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Die Rächerin und andere römische Novellen

Richard Voß: Die Rächerin und andere römische Novellen - Kapitel 27
Quellenangabe
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typenovelette
authorRichard Voß
titleDie Rächerin und andere römische Novellen
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp.
printrunZweite Auflage
year1899
illustratorAdalbert Franz Seligmann
correctorjohannschneller@t-online.de
senderwww.gaga.net
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8.

Allein kehrte Vico im November mit den übrigen heim, nachdem er der Romana heilig versprochen hatte, ihr in spätestens zwei Wochen den Goldschmuck zu bringen.

Gleich am nächsten Samstag begab er sich hinab nach Tivoli, um im Lotto zu setzen: Malaria, Agonie, tote Mutter und sechs Uhr – die Stunde, da seine Mutter gestorben war.

Er war seines glücklichen Gewinstes so sicher, daß er kaum Ungeduld verspürte, das Ergebnis zu erfahren.

Aber von den vier Nummern kamen nur zwei heraus ...

Zuerst begriff er es gar nicht, zuerst blieb er vollkommen ruhig: dann würden die vier Nummern eben nächsten Sonnabend gezogen werden – herauskommen mußten sie ja! Also stieg er wieder das Gebirge hinauf und nach Hause, lag tagsüber auf dem Gestein, starrte des Nachts aus dem Fenster des einsamen Hauses, darin keine Mutterstimme mehr ertönte, starrte hinab auf das dunkle Land und die Lichter Roms.

Die Lichter Roms, dieser Märchenglanz aus seiner Kinderzeit, trösteten ihn in den langen, langen Stunden des Wartens.

Am Sonnabend wieder hinab nach Tivoli, wieder die vier Nummern gesetzt und – wieder nicht gewonnen.

Und so jede Woche! So den ganzen Winter über, den ganzen Frühling!

Die Romana ließ aus Capranica anfragen: »Warum er nicht käme; wo ihr Goldschmuck bliebe, wann er sie heiraten würde?«

»Bald!« ließ er ihr antworten.

Aber es wurde Sommer und er hatte noch immer nicht mit seinen großen vier Glücksnummern die Quaterne gewonnen.

Als die Schnitter sich anschickten, zur Ebene hinunter zu ziehen, ließ die Romana ihm sagen: »Wenn er ihr bis nächsten Sonntag den Goldschmuck nicht brächte, so würde sie im Herbst den Bastiano Leste aus Subiaco heiraten.

Nächsten Sonntag brächte er den Goldschmuck und zum Herbst würde er, Vico Ferri, sie heiraten – ließ er zurückberichten.

Die ganze Nacht über saß Vico in seiner Kammer wach und starrte hinab auf die Lichter Roms.

Am Morgen war er verschwunden.


Also das war die Stadt, deren Namen solch wunderbaren Klang hatte, daß selbst die wilden Kinder der Felsenberge aufhorchen mußten: Roma! Das war die Lichtinsel, die Nacht für Nacht aus den Wogen der Finsternis auftauchte mit solchem unwiderstehlichen, solchem magischen Glanz!

In dumpfem Staunen schritt Vico durch die Straßen Roms.

Diese Häusermassen, diese Menschenmengen! Diese Wagen, Pferde! Wie war es möglich, daß es so viele Menschen, so viele Häuser auf der Welt gab? Und was er sonst noch alles sah! In großen schönen Zimmern lag es aufgespeichert und die Menschen gingen hinein und kauften es. Es lag in gewaltigen Fenstern zur Schau ausgestellt und die Menschen standen davor, betrachteten es und wenn es ihnen gefiel und sie Geld hatten, so gingen sie hinein und kauften es.

Vico hatte Geld: den Rest der Barschaft, die seine Mutter und er im letzten Sommer verdienten, so viel davon für die vier glücklichen Nummern nicht aufgebraucht worden war. Sonst hatte er kaum etwas ausgegeben; sondern den ganzen, Winter über gedarbt und gehungert, um möglichst viel Geld für das Lotto behalten zu können.

Jetzt wollte er für den Rest den Goldschmuck kaufen; denn die vier glücklichen Nummern, die ihm seiner Mutter Tod gegeben, hatten sich als falsch und erlogen erwiesen.

Hatte die Romana den Goldschmuck, so würde sie sich dafür küssen lassen; dann – mochte dann daraus werden, was da wollte! Wenn er sie nur ein einzigesmal geküßt hatte: auf ihren jungen, weichen, blutroten Mund.


