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Die Raubritter vor München

Karl Valentin: Die Raubritter vor München - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Raubritter vor München
authorKarl Valentin
year1974
firstpub1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-00165-8
titleDie Raubritter vor München
pages164
created20181211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Szenen

Die Raubritter vor München

Ein Stück alte Stadtmauer vor Morgengrauen zeigt Altmünchen beim Isartor, wie es früher war. Über eine ziegelgedeckte Mauer im Hintergrund rankt sich in der Mitte ein friedlich blühender Fliederbusch. Vor zwei Schießscharten schauen ein paar alte Spielzeugkanonen arglos ins Weite. Einsam brennt in der Mitte eine Straßenlaterne, die der gemütliche Nachtwächter »ausspuckt«. Die hölzernen Lafetten tragen die Aufschrift: I. Batterie und II. Batterie. Zur Linken erhebt sich ein kleiner Turm mit Zinnen, zur Rechten ein Fachwerkhaus mit dem bayerischen Wappen und der Aufschrift ›Wache‹, davor baumelt an einer Wäscheleine trocknende Wäsche. Neben den Kanonen sind Pyramiden von Kugeln aufgebaut. Unter dem Fliederbusch sieht man in einer Mauernische einen Maßkrug stehen und darunter einen Radi liegen. Ein Bänkchen steht davor hinter einem Rasenfleck, der durch einen der bühnenüblichen Rasenteppiche dargestellt wird. In dem Biedermeieridyll des aufdämmernden Morgens erkennt man ein Schilderhäusl beim linken Turm. Darin schlummert der »Wächter Münchens«: Karl Valentin, der in unserem Stück den Wachtposten Bene gibt. Er ist im Zivilberuf Bader und im Dienst Trompeter der Bürgerwehr, ein unbeholfener Mensch, angetan mit Waffenrock, weißer Hose, Säbel und Bandelier, geknöpften schwarzen Gamaschen, Tabakspfeife und einem Tschako oder Zweimaster mit Federbusch. Ein verblichener Duft von Bänkelsang und Leierkasten, von Wander- und Kasperlbühne, von Karussell und Panoptikum, von Bilder- und Märchenbuch, Struwwelpeter und Hans-Guck-in-die-Luft ist um ihn und seine Partnerin Liesl Karlstadt, die in dieser Komödie den Trommlerbua Michl spielt: Frisch und natürlich mit seinen sechzehn Jahren, listig und frech, im Waffenrock, einer Hose mit hellem Trommelgurt und einer altmodischen hohen Trommel.

Josef Kratzer, der Hauptmann der Bürgerwehr und Malermeister, ist ungefähr fünfzig Jahre alt. In seinem roten Schnurrbart und roten Vollbart, mit Epauletten, Zweimaster und Federbusch, großem Schleppsäbel, Feuersteinpistole und Ordensschnalle auf der Brust, schaut er ebenso gemütlich wie martialisch drein.

Georg Bergmeister heißt sein Korporal der Bürgerwehr. Dumm und gutmütig wie ein richtiger Schuhmachermeister, der er ist. Er trägt schwarze Koteletten, gleichfalls einen Waffenrock und weiße Hose, einen Säbel am Gurt und den Tambourmajorstab mit Silberquasten.

Aktuar Hinterberger, ein feiner Beamter in mittleren Jahren, 10 prangt im langen Rock und einer kurzen Samthose, einer roten Weste, einem Dreispitz sowie weißen Strümpfen und Handschuhen.

Der Nachtwächter wirkt uralt, seine Stimme dröhnt im tiefsten Baß, er kommt im Havelock mit Pelzmütze, Lanze, Laterne und Horn.

Der Polizeidiener ist ein grantiger Geselle mittleren Alters in schwarzer Hose, hoher Ballonmütze, langschößigem Rock, Säbel am Bandelier, Brille und einer Urkunde mit Amtssiegel und großer Handglocke, die er mit komischer Würde schwingt.

Der Metzgerlehrbub im weißen Hemd, weißer Schürze und karierter Hose trägt eine Fleischermulde mit Würsten und an der Seite ein großes Fleischermesser und den Wetzstein.

Der Fuhrmann ist ein alter Bauer im blauen Kittel mit Schlapphut, Fäustlingen und Peitsche.

Die Mannschaft besteht aus vier Mann Musikern, die eine große Trommel mit Tschinellen, Trompete, Oboe und das Bombardon spielen, sowie fünf Mann Soldaten, alle im Biedermeierkostüm der Bürgerwehr-Zeit.

 

Wenn sich der Vorhang öffnet, liegt die Bühne im Halbdunkel des Morgengrauens, nur die Laterne brennt. Man hört das Morgenläuten von verschiedenen Kirchtürmen, bis der Vorhang sich ganz geöffnet hat, dann schlägt die Kirchenuhr sechsmal.

I. Akt

1. Szene

Der Nachtwächter:
»Hört Ihr Leut und laßts euch sagn,
Die Glocken vom Turm hat sechse gschlagn,
Stehts auf, gehts in d' Arbat,
's is sechse vorbei,
Denn Morgenstund hat Gold im Mäu,
Hat Gold im Mäu!«
Er kommt zur brennenden Laterne. Da habns wieder a Latern brennen lassen, di muß i glei auslöschen. Er bläst zweimal hin, beim drittenmal spuckt er zum Licht hin, das sofort verlöscht. Er geht singend ab. 11

 
2. Szene

Die Wache, bestehend aus dem Korporal, Trommelbuben und zwei Soldaten, zieht auf.

Korporal: Wache halt, Ablösung vor! Er geht zum Schilderhaus. Michl trommelt.

Korporal sieht ins Schilderhaus hinein: Ja i glaub glei gar, der Bene schlaft. Wieviel Uhr is denn eigentlich?

Michl: Jetzt is sechs Uhr.

Korporal: Der Bene wird doch erst um sieben abgelöst.

Michl: Freilich wird er erst um sieben Uhr abgelöst, das hab ich schon gwußt, daß ma um a Stund zfrüh rausgsaust san!

Korporal: Warum hast denn dann nichts gsagt?

Michl: Ja ich hab glaubt, du wirst scho selber drauf kommen.

Korporal: Dummer Bua, gel, das laßt aber fei 's nächstemal bleibn, sonst nimm ich dich bei deine Löffel, sprengt uns der a Stund zfrüh raus!

Wache geht schimpfend ab.

 
3. Szene

Michl schaut ins Schilderhaus: Ja, der schlaft wirklich, der Bene. Du Bene – he – ja gibts denn des aa – er klopft ans Häusl.

Bene: Herein!

Michl: Was herein, was willst denn, hast du allein kein Platz in der Hundshüttn. Mach, geh raus. Er zieht ihn heraus.

