Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Schiller >

Die Räuber

Friedrich Schiller: Die Räuber - Kapitel 22
Quellenangabe
typedrama
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, Erster Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Räuber
pages287
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1781
Schließen

Navigation:

Hermann, der durch den Wald kommt.

Horch, horch! grausig heulet der Kauz – zwölf schlägt's drüben im Dorf – Wohl, wohl – das Bubenstück schläft – in dieser Wilde kein Lauscher. (Tritt an das Schloß und pocht.) Komm herauf, Jammermann, Thurmbewohner! – Deine Mahlzeit ist bereitet.

Moor (sachte zurücktretend). Was soll das bedeuten?

Eine Stimme (aus dem Schloß). Wer pocht da? Bist du's, Hermann, mein Rabe?

Hermann. Bin's, Hermann, dein Rabe. Steig herauf ans Gitter und iß. (Eulen schreien.) Fürchterlich trillern deine Schlafkameraden, Alter – dir schmeckt?

Die Stimme. Hungerte mich sehr. Habe Dank, Rabensender, fürs Brod in der Wüste! – Und wie geht's meinem lieben Kind, Hermann?

Hermann. Stille – Horch – Geräusche wie von Schnarchenden! Hörst du nicht was?

Stimme. Wie? Hörst du etwas?

Hermann. Den seufzenden Windlaut durch die Ritzen des Thurms – eine Nachtmusik, davon Einem die Zähne klappern und die Nägel blau werden – Horch, noch einmal – Immer ist mir, als hört' ich ein Schnarchen. – Du hast Gesellschaft, Alter – Huhuhu!

Stimme. Siehst du etwas?

Hermann. Leb wohl – leb wohl – Grausig ist diese Stätte – Steig ab ins Loch – droben dein Helfer, dein Rächer – Verfluchter Sohn! – (Will fliehen.)

Moor (mit Entsetzen hervortretend). Steh!

Hermann (schreiend). Oh mir!

Moor. Steh, sag' ich!

Hermann. Weh! weh! weh! Nun ist alles verrathen!

Moor. Steh! Rede! Wer bist du? was hast du hier zu thun? Rede!

Hermann. Erbarmen, o Erbarmen, gestrenger Herr! – Nur ein Wort höret an, eh Ihr mich umbringt.

Moor (indem er den Degen zieht). Was werd' ich hören?

Hermann. Wohl habt Ihr mir's beim Leben verboten – ich konnt' nicht anders – durft' nicht anders – im Himmel ein Gott – Euer leiblicher Vater dort –- mich jammerte sein – Stecht mich nieder!

Moor. Hier steckt ein Geheimniß – Heraus! Sprich! Ich will Alles wissen.

Die Stimme (aus dem Schloß). Weh! Weh! Bist du's, Hermann, der da redet? Mit wem redst du, Hermann?

Moor. Drunten noch Jemand – Was geht hier vor? (Läuft dem Thurme zu.) Ist's ein Gefangener, den die Menschen abschüttelten? – Ich will seine Ketten lösen. – Stimme! noch einmal! wo ist die Thüre?

Hermann. O habt Barmherzigkeit, Herr – dringt nicht weiter, Herr – geht aus Erbarmen vorüber! (Verrennt ihm den Weg.)

Moor. Vierfach geschlossen! Weg da – Es muß heraus – Jetzt zum erstenmal komm mir zu Hilfe, Dieberei!

(Er nimmt Brechinstrumente und öffnet das Gitterthor. Aus dem Grunde steigt ein Alter, ausgemergelt wie ein Gerippe.)

Der Alte. Erbarmen einem Elenden! Erbarmen!

Moor (springt erschrocken zurück). Das ist meines Vaters Stimme!

D. a. Moor. Habe Dank, o Gott! Erschienen ist die Stunde der Erlösung.

Moor. Geist des alten Moors! was hat dich beunruhigt in deinem Grab? Hast du eine Sünde in jene Welt geschleppt, die dir den Eingang in die Pforten des Paradieses verrammelt? Ich will Messen lesen lassen, den irrenden Geist in seine Heimath zu senden. Hast du das Gold der Wittwen und Waisen unter die Erde vergraben, das dich zu dieser mitternächtlichen Stunde heulend herumtreibt? Ich will den unterirdischen Schatz aus den Klauen des Zauberdrachen reißen, und wenn er tausend rothe Flammen auf mich speit und seine spitzen Zähne gegen meinen Degen bleckt, – oder kommst du, auf meine Fragen die Räthsel der Ewigkeit zu entfalten? Rede, rede! ich bin der Mann der bleichen Furcht nicht.

D. a. Moor. Ich bin kein Geist. Taste mich an, ich lebe, oh ein elendes, erbärmliches Leben!

Moor. Was? du bist nicht begraben worden?

D. a. Moor. Ich bin begraben worden – das heißt: ein todter Hund liegt in meiner Väter Gruft; und ich – drei volle Monde schmacht' ich schon in diesem finstern unterirdischen Gewölbe, von keinem Strahle beschienen, von keinem warmen Lüftchen angeweht, von keinem Freunde besucht, wo wilde Raben krächzen und mitternächtliche Uhus heulen. –

Moor. Himmel und Erde! Wer hat Das gethan?

