a Maß möcht ma, gelln S'.

Sie wickelt eine Brotzeit aus ihrem Beutel, kurze Zeit darauf stellt die Kellnerin einen Maßkrug vor sie hin, aus dem sie häufig einen Schluck nimmt.

Sie: Da bin i neugierig, wia mir mit dem Haufa Sach heut hoamkomma. In d' Trambahn könna mir da net nei, da ist heut beim Rausfahrn scho so zuaganga, des is koa Art und Manier mehr, des san ja die reinsten Sturmangriffe auf heimatlichem Boden. Ja, da kann ja a anständiger Mensch gar nimma mittoa; da hats ja bald not, daß d' Straßenbahndirektion an jede Trambahn an eigenen Sanitätswagn anhängert, daß s' die Toten und Derdruckten glei selbst mitnehma kenna. Gell, Alter, wias da heut zuaganga is, wie mir auf d' Wiesn rausgfahrn san, da hört sich doch der ganze Gmüashandel auf. Zu dem alten Münchner am Tisch. Sie moana, mir san neigstiegn in d' Trambahn, na, neigwoikelt hams uns, wie an Dreipfennigtraller. Wie der ganze Haufen drinna war, schreit der Schaffner »z'erst aussteign lassen«, drucka uns de wieder raus. Wia de heraus san, gehts wieder nei, so a Hammel fahrt mir mit der brennenden Zigarette ins Ohrwaschel nei, a andere Frau schreit »Mei Kind, mei Kind!« Wia ma glücklich auf der Plattform ei'gsperrt san, schreit ma wieder oane: »Grüaß Gott, Frau Deiglmayer!« Ich schau schnell um, daweil hau i mir d' Nasen an de Messingstanga hi, daß i fünf Minuten lang ganz damisch war. »Im Wagn drinna is no a Sitzplatz«, sagt der Schaffner zu mir, »schicka S' Eahna, Frau, sonst setzt sich 75 a andere hin«, i lauf glei nei, daweil sitzt scho a andere brettlbroat dort. Ich steh natürlich im Wagen drin und kann mi nirgends anhalten, weil de Reama zu hoch drobn san, de ham's natürlich nur für de Langhaxeten naufg'macht; umanandergwackelt bin i, wia a alter Kuhschwoaf. »Im Wagen drin derf niemand stehenbleiben«, sagt der Schaffner zu mir. »Saudumms G'red«, sag ich, »soll ich mich vielleicht auf Eahnan Schweinskopf naufsetzen?« Kaum hab i des gsagt, kommt eine Kurven, mich wirft's auf a Bank hin, i fall auf a Frau nauf, de laßt ihran Marmeladhafen fallen und die ganze Schmier liegt am Boden. »Sie saudumms Fraunzimmer«, sagt de zu mir, »kenna S' denn net Obacht gebn? Wenn Sie's Trambahnfahrn net verstehn, dann fahrn S' nächstemal mit'm Zeppelin oder hängas Eahna an d' Schutzvorrichtung an, daß S' d' Leut net so belästigen, Sie Jubiläumstrankhafa.« – »Sie, reden S' Eahna fei net so leicht, sonst kann's sein, daß ich in Eahnam Gsicht drin a Watschenrennats abhalt, Sie Flugga, Sie.« Mein Mann steht daneben und schaut zu, redt und deut nix, und in der Aufregung hätt ma 's Aussteign aa no bald vergessen. »Aussteign wolln ma!« Moana S', de blöden Leut hätten uns nauslassen? »Waarn S' net ei'gstiegn«, sagt a frecher Hundsbua zu mir. »Ja«, sag i, »i waar froh, wenn i net ei'gstiegan waar, in den magistratischen Folterkarrn.« Daß 's Kraut natürlich no ganz fett wird, kimmt der Trambahngeneral a no daher! »Billetten vorzeigen!« Moana S', mir hätten unsere Billettn noch gfunden? Derweil fallts mir ein, daß ich d' Billetten in mein Geldbeutel neido hob. Ich greif gleich nach meinem Tascherl, derweil hab i bloß mehr an Taschenriemen in der Hand. »O du heiliger Josef«, hab i gschrien, »mei Tascherl hams ma gstohln, halt'n S' auf, halt'n S' auf!« Moana S', oa Mensch hätt den aufghaltn, der mir mei Tascherl gstohln hat? Mein Mann kann ich überhaupts zu nix braucha, den hab ich dann noch recht zsammgschimpft vor alle Leut, und beim Umsteign steign mir wieder in denselben Wagen nei, wo ma grad ausgstiegn san: also mit dera Fahrerei werd ma no ganz blöd und dappig.

