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Die Räuber

Friedrich Schiller: Die Räuber - Kapitel 11
Quellenangabe
typedrama
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, Erster Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Räuber
pages287
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1781
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Dritte Scene.

Die böhmischen Wälder.

Spiegelberg. Razmann. Räuberhaufen.

Razmann. Bist da? bist's wirklich? So laß dich doch zu Brei zusammendrücken, lieber Herzensbruder Moritz! Willkommen in den böhmischen Wäldern! Bist ja groß worden und stark. Stern-Kreuz-Bataillon! Bringst ja Rekruten mit einen ganzen Trieb, du trefflicher Werber!

Spiegelberg. Gelt, Bruder? gelt? Und das ganze Kerl dazu! – Du glaubst nicht, Gottes sichtbarer Segen ist bei mir: war dir ein armer hungriger Tropf, hatte nichts als diesen Stab, da ich über den Jordan ging, und jetzt sind unserer acht und siebenzig, meistens ruinierte Krämer, rejicierte Magister und Schreiber aus den schwäbischen Provinzen; das ist dir ein Corps Kerles, Bruder, deliciöse Bursche, sag' ich dir, wo als einer dem andern die Knöpfe von den Hosen stiehlt und mit geladener Flinte neben ihm sicher ist – und haben vollauf und stehen dir in einem Renomm ée vierzig Meilen weit, das nicht zu begreifen ist. Da ist dir keine Zeitung, wo du nicht ein Artikelchen von dem Schlaukopf Spiegelberg wirst getroffen haben; ich halte sie mir auch pur deßwegen – vom Kopf bis zun Füßen haben sie mich dir hingestellt, du meinst, du sähst mich; sogar meine Rockknöpfe haben sie nicht vergessen. Aber wir führen sie erbärmlich am Narrenseil herum. Ich geh' letzthin in die Druckerei, geb' vor, ich hätte den berüchtigten Spiegelberg gesehen, und dictier' einem Skrizler, der dort saß, das leibhafte Bild von einem dortigen Wurmdoctor in die Feder; das Ding kommt um, der Kerl wird eingezogen, parforce inquiriert, und in der Angst und in der Dummheit gesteht er dir, hol' mich der Teufel! gesteht dir, er sei der Spiegelberg – Donner und Wetter! ich war eben auf dem Sprung, mich beim Magistrat anzugeben, daß die Canaille mir meinen Namen so verhunzen soll – wie ich sage, drei Monat drauf hangt er. Ich mußte nachher eine derbe Prise Toback in die Nase reiben, als ich am Galgen vorbeispazierte und den Pseudo-Spiegelberg in seiner Glorie da paradieren sah – und unterdessen daß Spiegelberg hangt, schleicht sich Spiegelberg ganz sachte aus den Schlingen und deutet der superklugen Gerechtigkeit hinterrücks Eselsohren, daß 's zum Erbarmen ist.

Razmann (lacht). Du bist eben noch immer der Alte.

