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Die Räuber

Friedrich Schiller: Die Räuber - Kapitel 24
Quellenangabe
typedrama
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, Erster Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Räuber
pages287
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1781
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Pastor Moser tritt auf.

Moser. Ihr ließt mich holen, gnädiger Herr. Ich erstaune. Das erstemal in meinem Leben! Habt Ihr im Sinn, über die Religion zu spotten, oder fangt Ihr an, vor ihr zu zittern?

Franz. Spotten oder zittern, je nachdem du mir antwortest. – Höre, Moser, ich will dir zeigen, daß du ein Narr bist, oder die Welt fürn Narren halten willst, und du sollst mir antworten. Hörst du? Auf dein Leben sollst du mir antworten.

Moser. Ihr fordert einen Höheren vor Euren Richterstuhl. Der Höhere wird Euch dermaleins antworten.

Franz. Jetzt will ich's wissen, jetzt diesen Augenblick, damit ich nicht die schändliche Thorheit begehe und im Drange der Noth den Götzen des Pöbels anrufe. Ich hab's dir oft mit Hohnlachen beim Burgunder zugesoffen: Es ist kein Gott! – Jetzt red' ich im Ernste mir dir, ich sage dir: Es ist keiner! Du sollst mich mit allen Waffen widerlegen, die du in deiner Gewalt hast, aber ich blase sie weg mit dem Hauch meines Mundes.

Moser. Wenn du auch eben so leicht den Donner wegblasen könntest, der mit zehntausendfachem Centnergewicht auf deine stolze Seele fallen wird! Dieser allwissende Gott, den du Thor und Bösewicht mitten aus seiner Schöpfung zernichtest, braucht sich nicht durch den Mund des Staubes zu rechtfertigen. Er ist eben so groß in deinen Tyranneien, als irgend in einem Lächeln der siegenden Tugend.

Franz. Ungemein gut, Pfaffe! So gefällst du mir.

Moser. Ich stehe hier in den Angelegenheiten eines größeren Herrn und rede mit einem, der ein Wurm ist, wie ich, dem ich nicht gefallen will. Freilich müßt' ich Wunder thun können, wenn ich deiner halsstarrigen Bosheit das Geständniß abzwingen könnte; – aber wenn deine Überzeugung so fest ist, warum ließest du mich rufen? Sage mir doch, warum ließest du mich in der Mitternacht rufen?

Franz. Weil ich lange Weile hab' und eben am Schachbrett keinen Geschmack finde. Ich will mir einen Spaß machen, mich mit Pfaffen herumzubeißen. Mit dem leeren Schrecken wirst du meinen Muth nicht entmannen. Ich weiß wohl, daß Derjenige auf Ewigkeit hofft, der hier zu kurz gekommen ist; aber er wird garstig betrogen. Ich hab's immer gelesen, daß unser Wesen nichts ist, als Sprung des Geblüts, und mit dem letzten Blutstropfen zerrinnt auch Geist und Gedanke. Er macht alle Schwachheiten des Körpers mit, wird er nicht auch aufhören bei seiner Zerstörung? nicht bei seiner Fäulung verdampfen? Laß einen Wassertropfen in deinem Gehirne verirren, und dein Leben macht eine plötzliche Pause, die zunächst an das Nichtsein grenzt, und ihre Fortdauer ist der Tod. Empfindung ist Schwingung einiger Saiten, und das zerschlagene Clavier tönet nicht mehr. Wenn ich meine sieben Schlösser schleifen lasse, wenn ich diese Venus zerschlage, so ist's Symmetrie und Schönheit gewesen. Siehe da! Das ist eure unsterbliche Seele!

Moser. Das ist die Philosophie Eurer Verzweiflung. Aber Euer eigenes Herz, das bei diesen Beweisen ängstlich bebend wider Eure Rippen schlägt, straft Euch Lügen. Diese Spinnweben von Systemen zerreißt das einzige Wort: Du mußt sterben! – Ich fordere Euch auf, das soll die Probe sein, wenn Ihr im Tode annoch feste steht, wenn Euch Eure Grundsätze auch da nicht im Stiche lassen, so sollt Ihr gewonnen haben; wenn Euch im Tode nur der mindeste Schauer anwandelt, weh Euch dann! Ihr habt Euch betrogen.

