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Die Rächerin und andere römische Novellen

Richard Voß: Die Rächerin und andere römische Novellen - Kapitel 7
Quellenangabe
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typenovelette
authorRichard Voß
titleDie Rächerin und andere römische Novellen
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp.
printrunZweite Auflage
year1899
illustratorAdalbert Franz Seligmann
correctorjohannschneller@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090225
projectid8ba94c48
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7.

Ich schlief in dem Grabmal der Furier wie ein Toter, um in der ersten Morgenfrühe zu erwachen, den Göttern für mein Leben dankend. Denn, als ich aus der Gruft hervorging, lag eine Welt vor mir, so voll erhabener Einsamkeit und Größe, so jungfräulich und unberührt, als wäre es am ersten Schöpfungstag.

Was soll ich Ihnen sagen? Eine volle Woche blieb ich im Molarathal als Gast Lorenzo Latinis und Mitbewohner des Grabes der Furier. Von früh bis spät durchstreifte ich die wilde köstliche Gegend, die nur dem sabinischen Hirten, dem Kohlenbrenner und dem nach Rom ziehenden Abruzzesen bekannt ist. Meine glückseligen Augen schauten eine Galerie von Landschaftsbildern höchsten Stils, oft von solcher mythologischer Stimmung, daß ich jeden Augenblick erwartete: auf diesem, von gelben Narzissen bewachsenen Hügel müßten sich die Jungfrauen Dianas versammeln; und unter jener knorrigen Steineiche würde ein Satyr die Flöte blasen! Hier, in dem mit weißen Cistusrosen gefüllten Grunde, versteckt sich ein Nymphlein; und dort, auf der weiten, von purpurroten Cyklamen glühenden Flur, schläft in der goldigen zitternden Mittagsschwüle der große Pan ...

Oder ich sah mit träumendem Geist auf diesen klassischen Gefilden mörderische Römerkämpfe. Denn hier, grade hier im Molarathal, war das erste gewaltige Schlachtfeld des jungen Rom mit seinen neidischen und räuberischen Nachbarn, den Hernikern und Aecquern. Um hierher zum Kampfe zu ziehen, spannte Cincinnatus seine Ochsen vom Pfluge; und über diese lichten Höhen führte Hannibal sein Heer. Überall Historie und welche Historie!

Schnell füllte sich mein Skizzenbuch mit Landschaften und den Gestalten, die meine Phantasie darin lebendig sah. Wie schwer mein Stift in der Hand gehorchte, wie unvollkommen und dürftig der Ausdruck für das Geschaute war: anstatt des begeisterten Wortes ein Stammeln und Stottern.

Daß ich ein » pittore« war, machte auf Lorenzo und Cesare lebhaften Eindruck. Sie wurden zutraulicher und weniger quattrinilüstern. Weil aber zum Malen das Modell gehört, so gut wie Leinwand und Farbe, und weil sie in ihrer Familie zwei Modelle besaßen, so wurde ich, als mit zum Handwerk gehörig, derselben zugerechnet, was ich mir gern gefallen ließ. Denn ich wollte wiederkommen, oft und für lange.

Der gute Cé war einigermaßen gekränkt, daß ich Maler war und in Rom lebte und seine Fiammetta noch nicht gemalt hatte; ja, diese nicht einmal kannte. Ich vermochte diese Beleidigung nur durch die Erklärung zu mildern: ich hätte in Rom überhaupt noch nicht gemalt, sondern war immerfort draußen in der Campagna gewesen. Natürlich würde ich Fiammetta sehen und malen, sowie ich nach Rom zurückgekehrt wäre – wenn er, der Bräutigam, mir es erlaubte.

Warum er es mir nicht erlauben sollte? Fiammetta war Modell für die Künstler; diese zahlen und damit – basta!

Ich wollte erwidern: wenn ich mich nun aber in die Fiammetta verliebe? Sie soll schön sein und ich bin jung! Doch dann dachte ich, es sei besser, zu schweigen.

Als ich Abschied nahm, versprach ich, bald wieder zu kommen und in Rom sogleich Fiammetta zu sehen. Den Abend zuvor war der gute Lorenzo auf einmal beredt geworden und hatte mir über »unsern Vater Giuseppe« – dessen Bild von den rauhen Hirten mit der inbrünstigsten Andacht bekränzt wurde – und den »Checco« sein Herz ausgeschüttet.

»Jetzt ist der Umberto König in Rom. Aber wenn es in der Welt gerecht zuginge, so müßte Giuseppe Garibaldi König geworden sein. In Euerm Vaterlande haben sie doch gewiß auch den Bismarco zum König gemacht, weil er den Kaiser Napoleone fing und die Franzosen schlug; in Euerm Vaterlande sind die Leute doch gewiß gerechter?

Einmal hieß es: unser Vater Giuseppe ist gestorben! Aber das glaubten wir nicht. Denn er mußte doch in Rom einziehen und zum König Umberto sagen: ›Steh' auf von deinem Thron und lass' mich darauf niedersitzen.‹

Lange Zeit glaubten wir bei uns nicht, daß er gestorben sein könnte. Aber dann hieß es: auf Caprera liegt er begraben! Und in jeder kleinen Stadt, im kleinsten Dorfe feierten sie sein Begräbnis. Dabei mußte ich doch auch sein!

Also zog ich mein rotes Hemd an und ging, um für unsern Vater Giuseppe, der tot sein sollte, in Rom Begräbnis zu halten. Herr! In Rom waren so viele rote Hemden, daß es war, als fließe ein roter Strom durch die Straßen. Und die Römer standen in hellen Haufen, spotteten und lachten nicht mehr über uns; sondern zogen vor den Rothemden die Hüte ab, als wäre in Rom, wo der heilige Vater gefangen sitzt, das Rot eine Ehrensache geworden.

Ja, und was ich sagen wollte: der Checco! Der regiert jetzt also Italien? Nun, wenn es unser Vater Giuseppe nicht regieren kann, so sollen sie das Land nur vom Checco regieren lassen; denn der wird die Sache am besten verstehen. Wenn mein Junge die Fiammetta geheiratet will ich einmal nach Rom gehen und den Checco besuchen. Er wird seinen alten Freund von der Via Appia und Mentana gewiß noch kennen, der Checco!«

Ich wollte in dem vertrauensseligen Herzen meines wackeren Wirts keinen Zweifel an der Güte des großen Staatsmannes und Lenkers der Geschicke Italiens, Francesco Crispi, erregen. Am nächsten Morgen schied ich von dem Grabmal der Furier und seinen Bewohnern.

Bald, bald wollte ich wiederkommen!

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