Spiegelberg. Das bin ich, wie du siehst, an Leib und Seel. Narr! einen Spaß muß ich dir doch erzählen, den ich neulich im Cäcilien-Kloster angerichtet habe. Ich treffe das Kloster auf meiner Wanderschaft so gegen die Dämmerung, und da ich eben den Tag noch keine Patrone verschossen hatte – du weißt, ich hasse das diem perdidi auf den Tod – so mußte die Nacht noch durch einen Streich verherrlicht werden, und sollt's dem Teufel um ein Ohr gelten! Wir halten uns ruhig bis in die späte Nacht. Es wird mausstill. Die Lichter gehen aus. Wir denken, die Nonnen könnten jetzt in den Federn sein. Nun nehm' ich meinen Kameraden Grimm mit mir, heiß' die andern warten vorm Thor, bis sie mein Pfeifchen hören würden, – versichere mich des Klosterwächters, nehm' ihm die Schlüssel ab, schleich' mich hinein, wo die Mägde schliefen, praktizier' ihnen die Kleider weg, und heraus mit dem Pack zum Thor. Wir gehen weiter von Zelle zu Zelle, nehmen einer Schwester nach der andern die Kleider, endlich auch der Äbtissin – Jetzt pfeif' ich, und meine Kerls draußen fangen an zu stürmen und zu hasselieren, als käm' der jüngste Tag, und hinein mit bestialischem Gepolter in die Zellen der Schwestern – hahaha! – da hättest du die Hatz sehen sollen, wie die armen Thierchen in der Finstere nach ihren Röcken tappten und sich jämmerlich geberdeten, wie sie zum Teufel waren, und wir indeß wie alle Donnerwetter zugesetzt, und wie sie sich vor Schreck und Bestürzung in Bettlaken wickelten, oder unter dem Ofen zusammenkrochen wie Katzen, andere in der Angst ihres Herzens die Stube so besprengten, daß du hättest das Schwimmen drin lernen können, und das erbärmliche Gezeter und Lamento, und endlich gar die alte Schnurre, die Äbtissin, angezogen wie Eva vor dem Fall – du weißt, Bruder, daß mir auf diesem weiten Erdenrund kein Geschöpf so zuwider ist, als eine Spinne und ein altes Weib, und nun denk' dir einmal die schwarzbraune, runzlichte, zottigte Vettel vor mir herumtanzen und mich bei ihrer jungfräulichen Sittsamkeit beschwören – alle Teufel! ich hatte schon den Ellbogen angesetzt, ihr die übriggebliebenen wenigen edlen vollends in den Mastdarm zu stoßen – kurz resolviert! entweder heraus mit dem Silbergeschirr, mit dem Klosterschatz und allen den blanken Thälerchen, oder – meine Kerls verstanden mich schon – ich sage dir, ich hab' aus dem Kloster mehr denn tausend Thaler Werths geschleift, und den Spaß obendrein, und meine Kerls haben ihnen ein Andenken hinterlassen, sie werden ihre neun Monate dran zu schleppen haben.

Razmann (auf den Boden stampfend). Daß mich der Donner da weg hatte!

Spiegelberg. Siehst du? Sag' du mehr, als ob das kein Luderleben ist? und dabei bleibt man frisch und stark, und das Corpus ist noch beisammen und schwillt dir stündlich wie ein Prälats-Bauch – ich weiß nicht, ich muß was Magnetisches an mir haben, das dir alles Lumpengesindel auf Gottes Erdboden anzieht wie Stahl und Eisen.

Razmann. Schöner Magnet du! Aber so möcht' ich Henkers doch wissen, was für Hexereien du brauchst –

Spiegelberg. Hexereien? Braucht keine Hexereien – Kopf mußt du haben! Ein gewisses praktisches Judicium, das man freilich nicht in der Gerste frißt – denn siehst du, ich pfleg' immer zu sagen: einen honetten Mann kann man aus jedem Weidenstotzen formen, aber zu einem Spitzbuben will's Grütz – auch gehört dazu ein eigenes Nationalgenie, ein gewisses, daß ich so sage, Spitzbubenklima, und da rath ich dir, reis' du ins Graubünder Land, das ist das Athen der heutigen Gauner.

Razmann. Bruder! man hat mir überhaupt das ganze Italien gerühmt.

Spiegelberg. Ja, ja! man muß Niemand sein Recht vorenthalten, Italien weist auch seine Männer auf, und wenn Deutschland so fortmacht, wie es bereits auf dem Weg ist, und die Bibel vollends hinausvotiert, wie es die glänzendsten Aspecten hat, so kann mit der Zeit auch noch aus Deutschland was Gutes kommen – überhaupt aber, muß ich dir sagen, macht das Klima nicht sonderlich viel, das Genie kommt überall fort, und das Übrige, Bruder – ein Holzapfel, weißt du wohl, wird im Paradiesgärtlein selber ewig keine Ananas – aber daß ich dir weiter sage – wo bin ich stehen geblieben?

Razmann. Bei den Kunstgriffen!

