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Die Räuber

Friedrich Schiller: Die Räuber - Kapitel 23
Quellenangabe
typedrama
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, Erster Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Räuber
pages287
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1781
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Fünfter Akt.

Erste Scene.

Aussicht von vielen Zimmern. Finstere Nacht.

Daniel kommt mit einer Laterne und einem Reisebündel.

Lebe wohl, theures Mutterhaus – Hab' so manch Guths und Liebs in die genossen, da der Herr seliger noch lebete – Thränen auf deine Gebeine, du lange Verfaulter! Das verlangt er von einem alten Knecht – es war das Obdach der Waisen und der Port der Verlassenen, und dieser Sohn hat's gemacht zur Mördergrube – Lebe wohl, du guter Boden! wie oft hat der alte Daniel dich abgefegt – Lebe wohl, du lieber Ofen, der alte Daniel nimmt schwer Abschied von dir – es war dir Alles so vertraut worden – wird dir weh thun, alter Elieser – aber Gott bewahre mich in Gnaden vor dem Trug und List des Argen – Leer kam ich hieher – leer zieh' ich wieder hin – aber meine Seele ist gerettet. (Wie er gehen will, kömmt)

Franz im Schlafrock hereingestürzt.

Daniel. Gott steh mir bei! mein Herr! (Löscht die Laterne aus.)

Franz. Verrathen! Verrathen! Geister ausgespieen aus Gräbern – Losgerüttelt das Todtenreich aus dem ewigen Schlaf brüllt wider mich: Mörder! Mörder! – Wer regt sich da?

Daniel (ängstlich). Hilf, heilige Mutter Gottes! seid Ihr's, gestrenger Herre, der so gräßlich durch die Gewölbe schreit, daß alle Schläfer auffahren?

Franz. Schläfer? Wer heißt euch schlafen? Fort, zünde Licht an! (Daniel ab, es kommt ein andrer Bedienter.) Es soll Niemand schlafen in dieser Stunde. Hörst du? Alles soll auf sein – in Waffen – alle Gewehre geladen – Sahst du sie dort den Bogengang hinschweben?

Bedienter. Wen, gnädiger Herr?

Franz. Wen, Dummkopf, wen? So kalt, so leer fragst du, wen? hat mich's doch angepackt wie der Schwindel? Wen, Eselskopf, wen? Geister und Teufel! Wie weit ist's in der Nacht?

Bedienter. Eben jetzt ruft der Nachtwächter Zwei an.

Franz. Was? will diese Nacht währen bis an den jüngsten Tag? Hörtest du keinen Tumult in der Nähe? kein Siegsgeschrei? kein Geräusch galoppierender Pferde? Wo ist Kar – der Graf, will ich sagen?

Bedienter. Ich weiß nicht, mein Gebieter.

Franz. Du weißt's nicht? Du bist auch unter der Rotte? Ich will dir das Herz aus den Rippen stampfen! Mit deinem verfluchten: Ich weiß nicht! Fort, hole den Pastor!

Bedienter. Gnädiger Herr!

Franz. Murrst du? zögerst du? (Erster Bedienter eilend ab.) Was? auch Bettler wider mich verschworen? Himmel, Hölle! Alles wider mich verschworen?

Daniel (kommt mit dem Licht). Mein Gebieter –

Franz. Nein! ich zittere nicht! es war ledig ein Traum. Die Todten stehen noch nicht auf – Wer sagt, daß ich zittere und bleich bin? Es ist mir ja so leicht, so wohl.

Daniel. Ihr seid todtenbleich, Eure Stimme ist bang und lallet.

Franz. Ich habe das Fieber. Sage du nur, wenn der Pastor kommt, ich habe das Fieber. Ich will morgen zur Ader lassen, sage dem Pastor.

Daniel. Befehlt Ihr, daß ich Euch Lebensbalsam auf Zucker tröpfle?

Franz. Tröpfle mit auf Zucker! der Pastor wird nicht sogleich da sein. Meine Stimme ist bang und lallet, gib Lebensbalsam auf Zucker!

