Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Voß >

Die Rächerin und andere römische Novellen

Richard Voß: Die Rächerin und andere römische Novellen - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/vossr/raecheri/raecheri.xml
typenovelette
authorRichard Voß
titleDie Rächerin und andere römische Novellen
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp.
printrunZweite Auflage
year1899
illustratorAdalbert Franz Seligmann
correctorjohannschneller@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090225
projectid8ba94c48
Schließen

Navigation:

8.

Wieder in Rom, begriff ich, warum ich von der Fiammetta weder etwas gesehen, noch gehört hatte. An der spanischen Treppe stand sie niemals, und niemals lungerte sie mit dem übrigen müßigen Völklein der weniger begehrten Modelle in der Via Sistina. Sie war sozusagen Eigentum der Franzosen, die in den Hallen, Gärten und Steineichenhainen der Villa Medici das Leben von Halbgöttern führen. Auch der Knabe Raffaelo, Cesares Bruder, war eifersüchtig gehüteter französischer Besitz.

Ich erfragte beider Adresse und an einem Sonntagnachmittage suchte ich sie auf, um ihnen Grüße aus dem Molarathal zu bringen, was mich bei der schönen vielbegehrten Fiammetta empfehlen sollte.

Das Pärchen hauste unter dem tarpejischen Felsen in einer finstern und feuchten Kammer, die aus einen von Orangenbäumen gefüllten, von brennend roten Geranien und gelben Pansiarosen durchleuchteten Hof führte. Der braune Felsen der uralten Richtstätte der Römer stieg mit allerlei geheimnisvollem Trümmerwerk aus diesem Blühen und Glühen steil empor. Ich fand Cesares Braut mit dem Knaben unter den Blumen kauernd, von der Nachmittagssonne mit goldigen Lichtern umspielt.

Fiammetta war – doch Sie kennen ihr Bild und sahen heute sie selbst ...« hat diese echt römische Frauenart etwas so geradezu Souveränes: eine junge Fürstin konnte von Fiammetta das Grüßen lernen! Kaum merklich neigte sie für mich das Köpfchen: so von unten nach oben.

Sie empfing mich höchst ungnädig. Daß ich einer von der Gilde war, sah sie mir auf den ersten Blick an. Sie sagte mir gleich grade heraus: sie könnte mir nicht stehen und wenn ich ihr für die Sitzung einen Scudo geben wollte! Ich ließ es auf diese Feuerprobe nicht ankommen, wohl wissend, daß die stolze Sabinerin dieselbe schlecht bestehen würde. Denn für diese Kinder des Südens ist Gott zwar Gott; aber das goldene Kalb ist der höchste Gott und wäre Christus nicht von Judas verschachert worden, so hätte dies ein Italiener gethan. Aber er hätte wohl mit sich handeln lassen!

Ich bestellte meinen Gruß, was eine etwas gnädigere Behandlung zur Folge hatte. Das war für meine Person nicht eben sehr schmeichelhaft; aber ich bin nicht eitel.

Ich befand mich keine fünf Minuten in der Blütenwildnis unter dem tarpejischen Felsen, als ich meines jungen Freundes tolle Verliebtheit in das schöne Geschöpf bereits vollkommen begriffen hatte – ein Verständnis, welches mir, nebenbei gesagt, durchaus nicht zum Glück gereichte. Übrigens durfte der leidenschaftliche Jüngling ganz ruhig sein: diese Sabinerin würde sich so leicht von keinem Römer rauben lassen! Es müßte sich denn um eine hohe Zahl handeln – wie meine neidische Eifersucht sehr verleumderischer Weise hinzusetzte. Der Knabe Raffaelo war überdies ein scharfer Tugendwächter des Mädchens, das übrigens solchen Schutzes gar nicht bedurfte.

Nach diesem eisten Besuche sah ich sie häufiger. Ich begegnete ihr, wenn sie zu den Franzosen ging: langsam, leicht in den Hüften sich wiegend, ohne irgend etwas zu beachten und meinen Gruß mit einem Nicken erwidernd, welches mir bei jeder andern Frau – die kein römisches Modell war – das Blut ins Gesicht getrieben hätte. Ich wollte mich über die königlichen Gebärden des halbwilden Geschöpfes belustigen, brachte es jedoch nicht dazu, mußte mir sogar eingestehen, daß ich sie auch deshalb im geheimen bewunderte.

Natürlich war ich verliebt.

Eines Samstagnachmittags begab ich mich denn auch wahrhaftig wieder in das kleine Zaubergärtchen unter dem tarpejischen Fels. Ich empfand in dem völkerreichen Rom heftiges Verlangen nach dem einsamen Molarathal und dem Grabmal des edlen Geschlechtes der Furier und ich glaubte, meine Sehnsucht durch einen Besuch bei Fiammetta lindern zu dürfen – so sagte ich mir wenigstens.

Sie empfing mich mit höchster Gleichgültigkeit, als ob ich ihr niemals die Grüße ihres Bräutigams überbracht hätte, überhaupt mehr ein Gegenstand als ein Mensch wäre.