D. a. Moor. Verfluch' ihn nicht! – Das hat mein Sohn Franz gethan.

Moor. Franz? Franz? Oh ewiges Chaos!

D. a. Moor. Wenn du ein Mensch bist und ein menschliches Herz hast, Erlöser, den ich nicht kenne, o so höre den Jammer eines Vaters, den ihm seine Söhne bereitet haben – drei Monden schon hab' ich's tauben Felsenwänden zugewinselt, aber ein hohler Widerhall äffte meine Klagen nur nach. Darum, wenn du ein Mensch bist und ein menschliches Herz hast –

Moor. Diese Aufforderung könnte die wilden Bestien aus ihren Löchern hervorrufen.

D. a. Moor. Ich lag eben auf dem Siechbett, hatte kaum angefangen, aus einer schweren Krankheit etwas Kräfte zu sammeln, so führte man einen Mann zu mir, der vorgab, mein Erstgeborener sei gestorben in der Schlacht, und mit sich brachte ein Schwert, gefärbt mit seinem Blut, und sein letztes Lebewohl, und daß ihn mein Fluch gejagt hätte in Kampf und Tod und Verzweiflung.

Moor (heftig von ihm abgewandt). Es ist offenbar!

D. a. Moor. Höre weiter! ich ward ohnmächtig bei der Botschaft. Man muß mich für todt gehalten haben, denn als ich wieder zu mir selber kam, lag ich schon in der Bahre, und ins Leichentuch gewickelt wie ein Todter. Ich kratzte an dem Deckel der Bahre. Er ward aufgethan. Es war finstere Nacht, mein Sohn Franz stand vor mir. – Was? rief er mit entsetzlicher Stimme, willst du denn ewig leben? – und gleich flog der Sargdeckel wieder zu. Der Donner dieser Worte hatte mich meiner Sinne beraubt; als ich wieder erwachte, fühlt' ich den Sarg erhoben und fortgeführt in einem Wagen eine halbe Stunde lang. Endlich ward er geöffnet – ich stand am Eingang dieses Gewölbes, mein Sohn vor mir, und der Mann, der mir das blutige Schwert von Karln gebracht hatte – zehnmal umfaßt' ich seine Kniee und bat und flehte, und umfaßte sie und beschwur – das Flehen seines Vaters reichte nicht an sein Herz – Hinab mit dem Balg! donnerte es von seinem Munde, er hat genug gelebt, und hinab ward ich gestoßen ohn' Erbarmen, und mein Sohn Franz schloß hinter mir zu.

Moor. Es ist nicht möglich, nicht möglich! Ihr müßt Euch geirrt haben.

D. a. Moor. Ich kann nicht geirrt haben. Höre weiter, aber zürne doch nicht! So lag ich zwanzig Stunden, und kein Mensch gedachte meiner Noth. Auch hat keines Menschen Fußtritt je diese Einöde betreten, denn die allgemeine Sage geht, daß die Gespenster meiner Väter in diesen Ruinen rasselnde Ketten schleifen und in mitternächtlicher Stunde ihr Todtenlied raunen. Endlich hörte ich die Thüre wieder aufgehen, dieser Mann brachte mir Brod und Wasser und entdeckte mir, wie ich zum Tod des Hungers verurtheilt gewesen, und wie er sein Leben in Gefahr setze, wenn es herauskäm', daß er mich speise. So ward ich kümmerlich erhalten diese lange Zeit, aber der unaufhörliche Frost – die faule Luft meines Unraths – der grenzenlose Kummer – meine Kräfte wichen, mein Leib schwand; tausendmal bat ich Gott mit Thränen um den Tod, aber das Maß meiner Strafe muß noch nicht gefüllet sein – oder muß noch irgend eine Freude meiner warten, daß ich so wunderbarlich erhalten bin. Aber ich leide gerecht – mein Karl! mein Karl! – und er hatte noch keine grauen Haare.

Moor. Es ist genug. Auf! Ihr Klötze, ihr Eisklumpen! ihr trägen, fühllosen Schläfer! Auf! will Keiner erwachen? (Er thut eine Pistolschuß über die schlafenden Räuber.)

Die Räuber (aufgejagt). He, holla! holla! was gibt's da?

Moor. Hat euch die Geschichte nicht aus dem Schlummer gerüttelt? der ewige Schlaf würde wach worden sein! Schaut her, schaut her! die Gesetze der Welt sind Würfelspiel worden, das Band der Natur ist entzwei, die alte Zwietracht ist los, der Sohn hat seinen Vater erschlagen.

Die Räuber. Was sagt der Hauptmann?

Moor. Nein, nicht erschlagen! das Wort ist Beschönigung! – der Sohn hat den Vater tausendmal gerädert, gespießt, gefoltert, geschunden! die Worte sind mir zu menschlich – worüber die Sünde roth wird, worüber der Kannibale schaudert, worauf seit Äonen kein Teufel gekommen ist. – Der Sohn hat seinen eigenen Vater – oh seht her, seht her, er ist in Ohnmacht gesunken, – in dieses Gewölbe hat der Sohn seinen Vater – Frost, – Blöße, – Hunger, – Durst – oh seht doch, seht doch! – es ist mein eigner Vater, ich will's nur gestehn.