Franz (verwirrt). Wenn mich im Tode ein Schauer anwandelt?

Moser. Ich habe wohl mehr solche Elende gesehn, die bis hieher der Wahrheit Riesentrotz boten; aber im Tode selbst flattert die Täuschung dahin. Ich will an Eurem Bette stehn, wenn Ihr sterbet – ich möchte so gar gern einen Tyrannen sehen dahinfahren – ich will dabei stehn und Euch starr ins Auge fassen, wenn der Arzt Eure kalte nasse Hand ergreift und den verloren schleichenden Puls kaum mehr finden kann und aufschaut und mit jenem schrecklichen Achselzucken zu Euch spricht: Menschliche Hilfe ist umsonst! Hütet Euch dann, o hütet Euch ja, daß Ihr da nicht ausseht wie Richard und Nero!

Franz. Nein, nein!

Moser. Auch dieses Nein wird dann zu einem heulenden Ja. – Ein inneres Tribunal, das Ihr nimmermehr durch skeptische Grübeleien bestechen könnt, wird jetzt erwachen und Gericht über Euch halten. Aber es wird ein Erwachen sein, wie des lebendig Begrabenen im Bauche des Kirchhofs; es wird ein Unwille sein, wie des Selbstmörders, wenn er den tödtlichen Streich schon gethan hat und bereut; es wird ein Blitz sein, der die Mitternacht Eures Lebens zumal überflammt; es wird ein Blick sein, und wenn Ihr da noch feste steht, so sollt Ihr gewonnen haben!

Franz (unruhig im Zimmer auf und ab gehend). Pfaffengewäsche, Pfaffengewäsche!

Moser. Jetzt zum erstenmal werden die Schwerter einer Ewigkeit durch Eure Seele schneiden, und jetzt zum Erstenmal zu spät. – Der Gedanke Gott weckt einen fürchterlichen Nachbar auf, sein Name heißt Richter. Sehet, Moor, Ihr habt das Leben von Tausenden an der Spitze Eures Fingers, und von diesen Tausenden habt Ihr Neunhundertneunundneunzig elend gemacht. Euch fehlt zu einem Nero nur das römische Reich, und nur Peru zu einem Pizarro. Nun glaubt Ihr wohl, Gott werde es zugeben, daß ein einziger Mensch in seiner Welt wie ein Wüthrich hause und das Oberste zu unters kehre? Glaubt Ihr wohl, diese Neunhundertundneunundneunzig seien nur zum Verderben, nur zu Puppen Eures satanischen Spieles da? Oh, glaubt das nicht! Er wird jede Minute, die Ihr ihnen getödtet, jede Freude, die Ihr ihnen vergiftet, jede Vollkommenheit, die Ihr ihnen versperrt habt, von Euch fordern dereinst, und wenn Ihr darauf antwortet, Moor, so sollt Ihr gewonnen haben.

Franz. Nichts mehr, kein Wort mehr! Willst du, daß ich deinen schwarzlebrigen Grillen zu Gebote steh'?

Moser. Sehet zu, das Schicksal der Menschen steht unter sich in fürchterlich schönem Gleichgewicht. Die Wagschale dieses Lebens sinkend, wird hochsteigen in jenem, steigend in diesem, wird in jenem zu Boden fallen. Aber was hier zeitliches Leiden war, wird dort ewiger Triumph; was hier endlicher Triumph war, wird dort ewige unendliche Verzweiflung.

Franz (wild auf ihn losgehend). Daß dich der Donner stumm mache, Lügengeist du! Ich will dir die verfluchte Zunge aus dem Munde reißen!

Moser. Fühlt Ihr die Last der Wahrheit so früh? Ich habe ja noch nichts von Beweisen gesagt. Laßt mich nur erst zu den Beweisen –

Franz. Schweig, geh in die Hölle mit deinen Beweisen! Zernichtet wird die Seele, sag' ich dir, und sollst mir nicht darauf antworten!

