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Die Räuber

Friedrich Schiller: Die Räuber - Kapitel 25
Quellenangabe
typedrama
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, Erster Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Räuber
pages287
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1781
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Zweite Scene.

Der Schauplatz wie in der letzten Scene des vorigen Akts.

Der alte Moor auf einem Stein sitzend. Räuber Moor gegenüber. Räuber hin und her im Wald.

R. Moor. Er kommt noch nicht? (Schlägt mit dem Dolch auf einen Stein, daß es Funken gibt.)

D. a. Moor. Verzeihung sei seine Strafe – meine Rache verdoppelte Liebe.

R. Moor. Nein, bei meiner grimmigen Seele! Das soll nicht sein. Ich will's nicht haben. Die große Schandthat soll er mit sich in die Ewigkeit hinüberschleppen! – Wofür hab' ich ihn dann umgebracht?

D. a. Moor (in Thränen ausbrechend). O mein Kind!

R. Moor. Was? – du weinst um ihn? – an diesem Thurme?

D. a. Moor. Erbarmung! o Erbarmung! (Heftig die Hände ringend.) Jetzt – jetzt wird mein Kind gerichtet!

R. Moor (erschrocken). Welches?

D. a. Moor. Ha! was ist das für eine Frage?

R. Moor. Nichts! nichts!

D. a. Moor. Bist du kommen, Hohngelächter anzustimmen über meinen Jammer?

R. Moor. Verrätherisches Gewissen! – Merket nicht auf meine Rede.

D. a. Moor. Ja, ich hab' einen Sohn gequält, und ein Sohn mußte mich wieder quälen, das ist Gottes Finger – O mein Karl! mein Karl! wenn du um mich schwebst im Gewand des Friedens! Vergib mir! oh vergib mir!

R. Moor (schnell). Er vergibt Euch. (Betroffen.) Wenn er's werth ist, Euer Sohn zu heißen – er muß Euch vergeben.

D. a. Moor. Ha! Er war zu herrlich für mich – Aber ich will ihm entgegen mit meinen Thränen, meinen schlaflosen Nächten, meinen quälenden Träumen, seine Kniee will ich umfassen – rufen – laut rufen: Ich hab' gesündigt im Himmel und vor dir. Ich bin nicht werth, daß du mich Vater nennst.

R. Moor (sehr gerührt). Er war Euch lieb, Euer andrer Sohn?

D. a. Moor. Du weißt es, o Himmel! Warum ließ ich mich doch durch die Ränke eines bösen Sohnes bethören? Ein gepriesener Vater ging ich einher unter den Vätern der Menschen. Schön um mich blühten meine Kinder voll Hoffnung. Aber – o der unglückseligen Stunde! – der böse Geist fuhr in das Herz meines zweiten: ich traute der Schlange – verloren meine Kinder beide. (Verhüllt sich das Gesicht.)

R. Moor (geht weit von ihm weg). Ewig verloren!

D. a. Moor. Oh, ich fühl' es tief, was mir Amalia sagte, der Geist der Rache sprach aus ihrem Munde: Vergebens ausstrecken deine sterbenden Hände wirst du nach einem Sohn, vergebens wähnen zu umfassen die warme Hand deines Karls, der nimmermehr an deinem Bette steht –

R. Moor (reicht ihm die Hand mit abgewandtem Gesicht).

D. a. Moor. Wärst du meines Karls Hand! – Aber er liegt fern im engen Hause, schläft schon den eisernen Schlaf, höret nimmer die Stimme meines Jammers – Weh mir! Sterben in den Armen eines Fremdlings – Kein Sohn mehr – Kein Sohn mehr, der mir die Augen zudrücken könnte –

R. Moor (in der heftigsten Bewegung). Jetzt muß es sein – jetzt – Verlaßt mich (zu den Räubern). Und doch – kann ich ihm denn seinen Sohn wieder schenken? Ich kann ihm seinen Sohn doch nicht mehr schenken – Nein! ich will's nicht thun.

D. a. Moor. Wie, Freund? Was hast du da gemurmelt?

R. Moor. Dein Sohn – ja, alter Mann – (stammelnd) dein Sohn – ist – ewig verloren.

D. a. Moor (in der fürchterlichsten Beklemmung gen Himmel sehend). O nur diesmal! – laß meine Seele nicht matt werden – nur diesmal halte mich aufrecht!

