Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Schiller >

Die Räuber

Friedrich Schiller: Die Räuber - Kapitel 21
Quellenangabe
typedrama
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, Erster Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Räuber
pages287
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1781
Schließen

Navigation:

Fünfte Scene.

Nahgelegener Wald. Nacht. Ein altes verfallenes Schloß in der Mitte.

Die Räuberbande gelagert auf der Erde.

Die Räuber singen.

                        Stehlen, morden, huren, balgen
Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun.
Morgen hangen wir am Galgen,
Drum laßt uns heute lustig sein.

    Ein freies Leben führen wir,
Ein Leben voller Wonne;
Der Wald ist unser Nachtquartier,
Bei Sturm und Wind hantieren wir,
Der Mond ist unsre Sonne,
Mercurius ist unser Mann,
Der's Prakticieren trefflich kann.

    Heut laden wir bei Pfaffen uns ein,
Bei masten Pächtern morgen;
Was drüber ist, da lassen wir fein
Den lieben Herrgott sorgen.

    Und haben wir im Traubensaft
Die Gurgel ausgebadet,
So machen wir uns Muth und Kraft
Und mit dem Schwarzen Brüderschaft,
Der in der Hölle bratet.

    Das Wehgeheul geschlagner Väter,
Der bangen Mütter Klaggezeter,
Das Winseln der verlaßnen Braut
Ist Schmaus für unsre Trommelhaut!

    Ha! wenn sie euch unter dem Beile so zucken,
Ausbrüllen wie Kälber, umfallen wie Mucken,
Das kitzelt unsern Augenstern,
Das schmeichelt unsern Ohren gern.

    Und wenn mein Stündlein kommen nun,
Der Henker soll es holen!
So haben wir halt unsern Lohn
Und schmieren unsre Sohlen,
Ein Schlückchen auf den Weg vom heißen Traubensohn,
Und hurra rax dax! geht's, als flögen wir davon.

Schweizer. Es wird Nacht, und der Hauptmann noch nicht da!

Razmann. Und versprach doch Schlag acht Uhr wieder bei uns einzutreffen.

Schweizer. Wenn ihm Leides geschehen wäre – Kameraden! wir zünden an und morden den Säugling.

Spiegelberg (nimmt Razmann beiseite). Auf ein Wort, Razmann.

Schwarz (zu Grimm). Wollen wir nicht Spionen ausstellen?

Grimm. Laß du ihn! Er wird einen Fang thun, daß wir uns schämen müssen.

Schweizer. Da brennst du dich, beim Henker! Er ging nicht von uns wie einer, der einen Schelmenstreich im Schild führt. Hast du vergessen, was er gesagt hat, als er uns über die Heide führte? – »Wer nur eine Rübe vom Acker stiehlt, daß ich's erfahre, läßt seinen Kopf hier, so wahr ich Moor heiße.« – Wir dürfen nicht rauben.

Razmann (leise zu Spiegelberg). Wo will das hinaus – rede deutscher!

Spiegelberg. Pst! Pst! – Ich weiß nicht, was du oder ich für Begriffe von Freiheit haben, daß wir an einem Karrn ziehen, wie Stiere, und dabei wunderviel von Independenz declamieren – Es gefällt mir nicht.

Schweizer (zu Grimm). Was wohl dieser Windkopf hier an der Kunkel hat?

Razmann (leise zu Spiegelberg). Du sprichst vom Hauptmann? –

Spiegelberg. Pst doch! Pst! – Er hat so feine Ohren unter uns herumlaufen – Hauptmann, sagst du? wer hat ihn zum Hauptmann über uns gesetzt, oder hat er nicht diesen Titel usurpiert, der von Rechtswegen mein ist? – Wie, legen wir darum unser Leben auf Würfel – baden darum alle Milzsuchten des Schicksals aus, daß wir am Ende noch von Glück sagen, die Leibeigenen eines Sclaven zu sein? – Leibeigene, da wir Fürsten sein könnten? – Bei Gott! Razmann – das hat mir niemals gefallen.

