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Die Raubritter vor München

Karl Valentin: Die Raubritter vor München - Kapitel 13
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Raubritter vor München
authorKarl Valentin
year1974
firstpub1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-00165-8
titleDie Raubritter vor München
pages164
created20181211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Umzug

Die Bühne zeigt die Ecke einer Vorstadtstraße mit vielen kleinen winkeligen Giebeln und Dächern über- und hintereinander. Im Vordergrund eine armselige Bretterhütte mit Türe und zwei schmalen Fenstern mit je einem Laden. An der linken Ecke des Häuschens ein staubiger Fliederbusch und zwei riesige aufgeblühte Sonnenblumen. Rechts ein Gartenzaun, ein winkeliges Gäßchen mit Schuppen, hinter welchem eine Kastanie hervorschaut, aufgehängte Arme-Leute-Wäsche und weitere Dächer und Mansardengiebel.

Karl Valentin trägt einen Vollbart, eine verbogene Nickelbrille, offenes Hemd ohne Kragen und Krawatte, karierte Weste, havelockähnlichen dunklen Überzieher, unter dem Korkenzieherhosen hervorschauen, die in riesigen Schuhen enden. Unter dem Kragen des Mantels ist eine Schnur durchgezogen, an der große, dicke Pelzhandschuhe befestigt sind, die der Mann trotz des warmen Sommerwetters angezogen hat. Er kommt mit einem flachen Handkarren auf die Bühne, dessen Räder durch Kette und Vorhängeschloß blockiert sind.

Liesl Karlstadt mit schütteren, grauen Haaren, Madonnenscheitel und Nickelbrille, trägt rotes Halstuch, karierte Jacke, helle Schürze und einen graugestreiften Rock.

Vor dem Häuschen ist übereinander der ganze ärmliche Hausrat zusammengestellt: Ein Vogelbauer mit dem Kanarienvogel, der mit einem langen Faden um den Fuß an einem Gitterstab angebunden ist, Matratzen, Bettenbündel, eine Kommode, ein Kinderwagen, die Küchenuhr mit Gewichten, Reisekörbe, zwei Nachtkastl, eine Waschtischgarnitur, bestehend aus einem zerbeulten Emaillekrug und Waschbecken, zwei verbeulte Emaille-Eimer, ein gerahmter Wandspruch »Rein wie der hellste Edelstein Mutterliebe ganz allein!«, Küchengeschirr, eine Kaffeemühle, mehrere Rohrtischchen, Stühle, ein kleines Handleiterwagerl, ein Hirschgeweih, ein Aquarium mit Wasser, aber ohne Fische, ein Blumenstock, ein Hockerl.

Bei geschlossenem Vorhang spielt die Musik ›Morgenstimmung‹ von Grieg, dazu ertönt Vogelgezwitscher, dann geht der Vorhang auf.

Liesl Karlstadt tritt aus dem Haus, in der Hand einen Blumenstock, den sie abstellt, und spricht: Heute sinds grad sechs Jahr, daß ich am Wohnungsamt vorgemerkt bin. Und so oft ich früher in Rosenkranz ganga bin, ins Angerkloster, so oft geh ich jetzt aufs Wohnungsamt. Es ist sozusagen meine zweite Heimat geworden. Es ist zwar immer ein fader Gang da hinauf, und es 148 ist grad gut, daß wenigstens die Herrn Beamten vom Wohnungsamt so nette, freundliche Menschen sind. Der eine gar auf Schalter dreizehn, der sagt jedesmal zu mir: »Schaugn S' morgn wieder her!!« und das sagt er so lieb, daß mir jedesmal die Tränen in den Augen stehn, so fürcht ich mich vor dem; 's letzte Mal hat mich der eine Beamte gfragt, ob ich auch wirklich verheiratet bin, und ob ich auch wirklich fünf Kinder hab. Er hat's halt gar net recht glauben können, er hat gmeint, ich lüg ihn an. Dann bin ich aber heim, und hab s' alle g'holt. Mitn Kinderwagl bin ich glei über d' Stiag nauf g'fahrn. Und droben hab ich s' ihm alle vorgestellt: An Micherl, an Wiggerl, an Sepperl, d' Fanni und d' Walli. –