Die Räuber (springen herbei und umringen den Alten). Dein Vater? dein Vater?

Schweizer (tritt ehrerbietig näher, fällt vor ihm nieder). Vater meines Hauptmanns! Ich küsse dir die Füße! du hast über meinen Dolch zu befehlen.

Moor. Rache, Rache, Rache dir! grimmig beleidigter, entheiligter Greis! So zerreiß' ich von nun an auf ewig das brüderliche Band. (Er zerreißt sein Kleid von oben bis unten.) So verfluch' ich jeden Tropfen brüderlichen Bluts im Antlitz des offenen Himmels! Höre mich, Mond und Gestirne! Höre mich, mitternächtlicher Himmel, der du auf die Schandthat herunterblicktest! Höre mich, dreimal schrecklicher Gott, der da oben über dem Monde waltet, und rächt und verdammt über den Sternen, und feuerflammt über der Nacht! Hier knie' ich – hier streck' ich empor die drei Finger in die Schauer der Nacht – hier schwör' ich, und so speie die Natur mich aus ihren Grenzen wie eine bösartige Bestie aus, wenn ich diesen Schwur verletze, schwör' ich, das Licht des Tages nicht mehr zu grüßen, bis des Vatermörders Blut, vor diesem Steine verschüttet, gegen die Sonne dampft. (Er steht auf.)

Die Räuber. Es ist ein Belialsstreich! Sag' Einer, wir seinen Schelmen! Nein, bei allen Drachen! so bunt haben wir's nie gemacht.

Moor. Ja, und bei allen schrecklichen Seufzern derer, die jemals durch eure Dolche sturben, Derer, die meine Flamme fraß und mein fallender Thurm zermalmte, – eh' soll kein Gedanke von Mord oder Raub Platz finden in eurer Brust, bis euer aller Kleider von des Verruchten Blut scharlachroth gezeichnet sind – das hat euch wohl niemals geträumt, daß ihr der Arm höherer Majestäten seid? Der verworrene Knäul unsers Schicksals ist aufgelöst! Heute, heute hat eine unsichtbare Macht unser Handwerk geadelt! Betet an vor Dem, der euch dies erhabene Loos gesprochen, der euch hieher geführt, der euch gewürdiget hat, die schrecklichen Engel seines finstern Gerichtes zu sein! Entblößet eure Häupter! Knieet hin in den Staub und stehet geheiliget auf! (Sie knieen.)

Schweizer. Gebeut, Hauptmann! was sollen wir thun?

Moor. Steh auf, Schweizer, und rühre diese heiligen Locken an! (Er führt ihn zu seinem Vater und gibt ihm eine Locke in die Hand.) Du weißt noch, wie du einsmals jenem böhmischen Reiter den Kopf spaltetest, da er eben den Säbel über mich zuckte und ich athemlos und erschöpft von der Arbeit in die Kniee gesunken war? dazumal verhieß ich dir eine Belohnung, die königlich wäre; ich konnte diese Schuld bisher niemals bezahlen –

Schweizer. Das schwurst du mir, es ist wahr, aber laß mich dich ewig meinen Schuldner nennen!

Moor. Nein, jetzt will ich bezahlen. Schweizer, so ist noch kein Sterblicher geehrt worden, wie du! – Räche meinen Vater! (Schweizer steht auf.)

Schweizer. Großer Hauptmann! heut hast du mich zum erstenmal stolz gemacht! – Gebeut, wo, wie, wann soll ich ihn schlagen?

Moor. Die Minuten sind geweiht, du mußt eilends gehn – Lies dir die Würdigsten aus der Bande und führe sie gerade nach des Edelmanns Schloß! Zerr' ihn aus dem Bette, wenn er schläft oder in den Armen der Wollust liegt, schlepp' ihn vom Mahle weg, wenn er besoffen ist, reiß ihn vom Crucifix, wenn er betend vor ihm auf den Knieen liegt! Aber ich sage dir, ich schärf' es dir hart ein, liefr' ihn mir nicht todt! Dessen Fleisch will ich in Stücken reißen und hungrigen Geiern zur Speise geben, der ihm nur die Haut ritzt oder ein Haar kränkt! Ganz muß ich ihn haben, und wenn du ihn ganz und lebendig bringst, so sollst du eine Million zur Belohnung haben, ich will sie einem Könige mit Gefahr meines Lebens stehlen, und du sollst frei ausgehn wie die weite Luft – Hast du mich verstanden, so eile davon!

Schweizer. Genug, Hauptmann! – hier hast du meine Hand darauf: Entweder du siehst Zwei zurückkommen, oder gar Keinen. Schweizers Würgengel, kommt! (Ab mit einem Geschwader.)

Moor. Ihr übrigen zerstreut euch im Wald – ich bleibe.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.