Bene, im Stehen weiterschlafend: Wer da?

Michl: Ja i bin da – sechs Uhr is!

Bene: Was – sechs Uhr is – i werd ja erst um sieben Uhr abgelöst. Er will wieder ins Schilderhaus zurück.

Michl: Ja bleib nur da, sei froh, daß ich dich aufgweckt hab.

Bene: Ja, ich hab jetzt grad einen Traum ghabt, einen ganz exotischen Traum. Mir hat nämlich träumt, i bin a Entn gwesn und bin in an Weiher umeinand gschwommen, und wie ich so umeinandaschwimm, seh ich am Rand draußen einen ganz langen, gelben Wurm, der war mindestens so gelb, i bin glei auf ihn hingschwommen, und grad wie i an Schnabel aufreißen will und will den Wurm fressn, im selben Moment hast du mich aufgweckt.

Michl: Das is aber schad. Wenn ich da eine Ahnung ghabt hätt, dann hätt ich dir den Wurm zuerst fressen lassen, aber das 12 kann ich doch net schmecken, daß du um sechs Uhr noch träumst.

Bene: Ja und ich kann doch net zu dir sagn: Weck mi net auf, weil i träum!

Michl: Nun ja, es ist ja gleich, ein schöner Traum wars doch net.

Bene: Ja, für a Entn scho –

Michl: Ja, für a Entn, aber du bist ja koa Entn!

Bene: Ja, aber im Traum war ich eine Entn; überhaupt: für solche Träume bist du noch z'jung.

Michl: Du derfst mir ja dankbar sein, daß ich dich aufgweckt hab, denn wenn i dir den Wurm fressn hätt lassen, dann wär dir jetzt höchstens recht schlecht.

Bene: Einer Entn wird doch net schlecht von einem Wurm, verstehst du denn das nicht? Das weiß überhaupt kein Mensch, ob eine Entn wirklich träumt, das weiß niemand, das wäre eine zoologische Berechnung, und wenns einer Entn wirklich träumt, dann kann sie's nicht sagen, weils net reden kann! Bei einem Papagei wär das was anders, weil der reden kann.

Michl: Du mußt dir doch denken, das war doch nur ein Traum, und Träume sind Schäume.

Bene: Das war kein Schaum, das war ein Wurm, und jetzt holst an Kaffee, da hast fuchzehn Kreuzer, Pfennig hats seinerzeit noch keine gebn, also oan Kaffee, oan für mi und oan für di – und oan für uns zwoa – im ganzen fünf Kaffee.

Michl: Soll i mei Trommel mitnehma oder soll i's dalassn?

Bene: Entweder du nimmst es mit, oder du laßt es da, keinen goldenen Mittelweg gibts da net.

Michl: Soll ichs na mitnehma?

Bene: Ja –

Michl: Oder soll ichs dalassen?

Bene: Des is doch wurscht, jetzt nimmst as z'erst mit, und dann laßt as da.

Michl: Aaaa, dann laß ichs schon lieber glei da, dann brauch ichs überhaupt nicht mitnehmen. Er geht ab.

 
4. Szene

Der Metzgerbursche Girgl kommt pfeifend daher und trägt auf der Schulter eine Fleischmulde mit Würsten, einige hängen sichtbar herunter. Er geht – ohne Bene zu sehen – sofort zum Fliederstrauch und riecht daran. 13

Girgl: Ah, der schöne Holler, da werd i mir oan runterreißen.

Bene: Dir werd ich dann glei ein runterreißen, weißt denn du net, daß ma in der Früh net stehlen darf? Er hat dem Girgl die Würste von der Fleischmulde heruntergezogen und versteckt sie hinter seinem Rücken.

Girgl: So, dann pfeif i dir drauf, wennst mir keinen schenkst, dann reiß i halt von da drentn ein runter. Unser Herrgott hat ja Gottseidank noch mehr Hollerbäum wachsen lassen.

Bene: Gut, dann reißt du ihn vom Herrgott sein Baum runter, den mein laßt stehn.

Girgl: Du kannst mi gern habn, du Neidhammel, du neidiga. Im Abgehen stößt er mit dem auftretenden Michl zusammen, der mit zwei Milchhaferln und Broten zurückkommt.

 
5. Szene

Michl: No, Aff, kannst net Obacht geben?

Girgl: Schau halt auf, dummer Bua! Er geht ab.

Michl: Tua ja net frech werdn, sonst hau i dir a paar runter!

Bene: Geh laß ihn doch stehn, reg dich net auf.

Michl: So, jetzt bin ich wieder da. Kaffee gibts heut noch keinen, weil d'Wirtin später aufgstandn is. Jetzt hab ich einfach a Milch gnommen. Das macht doch nichts, das ist doch wurscht.

Bene: Wieso Wurscht? Hast du gsehn, daß i a Wurscht gstohln hab?

Michl: Hast du Würscht gstohln?

Bene: Der Metzger war grad da und hätt mir an Flieder runterreißn wolln, und da hab ich ihm dann aus Dankbarkeit die Würscht gstohln.

Michl: Wieviel hastn gstohln?

Bene: Ja, eine hätt i stehln wolln, und da san die andern dann alle dran hängen bliebn.

Michl: Wo hast's denn hingetan? Hast as schon gessen? Nein?

Bene: Ja! So was hebt man doch net auf!

Michl: Ich glaub, du lügst mich an! Tu amal deine Hand vor! Die andere auch! Jetzt alle zwei! Jetzt hebst alle zwei Füß in d'Höh!

Bene: Ja freilich! Daß ich am Arsch hinfall. Er hat die Würste zwischen den Beinen eingeklemmt.

Michl: So dumm bin ich net, jetzt dreh dich amal um, dann werden wirs gleich sehen! Er packt Bene, dreht ihn um und sieht hinten 14 die herunterhängenden Würste. Ah, die vielen Würscht! Er nimmt sie an sich. Die essen wir jetzt! Wenn du mir die Hälfte davon schenkst, dann sag i niemand was, daß du's gstohlen hast.

Bene: Ja, die Hälfte kannst haben. Er nimmt den Säbel und will von einer Wurst die Hälfte abschneiden.

Michl: Naa naa, net von einer Wurst, sondern die Hälfte von alle Würst!

Bene: Also gut, teilen wir!

Von ferne hört man Pferdegetrappel und Peitschenknallen.

Bene: Jetzt kommt einer.

Michl: Versteck schnell die Würst! Er will die Würste an allen möglichen Plätzen verstecken und schiebt sie schließlich in das Kanonenrohr hinein. Beide nehmen schnell ihre Milchhaferln und fangen zu essen an.