Der hat gschaut, der hat nimmer gsagt: »Sehr angenehm!« Das war ihm schon sehr unangenehm. »So«, hab ich gsagt, »mit dene fünf Kinder, mit mein Mann, mein alten Vatern und der Schwiegermutter, – Hund, Katz und Kanari ham mir oan Zimmer. Und manche Großkopferte ham zu zweit, sage und schreibe, sieben bis zehn Zimmer!« Ja ja, mir sind furchtbar beschränkt, – nicht mir selber, sondern mit unserer jetzigen Wohnung. Wohnung kann man da eigentlich nimmer sagn, mir sagn halt so, weil wir bis jetzt noch keinen passenden Ausdruck dafür g'funden ham, wie wir unser Heim nennen könnten. »Loschi« mögn ma net sagn, weil das ein Fremdwort ist, und Dreckloch, das ist uns zu ordinär. Wir wohnen halt jetzt sechs Jahr in der Vorstadt in der Quellengasse, neben der alten Papierfabrik am Mühlbach. Hausnummer ham ma koane, aber es ist leicht zum finden – wenn S' uns b'suchen wolln, brauchen S' nur in d' Quellenstraß gehn, – wo de Kunstmaler allweil umanander hocka, und speziell das Häusl – wo de allweil abmaln, in dem wohna mir. Mir ham ja nie über unser trautes Heim geklagt, aber – wie uns vor drei Jahr das letzte Hochwasser aus'n Zimmer an Fuaßbodn rausg'schwoabt hat, von da ab war ein weiteres Ausharren unmöglich. Das einzige Schöne, was wir in der Wohnung ham, ist das laufende Wasser, – das lauft Tag und Nacht über d' Wänd runter, so feucht ists in unsrer Burg. Und ein Leben ist drin! Alle acht Tag werden die Schulkinder klassenweise in unsere Wohnung geführt, und der Herr Lehrer erklärt den Kindern bei uns das Leben und Treiben des Hausungeziefers. Drum hat auch der Herr Kommissär von unserm Bezirk gesagt: »Die Wohnung ist nicht mehr geeignet für menschliche Wesen. Sie müssen eine andre Wohnung kriegen«, hat er 149 gsagt, »dafür ist das Wohnungsamt da!« – Wir kriegn aber keine vom Wohnungsamt, sechs Jahr wart ma jetzt drauf. Nacha is uns des z' bunt wordn und drum ziagn mir heut schwarz um!

Man hört den Kanarienvogel in seinem Bauer zwitschern.

Liesl Karlstadt: Ja der Hansi, der singt schon sein Abschiedslied.

Sie nimmt den Hansi aus seinem Bauer und reißt den Zwirnsfaden von seinem Fuß ab.

Liesl Karlstadt: Ja, Hansi, jetzt wirds Ernst – heut müß ma ausziehn. Mei, Hansi, da wirds dir heut schlecht gehn bei dem Umzug, da wirds dich umanandaschütteln auf dem Wagen droben, da kriegst ma ja du a Gehirnerschütterung, was mach ma denn da? Halt, i habs – du bist ja a Vogerl, du brauchst ja net gfahrn werden, du kannst ja hinfliegen, dir sag i jetzt unser neue Adreß, dann fliegst derweil voraus. Also – Ickstattstraße 42/III links im Rückgebäude. Sie läßt ihn fliegen. Weiter links, weiter links – schaug net immer um. Jetzt hätt er sich bald an einen Kamin angstoßn. Ah – der findt scho hin. Jetzt wärs halt recht, wenn der Alte mitn Karrn scho da wär. Seit drei Stunden wart ich auf ihn – Sie spricht in die Kulisse. Was sagn S', Frau Hinterhuber, ich versteh Sie nicht – ja grad sag ichs, jetzt is er noch nicht da – drei Stund is er jetzt aus – jetzt hab ich die schweren Möbel alle allein runtertragn. Und jetzt wärs Wetter so schön, das ist so notwendig beim Umzug – derf bloß a Schütterer daherkommen, dann derweichts uns unser ganze Rokokoeinrichtung. Ich kann mir gar nicht denken, wo er so lange bleibt – aber Sie wissen ja, die Mannsbilder – da ist einer wie der andere . . .! Ihnen brauch ich ja nichts zu erzählen, Sie haben ja das gleiche Rindviech wie ich . . . jetzt kommt er ja endlich – also, pfüat Gott, Frau Hinterhuber, bleiben S' recht gesund, wenn ma uns nimmer sehn sollten – und bsuchen S' uns amal in der neuen Wohnung.