Es war mühsam, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, da sie auf nichts einging, für nichts Teilnahme zeigte. Aber wozu bedurfte es des Redens? Sie fort und fort anzusehen – anzustaunen, war vollständig genug! Nachdem wir ungefähr eine halbe Stunde in solcher Konversation zugebracht hatten: sie schweigend und ohne sich um mich zu kümmern; ich schweigend und sie mit den Blicken verschlingend, fiel mir ein, den Knaben Raffaelo um Wein fortzuschicken.

Aber auch jetzt setzten wir unser stummes Beisammensein eine ganze Weile fort, bis sie plötzlich begann: »Was wohl Cé dazu sagen wird?« »Wozu?«

»Eh! Daß ich eine Signora werde.«

»Eine Signora? Du?!«

»Eine wahrhaftige Signora mit einem langen Kleide. Und einen Hut werde ich tragen. Denkt Euch doch: einen Hut!«

Die Vorstellung, ihr herrliches Haupt mit einem unförmlichen, von Band, Federn und Blumen starrenden, modernen römischen Kopfputz zu schimpfieren, erregte sie heftig. Ihre Augen funkelten. Sie war hinreißend schön.

Ich stierte sie an, bis ich die Situation zu begreifen begann und empört ausrief: »Du willst deinem Verlobten im Molarathal untreu werden? Deinem Verlobten, der dich tausendmal heißer liebt, als du die Madonna?!«

Ich war wütend. Es war jedoch, wie ich zu meiner Schande gestehen muß, weniger der Zorn sittlicher Entrüstung, weniger Teilnahme für den armen Verlobten, als vielmehr sinnlose Eifersucht auf einen völlig Unbekannten.

Auf meine heftig hervorgestoßene Frage hatte sie nur die gelassene Erwiderung: »Wenn ich doch eine wahrhaftige Signora werden kann? Eine Signora, die einen Hut trägt!« Ich schrie sie an: »Aber ich denke, du liebst deinen Verlobten, der sein Leben für dich lassen würde?«

Ich war so wild, daß ich sie hätte beim Arm packen und schütteln mögen, nur um sie aus ihrer abscheulichen Ruhe zu reißen; denn sie würde sich von mir nicht haben anrühren lassen.

»Nun ja. Der arme Cé, Ich habe ihn recht gern. Aber was wollt Ihr?«

»Er wird dich einfach umbringen, wenn er deine höllische Treulosigkeit erfährt; und er thut ganz recht,«

»Wollt Ihr's ihm etwa sagen?«

Das war nun so eine Frage ... Was für einen raffinierten Instinkt diese Weiber haben, diese »Halbwilden«!

Ausweichend bemerkte ich: »Ich werde gar nicht erst nötig haben, den Angeber zu machen; da er deine Schändlichkeit ja doch bald erfahren muß.«

»Wenn mich aber der andre mit sich fort nimmt und gleich als seine Frau?«

»Welcher andre? Der verrückte Mensch, der dich heiraten will ? Ein Geschöpf, das ihrem Liebhaber davonläuft!« Aber sie war über Beleidigungen erhaben und nannte mir mit gelassenem Triumph den Namen des Mannes, der so geschmacklos war, das wilde Wesen mit dem Hute der Dame zieren zu wollen, dieser hochbegehrten Krone des Lebens für jedes Mädchen aus dem römischen Volke.

Es war, wie mir gleich ahnte, einer der olympischen Herren Franzosen aus der Villa Medici; und zwar einer der begabtesten, ein sogenanntes Genie, dem allgemein die bewußte »große Zukunft« prophezeit ward.

Ich war außer mir. Der arme Cé wurde um seine Braut gebracht und ein junger frischer Mensch voll Talent und Feuer warf sich an ein solches Geschöpf weg! Und nur darum, weil es von fremdartiger Rasse war. Dabei kalt, wie ein nordischer Wintertag und unbewußt raffiniert wie eine Pariser Kokotte. Denn ich zweifelte keinen Augenblick an der Wahrheit von Fiammettas Aussage. Es giebt Künstler genug, die in Rom auf solche Art zu Grunde gehen: an Rom und den römischen Frauen. Es war für mich eine sonnenklare Sache, daß der »Gatte« der schönen Fiammetta an ihr zu Grunde gehen würde: entweder so oder so. Aber ich begriff den Wahnsinn, von dem mein bedauernswerter Kollege befallen worden war, und hatte nicht den Mut besessen, für mich selbst einzustehen – so berauschend ist der Taumel, der gewisse Gemüter und Konstitutionen in diesem Lande aller Sirenen und Dämonen ergreift.

Was sollte – was konnte ich im Interesse des armen Cé thun? Ich vermochte nur den Angeber zu machen, was schreckliche Folgen nach sich ziehen würde. Nochmals versuchte ich mit aller Eindringlichkeit – meine sittliche Entrüstung hieß ich als völlig unwirksam schweigen! – auf die Treulose einzureden, hätte jedoch ebensogut ein steinernes Bildnis anschreien können.

Der Knabe brachte den Wein. Sie sah mich mit einem bedeutsamen Blick an und machte eine gebieterische Gebärde, der ich unwillkürlich gehorchte.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.