D. a. Moor. Ewig, sagst du?

R. Moor. Frage nichts weiter! Ewig, sagt' ich.

D. a. Moor. Fremdling! Fremdling! Warum zogst du mich aus dem Thurme?

R. Moor. Und wie? – wenn ich jetzt seinen Sohn weghaschte – haschte, wie ein Dieb, und mich davon schlich' mit der göttlichen Beute? – Vatersegen, sagt man, geht niemals verloren.

D. a. Moor. Auch mein Franz verloren? –

R. Moor (stürzt vor ihm nieder). Ich zerbrach die Riegel deines Thurms – Gib mir deinen Segen!

D. a. Moor (mit Schmerz). Daß du den Sohn vertilgen mußtest, Retter des Vaters! – Siehe, die Gottheit ermüdet nicht im Erbarmen, und wir armseligen Würmer gehen schlafen mit unserm Groll. (Legt seine Hand auf des Räubers Haupt.) Sei so glücklich, als du dich erbarmest.

R. Moor (weichmüthig aufstehend). O – wo ist meine Mannheit? Meine Sehnen werden schlapp, der Dolch sinkt aus meinen Händen.

D. a. Moor. Wie köstlich ist's, wenn Brüder einträchtig beisammen wohnen, wie der Thau, der vom Hermon fällt auf die Berge Zion – Lern diese Wollust verdienen, junger Mann, und die Engel des Himmels werden sich sonnen in deiner Glorie. Deine Weisheit sei die Weisheit der grauen Haare, aber dein Herz – dein Herz sei das Herz der unschuldigen Kindheit.

R. Moor. O einen Vorgeschmack dieser Wollust. Küsse mich, göttlicher Greis!

D. a. Moor (küßt ihn). Denk', es sei Vaterskuß! so will ich denken, ich küsse meinen Sohn – Du kannst auch weinen?

R. Moor. Ich dacht', es sei Vaterskuß! – Weh mir, wenn sie ihn jetzt brächten!

Schweizers Gefährten treten auf im stummen Trauerzug mit gesenkten Häuptern und verhüllten Gesichtern.

R. Moor. Himmel! (Tritt scheu zurück und sucht sich zu verbergen. Sie ziehen an ihm vorüber. Er sieht weg von ihnen. Tiefe Pause. Sie halten.)

Grimm (mit gesenktem Ton). Mein Hauptmann! (Räuber Moor antwortet nicht und tritt weiter zurück.)

Schwarz. Theurer Hauptmann! (Räuber Moor weicht weiter zurück.)

Grimm. Wir sind unschuldig, mein Hauptmann.

R. Moor (ohne nach ihnen zu blicken). Wer seid ihr?

Grimm. Du blickst uns nicht an? Deine Getreuen.

R. Moor. Weh euch, wenn ihr mir getreu wart!

Grimm. Das letzte Lebewohl von deinem Knecht Schweizer – er kehrt nie wieder, dein Knecht Schweizer.

R. Moor (aufspringend). So habt ihr ihn nicht gefunden?

Schwarz. Todt gefunden.

R. Moor (froh emporhüpfend). Habe Dank, Lenker der Dinge! – Umarmet mich, meine Kinder! – Erbarmung sei von nun an die Losung – Nun wär' auch das überstanden – Alles überstanden.

Neue Räuber. Amalia.

Räuber. Heisa, heisa! Ein Fang, ein superber Fang!

Amalia (mit fliegenden Haaren). Die Todten, schreien sie, seinen erstanden auf seine Stimme – mein Oheim lebendig – in diesem Wald – Wo ist er? Karl! Oheim! – Ha! (Stürzt auf den Alten zu.)

D. a. Moor. Amalia! Meine Tochter! Amalia! (Hält sie in seinen Armen gepreßt.)

R. Moor (zurückspringend). Wer bringt dies Bild vor meine Augen?

Amalia (entspringt dem Alten, springt auf den Räuber zu und umschlingt ihn entzückt). Ich hab' ihn, o ihr Sterne! Ich hab' ihn! –

R. Moor (sich losreißend, zu den Räubern). Brecht auf, ihr! Der Erzfeind hat mich verrathen!

Amalia. Bräutigam, Bräutigam, du rasest! Ha! Vor Entzückung! Warum bin ich auch so fühllos, mitten im Wonnewirbel so kalt?

D. a. Moor (sich aufraffend). Bräutigam! Tochter! Tochter! Ein Bräutigam?

Amalia. Ewig sein! Ewig, ewig, ewig mein! – Oh ihr Mächte des Himmels! Entlastet mich dieser tödtlichen Wollust, daß ich nicht unter der Bürde vergehe!