 
6. Szene

Fuhrmann: Ja, ich kann Euch gar nicht verstehen, Ihr trinkt da in aller Gemütsruhe an Kaffee, und eine Stunde außerhalb München ist alles in größter Aufregung. D'Raubritter stehn vor der Stadt in Berg am Laim.

Bene: Und?

Fuhrmann: Was – und?

Bene: Ja und?

Fuhrmann: Und wolln heut no die Stadt überfalln!

Bene: Was für a Stadt?

Michl: Ja unser Stadt halt!

Bene: Die ghört ja gar net uns!

Michl: Dir allein freilich net!

Fuhrmann: Ja, redts doch net gar so saudumm daher. Ich mein, du als Posten mußt jetzt sofort die nötigen Maßregeln ergreifen. Ihr habts ja gar keine Ahnung, wies da draußen in Berg am Laim ausschaut.

Bene: Ja, wir warn auch net draußen.

Fuhrmann: Also Leut, ich sag Euch, zugehn tuts da draußen, net zum beschreiben. Wie ich heut in der Früh um halb vier Uhr in Ramersdorf meine Roß einspann, seh ich schon, daß alle Häuser brennen und d'Felder und d'Wälder in Flammen stehn. Menschen sind umeinanderglaufen und schreien mir zu: – »in Berg am Laim sind Raubritter, die stehlen, morden, rauben, plündern, bringen alle Leut um«, und wie ich in Berg 15 am Laim neinfahre, hab ich die Raubritter selber gsehn. Das sind ganz unheimliche Gselln, alle haben so blecherne Gwander und an blechern Hut auf und so große Bärt hams und d'Augen stehen ihnen so weit raus, also direkt zum Fürchten. Ja und das Vieh lauft frei umanand, das kennt sich gar nimmer aus.

Bene: Aah –

Fuhrmann: Und an Bürgermeister von Berg am Laim sollns scho aufghängt ham.

Bene: Aah –

Fuhrmann: Also, ich sag Euch, Ihr dürft mir glauben, ich bin halt grad noch mitn nackaten Leben davonkommen.

Michl: Ja, warst du nackat in Berg am Laim?

Fuhrmann: Nein, aber erwischt hättens mich bald. Wie mich d'Raubritter gsehgn habn, da wärn s' auf meine Roß zua, ich hab aber sofort mei Peitschn gnomma, hab auszogn, hab neighaut.

Er läßt die Peitsche knallen, wobei er den Michl trifft. Michl stößt den Bene, der dabei seine Milch verschüttet.

Fuhrmann: Also, Posten – er haut ihm mit der Hand auf das Milchhaferl.

Michl: Der war schuld.

Fuhrmann: In der Aufregung kommt so was schon vor. Also Posten, tu gleich Alarm blasen, trommel die ganzen Soldaten heraus, sperr die Stadttore zu; kümmer dich um alles, gsagt hab ichs dir!

Bene: Ja, des is alles ganz recht, aber ich darf in der Angelegenheit gar nichts unternehmen.

Fuhrmann: Wieso?

Michl: Der Bene meint, ohne daß der Hauptmann etwas anschafft, darf er nichts unternehmen.

Fuhrmann: Das ist ja ein Schmarrn, wer solls denn sonst zusperrn, du hast doch den Schlüssel als Posten!

Michl: Ja, zusperrn tut er scho, aber erst um neun Uhr abends.

Fuhrmann: Ja, da ist es aber schon zu spät, bis dahin sind ja die Raubritter schon da!

Michl: De solln halt langsamer gehn.

Fuhrmann: Ja, seids denn ihr narrisch!

Bene: Das wissen wir nicht!

Fuhrmann: Für was stehst denn du auf Wachtposten?

Bene: Ich geh halt mit mein Säbel auf und ab, wenns regnet, gehe ich ins Schilderhäusl nein, und auf d'Nacht um neun Uhr sperr i zua – und was muaß ich noch toa? 16

Michl: Und wenns schön ist, geht er wiedet raus aus'm Häusl!

Der Fuhrmann fragt Michl: Was tust denn nachher du?

Michl: Ja, ich muß dem Bene das Sach holn! Und manchmal muß ich auch trommeln, wanns brennt!

Bene: Wenns brennt, des sieht der Turmwächter, der schreits uns runter mitn Sprachrohr, dann trommelt der Michl, dann komma d'Leut und fragn, wos brennt, und dann sagns eahna mir und dann löschens – – – wenns no brennt!

Michl: Ja, und ich muaß aber no was toa, i muaß immer schauen, wenn eine Hofequipage kommt oder ein General vorbeigeht, dann muß ich es dem Bene sagn, damit der Bene die Wach rausläutet, weil er meistens schlaft.

Bene: Ja, das ist das einzige, was in meiner Macht steht, die Wach rausläuten, das kann ich dir zeigen. Er geht zur Glocke und zieht daran – a tempo kommt die Wache heraus mit der Musik.

Korporal kommandiert: »Stillgestanden« – »Präsentiert das Gewehr!« Die Musik spielt dazu den Präsentiermarsch. Er kommandiert: »Gewehr bei Fuß! – Ab Tritt!«

Die Wache zieht wieder ab.

Fuhrmann: Ja, das ist ja ganz recht und schön. Du mußt doch eine militärische Aktion treffen. Das hat doch gar keinen Wert, wenn da die Musik rauskommt und spielt da Täterätätä.

Michl: Ah! D' Musik – hast du d' Soldaten gar net gsehgn? Geh, zieh nochmal an!

Bene zieht wieder an der Glocke, die Wache tritt zum zweiten Mal heraus. – Bei »Wache« trommelt Michl jedesmal mit. Einer der Wachsoldaten trägt eine Fahne mit heraus.

Fuhrmann: Ja, was nützt denn des, wenn de da rauslaufen, da muß doch jetzt was unternommen werden.

Michl: Ja, das hat der Bene nur gmacht, weil du gmeint hast, der Bene hat sonst koa Macht. An der Glocken darf nur der Bene anziehn.

Bene: Natürlich, da kann ich läuten, so oft ich will, die Wach muß raus, und wenn ich hundertmal anziehe. Paß auf! Er zieht noch einmal an der Glocke – die Wache zieht zum dritten Mal auf.

Fuhrmann: Ihr seid doch die zwei größten Rindviecher, die ich gsehn hab. Von mir aus fressen euch die Raubritter mit Haut und Haar. Ich hab meine Pflicht getan, jetzt gehts mich nichts mehr an.

Bene: Und ich hab auch mein Möglichstes getan und mehr wie da anziehn kann ich net.

Er zieht wieder an – die Wache kommt zum vierten Male. Der Korporal 17 stößt den Fuhrmann beiseite, der Fuhrmann entfernt sich schimpfend unter Peitschenknall und Pferdegetrappel. – Die Wache geht ebenfalls schimpfend ab, der Korporal bleibt stehen.