Schweizer (zu den andern). Ja – du bist mir der rechte Held. – Frösche mit Steinen breit zu schmeißen – schon der Klang seiner Nase, wenn er sich schneuzte, könnte dich durch ein Nadelöhr jagen –

Spiegelberg (zu Razmann). Ja – und Jahre schon dicht' ich darauf: es soll anders werden. Razmann – – wenn du bist, wofür ich dich immer hielt – Razmann! man vermißt ihn – gibt ihn halb verloren – Razmann, mich däucht, seine schwarze Stunde schlägt – Wie? nicht einmal röther wirst du, da dir die Glocke zur Freiheit läutet? Hast nicht einmal so viel Muth, einen kühnen Wink zu verstehen?

Razmann. Ha, Satan! worin verstrickst du meine Seele?

Spiegelberg. Hat's gefangen? – Gut! so folge! Ich hab' mir's gemerkt, wo er hinschlich – Komm! Zwei Pistolen fehlen selten, und dann – so sind wir die Ersten, die den Säugling erdrosseln. (Er will ihn fortreißen.)

Schweizer (zieht wüthend sein Messer). Ha, Bestie! Eben recht erinnerst du mich an die böhmischen Wälder! – Warst du nicht die Memme, die anhub zu schnadern, als sie riefen: der Feind kommt? Ich hab' damals bei meiner Seele geflucht – Fahr hin, Meuchelmörder! (Er sticht ihn todt.)

Räuber (in Bewegung). Mordjo! Mordjo! – Schweizer – Spiegelberg – Reißt sie auseinander! –

Schweizer (wirft das Messer über ihn). Da! – und so krepier du – Ruhig, Kameraden – Laßt euch den Bettel nicht unterbrechen – Die Bestie ist dem Hauptmann immer giftig gewesen und hat keine Narbe auf ihrer ganzen Haut – Noch einmal, gebt euch zufrieden – Ha! über den Racker – Von hinten her will er Männer zu Schanden schmeißen? Männer von hinten her! – Ist uns darum der helle Schweiß über die Backen gelaufen, daß wir aus der Welt schleichen wie Hundsfötter? Bestie du! Haben wir uns darum unter Feuer und Rauch gebettet, daß wir zuletzt wie Ratten verrecken?

Grimm. Aber zum Teufel – Kamerad – was hattet ihr mit einander? – Der Hauptmann wird rasend werden.

Schweizer. Dafür laß mich sorgen – Und du, Heilloser (zu Razmann), du warst sein Helfershelfer, du! – Pack dich aus meinen Augen – der Schufterle hat's auch so gemacht; aber dafür hängt er jetzt auch in der Schweiz, wie's ihm mein Hauptmann prophezeit hat – (Man schießt.)

Schwarz (aufspringend). Horch, ein Pistolenschuß! (Man schießt wieder.) Noch einer! Holla! der Hauptmann!

Grimm. Nur Geduld! Er muß zum drittenmal schießen! (Man hört noch einen Schuß.)

Schwarz. Er ist's! – ist's – Salvier dich, Schweizer – laß uns ihm antworten! (Sie schießen.)

Moor. Kosinsky treten auf.

Schweizer (ihnen entgegen). Sei willkommen, mein Hauptmann – Ich bin ein Bischen vorlaut gewesen, seit du weg bist. (Er führt ihn an die Leiche.) Sei du Richter zwischen mir und Diesem – von hinten hat er dich ermorden wollen.

Räuber (mit Bestürzung). Was? den Hauptmann?

Moor (in den Anblick versunken, bricht heftig aus). O unbegreiflicher Finger der rachekundigen Nemesis! – War's nicht Dieser, der mir das Sirenenlied trillerte? – Weihe dieses Messer der dunklen Vergelterin! Das hast du nicht gethan, Schweizer.