Sie trinkt aus, jetzt erst bringt die Kellnerin den Maßkrug für Ihn. Die Musik spielt ›Ein Prosit der Gemütlichkeit‹. Er wehrt sie mit dem Arm ab, als sie nach seiner frischen Maß greifen will, trinkt und bläst ihr den Schaum ins Gesicht.

Sie: No, Blödsinn – gellns Herr Nachbar, aber a schöns Wetter ham ma heut. Wir wollten z'erscht gar net rausgehn auf d' 76 Wiesn, aber jetzt reut's mi doch net. – Im Hippodrom warn mir auch drinna, ah, ah, wissen S', was ma da alles sieht, des is ja direkt ausgschamt sowas, de Weibsbilder sitzen ja halbert nackert auf de Gäul droben, i bin ganz rot wordn, mein Mann hat auch nicht hinschaun mögn.

Er: Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut! Ich wollte dich halt nicht komprimieren!

Sie: Da san's rumgritten, 's Gwand is eahna bis da raufgrutscht, i tät mi net um a Million auf so ein Pferd naufsitzen vor alle Leut, i tät mi schama.

Er: Bei dir tät aa koaner hinschaun.

Ein Luftballonverkäufer tritt auf und ruft: Luftballon, wer braucht an Luftballon?

Sie: Geh, kauf doch dem arma Mann an Luftballon ab.

Er: Was tean denn mir mit an Luftballon?

Sie: Den bring i dem kloana Pepperl von der Millifrau mit, gebn S' oan her, was kost er denn?

Der Luftballonverkäufer: Fuchzig Pfenning.

Sie: Gib eahm a Fuchzgerl. Sie nimmt sich einen Ballon.

Er: Um des Geld hätt ma scho bald a Maß Bier kriagt, da hätt ma mehr ghabt davon.

Sie: Freili, a Maß Bier is in fünf Minutn austrunka, aber da hat ma länger a Freud.

Er: Ja, bis er dir auskimmt.

Sie: Ja, sunst nix mehr.

Er: Die Frau Empenzeder hat sich vorigs Jahr auf der Dult auch an Ballon kauft, und in einer Sekundn is er ihr schon davogflogn.

Sie: Is ja nicht wahr, das war anders: sie hat sich an Ballon kaaft, ihra Neffe, der Niederreither Ludwig, geht hinter ihr her und kitzelt s', sie schreit aah!

Über dem Feuer der Erzählung hat sie auf ihren eigenen Ballon vergessen. Dieser fliegt ausgerechnet jetzt weg und verschwindet.

Sie: Jess Marandjosef, schnell, mei Ballon!

Der alte Münchner und Er stehen ratlos auf und schauen hinauf.

Er: Da, da, da, da – fliegt er – jetzt is er bei der Paulskirch.

Sie: Ja, neben dem Schwaiberl fliagt er.

Er: Da – schau, jetzt hat er an Bogn gmacht. Er tritt zurück, um besser zu sehen, und steigt dabei in den Regulator, dessen Scheibe krachend zersplittert.

