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Die Raubritter vor München

Karl Valentin: Die Raubritter vor München - Kapitel 12
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Raubritter vor München
authorKarl Valentin
year1974
firstpub1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-00165-8
titleDie Raubritter vor München
pages164
created20181211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Gespräch am Springbrunnen

A steht am Sendlingertorplatz in München und betrachtet sich den Springbrunnen und meint zu einem neben ihm stehenden Herrn: So ein Springbrunnen ist doch etwas Herrliches.

B: Wenn er springt, is er sehr schön.

A: Was heißt springt, wenn er net springen würde, wär's ja kein Springbrunnen.

B: Was wär's dann für ein Brunnen?

A: Dann wär es keiner.

B: Gar keiner?

A: Nein! Gar keiner nicht, es wäre halt dann ein Brunnen, der nicht springt.

B: Aber da is er schon.

A: Freilich is er da.

B: Aber sehn tut mer ihn nicht.

A: Wenn er nicht springt – nicht.

B: Hören tut mer ihn auch nicht.

A: Wenn er springt schon, dann rauscht das Wasser.

B: Rauschen tut er, und springen zu gleicher Zeit.

A: Der Springbrunnen rauscht nicht, nur das Wasser.

B: Ohne Springbrunnen?

A: Nein, mit Springbrunnen.

B: Kann man so einen Springbrunnen kaufen?

A: Nein.

B: Woher hat dann unsere Stadtverwaltung den Springbrunnen?

A: Der wurde gestiftet.

B: Springend?

A: Nein – da mußte zuerst das Wasserbassin betoniert werden, dann wurden die Rohre gelegt und die Blumenanlagen und dann wurde ein Geländer herum gemacht.

B: Und dann?

A: War er fertig.

B: Aber gesehen hat man ihn noch nicht.

A: Wen?

B: Den Springbrunnen selbst.

A: Nein, erst als er aufgedreht wurde, dann ist der Wasserstrahl in die Höhe gesprungen.

B: Vor Freude? 145

A: Na – das ist doch ein Naturgesetz, wenn man einen Wasserhahn aufdreht, springt das Wasser immer in die Höhe.

B: Immer nicht, in unserer Küche zu Hause, wenn man den Wasserhahn aufdreht, springt das Wasser hinunter.

A: Eine Küche und der Sendlingertorplatz ist auch zweierlei.

B: Aber nützlich ist ein Springbrunnen nicht.

A: Nutzen hat er keinen.

B: Warum baut man dann Springbrunnen?

A: Nur zur Zierde, – zum Anschauen.

B: Für wen?

A: Für die Bewohner unserer Stadt.

B: Wie lange existiert der Springbrunnen schon?

A: Ich glaube seit 1860, also fast hundert Jahre lang.

B: Nun, dann müssen ihn doch alle Münchner schon gesehen haben.

A: Das ist Geschmackssache, was Schönes kann man sich zwei- und dreimal ansehen.

B: Zwei- bis dreimal schon, aber so alte Münchner oder gar die, die am Sendlingertorplatz wohnen, müssen sich doch schon an dem Springbrunnen satt gesehen haben.

A: Für die Münchner allein is er auch nicht gemacht worden, sondern hauptsächlich für die Fremden.

B: Nein, das stimmt nicht, die Fremden kommen nicht wegen dem Wasser, sondern wegen dem Bier zu uns nach München.

A: Das stimmt.

B: Mich hat noch nie ein Fremder gefragt: »Sagn's Sie mal, wo kann man hier einen Springbrunnen sehen?« – Alle haben mich gefragt: »Wo ist hier das Hofbräu?«

A: Natürlich kommt kein Mensch wegen dem Wasser nach München und keiner wird aus dem Springbrunnenbassin Wasser saufen wollen.

B: Warum haben's dann einen eisernen Zaun drumrum gemacht?

A: Daß man nicht naß wird, wenn man zu nahe an den Springbrunnen hingehen würde.

B: Aber im Winter?

A: Im Winter? Da springt er ja nicht.

B: Wenn aber ein Fremder im Winter den Springbrunnen sehen will?

A: Das kann er nicht, da muß er schon warten, bis es wieder Sommer wird.

B: Muß er dann so lang in München bleiben? 146

A: Nein, der fahrt wieder und soll im Sommer wiederkommen.

B: Wenn er aber nicht mehr kommt?

A: Dann sieht er ihn nicht.

B: Da hat's der Münchner leichter, der sieht ihn immer.

A: Im Winter auch nicht.

B: Warum springt er nicht im Winter?

A: Da tät der Springbrunnen einfrieren.

B: Das ist nicht wahr, laufendes Wasser friert nie ein.

A: Da haben Sie recht, das hat mir auch einmal ein Installateur gesagt, das wissen vielleicht die Herren Stadträte gar nicht.

B: Das muß man den Stadträten sagen, die sind einem vielleicht dafür dankbar, dann könnte man sich doch die Arbeit mit dem Zudrehen ersparen.

A: Gewiß, hieraus sieht man, daß der Laie auch manchmal eine gute Idee haben kann.

B: Nur eines ist mir nicht klar: der Springbrunnen springt in die Höhe, dann fällt das Wasser wieder herunter und sammelt sich in dem Wasserbecken und läuft dann zum Ablaufrohr wieder hinaus.

A: Ganz klar, der Ablauf ist wichtiger als der Springbrunnen selbst, denn wenn da kein Ablauf wäre und das Wasser hätte seit dem Jahre 1860 nicht ablaufen können, da wäre vielleicht heute ganz München – ganz Bayern – ganz Deutschland – vielleicht ganz Europa überschwemmt, – was wäre das für eine gewaltige Katastrophe, wenn einer aus Mutwillen das Ablaufrohr verstopfen würde?

B:. . . Ah!!! . . . jetzt weiß ich, warum daß man um diesen Springbrunnen ein Geländer gemacht hat. 147

 


 

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