R. Moor. Reißt sie von meinem Halse! Tödtet sie! Tödtet ihn! mich! euch! Alles! Die ganze Welt geh zu Grunde! (Er will davon.)

Amalia. Wohin? was? Liebe – Ewigkeit! Wonn' – Unendlichkeit! und du fliehst?

R. Moor. Weg, weg! – Unglückseligste der Bräute! – Schau selbst, frage selbst, höre! – Unglückseligster der Väter! Laß mich immer ewig davon rennen!

Amalia. Haltet mich! Um Gotteswillen, haltet mich! – es wird mir so Nacht vor den Augen – Er flieht!

R. Moor. Zu spät! Vergebens! Dein Fluch, Vater! – frage mich nichts mehr! – ich bin, ich habe, – dein Fluch – dein vermeinter Fluch! – Wer hat mich hergelockt? (Mit gezogenem Degen auf die Räuber losgehend.) Wer von euch hat mich hiehergelockt, ihr Creaturen des Abgrunds? So vergeh denn, Amalia! – Stirb, Vater! Stirb durch mich zum dritten Mal! – Diese deine Retter sind Räuber und Mörder! Dein Karl ist ihr Hauptmann. (Der alte Moor gibt seinen Geist auf.)

Amalia (steht stumm und starr wie eine Bildsäule. Die ganze Bande in fürchterlicher Pause).

R. Moor (wider eine Eiche rennend). Die Seelen derer, die ich erdrosselte im Taumel der Liebe – Derer, die ich zerschmetterte im heiligen Schlaf, Derer, – hahaha! Hört ihr den Pulverthurm knallen über der Kreißenden Stühlen? Seht ihr die Flammen schlagen an den Wiegen der Säuglinge? Das ist Brautfackel, das ist Hochzeitmusik – oh, er vergißt nicht, er weiß zu knüpfen – darum von mir die Wonne der Liebe! darum mir zur Folter die Liebe! das ist Vergeltung!

Amalia. Es ist wahr! Herrscher im Himmel! Es ist wahr! – Was hab' ich gethan, ich unschuldiges Lamm? Ich hab' Diesen geliebt!

R. Moor. Das ist mehr, als ein Mann erduldet. Hab' ich doch den Tod aus mehr denn tausend Röhren auf mich zupfeifen gehört und bin ihm keinen Fußbreit gewichen, woll ich jetzt erst lernen beben wie ein Weib? – Nein, ein Weib erschüttert meine Mannheit nicht – Blut, Blut! Es ist nur ein Anstoß vom Weibe – Blut muß ich saufen, es wird vorübergehen. (Er will davon fliehn.)

Amalia (fällt ihm in die Arme). Mörder! Teufel! Ich kann dich Engel nicht lassen.

R. Moor (schleudert sie von sich). Fort, falsche Schlange, du willst einen Rasenden höhnen, aber ich poche dem Tyrannen Verhängniß – Was, du weinst? O, ihr losen, boshaften Gestirne! Sie thut, als ob sie weine, als ob um mich eine Seele weine! (Amalia fällt ihm um den Hals.) Ha, was ist das? Sie speit mich nicht an, stößt mich nicht von sich – Amalia! hast du vergessen? Weißt du auch, wen du umarmest, Amalia?

Amalia. Einziger, Unzertrennlicher!

R. Moor (aufblühend, in ekstatischer Wonne). Sie vergibt mir, sie liebt mich! Rein bin ich, wie der Äther des Himmels, sie liebt mich! – Weinenden Dank dir, Erbarmer im Himmel! (Er fällt auf die Kniee und weint heftig.) Der Friede meiner Seele ist wiedergekommen, die Qual hat ausgetobt, die Hölle ist nicht mehr – Sieh, o sieh, die Kinder des Lichts weinen am Hals der weinenden Teufel – (Aufstehend, zu den Räubern.) So weinet doch auch! Weinet, weinet, ihr seid ja so glücklich – O Amalia! Amalia! Amalia! (Er hängt an ihrem Mund, sie bleiben in stummer Umarmung.)

Ein Räuber (grimmig hervortretend). Halt ein, Verräther! – Gleich laß diesen Arm fahren – oder ich will dir ein Wort sagen, daß dir die Ohren quellen und deine Zähne vor Entsetzen klappern! (Streckt das Schwert zwischen Beide.)