Korporal: Was is denn des für a damische Läuterei, da is ja gscheiter, wir bleibn glei heraus. Wer war denn da?

Bene: Der Milchmann war da!

Korporal: So – und wegen dem läutst uns du raus? Da hört sich doch alles auf! Noch einmal wenn mir das vorkommt –!

Bene: Ich kann anziehn so oft ich mag, und wenn ich anziehe, dann müßt ihr rauskommen.

Korporal: Ja, aber nur wenn eine Obrigkeit kommt, sonst nicht. So eine Frechheit! Wenns wieder vorkommt, sag ichs dem Hauptmann. So a Lauferei in aller Früh, in nüchtern Magn nei, is aso ungesund. Er geht verärgert ab.

 
7. Szene

Bene und Michl setzen sich auf die Bank.

Michl: Du, Bene, glaubst jetzt du des, was der Fuhrmann gsagt hat von die Raubritter?

Bene: Ah woher, der möcht uns bloß Angst machen. Raubritter gibts ja gar keine mehr. Keine Raubritter gibts, kein Osterhasen, kein Christkindl und kein Storch.

Michl: Ja, des weiß ich auch!

Bene: Naa, Raubritter gibts net und noch dazu solche, wie der Fuhrmann gsagt hat, mit an eisern Gwand und solche Bärt schon glei gar net. Ja, im Nationalmuseum gibts solche, aber die san innen hohl! Ja, böse Menschen gibts, die wo andere überfallen, des san d' Raubritter.

Michl: Ja, dann gibts ja Raubritter?

Bene: Freilich gibts Raubritter, aber keine solchen, wie der Fuhrmann gsagt hat.

Michl: Aber bestimmt kann mans doch net sagen, vielleicht sind no a paar übrigbliebn, von früher her.

Bene: No ja, gewiß weiß mans net.

Michl: Bene, sag amal, wenns solchene Raubritter geben tät, tatst du dich dann fürchten?

Bene: Ich – fürchten? Ich net – ausgeschlossen! Außerdem sie täten kommen, dann schon!

Michl: Ja, da tät ich mich auch fürchten, wenns kommen täten. Da tät ich einfach davonlaufen, mi tätens auch net erwischen, 18 weil i gleich so sausen kann. – Aber unserm Korporal gings schlecht, der kann net laufen, wegen sein dicken Bauch.

Bene: Heut hat er sich scho g'ärgert, weil er scho viermal rauslaufen hat müssen, jetzt ziehg i extra nochmal an, daß er sich recht ärgert.

Er läutet – die Wache kommt – zieht dann schimpfend ab.

Der Korporal bleibt da: Wer war denn schon wieder da?

Michl: Der Milchmann!

Korporal: Der war doch vorher schon da?!

Michl: Ja, das ist ihm jetzt nochmal eingfallen.

Korporal: Jetzt wirds mir aber zu dumm! So eine Gemeinheit, uns andauernd umsonst rauszuläuten.

Bene greift zur Glocke.

Korporal: Bene, ich warn dich, tu die Finger weg! So a Frechheit! So, jetzt sag ichs dem Hauptmann. Einmal nei, einmal raus, da werd ma ja narrisch. Sapprament! Sapprament! Er geht wütend ab.

Michl und Bene lachen.

Michl: Ah – jetzt stinkt er ihm! Gestern hab ich ihn auch g'ärgert, weißt, da hab ich ihm bei uns daheim in der Schusterwerkstatt aufs Butterbrot einen Schusterpapp naufgschmiert, und dann hab ich ihm d' Augengläser versteckt, daß ers net gsehen hat. Und wie er dann ins Butterbrot neibissen hat, ist ihm das Maul zusammenpappt.

Bene lacht: Weißt Michl, du mußt ihm einmal auf den Schusterstuhl an Schusterpapp hinschmiern.

Während dieses Gesprächs ist von beiden unbemerkt der Aktuar aufgetreten. Michl bemerkt ihn (beim letzten Satz) plötzlich und stößt Bene, der ihn nun auch sieht, aufsteht, seinen Säbel zieht und auf und ab patrouilliert.

 
8. Szene

Aktuar: Schönen guten Morgen, meine Lieben.

Beide: Guten Morgen, Herr Aktuar!

Aktuar: Ei der Teufel, was ist denn heute in aller Frühe schon los? Trommel, Musik, Radau? Was hat denn das zu bedeuten?

Michl: Uih – – – Ja wissen Sie denn noch gar nix, Herr Aktuar? Der Fuhrmann war grad da und hat uns erzählt, daß d' Raubritter d' Stadt überfalln wolln. 19

Bene: Die Raubritter sind draußen in Berg am Laim und bringen alles um.

Aktuar: Das ist ja furchtbar, erzählt mir gleich!

Michl: Also, der Fuhrmann fahrt alle Tag in der Früh nach Berg am Laim, und wie er heut nauskommen ist, hat er gsehn, daß alles ganz schwarz war in Berg am Laim.

Bene: Ja, und der Sturmwind hat gheult vor lauter Schmerzen, hat er gsagt, und das Feuer hat gebrunst und der Himmel war blutgrün und der König Herodes war draußen mit den sieben Geißlein.

Michl: Wie der Fuhrmann das gsehn hat, dann hat er Angst kriegt und wollt davon, aber d' Räuber sind ihm dann nachglaufen und ham eahm sei Gwand auszogn, und auf einmal war er ganz nackig.

Aktuar: Weiter! weiter!

Michl: Dann haben ihm die Raubritter seine ganze Milch austrunkn und hätten ihn umbringen wolln, aber er hat sich dann hinter einen Baum versteckt, und da is er dann eingschlafn, und auf einmal hat ihm träumt, daß er eine Ente war und daß er einen so langen Wurm gfressen hat.

Bene: Das von der Entn und dem Wurm hat ja mir träumt.

Michl: Ach ja, bin ich dumm, das hab ich jetzt verwechselt, der hat an Wurm gfressen.

Aktuar: Was hat denn das mit den Raubrittern zu tun?

Bene: Ah, nichts. Das ist ja eine ganz andere Abteilung.

Aktuar: Also, erzähl weiter.

Michl: Ja also, wie der Fuhrmann nochmal umgschaut hat, hat er gsehn, daß scho alle Häuser brennt habn, und die ganzen Ochsen und Rindviecher von Berg am Laim laufen im Freien umeinander und kennen sich gar nicht mehr aus!

Aktuar: Schrecklich, weiter!

Michl: Und niemand traut sich mehr auf die Straßen naus, weils schon alle tot sind.

Aktuar: Genug, genug, das ist ja furchtbar! Sperrt nur gleich alle Stadttore zu, alarmiert die Bürgerwehr und geht sofort an Eure Arbeit!

