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Die Räuber

Friedrich Schiller: Die Räuber - Kapitel 10
Quellenangabe
typedrama
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, Erster Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Räuber
pages287
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1781
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Amalia (wie aus einem Todesschlummer aufgejagt). Sein letzter Seufzer Amalia.

D. a. Moor (gräßlich schreiend, sich die Haare ausraufend). Mein Fluch ihn gejagt in den Tod! gefallen in Verzweiflung!

Franz (umherirrend im Zimmer). Oh! was habt Ihr gemacht, Vater? Mein Karl, mein Bruder!

Hermann. Hier ist das Schwert, und hier ist auch ein Portrait, das er zu gleicher Zeit aus dem Busen zog! Es gleicht diesem Fräulein auf ein Haar. Dies soll meinem Bruder Franz, sagte er, – ich weiß nicht, was er damit sagen wollte.

Franz (wie erstaunt). Mir? Amalias Portrait? Mir, Karl, Amalia? Mir?

Amalia (heftig auf Hermann losgehend). Feiler bestochener Betrüger! (Faßt ihn hart an.)

Hermann. Das bin ich nicht, gnädiges Fräulein. Sehet selbst, ob's nicht Euer Bild ist – Ihr mögt's ihm wohl selbst gegeben haben.

Franz. Bei Gott! Amalia, das deine! Es ist wahrlich das deine!

Amalia (gibt ihm das Bild zurück). Mein, mein! O Himmel und Erde!

D. a. Moor (schreiend, sein Gesicht zerfleischend). Wehe, wehe! mein Fluch ihn gejagt in den Tod! gefallen in Verzweiflung!

Franz. Und er gedachte meiner in der letzten schweren Stunde des Scheidens, meiner! Englische Seele – da schon das schwarze Panier des Todes über ihm rauschte – meiner! –

D. a. Moor (lallend). Mein Fluch ihn gejagt in den Tod, gefallen mein Sohn in Verzweiflung! –

Hermann. Den Jammer steh' ich nicht aus. Lebt wohl, alter Herr! (Leise zu Franz.) Warum habt Ihr auch das gemacht, Junker? (Geht schnell ab.)

Amalia (aufspringend, ihm nach). Bleib, bleib! Was waren seine letzten Worte?

Hermann (zurückrufend). Sein letzter Seufzer war Amalia. (Ab.)

Amalia. Sein letzter Seufzer war Amalia! – Nein, du bist kein Betrüger! So ist es wahr – wahr – er ist todt! – todt! – (hin und her taumelnd, bis sie umsinkt) todt – Karl ist todt –

Franz. Was seh' ich? Was steht da auf dem Schwert? geschrieben mit Blut – Amalia!

Amalia. Von ihm?

Franz. Seh' ich recht oder träum' ich? Siehe da mit blutiger Schrift: Franz, verlaß meine Amalia nicht. Sieh doch! sieh doch! – und auf der andern Seite: Amalia, deinen Eid zerbrach der allgewaltige Tod. – Siehst du nun, siehst du nun? er schrieb's mit erstarrender Hand, schrieb's mit dem warmen Blut seines Herzens, schrieb's an der Ewigkeit feierlichem Rande! Sein fliehender Geist verzog, Franz und Amalia noch zusammen zu knüpfen.

Amalia. Heiliger Gott! es ist seine Hand. – Er hat mich nie geliebt! (Schnell ab.)

Franz (auf den Boden stampfend). Verzweifelt! meine ganze Kunst erliegt an dem Starrkopf.

D. a. Moor. Wehe, wehe! Verlaß mich nicht, meine Tochter! – Franz, Franz! gib mir meinen Sohn wieder!

Franz. Wer war's, der ihm den Fluch gab? Wer war's, der seinen Sohn jagte in Kampf und Tod und Verzweiflung? – Oh! er war ein Engel, ein Kleinod des Himmels. Fluch über seine Henker! Fluch, Fluch über Euch selber! –

D. a. Moor (schlägt mit geballter Faust wider Brust und Stirn). Er war ein Engel, war Kleinod des Himmels! Fluch, Fluch, Verderben, Fluch über mich selber! Ich bin der Vater, der seinen großen Sohn erschlug. Mich liebt' er bis in den Tod! mich zu rächen, rannte er in Kampf und Tod! Ungeheuer, Ungeheuer! (Wüthet wider sich selber.)