Die Musik spielt ›Mit Standarten‹ von Blon.

Karl Valentin kommt mit dem Wagen, er schiebt ihn ganz langsam.

Liesl Karlstadt: Ja wo warst denn du so lang? Jetzt wennst noch länger ausblieben wärst, wärst noch später kommen. Und so an kleinen Wagen hast gebracht – da bring ma ja unsere Möbel gar net nauf.

Karl Valentin: Dann muß ma halt abermals fahren.

Liesl Karlstadt: Und schwitzen tut er – ja, wenn du mit dem leeren Wagen schon schwitzt – 150

Karl Valentin: Ja, weil der Karren so schwer zum Fahren ist.

Liesl Karlstadt: Ah – ein leerer Wagen kann doch net so schwer zum Fahren sein – den nimmt man einfach und schiebt ihn – – – Sie probiert es, bringt den Wagen aber nicht vom Platz. Ja, da gehn die Räder ja gar nicht rum, der is ja kaputt.

Karl Valentin: Nein – da. Er deutet mit dem Zeigefinger auf das Schloß.

Liesl Karlstadt: Ja, der ist ja abgesperrt!

Karl Valentin: Deshalb war er ja so schwer zum Fahren.

Liesl Karlstadt: Ja sag amal, bist du den ganzen Weg mit dem abgesperrten Wagn gfahrn?

Karl Valentin: Ja – darum war er ja so schwer zum Fahren.

Liesl Karlstadt: Da glaub ich schon, daß du so lang gebraucht hast – ja haben dir die Leute keinen Schlüssel mitgeben zum Aufsperren?

Karl Valentin: Natürlich hab ich an Schlüssel. Er zieht ihn aus der Westentasche.

Liesl Karlstadt: Da hat er an Schlüssel – ja, warum hast denn nicht aufgesperrt?

Karl Valentin: Der hat gsagt, der Wagen muß immer abgesperrt bleiben, weil er schon amal gestohlen worden ist.

Liesl Karlstadt: Aber unterm Fahrn kann dir doch niemand den Wagen stehlen. Sie sperrt das Schloß auf.

Karl Valentin: Sicher ist sicher!

Liesl Karlstadt: Zwar, dir könnt man ihn auch unterm Fahren stehlen, so langsam schaust du.

Karl Valentin steigt über beide Wagengriffe.

Liesl Karlstadt: Schau nicht lang – und zieh dich aus.

Karl Valentin: Ganz?

Liesl Karlstadt: Nein, mir wars gnua, dein Mantel und dein Hut sollst runter tun.

Karl Valentin brummt – legt den Hut vorne auf den Wagen, den Mantel hinten zwischen die zwei Griffe.

Liesl Karlstadt: Ja, da darfst jetzt nichts herlegen, da müssen wir doch Möbel rauf legen.

Karl Valentin nimmt den Mantel und hängt ihn an den linken Wagengriff. Der Mantel schleift auf der Erde. Er hebt den Wagen auf da rutscht vorne der Hut herunter. Er putzt den gleichfalls heruntergefallenen Mantel ab.

Liesl Karlstadt ruft: Was is denn?

Karl Valentin schaut zu ihr hin, haut sich sein Gesicht am Wagengriff an. Er geht vor, legt den Hut auf den schiefstehenden Wagen. Der Hut 151 rutscht immer herunter. Er hebt den Wagen auf und legt den Hut darauf. Dann geht er zu den Wagengriffen zurück. Als er seine Weste ausziehen will, bemerkt er, daß der Rock wieder auf dem Boden liegt. Er hebt die beiden Wagengriffe auf und balanciert damit.

Liesl Karlstadt: Wir haben doch was Wichtigeres zu tun – laß diese Kindereien, tu den Mantel weg.

Karl Valentin hält jetzt den Mantel in der Hand.

Liesl Karlstadt: Da hast an Kleiderbügel. Sie geht ab.

Karl Valentin hängt den Mantel auf den Bügel. Er weiß nicht wohin damit, sucht herum und hängt schließlich den Bügel mit dem Mantel auf einen hervorstehenden Pfannengriff. Die mit Geschirr vollbepackte, auf einem hohen Tisch stehende Pfanne fällt herunter.