Bene: Ja, Herr Aktuar, in dem Fall dürfen wir eigentlich gar nichts unternehmen, das haben wir dem Fuhrmann schon erklärt.

Aktuar: Aber Er kann doch zum Hauptmann gehen und kann ihm die Sache unterbreiten.

Bene: Ja, ich darf doch nicht weggehen von meinem Posten. Da 20 kann um mich vorkommen, was will, ich darf meinen Posten nicht verlassen, net amal bei an Hochwasser, außer es schwoabt mi weg.

Aktuar: Dann schick Er doch den Kleinen zum Hauptmann!

Bene: Der muß mir doch 's Sach holn.

Aktuar: Wann kommt denn der Hauptmann?

Bene: Da kanns halb elf oder elf werden, bis der kommt.

Aktuar: Bis dahin kann es aber zu spät werden.

Bene: Es kommt halt drauf an, wer z'erst kommt, die Raubritter oder der Hauptmann.

Aktuar: Aber das hat doch gar keinen Wert, da muß doch etwas unternommen werden, die Raubritter können ja in einer Stunde schon da sein!

Bene: Leicht!

Aktuar: Ja, aber wenn unserer Vaterstadt eine solche Gefahr droht! Die Raubritter können doch jeden Augenblick kommen!

Michl: Ja, die kommen sicher, weil sie's dem Fuhrmann versprochen haben.

Bene: Ja, das einzige, was wir tun können, das ist die Wach rausläuten, das haben wir dem Fuhrmann schon gezeigt.

Er läutet. Die Wache zieht auf und geht wieder ab – alle schimpfen, sehen den Aktuar und schweigen plötzlich still.

Aktuar: Ihr seid doch die zwei größten Rindviecher, daß Ihrs wißt.

Michl: Das hat der Fuhrmann auch gsagt zu uns.

Aktuar: Stellt Euch doch einmal vor –

Michl und Bene machen zwei Schritte vorwärts.

Aktuar: Ihr sollt Euch vorstellen –

Michl und Bene treten wieder vor.

Aktuar: Im Geiste sollt Ihr Euch vorstellen –

Bene und Michl: Haben wir keinen!

Aktuar: Wenn die Räuber kommen, die werden rauben, plündern, stehlen!

Bene: Ja, uns is ja selber unangenehm!

Aktuar: Folglich muß doch was unternommen werden, die Raubritter nehmen keine Rücksicht, die schrecken vor gar nichts zurück, die nehmen sogar Weib und Kind mit.

Bene: Ah, das wär das wenigste!

Aktuar: Wo ist denn zur Zeit der Hauptmann?

Bene: Im Faberbräu drüben, da muß er an Hausgang ausweißen. 21

Aktuar: Wißt ihr was, dann gehe ich persönlich zum Hauptmann und melde ihm die Sache. Er geht ab.

Man vernimmt von ferne Volksgemurmel (Lautsprecher) und die Handglocke des Polizeidieners.

 
9. Szene

Polizeidiener, umringt von einer Volksmenge, erscheint – die Wache zieht auf – man hört ein Gemurmel: »Was ist los?«

Polizeidiener: Das werds jetzt glei hörn! Er schwingt seine Glocke und ruft aus.

Bekanntmachung

Der hochwohllöbliche Magistrat gibt kund und zu wissen, daß eine Raubritterbande von Ramersdorf her im Anzuge ist. Dessenthalben gibt der Stadtrat, der wie immer um das leibliche Wohl seiner Mitbürger besorgt ist, folgende Maßregeln kund – er läutet mit seiner Glocke –

  1. Gemäß Paragraph 333⅓ des herzoglichen Bürgerschutzgesetzes sind von heute ab die Stadttore um den Glockenschlag halb neun Uhr auf der Nacht zu schließen. Er läutet mit seiner Glocke.
  2. Ein jeder Bürger soll, was er an Wehr und Waffen hat, für alle Fälle bereithalten. Er läutet mit seiner Glocke.
  3. Bürger, die wo Posten stehen, sollen fest nach dem Feinde auslugen.

Eigenhändig vorgelesen und publiziert, Joseph Winterhuber, Polizeidiener im Namen des hochlöblichen Magistrats zu München.

Volk und Wache gehen links und rechts mit Gemurmel ab.

Polizeidiener: Trommelbua, du gehst jetzt gleich mit mir zum Sendlingertor und tust trommeln.

Bene: Der bleibt da, den brauch ich!

Polizeidiener: Nein, den muß ich haben, der geht mit mir!

Beide gehen ab. Bene und der Korporal bleiben allein auf der Szene.

Bene: Glaubst as jetzt, Korporal, daß das wahr ist mit die Raubritter! Was da Polizeidiener einmal amtlich vorliest, das ist kein Spaß, das ist Ernst!

Ein Kanonenschlag hinter der Szene läßt beide erschrecken.

Korporal: Was war jetzt das?

Bene: Ein Kanonenschuß. So, jetzt war seit dem Dreißigjährigen Krieg a Ruh, und jetzt müssens wieder anfangen, 22 jetzt, weil ich jung verheirat bin und an Kramerladn gründt hab.

Der Hintergrund leuchtet rot auf.

Korporal: Ja, und i kann dir aa net helfen, weil i jetzt hoam muaß zum Stiefeldoppeln.

Michl kommt zurück: Uih, i woaß was, schaugts amal um!

Korporal und Bene: Was ist denn los? Sind s' schon da?

Michl: Ja, schaugts doch amal um, da hint is alles ganz feuerrot, i glaub, da brennts schon.

Der Korporal und Bene drehen sich um.

Bene: Auweh, auweh, das Morgenrot! Weißt du, was das Morgenrot für uns Soldaten bedeutet?

Korporal: Nein!

Bene: Du bist a trauriga Soldat. Morgenrot bedeutet: »Heute tot, morgen rot.«

Korporal: Ich muß jetzt geh, i muß Abschied nehmen von meiner Familie. Bene, pfüat di Gott, bleib gsund, wann dir was passiert. Er geht schluchzend ab.

Bene und Michl sind allein auf der Bühne. Bene holt aus dem Schilderhäusl seine Ziehharmonika, und beide setzen sich auf die Bank.

Michl: So, jetzt mag i mei Milch auch nimmer.

Bene: Morgenrot, pfüat di Gott.

Er schickt sich an, mit der Ziehharmonika zu spielen; er beginnt mit einigen Akkorden – – dann fällt ein Schuß. Beide fahren erschreckt hoch. Dann singen sie:

Morgenrot, Morgenrot
Leuchtest mir zum frühen Tod.
Bald wird die Trompete blasen,
Dann muß ich mein Leben lassen
Ich und mancher Kamerad.