Moser. Darum winseln auch die Geister des Abgrunds, aber Der im Himmel schüttelt das Haupt. Meint Ihr dem Arm des Vergelters im öden Reich des Nichts zu entlaufen? Und führet Ihr gen Himmel, so ist er da! und bettetet Ihr Euch in die Hölle, so ist er wieder da! und sprächet Ihr zu der Nacht: Verhülle mich, und zu der Finsterniß: Birg mich! so muß die Finsterniß leuchten um Euch und um den Verdammten die Mitternacht tagen – aber Euer unsterblicher Geist sträubt sich unter dem Wort und siegt über den blinden Gedanken.

Franz. Ich will aber nicht unsterblich sein – sei es, wer da will, ich will's nicht hindern. Ich will ihn zwingen, daß er mich zernichte, ich will ihn zur Wuth reizen, daß er mich in der Wuth zernichte. Sag mir, was ist die größte Sünde, und die ihn am grimmigsten aufbringt?

Moser. Ich kenne nur zwei. Aber sie werden nicht von Menschen begangen, auch ahnden sie Menschen nicht.

Franz. Diese zwei? –

Moser (sehr bedeutend). Vatermord heißt die eine, Brudermord die andere – Was macht Euch auf einmal so bleich?

Franz. Was, Alter? Stehst du mit dem Himmel oder mit der Hölle im Bündniß? Wer hat dir das gesagt?

Moser. Wehe Dem, der sie beide auf dem Herzen hat! Ihm wäre besser, daß er nie geboren wäre! Aber seid ruhig! Ihr habt weder Vater noch Bruder mehr!

Franz. Ha! – was, du kennst keine drüber? Besinne dich nochmals – Tod, Himmel, Ewigkeit, Verdammniß schwebt auf dem Laut deines Mundes – keine einzige drüber?

Moser. Keine einzige drüber.

Franz (fällt in einen Stuhl). Zernichtung! Zernichtung!

Moser. Freut Euch, freut Euch doch! preist Euch doch glücklich! – Bei allen Euren Gräueln seid Ihr noch ein Heiliger gegen den Vatermörder. Der Fluch, der Euch trifft, ist gegen den, der auf diesen lauert, ein Gesang der Liebe – die Vergeltung –

Franz (aufgesprungen). Geh in tausend Grüfte, du Eule! wer hieß dich hieher kommen? Geh, sag' ich, oder ich stoß' dich durch und durch!

Moser. Kann das Pfaffengewäsch so einen Philosophen in Harnisch jagen? Blast es doch weg mit dem Hauch Eures Mundes! (Geht ab.)

Franz (wirft sich in seinem Sessel herum in schrecklichen Bewegungen. Tiefe Pause).

Ein Bedienter eilig.

Bedienter. Amalia ist entsprungen, der Graf ist plötzlich verschwunden.

Daniel kommt ängstlich.

Daniel. Gnädiger Herr, jagt ein Trupp feuriger Reiter die Staig herab, schreien Mordjo, Mordjo – das ganze Dorf in Alarm.

Franz. Geh, laß alle Glocken zusammenläuten, Alles soll in die Kirche – auf die Kniee fallen Alles – beten für mich – alle Gefangne sollen los sein und ledig, ich will den Armen Alles doppelt und dreifach wiedergeben, ich will – so geh doch – so ruf doch den Beichtvater, deß er mir meine Sünden hinwegsegne – Bist du noch nicht fort? (Das Getümmel wird hörbarer.)

Daniel. Gott verzeih mir meine schwere Sünde! Wie soll ich das wieder reimen? Ihr habt ja immer das liebe Gebet über alle Häuser hinausgeworfen, habt mir so manche Postill' und Bibelbuch an den Kopf gejagt, wenn Ihr mich ob dem Beten ertapptet –

Franz. Nichts mehr davon – Sterben! siehst du? Sterben! – Es wird zu spät. (Man hört Schweizern toben.) Bete doch! bete!

Daniel. Ich sagt's Euch immer – Ihr verachtet das liebe Gebet so – aber gebt Acht, gebt Acht! wenn die Noth an Mann geht, wenn Euch das Wasser an die Seele geht, Ihr werdet alle Schätze der Welt um ein christliches Seufzerlein geben – Seht Ihr's? Ihr verschimpftet mich! Da habt Ihr's nun! Seht Ihr's?