Liesl Karlstadt kommt zurück: Ja natürlich, wenn man nur dich zu was brauchen könnte.

Beide legen Geschirr in die Pfanne.

Liesl Karlstadt stellt die Pfanne wieder an ihren Platz zurück. Karl Valentin bückt sich um seinen Mantel, stößt beim Aufstehen wieder an den Stiel der Pfanne, das Geschirr fällt wieder herunter. Liesl Karlstadt hebt alles wieder auf. Karl Valentin hat den Bügel mit dem Mantel in der Hand.

Liesl Karlstadt: Jetzt hat er den Mantel immer noch in der Hand – zieh ihn halt an.

Sie hilft ihm den Mantel anziehen – er hält den Bügel in der Hand, weiß nicht wohin damit und steckt ihn in die Manteltasche. Karl Valentin bringt einen Blumenstock.

Liesl Karlstadt: Nein, der kommt später dran!

Karl Valentin nimmt einen Stuhl und eine Schüssel mit Geschirr und geht damit zum Wagen.

Liesl Karlstadt: Warum trägst jetzt das Geschirr, du läßt ja doch wieder alles fallen, nimm doch eins nach dem andern.

Karl Valentin stellt alles zurück, nimmt den Nudelwalker. Als er ihn auf den Wagen legt, kugelt der Nudelwalker herunter, er wiederholt das dreimal.

Liesl Karlstadt: Das ist ja zum Kotzen mit dir – der muß ja runter rinnen, weil er rund ist.

Karl Valentin: Zum Umziehn bräucht man halt einen viereckigen Nudelwalker.

Liesl Karlstadt: Da legt man einfach was unter, dann bleibt er liegen. Sie haut ihn fest auf den Wagen.

Karl Valentin legt den Nudelwalker vorsichtig auf den Wagen, holt den Besteckkasten zum Unterlegen – aber der Nudelwalker ist inzwischen auf den Boden gefallen. Er hebt ihn auf. 152

Liesl Karlstadt: Mit so einem Glump fangt auch kein Mensch zum Aufladen an, mit so kleinen Dingen schon gleich gar nicht.

Karl Valentin: Es heißt aber: »Mit Kleinem fängt man an –«

Liesl Karlstadt: Aber nicht beim Umziehn. Da, nimm ein großes Bett-Teil – sie legt eines auf den Wagen.

Karl Valentin nimmt auch eines, schlägt damit hinter sich das Geschirr herunter und legt es dann auf den Wagen. Er schaut plötzlich genau hin – nimmt den Nudelwalker und schlägt eine Wanze tot: Vor de Wanzen hab ich an direkten Abscheu, die mag ich nicht amal streicheln!

Liesl Karlstadt holt die Flitspritze und spritzt, während er genau hinschaut: Geh weg! Sie spritzt ihm ins Gesicht.

Karl Valentin holt einen Puppenwagen und versucht ihn auf den Wagen zu stellen.

Liesl Karlstadt: Wie du nur immer das Verkehrteste erwischen kannst, der Wagen ist doch so klein, das Wägerl hat aber doch Räder, das braucht man doch nur an den Wagen anzuhängen, dann läuft es von selber.

Karl Valentin: Ja das ist wahr, das soll selber fahren, das ist alt genug. Er steht ganz nahe dabei.

Liesl Karlstadt: Geh weg, lauf mir nicht immer zwischen den Beinen rum, hol was anders. Sie hängt das Puppenwägerl an den Handwagen an. Schau, das ist praktisch – wenn wir dann wegfahren, läuft das Wägerl von selber mit –

Karl Valentin kommt mit einer Wanduhr, von der lange Gewichte herunterhängen, bleibt an der Wagerlschnur hängen, verwickelt sich mit Ketten, Fäustlingen, Taschenuhrkette und Kleiderbügel – schließlich bleibt er rückwärts am Haken hängen und reißt sich einen Triangel in die Hose.

Liesl Karlstadt: Du machst ja mehr kaputt, als deine ganze Arbeit wert ist. Sie beginnt ihn von seiner Umschnürung zu befreien.

Karl Valentin: So Sachen halten am meisten auf.

Liesl Karlstadt: Die Uhr legen wir gleich hier in das Wägerl, da ist sie am besten geschont.