Ach wie bald, ach wie bald
Schwindet Schönheit und Gestalt.
Heute noch auf stolzen Rossen
Morgen durch die Brust geschossen
Übermorgen in das kühle – – –
gesprochen Grab.

 
Vorhang. Eine Minute Zwischenpause 23

 
II. Akt

1. Szene

Die Bühne ist ganz hell. Bene steht vor dem Schilderhäusl. Der Vorhang öffnet sich rasch unter den Klängen des bayerischen Defiliermarsches, und sofort zieht die ganze Truppe auf, voran der Hauptmann, dann der Trommelbua, dahinter die Musik, dann der Korporal und zuletzt der Fahnenträger und die übrige Wachmannschaft. Alle ziehen an Bene vorbei, der dem Hauptmann beim Vorübergehen die Hand reicht, und marschieren einmal um die Bühne herum, bis zum Kommando des Korporals.

Korporal auf den Hauptmann zugehend: Grüß dich Gott, Hauptmann. Wie gehts dir denn immer?

Hauptmann: Grüß dich Gott, Korporal, no ja, es muß schon tun. A bißl viel Arbeit gibts halt. Zuhaus ist auch immer was los. Mei Alte hat sich gestern an Zahn reißen lassen, jetzt ist sie heut saugrantig.

Korporal: Übrigens, Hauptmann, was sagst denn zu meine Leut, schaug dirs einmal an!

Hauptmann: Bravo, bravo, stramm sans beinander, das laßt sich hören. Das ist ja a wahre Freid, wenn mans so anschaut. Wie gehts euch denn, Leut?

Soldaten: Gut, Herr Hauptmann!

Hauptmann geht zu einem Soldaten hin: Nun, Meier, meine Gratulation zum freudigen Familienereignis, habs scho ghört. Was is denn? A Madl oder ein Bub?

Soldat Meier: Ein Bub, Herr Hauptmann!

Hauptmann: Das läßt sich hören. Der fünfte Bub, gell, Meier?

Soldat Meier: Der neunte, Herr Hauptmann!

Hauptmann: Bravo! Das läßt sich hören, ja ich sags ja, der Meier laßt nicht aus. – Was ich sagen will, wer steht denn heut auf Posten?

Korporal: Der Bene.

Bene und Michl haben sich die ganze Zeit unterhalten und hören nicht auf den Korporal.

Korporal lauter: Der Bene! Schließlich schreit er. Der Bene!

Bene bemerkt endlich, daß es sich um ihn handelt – er geht schnell am Schilderhaus auf und ab mit grotesker Komik.

Hauptmann nachdem er eine Zeitlang zugesehen: No, hör nur amal wieder auf. Rennst denn du den ganzen Tag so auf und ab? 24

Bene: Nein, nur wenn du kommst!

Hauptmann: Hör nur amal wieder auf! Grüß dich Gott! Er gibt ihm die Hand.

Bene: Grüß Gott, Hauptmann! Statt der Hand streckt er ihm den Säbel hin.

Hauptmann: Au, au, da schneidt man sich ja, paß doch auf! Hast mir was zum sagen?

Bene: Ja, wegen einem kleinen Öferl hätt ich dich amal fragen wollen. Weißt, weils im Schildwachhäusl immer so kalt ist, wenn schlecht Wetter ist, und da hätt i halt fragen wolln, obst net a so a kleins Öferl ins Häusl reinmachen lassen möchtst, weißt, so ein kleins Öferl.

Hauptmann: Ja, ja, ich versteh dich schon, a kleins Öferl meinst halt. Muß man halt schaugn, daß man eins kriegt.

Korporal: Ich hab eins am Speicher drobn, das kann man ihm reinmachen.

Hauptmann: Ja, Korporal, schau einmal nach. Ah, was ich sagen will, wie macht sich eigentlich der Kleine, der Trommelbub?

Bene: Recht frech ist er immer.

Michl: Ja, heut in der Früh um sechs Uhr hab i an Bene aufgweckt, weil er gschlafn hat.

Bene stößt den Michl, während der Korporal auffallend laut zu lachen beginnt.

Michl: Der war heute schon eine Ente, um sechs Uhr in der Früh.

Hauptmann: No, was habts denn narrisch, was ist denn eigentlich?

Bene: Nein, ich mein, a ganz kloans Öferl wenns waar!

Hauptmann: Jetzt hör mir einmal auf mit deinem Öferl, das wird einem ja ganz fad! Der redt andauernd vom Öferl und d' Raubritter san in der Näh. Das erste ist jetzt gleich, daß einer auf den Turm naufsteigt und nach dem Feind ausschaugt.

Alle wechseln den Platz und der Trompeter geht ab.

Korporal: Bene, geh du gleich nauf am Turm!

Bene: Des kannst dir denken! Der Vinzenz soll naufgehen.

Hauptmann: Also, Vinzenz, nachher gehst du nauf, und wennst was Verdächtiges siehst, dann gibst gleich ein Signal!

Vinzenz: Ja, is scho recht, wenn i aber nichts siech?

Bene: Des siehgst dann scho, obs d' nichts siehgst.

Vinzenz: Am Turm oben brauch i aber koa Gwehr. 25

Er lehnt es an Bene hin und geht in die Tür zum Turm ab. Bene lehnt das Gewehr an den Korporal an. Der Korporal lehnt das Gewehr an den Hauptmann an. Der Hauptmann lehnt es zurück an den Korporal. Der Korporal lehnt es wieder zurück an Bene. Bene lehnt es an den Hauptmann an.

Hauptmann: Was lehnst denn das Gewehr alleweil an mich hin?

Er lehnt es wieder an Bene an.

Bene: Ja, i kanns doch net in d' Luft hinlehnen, da fallts ja um.

Er stellt das Gewehr frei hin – es fällt um.

Hauptmann: Tragt jetzt einmal einer das Gewehr naus!

Korporal: Geh, trags do gleich selber naus.

Hauptmann, das Gewehr aufhebend und wegtragend: Das is zum Kotzen mit dene Brüda. So, jetzt kümmerts euch um eure Kanonen, daß net wieder alle eingrost sind, und schauts, daß auch sonst alles ordentlich imstand ist.

Vinzenz ist währenddessen oben auf dem Turm sichtbar geworden, späht aus und gibt ein Signal auf der Trompete.

Alle hinaufschauend: Was ist denn los?

Vinzenz: Ganz draußen am Gasteigberg seh ich sie schon daherkommen. Es ist ein ganz großer schwarzer Haufen, ich glaub, das sind d' Raubritter!

Michl: Gell, dann gibts doch Raubritter, weil der Bene gsagt hat, es gibt keine Raubritter mehr, dann gibts auch einen Osterhasen und a Christkindl und alles.