Daniel. Gebt mir erst die Schlüssel, ich will drunten holen im Schrank –

Franz. Nein, nein, nein! Bleib! oder ich will mit dir gehn. Du siehst, ich kann nicht allein sein! wie leicht könnt' ich, du siehst ja – ohnmächtig – wenn ich allein bin. Laß nur, laß nur! Es wird vorübergehen, du bleibst.

Daniel. Oh, Ihr seid ernstlich krank.

Franz. Ja freilich, freilich! Das ist's Alles. – Und Krankheit verstöret das Gehirn und brütet tolle und wunderliche Träume aus – Träume bedeuten nichts – Nicht wahr, Daniel? Träume kommen ja aus dem Bauch, und Träume bedeuten nichts – ich hatte so eben einen lustigen Traum. (Er sinkt ohnmächtig nieder.)

Daniel. Jesus Christus! was ist das? Georg! Konrad! Bastian! Martin! so gebt doch nur eine Urkund von Euch! (Rüttelt ihn.) Maria, Magdalena und Joseph! so nehmt doch nur Vernunft an! So wird's heißen, ich hab' ihn todt gemacht! Gott erbarme sich meiner!

Franz (verwirrt). Weg – weg! was rüttelst du mich so, scheußliches Todtengerippe – die Todten stehen noch nicht auf –

Daniel. O du ewige Güte! Er hat den Verstand verloren.

Franz (richtet sich matt auf). Wo bin ich? – du, Daniel? was hab' ich gesagt? merke nicht drauf! ich hab' eine Lüge gesagt, es sei, was es wolle – komm! hilf mir auf! – es ist nur ein Anstoß von Schwindel – weil ich – weil ich – nicht ausgeschlafen habe.

Daniel. Wär' nur der Johann da! ich will Hilfe rufen, ich will nach Ärzten rufen.

Franz. Bleib! setz dich neben mich auf diesen Sopha – so – du bist ein gescheiter Mann, ein guter Mann. Laß dir erzählen.

Daniel. Jetzt nicht, ein andermal! Ich will Euch zu Bette bringen, Ruhe ist Euch besser.

Franz. Nein, ich bitte dich, laß dir erzählen und lache mich derb aus! – Siehe, mir dauchte, ich hätte ein königlich Mahl gehalten, und mein Herz wär' guter Dinge, und ich läge berauscht im Rasen des Schloßgartens, und plötzlich – es war zur Stunde des Mittags – plötzlich, aber ich sage dir, lache mich derb aus! –

Daniel. Plötzlich?

Franz. Plötzlich traf ein ungeheurer Donner mein schlummerndes Ohr; ich taumelte bebend auf, und siehe, da war mir's, als säh' ich aufflammen den ganzen Horizont in feuriger Lohe, und Berge und Städte und Wälder wie Wachs im Ofen zerschmolzen, und eine heulende Windsbraut fegte von hinnen Meer, Himmel und Erde – da erscholl's wie aus ehernen Posaunen:; Erde, gib deine Todten; gib deine Todten, Meer! Und das nackte Gefild begonn zu kreißen und aufzuwerfen Schädel und Rippen und Kinnbacken und Beine, die sich zusammenzogen in menschliche Leiber und daherströmten unübersehlich, ein lebendiger Sturm. Damals sah ich aufwärts, und siehe, ich stand am Fuß des donnernden Sina, und über mir Gewimmel und unter mir, und oben auf der Höhe des Bergs auf drei rauchenden Stühlen drei Männer, vor deren Blick flohe die Creatur –

Daniel. Das ist ja das leibhafte Conterfei vom jüngsten Tage.