Karl Valentin bringt den Blumenstock. Beide tragen eine Kommode zum Wagen, heben sie hoch und merken im gleichen Augenblick erst, daß an dieser Ecke gerade der Hut liegt.

Liesl Karlstadt: Jetzt liegt der saudumme Hut gerade da.

Karl Valentin will ihn mit den Händen wegnehmen, kann aber die Kommode nicht auslassen und versucht, ihn wegzublasen.

Liesl Karlstadt: Stell die Kommode runter. 153

Sie stellen die Kommode wieder auf den Boden.

Liesl Karlstadt: Mußt du den Hut gerade da herlegen, den kannst du doch woanders auch hintun.

Sie legt den Hut hinter zu dem linken Wagengriff, während er den inneren Kommodehaken aufmacht. Beide überlegen, wie man jetzt die Kommode nehmen soll, er macht eine krumme Armbewegung von vorne nach hinten, sie meint umgekehrt.

Liesl Karlstadt: Also, wie du willst, aber andersrum wäre es auch gescheiter gewesen.

Beide heben die Kommode auf halten sie zu weit nach vorne, die Schublade mit allem Inhalt fällt heraus. Eine Klosettpapierrolle rollt sich auf, Karl Valentin will sie aufnehmen, sie rollt aber immer mehr auf. Beide heben die Sachen auf, er wirft seine Handschuhe, die aber an einer Schnur um seinen Hals angehängt sind, immer wieder in die Schuhlade hinein und zieht sie immer wieder mit heraus. Er hebt eine Frauendusche auf, schaut sie lange an. Sie sieht sie, reißt sie ihm rasch aus der Hand und legt sie in die Schublade.

Karl Valentin hebt den Kleiderbügel vom Boden auf und fährt ihr damit unter den Rock. Dann nimmt er vom Boden einen Zettel auf, liest ihn und lehnt sich an die Kommode: Da schau her, jetzt ham ma 'n, fünf Jahr lang ham ma gsucht und jetzt ist er da – Geburtsurkunde 1783 Ururgroßmutter, katholisch – kann uns nichts mehr passieren.

Liesl Karlstadt: Na also – dann heb ihn nur gut auf.

Beide heben die Kommode wieder auf den Wagen, der nach unten kippen will.

Liesl Karlstadt: Wart, ich hol was zum Unterstellen – aber laß ja nicht aus!

Karl Valentin: An Blumenstock stell unter!

Liesl Karlstadt: Was nehm ich denn gleich? Und du hältst daweil 's Maul – ah, an Wagen. Das Nachtkästl stellen wir unter.

Sie holt es, geht vorn vorbei, verwickelt sich in die Wägerlschnur und reißt das Puppenwägerl um.

Liesl Karlstadt: Hilf mir doch, da geh her!

Karl Valentin kann die Kommode auf dem Wagen nicht loslassen. Liesl Karlstadt dreht sich um – der Nachttopf mit Inhalt fällt aus dem Nachtkästl.

Karl Valentin macht Grimassen, weil er sich geniert: Das ist eine solche KKathástrophé.

Liesl Karlstadt: Katastróphe heißt es.

Sie stellt das Nachtkästl auf den Boden und nimmt den Nachttopf. 154

Liesl Karlstadt: Ich bin ja heut zu gar nichts gekommen, mit lauter Einpacken.

Dabei stellt sie den Nachttopf ins Nachtkästl hinein und schiebt das Nachtkästl unter den Wagen.

Karl Valentin zwickt sich den Finger ein und schreit: Eventuell verbinden!

Liesl Karlstadt holt einen Wäschekorb, zieht ihn am Boden hinter sich und fordert Karl Valentin durch Gebärden auf ihr dabei zu helfen. Beide gehen im Bogen um die Wagerlschnur herum, wollen den Korb auf den Wagen heben, sehen aber, daß der Hut wieder dort liegt, wo sie den Korb hinstellen wollten. Er nimmt rasch den Hut weg und setzt ihn auf, dabei fällt aus dem Wäschekorb unten der Boden heraus. Sie jammert und legt die Wäsche wieder in den Korb.

Liesl Karlstadt: Die schöne Wäsch, habs so schön gewaschen und gebügelt.

Karl Valentin steigt in den Korb hinein.

Liesl Karlstadt: Gehst glei raus aus dem Korb!