Spiegelberg. Ja recht, bei den Kunstgriffen. So ist dein Erstes, wenn du in die Stadt kommst, du ziehst bei den Bettelvögten, Stadtpatrollanten und Zuchtknechten Kundschaft ein, wer so am fleißigsten bei ihnen einspreche, die Ehre gebe, und diese Kunden suchst du auf – ferner nistest du dich in die Kaffeehäuser, Bordelle, Wirthshäuser ein, spähst, sondierst, wer am meisten über die wohlfeile Zeit, die fünf pro Cent, über die einreißende Pest der Polizeiverbesserungen schreit, wer am meisten über die Regierung schimpft, oder wider die Physiognomik eifert und dergleichen, Bruder! das ist die rechte Höhe! die Ehrlichkeit wackelt wie ein hohler Zahn, du darfst nur den Pelikan ansetzen – oder besser und kürzer: du gehst und wirfst einen vollen Beutel auf die offene Straße, versteckst dich irgendwo und merkst dir wohl, wer ihn aufhebt – eine Weile drauf jagst du hinterher, suchst, schreist und fragst nur so im Vorbeigehen: haben der Herr nicht etwa einen Geldbeutel gefunden? Sagt er ja, – nun so hat's der Teufel gesehen: läugnet er's aber: der Herr verzeihen – ich wüßte mich nicht zu entsinnen, – ich bedaure (aufspringend) Bruder! Triumph, Bruder! Lösch deine Laterne aus, schlauer Diogenes! – du hast deinen Mann gefunden.

Razmann. Du bist ein ausgelernter Praktikus.

Spiegelberg. Mein Gott! als ob ich noch jemals dran gezweifelt hätte – Nun du deinen Mann in dem Hamen hast, mußt du's auch fein schlau angreifen, daß du ihn hebst! – Siehst du, mein Sohn! das hab' ich so gemacht: – Sobald ich einmal die Fährte hatte, hängt' ich mich meinem Candidaten an wie eine Klette, saufte Brüderschaft mit ihm, und Notabene! zechfrei mußt du ihn halten! da geht freilich ein Schönes drauf, aber das achtest du nicht – – du gehst weiter, du führst ihn in Spielcompagnieen und bei liederlichen Menschern ein, verwickelst ihn in Schlägereien und schelmische Streiche, bis er an Saft und Kraft und Geld und Gewissen und gutem Namen bankrutt wird; denn incidenter muß ich dir sagen, du richtest nichts aus, wenn du nicht Leib und Seele verderbst – Glaube mir, Bruder! das hab' ich aus meiner starken Praxi wohl fünfzigmal abstrahiert, wenn der ehrliche Mann einmal aus dem Nest gejagt ist, so ist der Teufel Meister – der Schritt ist dann so leicht – o so leicht, als der Sprung von einer Hure zu einer Betschwester. – Horch doch! was für ein Knall war das?

Razmann. Es war gedonnert, nur fortgemacht!

Spiegelberg. Noch ein kürzerer, besserer Weg ist der, du plünderst deinem Mann Haus und Hof ab, bis ihm kein Hemd mehr am Leibe hebt, alsdann kommt er dir von selber – lern' mich die Pfiffe nicht, Bruder – frag' einmal das Kupfergesicht dort – Schwere Noth! den hab' ich schön ins Garn gekriegt – ich hielt ihm vierzig Dukaten hin, die sollt' er haben, wenn er mir seines Herrn Schlüssel in Wachs drücken wollte – denk' einmal! die dumme Bestie thut's, bringt mir, hol' mich der Teufel! die Schlüssel und will jetzt das Geld haben – Monsieur, sagt' ich, weiß Er auch, daß ich jetzt diese Schlüssel gerades Wegs zum Polizeilieutnant trage und Ihm ein Logis am lichten Galgen miethe? – Tausend Sakerment! da hättest du den Kerl sehen sollen die Augen aufreißen und anfangen zu zappeln wie ein nasser Pudel – – »Um's Himmels willen, hab' der Herr doch Einsicht! ich will – will –« Was will Er? will Er jetzt gleich den Zopf hinaufschlagen und mit mir zum Teufel gehn? – »O von Herzen gern, mit Freuden« – Hahaha! guter Schlucker, mit Speck fängt man Mäuse – Lach' ihn doch aus, Razmann! hahaha!

Razmann. Ja, ja, ich muß gestehen. Ich will mir diese Lection mit goldenen Ziffern auf meine Hirntafel schreiben. Der Satan mag seine Leute kennen, daß er dich zu seinem Mäkler gemacht hat.