Franz. Er ist dahin, was helfen späte Klagen? (Höhnisch lachend.) Es ist leichter morden, als lebendig machen. Ihr werdet ihn nimmer aus seinem Grabe zurückholen.

D. a. Moor. Nimmer, nimmer, nimmer aus dem Grabe zurückholen. Hin, verloren auf ewig! Und du hast mir den Fluch aus dem Herzen geschwätzt, du – du – Meinen Sohn mir wieder!

Franz. Reizt meinen Grimm nicht. Ich verlaß Euch im Tode! –

D. a. Moor. Scheusal! Scheusal! schaff mir meinen Sohn wieder! (Fährt aus dem Sessel, will Franzen an der Gurgel fassen, der ihn zurückschleudert.)

Franz. Kraftlose Knochen! ihr wagt es – Sterbt! Verzweifelt! (Ab.)

Der alte Moor.

Tausend Flüche donnern dir nach! du hast mir meinen Sohn aus den Armen gestohlen. (Voll Verzweiflung hin und her geworfen im Sessel.) Wehe, wehe! Verzweifeln, aber nicht sterben! – Sie fliehen, verlassen mich im Tode – meine guten Engel fliehen von mir, weichen alle die Heiligen vom eisgrauen Mörder. – Wehe, wehe! Will mir Keiner das Haupt halten, will Keiner die ringende Seele entbinden? Keine Söhne! keine Töchter! keine Freunde! – Menschen nur – will Keiner, allein – verlassen – Wehe, wehe! – Verzweifeln, aber nicht sterben!

Amalia mit verweinten Augen.

D. a. Moor. Amalia! Bote des Himmels! Kommst du, meine Seele zu lösen?

Amalia (mit sanfterem Ton). Ihr habt einen herrlichen Sohn verloren.

D. a. Moor. Ermordet, willst du sagen. Mit diesem Zeugnis belastet, tret' ich vor den Richterstuhl Gottes.

Amalia. Nicht also, jammervoller Greis! der himmlische Vater rückt' ihn zu sich. Wir wären zu glücklich gewesen auf dieser Welt. – Droben, droben über den Sonnen – Wir sehn ihn wieder.

D. a. Moor. Wiedersehen, wiedersehen! Oh, es wird mir durch die Seele schneiden ein Schwert – wenn ich ein Heiliger ihn unter den Heiligen finde – Mitten im Himmel werden durch mich schauern Schauer der Hölle! Im Anschauen des Unendlichen mich zermalmen die Erinnerung: ich hab' meinen Sohn ermordet!

Amalia. Oh, er wird Euch die Schmerzerinnerung aus der Seele lächeln! Seid doch heiter, lieber Vater! ich bin's so ganz. Hat er nicht schon den himmlischen Hörern den Namen Amalia vorgesungen auf der seraphischen Harfe, und die himmlischen Hörer lispelten ihm leise nach? Sein letzter Seufzer war ja Amalia! Wird nicht sein erster Jubel Amalia sein?

D. a. Moor. Himmlischer Trost quillt von deinen Lippen! Er wird mir lächeln, sagst du? vergeben? Du mußt bei mir bleiben, Geliebte meines Karls, wenn ich sterbe.

Amalia. Sterben ist Flug in seine Arme. Wohl Euch! Ihr seid zu beneiden. Warum sind diese Gebeine nicht mürb? warum diese Haare nicht grau? Wehe über die Kräfte der Jugend! Willkommen, du markloses Alter, näher gelegen dem Himmel und meinem Karl!

Franz tritt auf.

D. a. Moor. Tritt her, mein Sohn! Vergib mir, wenn ich vorhin zu hart gegen dich war! Ich vergebe dir Alles. Ich möchte so gern im Frieden den Geist aufgeben.

Franz. Habt Ihr genug um Euren Sohn geweint? So viel ich sehe, habt Ihr nur einen.

D. a. Moor. Jakob hatte der Söhne zwölf, aber um seinen Joseph hat er blutige Thränen geweint.

Franz. Hum!