Sie haut ihm die Fäustlinge auf den Kopf – er steigt wieder heraus, sucht seinen Hut, reißt alle Wäsche wieder heraus, um sie gleich darauf wieder in den Korb hineinzuwerfen, und findet dabei endlich seinen Hut. Dann heben beide den Korb auf den Wagen.

Karl Valentin bringt den Blumenstock, dann das Aquarium. Im Herbeigehen spritzt er immer Wasser heraus.

Liesl Karlstadt: Wer hat denn gesagt, daß du das alte Wasser mitnehmen sollst – wir haben doch schon ein Vierteljahr keine Goldfische mehr. Zum Andenken an unsere Fisch wirst du 's doch nicht mitnehmen wollen? Schütts doch weg!

Karl Valentin: Wenn ma aber wieder neue Fisch kriegn?

Liesl Karlstadt: Dann nehmen wir wieder a neus Wasser!

Karl Valentin: Oder des reinigen lassen!

Liesl Karlstadt: Schütt es doch weg!

Sie lädt alles Übrige auf den Wagen.

Karl Valentin schüttet das Wasser in einen Eimer.

Liesl Karlstadt: Ausgerechnet in den Eimer schütt ers nei, den müssen wir doch auch mitnehmen.

Karl Valentin: Das weiß ich doch nicht.

Er schüttet das Wasser in die danebenstehende Kanne.

Liesl Karlstadt: Aber ich bitt dich, nicht in die Kanne nein, die müssen wir doch auch mitnehmen.

Karl Valentin schüttet das Wasser aus der Kanne wieder ins Aquarium zurück. 155

Liesl Karlstadt: Jetzt schüttet ers wieder ins Aquarium. Bist denn du vollständig blödsinnig geworden?

Karl Valentin: Ich weiß ja nicht, wohin ich es schütten soll.

Liesl Karlstadt: Wo man halt a Wasser hinschütt – in Kanal hinein.

Karl Valentin: Wo ist denn ein Kanal?

Liesl Karlstadt: Jetzt findet er wieder keinen Kanal – dann saufst es aus!

Karl Valentin trinkt das Aquarium leer: Ex!

Er bringt wieder den Blumenstock.

Liesl Karlstadt: Nein, der kommt zuletzt. Weißt was, wir müssen das Ganze auch noch verschnüren, sonst könnt's sein, daß wir etwas verlieren. Hast einen Strick?

Karl Valentin nimmt einen Wollfaden, umwickelt alles, auch die Frau, die vor dem Korb steht: Ich weiß net, der Schnur traue ich net recht.

Liesl Karlstadt hat alles aufgeladen, aber den Helm am Boden liegen lassen. Karl Valentin hebt ihn auf, will ihn zuerst auf den Wagen legen, setzt ihn aber dann auf.

Liesl Karlstadt hat das Zuberwaschtischerl hinten verschwinden lassen und das Hirschgeweih in den Korb beim Bett gesteckt: Weißt, was mir abgeht, unser Keilpolstermatratze – wo is denn die hinkommen? Bei der Kommode ist sie doch vorher gelegen –

Karl Valentin: Da drüben ist sie.

Liesl Karlstadt: Ja wie kommt denn die da nüber – hast du sie da nübergschmissn?

Karl Valentin: Ich habs ja gar nicht angrührt.

Liesl Karlstadt: Von allein kann sie doch nicht da nüber laufen!

Karl Valentin: Die schon! Er legt sie auf den Wagen – dann geht er zu den Griffen. Noch unpraktischer hättst das Geweih wirklich nicht hinlegen können, da schau – direkt in d' Nasn stoß ich mirs nei. Er tut es weg und setzt es sich auf. Schau, wie a Bock!

Liesl Karlstadt: Bei dir hats sichs schon ausgebockelt!

Karl Valentin holt den Blumenstock.

Liesl Karlstadt schlägt ihm denselben auf den Kopf und schreit: Laß mir doch amal mit dem Blumenstock mei Ruah!

Karl Valentin taumelt daraufhin hin und her.

Liesl Karlstadt: Geh, sei net gar so empfindlich!

Karl Valentin steckt die Blume ins Knopfloch und schickt sich an, wegzufahren: Auweh, müss ma alles wieder runtertun – ich seh 156 ja nicht drüber – ich fahr ja ins Ungewisse – alles muaß wieder runter.