Spiegelberg. Gelt, Bruder? und ich denke, wenn ich ihm zehen stelle, läßt er mich frei ausgehen – gibt ja jeder Verleger seinem Sammler das zehente Exemplar gratis, warum soll der Teufel so jüdisch zu Werk gehn? Razmann! ich rieche Pulver –

Razmann. Sapperment! ich riech's auch schon lang. – Gib Acht, es wird in der Näh was gesetzt haben! – Ja, ja, wie ich dir sage, Moritz, du wirst dem Hauptmann mit deinen Rekruten willkommen sein – er hat auch schon brave Kerl angelockt.

Spiegelberg. Aber die meinen! die meinen! – Pah –

Razmann. Nun ja! sie mögen hübsche Fingerchen haben – aber ich sage dir, der Ruf unsers Hauptmanns hat auch schon ehrliche Kerl in Versuchung geführt.

Spiegelberg. Ich will nicht hoffen.

Razmann. Sans Spaß! und sie schämen sich nicht, unter ihm zu dienen. Er mordet nicht um des Raubes willen, wie wir – nach dem Geld schien er nicht mehr zu fragen, sobald er's vollauf haben konnte, und selbst sein Drittheil an der Beute, das ihn von Rechtswegen trifft, verschenkt er an Waisenkinder, oder läßt damit arme Jungen von Hoffnung studieren. Aber soll er dir einen Landjunker schröpfen, der seine Bauern wie das Vieh abschindet, oder einen Schurken mit goldnen Borten unter den Hammer kriegen, der die Gesetze falschmünzt und das Auge der Gerechtigkeit übersilbert, oder sonst ein Herrchen von dem Gelichter – Kerl! da ist er dir in seinem Element und haust teufelmäßig, als wenn jede Faser an ihm eine Furie wäre.

Spiegelberg. Hum! Hum!

Razmann. Neulich erfuhren wir im Wirthshaus, daß ein reicher Graf von Regensburg durchkommen würde, der einen Proceß von einer Million durch die Pfiffe seines Advokaten durchgesetzt hätte; er saß eben am Tisch und brettelte. – Wie viel sind unserer? frug er mich, indem er hastig aufstand; ich sah ihn die Unterlippe zwischen die Zähne klemmen, welches er nur thut, wenn er am grimmigsten ist – Nicht mehr als fünf! sagt' ich – Es ist genug! sagt' er, warf der Wirthin das Geld auf den Tisch, ließ den Wein, den er sich hatte reichen lassen, unberührt stehen – wir machten uns auf den Weg. Die ganze Zeit über sprach er kein Wort, lief abseitwärts und allein, nur daß er uns von Zeit zu Zeit fragte, ob wir noch nichts gewahr worden wären, und uns befahl, das Ohr an die Erde zu legen. Endlich so kommt der Graf hergefahren, der Wagen schwer bepackt, der Advokat saß bei ihm drinn, voraus ein Reiter, nebenher ritten zwei Knechte – da hättest du den Mann sehen sollen, wie er, zwei Terzerolen in der Hand, vor uns her auf den Wagen zusprang! und die Stimme,. mit der er rief: Halt! – Der Kutscher, der nicht Halt machen wollte, mußte vom Bock herabtanzen; der Graf schoß aus dem Wagen in den Wind, die Reiter flohen – Dein Geld, Canaille! rief er donnernd – er lag wie ein Stier unter dem Beil – und bist du der Schelm, der die Gerechtigkeit zur feilen Hure macht? Der Advokat zitterte, daß ihm die Zähne klapperten, – der Dolch stak in seinem Bauch wie ein Pfahl im Weinberg – Ich habe das Meine gethan! rief er und wandte sich stolz von uns weg; das Plündern ist eure Sache. Und somit verschwand er im Wald –

Spiegelberg. Hum! hum! Bruder, was ich dir vorhin erzählt habe, bleibt unter uns, er braucht's nicht zu wissen. Verstehst du?

Razmann. Recht, recht, ich versteh'.

Spiegelberg. Du kennst ihn ja! Er hat so seine Grillen. Du verstehst mich.

Razmann. Ich versteh', ich versteh'.

Schwarz in vollem Lauf.

Razmann. Wer da? was gibt's da? Passagiers im Walde?

Schwarz. Hurtig, hurtig! wo sind die Andern? – Tausendsakerment! Ihr steht da und plaudert! Wißt ihr denn nicht – wißt ihr denn gar nicht? – und Roller –

Razmann. Was denn? was denn?

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