Hauptmann: Jetzt fangt der dumme Bub mit dem Osterhasen an, wenn d' Raubritter kommen. Also, alle Männer an die Schießscharten und Kanonen auswischen!

Bene: Ja, die können wir nicht auswischen, weil wir keinen Wischer haben; der Korporal hat ihn dem Kaminkehrer gliehn.

Michl: Ja, i hab alleweil gsagt, den darf man nicht herleihn, aber er, der alte Aff, hat ihn hergebn.

Hauptmann: Ah, das ist eine Schlamperei. Aber es sind doch soviel ich weiß zwei Wischer da! Wo ist denn der zweite?

Bene: Ja, der steckt in der Kanone drin, da wird dir keiner nübersteign, wo die schon herbledern.

Hauptmann: Da wird sich doch einer finden, der nübersteigt?! Korporal, zeig du die Leut, daß du a Schneid hast, steig du nüber!

Korporal: Gell, jetzt derfat ich wieder einen Deppen machen. Er schickt sich an, auf die Bank zu steigen, kehrt dann nach einer 26 kleinen Pause wieder um. Hauptmann, geh, schick doch lieber einen andern nüber, i mein, des is besser.

Bene: Ah, jetzt hat er kein Schneid.

Michl: Ah, jetzt traut er sich net nübersteign, der Hosenscheißer, jetzt hat er schon Angst.

Hauptmann: Korporal, jetzt geb ich dir einen dienstlichen Befehl, du steigst jetzt nüber!

Korporal: Ausgerechnet ich muß da nübersteign.

Von Bene und Michl unterstützt, steigt er auf die Bank. In dem Augenblick, in dem sein Kopf auf der Mauerkante sichtbar ist, fällt ein Schuß.

Korporal schreit: Au, au! Er steigt wieder herunter und läßt eine schwere eiserne Kanonenkugel auf den Boden fallen.

Michl: Direkt aufs Hirn nauf, da muaßt jetzt ganz damisch sein!

Korporal: Das war ich vorher schon.

Bene: Du, das ist eine Raubritterkugel. Die is no ganz warm.

Michl: Die heben wir uns auf, die tun wir in eine Schachtel nein. Die geben wir nimmer her.

Bene: Nein, damit gründen wir einen Kegelklub. Er schiebt die Kugel hinaus. Juchhe! Alle Neune!!!

Hauptmann: Ich geb dir gleich alle Neune! Was ists jetzt eigentlich mit dem Kanonenwischer?

Bene: Ich hab eine Idee, wir ziehen einfach die Kanone aus dem Loch raus, dann haben wir den Wischer.

Michl: Ja, das machen wir.

Beide ziehen die Kanone umständlich aus der Mauer. Bene gerät mit dem Fuß unter die Räder und schimpft den Michl fürchterlich zusammen – sie stellen die Kanone in Richtung auf das Publikum auf.

Hauptmann: So – – – laßt euch nur recht Zeit. Also, du, Korporal, stellst dich jetzt vor das Loch hin, wo die Kanone drin war, damit bei dem Mauerloch kein Wind rein kann.

Korporal: So, jetzt kann keiner mehr rein.

In diesem Moment fällt wieder ein Schuß.

Korporal: Au! Au! Aus seinen nach hinten gehaltenen Händen läßt er eine schwere, eiserne Kugel fallen. Au! Au! Er weint und schreit jämmerlich. Dann will er sich auf die Bank setzen – stöhnt. Jetzt kann ich mich nicht mehr hinsetzen auch! Er stöhnt und jammert weiter.

Michl: Tuat des so weh?

Korporal: Nein, wohl tuts, dummer Bub!

Bene: Ah, der is schon recht wehleidig auch!

Hauptmann: Also, was ists jetzt mit dem Kanonenloch auswischen? Michl, geh weiter, schick dich a bisserl! 27

Michl wischt umständlich langsam das Kanonenloch aus.

Hauptmann: Was ist? – Schick di besser – Michl!

Michl: Ja, i kann mi a net derrenna wegn de damischen Ritter!

 
2. Szene

Girgl kommt mit dem Polizeidiener: Da ist er ja, der Bene.

Polizeidiener: Du, Bene, der Girgl da behauptet, du hättest ihm heute in der Früh einen ganzen Haufen Knackwürst gstohln – beruht jetzt das auf Wahrheit oder beruht das auf keiner Wahrheit?

Bene: Ja.

Polizeidiener: Was ja?

Bene: Das beruht auf keiner Wahrheit.

Polizeidiener: Wenn aber der Girgl behaupt, du hast die Würst gstohln, dann hast es entweder gstohln – oder der Girgl lügt.

Bene: Ja, der lügt, – und wer lügt, der stiehlt.

Girgl: Was, ich kann doch nicht meine eigenen Würst stehlen. Du hast es gstohln!

Er will auf Bene losgehen – der Polizeidiener hält ihn zurück. Bene zieht den Kanonenwischer heraus und will sich damit gegen Girgl verteidigen, trifft aber dabei den hinter ihm stehenden Korporal am Kopf.

Korporal: Laßts mir jetzt meine Ruhe!

Bene fährt mit dem Kanonenwischer ins Kanonenloch und stößt die darin befindlichen Würste heraus – alles lacht.

Girgl stürzt auf die Würste zu und nimmt sie an sich, sie dem Polizeidiener zeigend: Da schau her, Polizeidiener, da sind ja die Würst!

Polizeidiener zu Bene, der verblüfft dasteht: Du, Bene, wie können denn da vorne Würst rauskommen?

Bene: Wenn man hinten neinfahrt.

Polizeidiener: Nein, ich möcht wissen, wie die Würst da hinten reinkommen können?

Girgl: Wies neinkommen sind, das kann ich dir sagen! Wie ich heut in der Früh da vorbeigangen bin, da hab ich den Holler angschaut –

Bene: Angschaut – – stehln hättst du ihn wollen. Weißt, Polizeidiener, das war so: heut in der Früh ist doch ein starker Westwind gangen, und wie da der Girgl mit seiner Mulden so vorbeigeht, hat der Wind auf einmal die Würst runtergweht, und da war grad der Schuber von der Kanon auf, und da hat der 28 Wind die Würst pfeilgrad da neingweht. Der Michl hats gsehn, der war dabei, gell, Michl!

Michl: Ja, so wars, ganz genauso, weil ichs selber gsehn hab und weil er noch gsagt hat auch, wenn ich nichts sag, krieg ich auch die Hälfte.

Polizeidiener: Von was kriegst die Hälfte?

Bene: Vom Wind.

Polizeidiener: Da müßt ich ja auf diese Weise an Wind verhaften.

Bene: Den wirst aber du net erwischen.

Vinzenz bläst wieder ein Signal, alle schauen auf den Turm.

Alle: Was ist denn los?