Sie: Naa, naa, alles was recht is – jetzt ham ma an Regulator ghabt, jetzt ham ma no net amal draufgschaut, wiavui Uhr 77 daß 's is, tritt er scho mit seine saudumme Trittling nei – Jessas, Jessas, siehgst denn net?

Er: Des hätt aa dumm nausgehn könna, wenn ich heut de Gnagelten anghabt hätt.

Sie: No, mehr wia hin kann er doch net werden! Es muaß halt immer wieder was daher kemma, i sags ja, i sags ja.

Der alte Münchner: So a Glas is teuer, des kost mindestens vier Mark, um des Geld hätten S' Eahna scho a Brathendl kaufen könna.

Sie: Ham Sie a Ahnung, um vier Mark kriagn S' koa Hendl, mei Liaba, a Hendl auf der Wiesn kost allweil acht bis zwölf Mark.

Er: Bis zwölf Mark fuchzg – das kann sich ein kleiner B-B-Beamter nicht gedulden.

Sie: nicht leisten.

Er: Ich bin nämlich ge-

Der alte Münchner: Geometer – Geologe – Geheimsekretär.

Er: Gekürzt worden um neunzig Prozent!

Sie: Ja, da kann man sich kein Wiesenhendl mehr leisten, das kauf ich am Viktualienmarkt, da kost's vier Mark fuchzg.

Er: Oder eins um fünfundzwanzig Pfenning bei der Epa.

Sie: Moanst eppa, daß ma des fressen könnt? Mach koane Witz, wenn ma scho eins kaufen täten, dann am Markt, und da weiß ich, was ich hab, und das brat ich dann schön braun daheim am Gas.

Er: Weil du eben von einem Brathendl mit Gas redst, ham mir denn heut 's Gas zugedreht, wia mir zu Haus fortgangen sind? Ich glaub, mir hams brenna lassen.

Sie: Jess Marandjosef! Des frag i di ja scho die ganze Zeit, wo mir heraus san auf der Wiesn. Naa, mir hams zuadraht, oder, wart amal, nach dem Essen hast du noch an Kaffee warm gmacht und da hats noch brennt, dann bin i ins Zimmer hinter und hab mein Huat gholt, und wia i wieder vorkemma bin, da woaß i jetzt nimmer, hats noch brennt oder net.

Er: Um des handelt sichs ja, i glaub schon, daß mir auch zuadraht ham.

Sie: Auch, glauben, glauben heißt nix wissen. Jessas Marandjosef, d' Wasch hängt aa no überm Gasherd, vielleicht brennt scho 's ganze Haus und d' Feuerwehr hat scho unser Wohnungstür aufgsprengt und unsere ganzen Möbel zum Fenster nuntergworfen. Alles liegt verkohlt im Hof drunt.

Er: Und da sagt der Schiller immer: »Wohltätig ist des Feuers Macht« Er schnüffelt. Ich hör schon was brandeln. 78

Sie: Depp, sag nur gleich, riacha siehgst es. Wenns da heraußn auf der Wiesn schon brandln tät, dann wärs gfehlt!

Er schnüffelt wieder: Aber brandeln tuats, ah, d' Pfeifen hab i brennad in d' Taschen neigsteckt, jetzt is das Futter angebrennt.

Sie: Schiabt er d' Pfeifa brennad in d' Taschen nei! Wo du nur die letzt Zeit dein Kopf hast, drum hast aa 's Gas daheim brenna lassen. An was hast denn eigentlich denkt, wiast daheim an Kaffee warm gmacht hast?

Er: Da hab ich doch den Kettenbrief neunmal abgeschrieben, den wo ich kriegt hab.

Sie zu dem alten Münchner: Ham Sie auch schon einmal einen Kettenbrief kriegt?

Der alte Münchner: Schon a paar hab ich kriegt, des is doch jetzt die neue Mode, so an Schmarrn schreibt ma doch net neunmal ab.