Franz. Nicht wahr, das ist ein tolles Gezeuge? Da trat hervor Einer, anzusehen wie die Sternennacht, der hatte in seiner Hand einen eisernen Siegelring, den hielt er zwischen Aufgang und Niedergang und sprach: Ewig, heilig, gerecht, unverfälschbar! Es ist nur eine Wahrheit, es ist nur eine Tugend! Wehe, wehe, wehe dem zweifelnden Wurme! – Da trat hervor ein Zweiter, der hatte in seiner Hand einen blitzenden Spiegel, den hielt er zwischen Aufgang und Niedergang und sprach: Dieser Spiegel ist Wahrheit; Heuchelei und Larven bestehen nicht – Da erschrak ich und alles Volk, denn wir sahen Schlangen- und Tiger- und Leopardengesichter zurückgeworfen aus dem entsetzlichen Spiegel. – Da trat hervor ein Dritter, der hatte in seiner Hand eine eherne Wage, die hielt er zwischen Aufgang und Niedergang und sprach: Tretet herzu, ihr Kinder von Adam – ich wäge die Gedanken in der Schale meines Zornes und die Werke mit dem Gewicht meines Grimms! –

Daniel. Gott erbarme sich meiner!

Franz. Schneebleich stunden Alle, ängstlich klopfte die Erwartung in jeglicher Brust. Da war mir's, als hört' ich meinen Namen zuerst genannt aus den Wettern des Berges, und mein innerstes Mark gefror in mir, und meine Zähne klapperten laut. Schnell begonn die Wage zu klingen, zu donnern der Fels, und die Stunden zogen vorüber, eine nach der andern an der links hangenden Schale, und eine nach der andern warf eine Todsünde hinein –

Daniel. Oh, Gott vergeb' Euch!

Franz. Das that er nicht! – Die Schale wuchs zu einem Gebirge, aber die andere, voll vom Blut der Versöhnung, hielt sie noch immer hoch in den Lüften – Zuletzt kam ein alter Mann, schwer gebeuget von Gram, angebissen den Arm von wüthendem Hunger, aller Augen wandten sich scheu vor dem Mann, ich kannte den Mann, er schnitt eine Locke von seinem silbernen Haupthaar, warf sie hinein in die Schale der Sünden, und siehe, sie sank, sank plötzlich zum Abgrund, und die Schale der Versöhnung flatterte hoch auf! – Da hört' ich eine Stimme schallen aus dem Rauche des Felsens: Gnade, Gnade jedem Sünder der Erde und des Abgrunds! du allein bist verworfen! – (Tiefe Pause.) Nun, warum lachst du nicht?

Daniel. Kann ich lachen, wenn mir die Haut schaudert? Träume kommen von Gott.

Franz. Pfui doch, pfui doch, sage das nicht! Heiß mich einen Narren, einen aberwitzigen, abgeschmackten Narren! Thu das, lieber Daniel, ich bitte dich drum, spotte mich tüchtig aus!

Daniel. Träume kommen von Gott. Ich will für Euch beten.

Franz. Du lügst, sag' ich – geh den Augenblick, lauf, spring, sieh, wo der Pastor bleibt, heiß ihn eilen, eilen; aber ich sage dir, du lügst.

Daniel (im Abgehn). Gott sei Euch gnädig!

Franz.

Pöbelweisheit, Pöbelfurcht! – Es ist ja noch nicht ausgemacht, ob das Vergangene nicht vergangen ist, oder ein Auge findet über den Sternen – Hum, hum! wer raunte mir das ein? Rächet denn droben über den Sternen Einer? – Nein, nein! Ja, ja! Fürchterlich zischelt's um mich: Richtet droben Einer über den Sternen! Entgegengehen dem Rächer über den Sternen diese Nacht noch! Nein, sag' ich – Elender Schlupfwinkel, hinter den sich deine Feigheit verstecken will – öd, einsam, taub ist's droben über den Sternen – Wenn's aber doch etwas mehr wäre? Nein, nein, es ist nicht! Ich befehle, es ist nicht! Wenn's aber doch wäre? Weh dir, wenn's nachgezählt worden wäre! wenn's dir vorgezählt würde diese Nacht noch! – Warum schaudert mir so durch die Knochen? – Sterben! warum packt mich das Wort so? Rechenschaft geben dem Rächer droben über den Sternen – und wenn er gerecht ist, Waisen und Wittwen, Unterdrückte, Geplagte heulen zu ihm auf, und wenn er gerecht ist? – warum haben sie gelitten, warum hast du über sie triumphiert? –

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