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Die Räuber

Friedrich Schiller: Die Räuber - Kapitel 15
Quellenangabe
typedrama
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, Erster Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Räuber
pages287
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1781
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Zweite Scene.

Gegend an der Donau.

Die Räuber gelagert auf einer Anhöhe unter Bäumen, die Pferde weiden den Hügel hinunter.

Moor. Hier muß ich liegen bleiben. (Wirft sich auf die Erde.) Meine Glieder wie abgeschlagen. Meine Zunge trocken wie eine Scherbe. (Schweizer verliert sich unvermerkt.) Ich wollt' euch bitten, mir eine Handvoll Wassers aus diesem Strome zu holen, aber ihr seid alle matt bis in den Tod.

Schwarz. Auch ist der Wein all in unsern Schläuchen.

Moor. Seht doch, wie schön das Getreide steht! – Die Bäume brechen fast unter ihrem Segen. – Der Weinstock voll Hoffnung.

Grimm. Es gibt ein fruchtbares Jahr.

Moor. Meinst du? – Und so würde doch ein Schweiß in der Welt bezahlt. Einer? – – Aber es kann ja über Nacht ein Hagel fallen und Alles zu Grund schlagen.

Schwarz. Das ist leicht möglich. Es kann Alles zu Grund gehen, wenig Stunden vorm Schneiden.

Moor. Das sag' ich ja. Es wird Alles zu Grund gehn. Warum soll dem Menschen Das gelingen, was er von der Ameise hat, wenn ihm Das fehlschlägt, was ihn den Göttern gleich macht? – oder ist hier die Mark seiner Bestimmung?

Schwarz. Ich kenne sie nicht.

Moor. Du hast gut gesagt und noch besser gethan, wenn du sie nie zu kennen verlangtest! – Bruder – ich habe die Menschen gesehen, ihre Bienensorgen und ihre Riesenprojecte – ihre Götterplane und ihre Mäusegeschäfte, das wunderseltsame Wettrennen nach Glückseligkeit; – Dieser dem Schwung seines Rosses anvertraut – ein Anderer der Nase seines Esels – ein Dritter seinen eigenen Beinen; dieses bunte Lotto des Lebens, worein so Mancher seine Unschuld und – seinen Himmel setzt, einen Treffer zu haschen, und – Nullen sind der Auszug – am Ende war kein Treffer darin. Es ist ein Schauspiel, Bruder, das Thränen in deine Augen lockt, wenn es dein Zwerchfell zum Gelächter kitzelt.

Schwarz. Wie herrlich die Sonne dort untergeht!

Moor (in den Anblick versenkt). So stirbt ein Held! – Anbetenswürdig!

Grimm. Du scheinst tief gerührt.

Moor. Da ich noch ein Bube war – war's mein Lieblingsgedanke, wie sie zu leben, zu sterben wie sie(mit verbissenem Schmerz.) Es war ein Bubengedanke!

Grimm. Das will ich hoffen.

Moor (drückt den Hut übers Gesicht). Es war eine Zeit – Laßt mich allein, Kameraden!

Schwarz. Moor! Moor! Was zum Henker? – Wie er seine Farbe verändert!

Grimm. Alle Teufel! was hat er? wird ihm übel?

Moor. Es war eine Zeit, wo ich nicht schlafen konnte, wenn ich mein Nachtgebet vergessen hatte –

Grimm. Bist du wahnsinnig? Willst du dich von deinen Bubenjahren hofmeistern lassen?

Moor (legt sein Haupt auf Grimms Brust). Bruder! Bruder!

Grimm. Wie? sei doch kein Kind – ich bitte dich –

Moor. Wär ich's – wär ich's wieder!

Grimm. Pfui! pfui!

Schwarz. Heitre dich auf. Sieh diese malerische Landschaft – den lieblichen Abend.

Moor. Ja, Freunde! diese Welt ist so schön.

Schwarz. Nun, das war wohl gesprochen.

Moor. Diese Erde so herrlich.

Grimm. Recht – recht – so hör' ich's gerne.

Moor (zurückgesunken). Und ich so häßlich auf dieser schönen Welt – und ich ein Ungeheuer auf dieser herrlichen Erde.

Grimm. O weh, o weh!