Liesl Karlstadt: Um Gotteswillen, ich bin froh, daß wir alles droben haben –

Karl Valentin: Ich seh doch kei Straßenbahn –

Er nimmt plötzlich das Hockerl vom Wagen und stellt sich darauf.

Karl Valentin: Jetzt – da – man muß nur denken können, jetzt seh ich alles.

Liesl Karlstadt: Ja – aber wie ist das unterm Fahrn?

Karl Valentin: Jaso – das ging schon, aber des geht nicht, die Wagengriff gehörn darauf – das ist auch nichts. Er steigt herunter.

Liesl Karlstadt: Du weißt dir schon gar nicht zu helfen, jetzt schaust so blöd aus und bist doch noch so saudumm. – Halt! – Wir müssen ja gar nicht so nüber fahrn, wir wohnen ja da drüben, wir müssen so nüber fahren, dann brauchst doch den Wagen nicht schieben, sondern ziehen.

Karl Valentin: Man sagt ja sowieso umziehen, nicht umschieben.

Liesl Karlstadt: Jetzt wirds Ernst – schau dirs Häusl nochamal an!

Karl Valentin: Ich kanns nicht mehr anschaun. Er weint.

Beide singen:
So leb denn wohl, du stilles Haus.
Wir ziehn betrübt von dir hinaus,
Wir wollten nicht, doch muß es sein,
Denn morgen reißt man dich schon ein.
Wir wollten nicht, doch muß es sein,
Denn morgen reißt man dich schon ein.

Liesl Karlstadt singt einige Male allein:
Wir wollten nicht, doch muß es sein –

Karl Valentin hört ihr zu, geht um sie herum und schlägt ihr die Fäustlinge auf den Kopf: Hör auf, so oft reißen sies nicht ein.

Liesl Karlstadt: Also, ich nimm das kleine Wagerl und fahr voraus und du brauchst bloß hinten nachfahren, dann findest schon hin! Sie fährt weg.

Karl Valentin hebt den Wagen bei den Griffen auf und gleich fällt hinten alles herunter. Man hört ein ungeheures Getöse. Er steht entgeistert da. Liesl Karlstadt kommt weinend wieder herein. Er will sie kniend um Verzeihung bitten, aber sie haut ihm den Haussegen auf den Kopf, daß er den Rahmen auf den Schultern hat. Karl Valentin nimmt ihn von da weg und schaut sich selber wie ein Bild an. 157

Liesl Karlstadt: Wenn man nur dir was tun läßt! Sie weint. Die schöne Einrichtung! Sie setzt sich erschöpft auf den Wäschekorb und fällt hinein, daß ihre Füße in die Höhe stehen.

Karl Valentin legt den Helm auf das Nachtkästl und stützt sich mit flacher Hand auf die Helmspitze. Er schreit auf: Au!

Liesl Karlstadt sitzt am Korb und jammert: Des Unglück! Des Unglück!

Karl Valentin: Das ist kein Unglück, das ist ein Glück.

Liesl Karlstadt: Wieso is des a Glück?

Karl Valentin: Weil, wenn net alles nunter gefallen wär, hätten wir unser Nachtkästl vergessen.

Liesl Karlstadt: Stimmt, da hab ich gar nicht mehr daran gedacht. Ja, das Jammern hat überhaupt keinen Wert, da müssen wir halt jetzt von vorn anfangen. Wo ist denn der Wagen?

Karl Valentin zieht den Wagen heran.

Liesl Karlstadt: Also beeil dich – zieh dich aus –

Karl Valentin: Ganz?

Liesl Karlstadt: Nein, den Mantel und dein Hut sollst runter tun.

Karl Valentin legt den Hut auf den Wagen und dazu den Mantel.

Liesl Karlstadt: Ja, da darfst nichts nauflegen, da kommen doch die Möbel nauf.

Karl Valentin hängt den Mantel an den linken Wagengriff, hebt dann den Wagen auf und putzt den heruntergefallenen Mantel ab.

Liesl Karlstadt: Was is denn?

Karl Valentin haut sich das Gesicht am Wagengriff an und der ganze Umzug geht nun wieder von vorne an. Damit das Publikum nicht zweimal dasselbe sieht, wird hier langsam abgeblendet. Es fällt der Vorhang.

 


 

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