Sie: Das sag ich auch immer – wissen Sie, was da die Post damit Geld verdient, das geht in die Millionen! – Solche Briefe wirft man weg –

Er: Das darf man nicht tun, das bedeutet Unglück, ich habe in meiner Jugendzeit auch einmal so einen Kettenbrief weggeworfen, und in diesem Jahr hab ich furchtbares Pech gehabt.

Sie: Ja, das hast du mir noch nie erzählt, was ist dir denn da passiert?

Er: No ja, das war doch das Jahr, wo ich dich kenneng'lernt hab.

Sie wirft ihm das Brotkörberl nauf: Du ausgschamts Mannsbild – die ganzen Kettenbriefe sind doch ein aufglegter Schmarrn.

Er: Das ist kein Schmarrn, das hat ein amerikanischer General begonnen, das ist hohe Wissenschaft.

Der alte Münchner: Naa, naa, das hat mit Wissenschaft nix zu tun, ganz was anders is, wenn oaner aus der Hand das Schicksal rauslesen kann, das is Wissenschaft.

Er: Das ist auch ein Schmarrn, das geht nicht immer, wenn einer zum Beispiel Handschuh anhat.

Sie: Na ja, da muß er s' halt ausziehn.

Er: Es könnt aber sein, daß er keine anhat, dann könnt er keine ausziehn.

Der alte Münchner: Ich kann zum Beispiel aus jeder Hand das Schicksal lesen.

Sie: Das is interessant, schaun S' amal, was hab denn ich für eine Hand? 79

Der alte Münchner: Sie ham zwar eine kleine, aber eine sehr kräftige Hand.

Er: Das hab ich schon oft bemerkt.

Sie: Sieht man auch das, wie alt man wird?

Der alte Münchner: Natürlich, Sie, Sie erreichen ein ganz hohes Alter, Sie werden mindestens neunzig Jahre alt.

Er läßt den Karton mit den Kämmen und den Kleiderhalter fallen, den er noch immer unter den Arm geklemmt trägt. Der an den Tisch gelehnte Kinderreifen fällt scheppernd um.

Der alte Münchner deutet weiter: Sie sind auch sehr schweigsam und zurückgezogen, aber Sie sind eine herzensgute Frau. Zu ihm. Spielt Ihre Frau auch Klavier?

Er: Sehr wenig, nur wenn sie abstaubt. Er hat indessen getrunken und prustet jetzt vor Lachen das Bier wieder aus.

Sie: Geh, schaun S' doch mein Mann auch amal in d' Hand nei.

Der alte Münchner: Ja, warum net, toans Eahna Pratzn her.

Er: Nein, nein, ich bin für diese Sachen nicht geeignet.

Sie: Geh, zeigs doch her, sei doch net so eigensinnig.

Er: Nein, nein, nein, nein! Er versteckt seine Hände.

Sie: Ich weiß schon, warum er sie nicht herzeigen will, er scheniert sich, weil s' so dreckig san.

Der alte Münchner: Des macht gar nix aus. Damit ergreift er die Hand von ihm. Da hab ich schon viel dreckigere gsehn. – Auweh! Ja, was siech i denn da? Sie warn früher a alter Drahrer.

Sie: Das war einmal. Ich habs ihm schon abgewöhnt.

Der alte Münchner: Naa, naa, Sie drahn heut noch gern auf.

Sie: Hat er vielleicht heut schon aufdraht?

Der alte Münchner: Freili, da stehts ja.

Sie: Da ham mas schon, 's Gas hat er aufdraht, schaun S' nur gleich, ob er's wieder zuadraht hat aa.

Der alte Münchner: Des kann ma net sehn.

Sie: Vielleicht sehn Sie's bei mir.

Der alte Münchner: Naa, des siecht ma in der Hand net, des siecht ma nur dahoam, aber oans konn i Eahna no sagn, Frau, Sie derfen heut Obacht geben, Ihnen trifft heut noch a schwerer Schlag.