Vinzenz: Die Raubritter kommen immer näher und näher und einen ganzen Haufen Kanonen hams dabei.

Polizeidiener: Was, d' Raubritter kommen? Da muß ich aber gleich schauen, daß ich heimkomm. Er läuft mit langen Schritten über die Bühne ab.

Girgl: Und ich geh auch, sonst fressen mir die Raubritter meine Würst zsamm. Er läuft auch ab.

Michl und der Korporal schieben mit vereinten Kräften die Kanone wieder in das Mauerloch hinein.

 
3. Szene

Hauptmann: Also, Kinder, seids tapfer, der Feind naht. Jetzt schießen wir unsere Kanonen ein, damit beim Überfall der Raubritter alles richtig funktioniert.

Alle singen:
Ach, es ist doch wirklich schwer
Bei der Münchner Bürgerwehr.
Unser Dienst ist nicht beliebt,
Weils da keine Würstln gibt.
Besonders bei der Artillerie
's ist die größte Ironie.
Wegn der gringsten Kleinigkeit
Sind wir schon salutbereit.
    Refrain
Tararara b u m halloh,
Die Artillerie ist da!
Tararara bum halloh,
Die Artillerie ist da! 29

Michl ladet die Kanone und schießt bei jedem Refrain. Bei jedem ersten bum des Refrains erfolgt ein starker Kanonenschuß mit aufsteigenden Rauchwolken.

Ist wo eine Fahnenweih,
Ist d' Kanone auch dabei,
Sogar beim Oktoberfest
San ma jeds Jahr draußen gwest.
Ist das Pferderennen gwen,
Taten wir am Berg drobn stehn.
Wie die Kanone bum hat to,
Ging das Pferderennats o.

Tararara b u m halloh,
Die Artillerie ist da!
Tararara bum halloh,
Die Artillerie ist da!

Wenn der König kriegt ein Kind,
Schießen wir Salut geschwind.
Auch bei jeder Prozession
Schießen wir mit der Kanon.
Kurz, bei jeder Viecherei
Ist d' Kanone auch dabei.
De Kanone ist famos,
Bloß im Krieg, da gehts net los.

Tararara b u m halloh,
Die Artillerie ist da!
Tararara bum halloh,
Die Artillerie ist da!

Nach Schluß der dritten Strophe ertönt ein Signal von Vinzenz.

Alle: Was ist denn das?

Bene: Das Echo.

Vinzenz: Nein, das ist kein Echo, das war schon ich. Höchste Gefahr ist! D' Raubritter kommen immer näher und näher und immer mehr Kanonen hams dabei. Allerhöchste Gefahr!

Alles läuft aufgeregt durcheinander – die Musik geht ab.

Michl nimmt Trommel und Wiesenteppich und schreit: I hab scho alles!

Bene: Du hast ja d' Wiesen mitgnommen!

Michl: De hab i in der Angst ausgrissn. 30

Hauptmann: Seid doch nicht gar so aufgregt, Leut! Nur den Kopf nicht verlieren, immer die Ruhe bewahren. Du, Korporal, übernimmst die erste Batterie, du, Michl, die zweite. Du, Bene, übernimmst den Sanitäterdienst, im Fall, daß grad einem schlecht wird, und ihr tuts bei der Schießschartn nausfeuern, was nur grad 's Zeug halt.

Michl bedient die beiden Kanonen, schiebt Kugeln ein und zieht bei jedem Kommando: »erstes oder zweites Geschütz: bum«. ab. Bei »bum« erfolgt jedesmal ein Kanonenschlag mit aufsteigenden Rauchwolken. Man hört nun auch von fern, noch etwas schwach, Lärm und Abschüsse.

Der Korporal gibt mit Michl abwechslungsweise das Kommando zum Abschuß – bald bei der einen, bald bei der anderen Kanone, bis zum Schluß, unterbrochen nur bei den jeweiligen Sprechdialogen zwischen Bene und dem Hauptmann. Dem Michl fallen aus der zweiten Kanone dauernd alle Kugeln wieder nach vorne heraus.

Bene sieht einen verwundeten Soldaten am Laternenpfahl lehnen, nimmt aus seiner Sanitätstasche, die er sich inzwischen umgehängt hat, eine breite Binde heraus und verbindet den Kopf des Soldaten, aber so, daß nicht nur der Laternenpfahl mitumwickelt wird, sondern auch Helm und Gewehr mit in die Bandage geraten.

Der Hauptmann schießt von Zeit zu Zeit mit seiner Pistole über die Mauer, dazwischen gibt er Kommandos.

Die übrigen Soldaten schießen durch die Schießscharten – der Riese schießt über die Mauer, das Gewehr auf derselben aufgelegt.

Ein Soldat fällt um, von einer Kanonenkugel getroffen, die in seinem Uniformrock steckt. Bene und Michl holen eine Tragbahre herbei samt einer Decke und beginnen, den am Boden liegenden Soldaten auf die Bahre zu legen. Michl nimmt die Kanonenkugel aus dem Uniformrock des Verwundeten. Sie heben die Bahre, die keinen Boden hat, hoch und gehen mit der leeren Bahre ab, da der Soldat dazwischen durchgerutscht und am Boden liegen geblieben ist.

Bene und Michl kommen zurück.

Der Hauptmann bemerkt den noch auf dem Boden liegenden Verwundeten und sagt zu Bene: Was ists denn eigentlich mit dem Mann da? Wollt ihr jetzt den gleich hinaustragen!

Bene: Den haben wir grad naustragen!

Hauptmann: Des gibts ja gar nicht, der liegt ja noch da!

Bene: Recht eigensinnig is er!

Bene und Michl holen eine andere – diesmal eine richtige – Bahre herein und legen den verwundeten Soldaten hinauf. Es ergeben sich ziemliche Umständlichkeiten, bald steht Bene, bald Michl verkehrt an der Bahre, dann wieder rutscht der Verwundete seitlich, oder vorn, oder hinten, von 31 der Bahre herunter. Endlich wird es Bene zu dumm, er legt den Mann so auf die Bahre, daß er zwischen Bene und der Tragbahre zu Fuß von der Szene geht. – Der Lärm wird nun immer größer, die Schüsse stärker. Plötzlich wird der Zuschauerraum hell. Stoffballons fliegen als feindliche Kanonenkugeln über die Mauer herüber ins Publikum und die Raubritter erscheinen mit Geschrei und heftigem Lärm auf der Mauer. Ein Raubritter in Rüstung springt auf die Bühne herunter und bohrt dem dicken Korporal seinen Spieß in den Bauch, daß die Spitze am Rücken herausschaut. Bene kommt mit einem weißen Fähnlein aus dem Schilderhaus heraus. Michl wirft Kanonenkugeln ins Publikum.

 
Vorhang

 


 

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