Schweizer. Bei Gott! ich hab's wahrlich gethan, und es ist beim Teufel nicht das Schlechtste, was ich in meinem Leben gethan habe. (Geht unwillig ab.)

Moor (nachdenkend). Ich verstehe – Lenker im Himmel – ich verstehe – die Blätter fallen von den Bäumen – und mein Herbst ist kommen – Schafft mir Diesen aus den Augen! (Spiegelbergs Leiche wird hinweggetragen.)

Grimm. Gib uns Ordre, Hauptmann – was sollen wir weiter thun?

Moor. Bald – bald ist Alles erfüllet – Gebt mir meine Laute – Ich habe mich selbst verloren, seit ich dort war – Mein Laute, sag' ich – ich muß mich zurücklullen in meine Kraft – verlaßt mich!

Räuber. Es ist Mitternacht, Hauptmann.

Moor. Doch waren's nur die Thränen im Schauspielhaus – den Römergesang muß ich hören, daß mein schlafender Genius wieder aufwacht – meine Laute her – Mitternacht, sagt ihr?

Schwarz. Wohl bald vorüber. Wie Blei liegt der Schlaf in uns. Seit drei Tagen kein Auge zu.

Moor. Sinkt denn der balsamische Schlaf auch auf die Augen der Schelmen? Warum fliehet er mich? Ich bin nie ein Feiger gewesen, oder ein schlechter Kerl – Legt euch schlafen – Morgen am Tag gehen wir weiter.

Räuber. Gute Nacht, Hauptmann. (Sie lagern sich auf der Erde und schlafen ein.)

Tiefe Stille.

Moor nimmt die Laute und spielt.

Brutus.

Sei willkommen, friedliches Gefilde,
Nimm den Letzten aller Römer auf!
Von Philippi, wo die Mordschlacht brüllte,
Schleicht mein gramgebeugter Lauf.
Cassius, wo bist du? – Rom verloren!
Hingewürgt mein brüderliches Heer,
Meine Zuflucht zu des Todes Thoren!
Keine Welt für Brutus mehr.

Cäsar.

Wer, mit Schritten eines Nichtbesiegten,
Wandert dort vom Felsenhang? –
Ha! wenn meine Augen mir nicht lügten,
Das ist eines Römers Gang. –
Tibersohn – von wannen deine Reise?
Dauert noch die Siebenhügelstadt?
Oft geweinet hab' ich um die Waise,
Daß sie nimmer einen Cäsar hat.

Brutus.

Ha! du mit der dreiundzwanzigfachen Wunde!
Wer rief, Todter, dich ans Licht?
Schaudre rückwärts zu des Orcus Schlunde,
Stolzer Weiner! – Triumphiere nicht!
Auf Philippis eisernem Altare
Raucht der Freiheit letztes Opferblut;
Rom verröchelt über Brutus' Bahre,
Brutus geht zu Minos – Kreuch in deine Fluth!

Cäsar.

O ein Todesstoß von Brutus' Schwerte!
Auch du – Brutus – du?
Sohn – es war dein Vater – Sohn – die Erde
Wär' gefallen dir als Erbe zu!
Geh – du bist der größte Römer worden,
Da in Vaters Brust dein Eisen drang.
Geh – und heul' es bis zu jenen Pforten:
Brutus ist der größte Römer worden,
Da in Vaters Brust sein Eisen drang,
Geh – du weißt nun, was an Lethes Strande
Mich noch bannte –
Schwarzer Schiffer, stoß vom Lande!

Brutus.

Vater, halt! – Im ganzen Sonnenreiche
Hab' ich einen nur gekannt,
Der dem großen Cäsar gleiche;
Diesen Einen hast Du Sohn genannt.
Nur ein Cäsar mochte Rom verderben,
Nur nicht Brutus mochte Cäsar stehn.
Brutus will Tyrannengut nicht erben;
Wo ein Brutus lebt, muß Cäsar sterben;
Geh du linkwärts, laß mich rechtwärts gehn.