In Rom gab es Goldschmuck zu kaufen, daß man damit den ganzen Weg von Rom bis zum Sabinergebirge hätte pflastern können. Und das Gold flimmerte und funkelte in den gewaltigen Fenstern, daß vor Vicos Augen goldige Nebel aufstiegen, daß er die Augen geblendet schließen mußte, daß er die Glut und den Glanz in seiner Seele spürte wie höllisches Feuer.

Er stand vor einem Juwelierladen; und wenn er sich endlich los riß und weiter ging, so war es, um gleich wieder zurückzukehren und von neuem hineinzustarren.

Seit länger als vierundzwanzig Stunden hatte er keinen Bissen genossen. Aber er dachte nicht an Speise und Trank; er dachte nur an das Gold. Alles Gold, das er sah, häufte er um Romana auf, bis die kleine feine Gestalt darin versunken, darin ganz untergegangen war.

Endlich faßte er sich ein Herz, trat in eines der schönen schimmernden Zimmer, riß sein Geld heraus, warf es hin, forderte für seine paar Skudi einen Goldschmuck, einen Brautschmuck!

Er wurde ausgelacht und hinausgewiesen.


Als hätte er einen betäubenden Schlag bekommen, ging Vico durch die Straßen.

Keinen Goldschmuck! Zu wenig Geld! Viel, viel zu wenig Geld! Keinen Goldschmuck für die Romana – niemals einen Kuß von ihr ...

Er ging und ging. Mit schleppenden Schritten schlich er durch die Menschenmenge. Schauer schüttelten ihn. Er hatte das Fieber.

Vielleicht, daß er daran starb, wie sein Vater daran gestorben war, wie seine Mutter –

Seine Mutter ...

Nun ja! Wenn er am Fieber nur starb. Da er die Romana nicht küssen konnte, so war es am besten zu sterben.

Er sah eine Apotheke. Wenn er jetzt hineinging, Chinin forderte und dabei nicht handelte, so würde er am Leben bleiben. Er wollte aber nicht leben bleiben und so schleppte er sich denn weiter.

Es ward Abend. Die Lichter wurden angezündet, die Lichter Roms! Rings um ihn flammte es tausendfach auf. Es war eine Welt von Funken, Flammen, Feuerkugeln.

So wurde denn die Sehnsucht seiner Kinderzeit gestillt: er war da, wo die Lichter brannten, die glühenden, glänzenden, goldigen Lichter!

Seine fiebernde Phantasie schmolz all' den flimmernden Glanz zusammen zu einem gigantischen Goldklumpen und schmiedete daraus für die Romana einen Brautschmuck.

Bis Mitternacht irrte er umher, fiebernd, hungernd, halb von Sinnen.

Viele Lichter erloschen. Auf den Straßen ward es still.

Er kam auf einen einsamen Platz. Er fühlte seine Kräfte schwinden, fühlte, daß er umsinken würde. Er taumelte. Da kam jemand auf dem öden Platze ihm entgegen. Es war ein alter Mann.

Vico konnte nicht weiter. Schwankend stammelte er etwas. Da zog der alte Mann ein Säckchen hervor, öffnete es, griff hinein ...

Vico sah in dem Säckchen Gold blinken –

Im nächsten Augenblick schon war es geschehen. Er hatte sein Dolchmesser gezogen, hatte den scharfen Stahl dem alten Manne in das Herz gestoßen.


Mit dem Golde des Gemordeten stürzte er davon wie ein gejagtes Wild. Das Blutgeld hielt er in der geballten Hand und würde es nicht fortgeworfen haben, hätte es sich in seiner Hand in Flammen verwandelt.

Er bereute seine That nicht. Er würde sie wieder und wieder begangen haben. All seine wilde Sehnsucht war auf einmal stille geworden. Sie war in ihm zur Ruhe gegangen wie ein müdes Kind an der Mutterbrust.

Vollständig gelassen dachte er an die Romana: daß sie jetzt ihren Goldschmuck bekommen, daß er sie jetzt küssen würde.

Die ganze Nacht irrte er durch die Straßen. Als es Tag geworden und endlich eines der gewaltigen Fenster, dahinter Goldschmuck verkauft wurde, sich öffnete, ging er vollständig gelassen hinein, warf das Geld des Gemordeten hin, verlangte einen Schmuck, einen Goldschmuck.

Jetzt würden sie ihn nicht mehr auslachen, nicht mehr hinausweisen.

Nein! Jetzt lachten sie ihn nicht aus. Jetzt nahmen sie ihn gefangen, jetzt wurde Vico Ferri als Mörder in den Kerker geführt.

Er blieb vollständig gelassen.


An dem Sonnabend, der diesem alltäglichen Begebnis folgte, kamen im Lotto Vicos vier große glückliche Nummern heraus.

Die Romana lachte wie toll, als sie es hörte.

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