Ein alter Räuber. Denk' an die böhmischen Wälder! Hörst du? zagst du? – an die böhmischen Wälder sollst du denken! Treuloser, wo sind deine Schwüre? Vergißt man Wunden so bald? Da wir Glück, Ehre und Leben in die Schanzen schlugen für dich, da wir standen wie Mauern, auffingen wie Schilder die Hiebe, die einem Leben galten, – hubst du da nicht deine Hand zum eisernen Eid auf, schwurst, uns nie zu verlassen, wie wir dich nicht verlassen haben? – Ehrloser! Treuvergessener! und du willst abfallen, wenn eine Metze greint?

Ein dritter Räuber. Pfui über den Meineid! Der Geist des geopferten Rollers, den du zum Zeugen aus dem Todtenreich zwangest, wird erröthen über deine Feigheit und gewaffnet aus seinem Grab steigen, dich zu züchtigen.

Die Räuber (durcheinander, reißen ihre Kleider auf). Schau her, schau! Kennst du diese Narben? Du bist unser! mit unserem Herzblut haben wir dich zum Leibeigenen angekauft, unser bist du, und wenn der Erzengel Michael mit dem Moloch ins Handgemenge kommen sollte! – Marsch mit uns! Opfer um Opfer! Amalia für die Bande!

R. Moor (läßt ihre Hand fahren). Es ist aus! – Ich wollte umkehren und zu meinem Vater gehn, aber der im Himmel sprach, es soll nicht sein. (Kalt.) Blöder Thor ich, warum wollt' ich es auch? Kann denn ein großer Sünder noch umkehren? Ein großer Sünder kann nimmermehr umkehren, das hätt' ich längst wissen können – Sei ruhig, ich bitte dich, sei ruhig! so ist's ja auch recht – Ich habe nicht gewollt, da er mich suchte; jetzt, da ich Ihn suche, will Er nicht; was ist billiger? – Rolle doch deine Augen nicht so – Er bedarf ja meiner nicht. Hat er nicht Geschöpfe die Fülle? Einen kann er so leicht missen, und dieser Eine bin nun ich. – Kommt, Kameraden!

Amalia (reißt ihn zurück). Halt, halt! Einen Stoß! einen Todesstoß! Neu verlassen! Zeuch dein Schwert und erbarme dich!

R. Moor. Das Erbarmen ist zu den Bären geflohen, – ich tödte dich nicht!

Amalia (seine Kniee umfassend). O, um Gottes willen, um aller Erbarmungen willen! Ich will ja nicht Liebe mehr, weiß ja wohl, daß droben unsere Sterne feindlich von einander fliehen – Tod ist meine Bitte nur. – Verlassen, verlassen! Nimm es ganz in seiner entsetzlichen Fülle, verlassen! Ich kann's nicht überdulden. Du siehst ja, das kann kein Weib überdulden. Tod ist meine Bitte nur! Sieh, meine Hand zittert! Ich habe das Herz nicht, zu stoßen. Mir bangt vor der blitzenden Schneide – dir ist's ja so leicht, so leicht, bist ja Meister im Morden, zeuch dein Schwert, und ich bin glücklich!

R. Moor. Willst du allein glücklich sein? Fort, ich tödte kein Weib!

Amalia. Ha, Würger! du kannst nur die Glücklichen tödten, die Lebenssatten gehst du vorüber. (Kriecht zu den Räubern.) So erbarmet euch meiner, ihr Schüler des Henkers! – Es ist ein so blutdürstiges Mitleid in euren Blicken, das dem Elenden Trost ist – euer Meister ist ein eitler, feigherziger Prahler.

R. Moor. Weib, was sagst du? (Die Räuber wenden sich ab.)

Amalia. Kein Freund? Auch unter diesen nicht ein Freund? (Sie steht auf.) Nun denn, so lehre mich Dido sterben! (Sie will gehen, ein Räuber zielt.)

R. Moor. Halt! Wag' es – Moors Geliebte soll nur durch Moor sterben! (Er ermordet sie.)

Die Räuber. Hauptmann! Hauptmann! Was machst du? Bist du wahnsinnig geworden?

R. Moor (auf den Leichnam mit starrem Blick). Sie ist getroffen! Dies Zucken noch, und dann wird's vorbei sein – Nun, seht doch! Habt ihr noch was zu fordern? Ihr opfertet mir ein Leben auf, ein Leben, das schon nicht mehr euer war, ein Leben voll Abscheulichkeit und Schande – Ich hab' euch einen Engel geschlachtet. Wie, seht doch recht her! Seid ihr nunmehr zufrieden?