(Er legt die Laute hin, geht tiefdenkend auf und nieder.)

Wer mir Bürge wäre? – – es ist Alles so finster – verworrene Labyrinthe – kein Ausgang – kein leitendes Gestirn – wenn's aus wäre mit diesem letzten Odemzug – Aus, wie ein schales Marionettenspiel – Aber wofür der heiße Hunger nach Glückseligkeit? Wofür das Ideal einer unerreichten Vollkommenheit? Das Hinausschieben unvollendeter Plane? – Wenn der armselige Druck dieses armseligen Dings (die Pistole vors Gesicht haltend) den Weisen dem Thoren – den Feigen dem Tapfern – den Edlen dem Schelmen gleichmachte? – Es ist doch eine so göttliche Harmonie in der seelenlosen Natur, warum sollte dieser Mißklang in der vernünftigen sein? – Nein, nein! es ist etwas mehr, denn ich bin noch nicht glücklich gewesen.

Glaubt ihr, ich werde zittern? Geister meiner Erwürgten! ich werde nicht zittern. (Heftig zitternd.) – Euer banges Sterbegewinsel – euer schwarzgewürgtes Gesicht – eure fürchterlich klaffenden Wunden sind ja nur Glieder einer unzerbrechlichen Kette des Schicksals und hängen zuletzt an meinen Feierabenden, an den Launen meiner Ammen und Hofmeister, am Temperament meines Vaters, am Blut meiner Mutter – (Von Schauer geschüttelt.) Warum hat mein Perillus einen Ochsen aus mir gemacht, daß die Menschheit in meinem glühenden Bauche bratet?

(Er setzt die Pistole an.) Zeit und Ewigkeit – gekettet an einander durch ein einzig Moment! – Grauser Schlüssel, der das Gefängniß des Lebens hinter mir schließt und vor mir aufriegelt die Behausung der ewigen Nacht – sage mir – o sage mir – wohinwohin wirst du mich führen? – Fremdes, nie umsegeltes Land! – Siehe, die Menschheit erschlappt unter diesem Bilde, die Spannkraft des Endlichen läßt nach, und die Phantasie, der muthwillige Affe der Sinne, gaukelt unserer Leichtgläubigkeit seltsame Schatten vor – Nein! nein! Ein Mann muß nicht straucheln – Sei, wie du willst, namenloses Jenseits – bleibt mir nur dieses mein Selbst getreu – Sei, wie du willst, wenn ich nur mich selbst mit hinübernehme – Außendinge sind nur der Anstrich des Manns – Ich bin mein Himmel und meine Hölle.

Wenn du mir irgend einen eingeäscherten Weltkreis allein ließest, den du aus deinen Augen verbannt hast, wo die einsame Nacht und die ewige Wüste meine Aussichten sind? – Ich würde dann die schweigende Öde mit meinen Phantasieen bevölkern und hätte die Ewigkeit zur Muße, das verworrene Bild des allgemeinen Elends zu zergliedern. – Oder willst du mich durch immer neue Geburten und immer neue Schauplätze des Elends von Stufe zu Stufe – zur Vernichtung – führen? Kann ich nicht die Lebensfäden, die mir jenseits gewoben sind, so leicht zerreißen, wie diesen? – Du kannst mich zu nichts machen – Diese Freiheit kannst du mir nicht nehmen. (Er lädt die Pistole. Plötzlich hält er inne.) Und soll ich vor Furcht eines qualvollen Lebens sterben? – Soll ich dem Elend den Sieg über mich einräumen? – Nein, ich will's dulden. (Er wirft die Pistole weg.) Die Qual erlahme an meinem Stolz! Ich will's vollenden. (Es wird immer finsterer.)

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.