D. a. Moor. Geh, nimm die Bibel, meine Tochter, und lies mir die Geschichte Jakobs und Josephs! Sie hat mich immer so gerührt, und damals bin ich noch nicht Jakob gewesen.

Amalia. Welches soll ich Euch lesen? (Nimmt die Bibel und blättert.)

D. a. Moor. Lies mir den Jammer des Verlassenen, als er ihn nimmer unter seinen Kindern fand – und vergebens sein harrte im Kreis seiner eilfe – und sein Klagelied, als er vernahm, sein Joseph sei ihm genommen auf ewig –

Amalia (liest). »Da nahmen sie Josephs Rock, und schlachteten einen Ziegenbock, und tauchten den Rock in das Blut, und schickten den bunten Rock hin, und ließen ihn ihrem Vater bringen, und sagen: diesen haben wir funden, siehe, ob's deines Sohnes Rock sei, oder nicht?« (Franz geht plötzlich hinweg.) »Er kannte ihn aber und sprach: Es ist meines Sohnes Rock, ein böses Thier hat ihn gefressen, ein reißend Thier hat Joseph zerrissen.«

D. a. Moor (fällt auf Kissen zurück). Ein reißend Thier hat Joseph zerrissen!

Amalia (liest weiter). »Und Jakob zerriß seine Kleider, und legte einen Sack um seine Lenden, und trug Leide um seinen Sohn lange Zeit, und alle seine Söhne und Töchter traten auf, daß sie ihn trösteten; aber er wollte sich nicht trösten lassen und sprach: Ich werde mit Leid hinunterfahren –«

D. a. Moor. Hör' auf, hör' auf! Mir wird sehr übel.

Amalia (hinzuspringend, läßt das Buch fallen). Hilf Himmel! Was ist das?

D. a. Moor. Das ist der Tod! – Schwarz – schwimmt – vor meinen – Augen – ich bitt' dich – ruf dem Pastor – daß er mir – das Abendmahl reiche – Wo ist – mein Sohn Franz?

Amalia. Er ist geflohen! Gott erbarme sich unser!

D. a. Moor. Geflohen – geflohen von des Sterbenden Bette? – Und das all – all – von zwei Kindern voll Hoffnung – du hast sie – gegeben – hast sie – genommen – – dein Name sei – –

Amalia (mit einem plötzlichen Schrei). Todt! Alles todt! (Ab in Verzweiflung.)

Franz hüpft frohlockend herein.

Todt, schreien sie, todt! Jetzt bin ich Herr. Im ganzen Schlosses zetert es: todt. – Wie aber, schläft er vielleicht nur? – Freilich, ach freilich! das ist nun freilich ein Schlaf, wo es ewig niemals »Guten Morgen« heißt – Schlaf und Tod sind nur Zwillinge. Wir wollen einmal die Namen wechseln! Wackerer, willkommener Schlaf! Wir wollen dich Tod heißen! (Er drückt ihm die Augen zu.) Wer wird nun kommen und es wagen, mich vor Gericht zu fordern? oder mir ins Angesicht zu sagen: du bist ein Schurke! Weg denn mit dieser lästigen Larve von Sanftmuth und Tugend! Nun sollt ihr den nackten Franz sehen und euch entsetzen! Mein Vater überzuckerte seine Forderungen, schuf sein Gebiet zu einem Familienzirkel um, saß liebreich lächelnd am Thor und grüßte sei Brüder und Kinder. – Meine Augbraunen sollen über euch herhangen wie Gewitterwolken, mein herrischer Name schweben wie ein drohender Komet über diesen Gebirgen, meine Stirne soll euer Wetterglas sein! Er streichelte und koste den Nacken, der gegen ihn störrig zurückschlug. Streicheln und kosen ist meine Sache nicht. Ich will euch die zackigten Sporen ins Fleisch hauen und die scharfe Geißel versuchen. – In meinem Gebiet soll's so weit kommen, daß Kartoffeln und dünn Bier ein Tractament für Festtage werden, und wehe Dem, der mir mit vollen, feurigen Backen unter die Augen tritt! Blässe der Armuth und sklavischen Furcht sind meine Leibfarbe; in diese Liverei will ich euch kleiden! (Er geht ab.)

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