Grimm. Du hast deine Schuld mit Wucher bezahlt. Du hast gethan, was kein Mann würde für seine Ehre thun. Komm jetzt weiter!

R. Moor. Sagst du das? Nicht wahr, das Leben einer Heiligen um das Leben der Schelmen, es ist ungleicher Tausch? – O ich sage euch, wenn Jeder unter euch aufs Blutgerüste ging' und sich ein Stück Fleisch nach dem andern mit glühenden Zangen abzwicken ließ', daß die Marter eilf Sommertäge dauerte, es wöge diese Thränen nicht auf. (Mit bitterem Gelächter.) Die Narben, die böhmischen Wälder! Ja! ja, dies mußte freilich bezahlt werden.

Schwarz. Sei ruhig, Hauptmann! Komm mit uns, der Anblick ist nicht für dich. Führe uns weiter.

R. Moor. Halt – noch ein Wort, eh wir weiter gehn – Merket auf, ihr schadenfrohen Schergen meines barbarischen Winks – Ich höre von diesem Nun an auf, euer Hauptmann zu sein – Mit Scham und Grauen leg' ich hier diesen blutigen Stab nieder, worunter zu freveln ihr euch berechtigt wähntet und mit Werken der Finsterniß dies himmlische Licht zu besudeln – Gehet hin zur Rechten und Linken – Wir wollen ewig niemals gemeine Sache machen.

Räuber. Ha, Muthloser! wo sind deine hochfliegenden Plane? Sind's Seifenblasen gewesen, die beim Hauch eines Weibes zerplatzen?

R. Moor. O über mich Narren, der ich wähnete, die Welt durch Gräuel zu verschönern und die Gesetze durch Gesetzlosigkeit aufrecht zu halten! Ich nannte es Rache und Recht – Ich maßte mich an, o Vorsicht, die Scharten deines Schwerts auszuwetzen und deine Parteilichkeit gut zu machen – aber – o eitle Kinderei – da steh' ich am Rand eines entsetzlichen Lebens und erfahre nun mit Zähnklappern und Heulen, daß zwei Menschen, wie ich, den ganzen Bau der sittlichen Welt zu Grund richten würden. Gnade – Gnade dem Knaben, der Dir vorgreifen wollte – Dein eigen allein ist die Rache. Du bedarfst nicht des Menschen Hand. Freilich steht's nun in meiner Macht nicht mehr, die Vergangenheit einzuholen – Schon bleibt verdorben, was verdorben ist – was ich gestürzt habe, steht ewig niemals mehr auf – Aber noch blieb mir etwas übrig, womit ich die beleidigten Gesetze versöhnen und die mißhandelte Ordnung wiederum heilen kann. Sie bedarf eines Opfers – eines Opfers, das ihr unverletzbare Majestät vor der ganzen Menschheit entfaltet – diese Opfer bin ich selbst. Ich selbst muß für sie des Todes sterben.

Räuber. Nehmt ihm den Degen weg – er will sich umbringen.

R. Moor. Thoren ihr! zu ewiger Blindheit verdammt! Meinet ihr wohl gar: eine Todtsünde werde das Äquivalent gegen Todsünden sein? Meinet ihr, die Harmonie der Welt werde durch diesen gottlosen Mißlaut gewinnen? (Wirft ihnen seine Waffen verächtlich vor die Füße.) Er soll mich lebendig haben. Ich geh', mich selbst in die Hände der Justiz zu überliefern.

Räuber. Legt ihn in Ketten! Er ist rasend worden.

R. Moor. Nicht, als ob ich zweifelte, sie werde mich zeitig genug finden, wenn die obern Mächte es so wollen. Aber sie möchte mich im Schlaf überrumpeln, oder auf der Flucht ereilen, oder mit Zwang und Schwert umarmen; und dann wäre mir auch das einige Verdienst entwischt, daß ich mit Willen für sie gestorben bin. Was soll ich, gleich einem Diebe, ein Leben länger verheimlichen, das mir schon lang im Rath der himmlischen Wächter genommen ist?

Räuber. Laßt ihn hinfahren! Es ist die Großmannsucht. Er will sein Leben an eitle Bewunderung setzen.

R. Moor. Man könnte mich darum bewundern. (Nach einigem Nachsinnen.) Ich erinnere mich, einen armen Schelm gesprochen zu haben, als ich herüberkam, der im Taglohn arbeitet und eilf lebendige Kinder hat – Man hat tausend Louisd'ore geboten, wer den großen Räuber lebendig liefert. Dem Mann kann geholfen werden. (Er geht ab.)

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