Moor. Meine Unschuld! meine Unschuld! – Seht! es ist Alles hinausgegangen, sich im friedlichen Strahl des Frühlings zu sonnen – Warum ich allein die Hölle saugen aus den Freuden des Himmels? – Daß Alles so glücklich ist, durch den Geist des Friedens Alles so verschwistert! – Die ganze Welt eine Familie und ein Vater dort oben – Mein Vater nicht – ich allein der Verstoßene, ich allein ausgemustert aus den Reihen der Reinen – mir nicht der süße Name Kind – nimmer mir der Geliebten schmachtender Blick – nimmer, nimmer des Busenfreundes Umarmung. (Wild zurückfahrend.) Umlagert von Mördern – von Nattern umzischt – angeschmiedet an das Laster mit eisernen Banden – hinausschwindelnd ins Grab des Verderbens auf des Lasters schwankendem Rohr – mitten in den Blumen der glücklichen Welt ein heulender Abbadonna!

Schwarz (zu den Übrigen). Unbegreiflich! ich hab' ihn nie so gesehen.

Moor (mit Wehmuth). Daß ich wiederkehren dürfte in meiner Mutter Leib! daß ich ein Bettler geboren werden dürfte! – Nein! ich wollte nicht mehr, o Himmel – daß ich werden dürfte wie dieser Taglöhner einer! – O ich wollte mich abmüden, daß mir das Blut von den Schläfen rollte – mir die Wollust eines einzigen Mittagsschlafs zu erkaufen – die Seligkeit einer einzigen Thräne.

Grimm (zu den Andern). Nur Geduld, der Paroxysmus ist schon im Fallen.

Moor. Es war eine Zeit, wo sie mir so gern flossen – o ihr Tage des Friedens! du Schloß meines Vaters – ihr grünen schwärmerischen Thäler! O all ihr Elysiums-Scenen meiner Kindheit! – werdet ihr nimmer zurückkehren – nimmer mit köstlichem Säuseln meinen brennenden Busen kühlen? – Traure mit mir, Natur – Sie werden nimmer zurückkehren, nimmer mit köstlichem Säuseln meinen brennenden Busen kühlen. – Dahin! dahin, unwiederbringlich! –

Schweizer mit Wasser im Hut.

Schweizer. Sauf zu, Hauptmann – hier ist Wasser genug, und frisch wie Eis.

Schwarz. Du blutest ja – was hast du gemacht?

Schweizer. Narr, einen Spaß, der mich bald zwei Beine und einen Hals gekostet hätte. Wie ich so auf dem Sandhügel am Fluß hintrolle, glitsch! so rutscht der Plunder unter mir ab und ich zehn rheinländische Schuh lang hinunter – da lag ich, und wie ich mir eben meine fünf Sinne wieder zurechtsetze, treff' ich dir das klarste Wasser im Kies. Genug diesmal für den Tanz, dacht' ich, dem Hauptmann wird's wohl schmecken.

Moor (gibt ihm den Hut zurück und wischt ihm sein Gesicht ab). Sonst sieht man ja die Narben nicht, die die böhmischen Reiter in deine Stirne gezeichnet haben – dein Wasser war gut, Schweizer – diese Narben stehen dir schön.

Schweizer. Pah! hat noch Platz genug für ihrer dreißig.

Moor. Ja, Kinder – es war ein heißer Nachmittag – und nur einen Mann verloren – mein Roller starb einen schönen Tod. Man würde einen Marmor auf seine Gebeine setzen, wenn er nicht mir gestorben wäre. Nehmet vorlieb mit diesem. (Er wischt sich die Augen.) Wie viel waren's doch von den Feinden, die auf dem Platz blieben?

Schweizer. Hundert und sechzig Husaren – drei und neunzig Dragoner, gegen vierzig Jäger – dreihundert in Allem.

Moor. Dreihundert für Einen! – Jeder von euch hat Anspruch an diesen Scheitel! (Er entblößt sich das Haupt.) Hier heb' ich meinen Dolch auf. So wahr meine Seele lebt! Ich will euch niemals verlassen.

Schweizer. Schwöre nicht! Du weißt nicht, ob du nicht noch glücklich werden und bereuen wirst.

Moor. Bei den Gebeinen meines Rollers! Ich will euch niemals verlassen.

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