Franz (umarmt ihn ungestüm). Verzeih, lieber, goldner Perlendaniel, verzeih – ich will dich kleiden von Fuß auf – so bet doch – ich will dich zum Hochzeiter machen – ich will – so bet doch – ich beschwöre dich – auf den Knieen beschwör' ich dich – Ins T---ls Namen! so bet' doch! (Tumult auf den Straßen. Geschrei – Gepolter.)

Schweizer (auf der Gasse). Stürmt! schlagt todt! brecht ein! Ich sehe Licht, dort muß er sein.

Franz (auf den Knieen). Höre mich beten, Gott im Himmel! – Es ist das Erstemal – soll auch gewiß nimmer geschehen – Erhöre mich, Gott im Himmel!

Daniel. Mein doch! Was treibt Ihr? Das ist ja gottlos gebetet.

Volksauflauf.

Volk. Diebe! Mörder! Wer lärmt so gräßlich in dieser Mitternachtsstunde?

Schweizer (immer auf der Gasse). Schlag sie zurück, Kamerad – der Teufel ist's und will euren Herrn holen – Wo ist der Schwarz mit seinem Haufen? – Postier dich ums Schloß, Grimm – Lauf Sturm wider die Ringmauer!

Grimm. Holt ihr Feuerbrände – wir hinauf oder er herunter – ich will Feuer in seine Säle schmeißen.

Franz (betet). Ich bin kein gemeiner Mörder gewesen, mein Herrgott! – hab mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben, mein Herrgott –

Daniel. Gott sei uns gnädig! Auch seine Gebete werden zu Sünden. (Es fliegen Steine und Feuerbrände. Die Scheiben fallen. Das Schloß brennt.)

Franz. Ich kann nicht beten – hier, hier! (Auf Brust und Stirn schlagend.) Alles so öd – so verdorret. (Steht auf.) Nein, ich will auch nicht beten – diesen Sieg soll der Himmel nicht haben, diesen Spott mir nicht anthun die Hölle –

Daniel. Jesus Maria! helft – rettet – das ganze Schloß steht in Flammen!

Franz. Hier, nimm diesen Degen. Hurtig! Jag mir ihn hinterrücks in den Bauch, daß nicht diese Buben kommen und treiben ihren Spott aus mir. (Das Feuer nimmt überhand.)

Daniel. Bewahre! Bewahre! Ich mag Niemand zu früh in den Himmel fördern, viel weniger zu früh – (Er entrinnt.)

Franz (ihm graß nachstierend, nach einer Pause). In die Hölle, wolltest du sagen – Wirklich? ich wittere so etwas – (Wahnsinnig.) Sind das ihre hellen Triller? hör' ich euch zischen, ihr Nattern des Abgrunds? – Sie dringen herauf – belagern die Thür – warum zag' ich so vor dieser bohrenden Spitze? – die Thür kracht – stürzt – unentrinnbar – Ha! so erbarm du dich meiner! (Er reißt seine goldene Hutschnur ab und erdrosselt sich.)

Schweizer mit seinen Leuten.

Schweizer. Mordcanaille, wo bist du? – Saht ihr, wie sie flohen? – hat er so wenig Freunde? – Wohin hat sich die Bestie verkrochen?

Grimm (stößt an die Leiche). Halt, was liegt hier im Weg? Zündet hieher –

Schwarz. Er hat das Prävenire gespielt. Steckt eure Schwerter ein, hier liegt er wie eine Katze verreckt.

Schweizer. Todt! was? todt? ohne mich todt? – Erlogen, sag' ich – Gebt Acht, wie hurtig er auf die Beine springt! – (Rüttelt ihn.) Heh du! Es gibt einen Vater zu ermorden.

Grimm. Gib dir keine Müh. Er ist maustodt.

Schweizer (tritt von ihm weg). Ja! Er freut sich nicht – Er ist maustodt – Gehet zurück und saget meinem Hauptmann: Er ist maustodt – mich sieht er nicht wieder. (Schießt sich vor die Stirn.)

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