Sie: Jessas, was werd denn des sein? Des hat ma ja d' Hellseherin – vorhin aa scho gsagt. I moan, der Schlag trifft heut noch dich dahoam, wennst 's Gas net zuadraht hast. Jetzt hab i koa Ruah nimmer, jetzt gehn mir gleich hoam, pack deine Sachen z'samm! Zum alten Münchner. Da trinken S' unser Bier aus, 80 Herr Nachbar, geh weiter, nimm deine siebn Zwetschgen, dann gehn ma.

Er: Ja, wenns nur siebn Zwetschgen warn, dann waars ja leicht, des is ja a Möbelwagen voll Gelump.

Der Lukasbesitzer schreit von nebenan: Wer schlägt den Lukas? Was is, probieren mas amal, Herr Nachbar – drei Schläg zehn Pfennig, zoagn Sie 's Ihra Frau, daß S' a Schmalz ham!

Er: Schmalz hätt i schon, aber am Geld fehlts. Er steht auf und geht zu dem Lukas hinüber.

Der Lukasbesitzer: No ja, a Zehnerl werds doch noch leidn. Er gibt ihm den Hammer in die Hand.

Sie: Naa, naa, mir müssen hoam, weil ma dahoam 's Gas brenna ham lassen. Sie geht ihm nach, um ihn zurückzuziehen.

Der Lukasbesitzer: Lassen S' eahm halt de Freud.

Er: Natürlich, schau, Barbara, man lebt doch nur einmal. Er haut sich mit dem Hammerstiel auf die Nase, so daß sie blutet. Au!

Sie: Das hab ich mir ja denkt. Sie verbindet ihn mit ihrem Taschentuch. Naa, naa, naa, i sags ja – er haut sich auf d' Nasen und dahoam brennt 's Gas! Er haut mit dem Hammer das Preistaferl am Lukasstand herunter.

Der Lukasbesitzer: No, no, no, i taat mi gleich no tappiger g'stelln. Schaun S', Herr Nachbar, Sie müssen besser ausziagn, passn S' auf, da is doch nix dabei, genga S' weg, na zoag is Eahna. Er schlägt dreimal, es knallt dreimal. Jetzt brauchen Sie 's bloß nachmacha.

Er: Hab 's scho g'sehn, da muß ein Schwung hinein. Er schlägt zu.

Sie: Nix is, nochmal! Er haut wieder zu, es kracht wieder nicht. Wieder nix, du muaßt mitn Hammer richtig ausziagn nach hinten, also nochmal!

Er zieht weit nach hinten aus und trifft mit dem Hammer seine Frau, die hinter ihn getreten ist, auf den Kopf. Sie tut einen schweren Seufzer und fällt zu Boden.

Er: Was ist denn los?

Der Lukasbesitzer: Eahna Frau ham S' troffa statt an Lukas, die is hinter Eahna gstanden, und wie Sie auszogn ham, ham Sie s' mit'm Hammer niedergschlagn.

Der alte Münchner: Gelln S', ich hab recht ghabt, die Frau trifft heut noch ein schwerer Schlag, hab i g'sagt, da ham mas scho.

Er: Barbara! Barbara! Sie ist bewußtlos. – Ja, was hast denn du gmacht – ja so, i habs ja gmacht! 81

Der Lukasbesitzer: Schnell a kalts Wasser her!

Er: Nix Wasser! De mag koa Wasser, de mag net amal a Dünnbier. Barbara! Bist du bewußtlos? Red! Gib mir a Antwort! Ich bins doch! Komm doch wieder zu uns, aa – zu dir! Gott sei Dank, sie öffnet schon wieder die Augen. Barbara! Schau mich an, kennst mich noch? Sprich doch! – Wer bin ich denn!?

Sie: A Rindviech bist!

Er: Sie kennt mich noch!

 
Unter allgemeinem Wiesenlärm und Musik fällt schnell der Vorhang.

 


 

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.