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Die Rächerin und andere römische Novellen

Richard Voß: Die Rächerin und andere römische Novellen - Kapitel 20
Quellenangabe
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typenovelette
authorRichard Voß
titleDie Rächerin und andere römische Novellen
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp.
printrunZweite Auflage
year1899
illustratorAdalbert Franz Seligmann
correctorjohannschneller@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090225
projectid8ba94c48
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Die Lichter Roms

1.

In den sabinischen Bergen ein Gipfel!

Fahlgraues, vielfach zerklüftetes, wild zerrissenes kahles Kalkgestein in steilen Schroffen, wie eine vom Sturm gepeitschte, durch Zauber erstarrte gewaltige Woge sich emporbäumend – eine einzelne Welle des Felsenoceans, der über die große römische Ebene zwischen zwei tiefblauen Meeren sich hinwälzt.

Auf dieser totenfarbenen Bergspitze eine menschliche Wohnstätte!

Wer emporklimmt, erkennt sie erst, wenn er dicht davor steht. Er glaubt, hoch über sich Klippen und Riffe zu sehen, die Trümmer eines Bergsturzes. Aber es sind Häuser, ist eine von Menschen erbaute, von Menschen bewohnte, von Menschenglück und Menschenleid erfüllte Niederlassung.

Von der Farbe des Gesteins liegen die elenden Behausungen auf der engen Stelle zusammengedrängt, gleichsam angstvoll aneinandergeschmiegt; als suchten sie beieinander Halt, um nicht in den Abgrund gerissen zu werden; als fänden sie beieinander Schutz vor den Winterstürmen und den Lebensnöten.

Zwischen dieser Anhäufung von Höhlen, diesen Schlupfwinkeln für menschliches Wild, ziehen sich häßliche Furchen, tiefe Rinnsale, schwarze, von Schmutz und Fäulnis starrende Kloaken. Das sind die Gassen der »Stadt«, deren Häuser häufig weder Thür noch Fenster haben; nur Löcher, die als solche dienen.

Während der Regenzeit sind diese Straßen Schmutzbäche und die Gluten der Sommersonne füllen sie mit einer schweren dumpfen Atmosphäre, die sich atmet wie Wüstenwind.

Die Bewohner gleichen der Natur an Vereinsamung und Verwilderung. Auch an Leidenschaft.

Da es rings um ihre Ortschaft nur ödes Gestein giebt; da sie auch unten in den Thälern weder Weide noch Feld besitzen, so müssen sie, um nicht Hungers zu sterben, für einen Teil des Jahres auswandern. Mit Sommeranfang ziehen sie daher zu Scharen: Männer, Weiber, Kinder ihren hohen Berg hinab und in die römische Ebene, wo sie sich den großen Tenuten als Schnitter verdingen. Sie schlagen Zelte auf, oder sie lassen sich in einem antiken Gemäuer, einem Grabtumulus, einer Tempelcella nieder. Oder sie schlafen auf der nackten Erde an großen Feuern, die in den glühendsten Augustnächten brennen müssen, um den Würgegeist der Malaria zu scheuchen. Sie arbeiten wie im Frondienst, wie Galeerensklaven für spärlichen Lohn, der ihnen Reichtum dünkt.

Ist die Ernte gethan, das Feld von neuem aufgepflügt und die Sonnenglut vorüber, so ziehen die »Fremden« heimwärts. Sie wandern wie in Prozession zu einem Heiligtum. Das ist ihr trostloser Felsengipfel. Erblicken sie ihn wieder, so werden die dumpfen Gemüter von einer leidenschaftlichen Freude erfaßt, von einer Empfindung, die wie Glück ist.

Manche von den Ausgezogenen kehren nicht zurück. Sie wurden auf der glühenden Steppe vom Fieber gewürgt, vom Sonnenbrand getötet. Oder sie verfielen dem Dolchmesser irgend eines Feindes, der sie um eines Nichts willen niederstach.

Um den Toten wird eine Stunde lang von den Seinen gellend geschrieen; dann wird er eingescharrt und vergessen.

Andere, die wiederkehren, holten sich dort unten in der großen Ebene den Keim zu tödlichem Siechtum. Mit hohlen Gesichtern, brennenden Augen schleppen sie sich dem Zuge der Heimkehrenden nach, um den nächsten Sommer wieder hinunterzuziehen und wieder – so lange das Fieber sie noch nicht völlig zerstört hat.


Mit dem erworbenen Verdienst hausen die Wiedergekehrten in ihren finstern Höhlen. Sie kleiden sich in Lumpen, essen graues hartes Brot, welches sie bisweilen in Essig und Öl tunken. Das ist dann ein Festgericht!

Den lieben langen Tag über kauern sie vor den Thüren: die Weiber mit der Spindel, die Männer in ihre schwarzen faltenreichen Mäntel gehüllt. Den lieben langen Tag über lärmen und schreien sie – unterhalten sie sich; jahraus, jahrein über dasselbe: über Geld! Immerfort über Geld! Sie denken an nichts anderes, träumen von nichts anderem: Geld – Geld – Geld! Selbst das Leben dieser Elenden ist schön; denn es schimmert darin der göttliche Glanz des Goldes. Und Gold ist das Heil und der Heiland, welcher für diese Mühseligen und Beladenen auf die Welt kam.


Sie haben dort hoch oben eine Kirche gebaut.

Das Gotteshaus ist das einzige Gebäude im Ort, welches nicht ganz Höhle ist oder Ruine. Für die Schar der Andächtigen aber ist der armselige Tempel ein Gottespalast. Denn drinnen steht der Hochaltar und auf dem Hochaltar strahlt bisweilen etwas, das glänzt wie pures Gold – also ist es das Allerheiligste.

Wenn die Schar der Andächtigen das rote Gold sieht, so starren aller Augen verzückt darauf hin.

Des Morgens früh und des Abends spät drängen sie sich in ihr Heiligtum mit Fanatismus, mit gläubiger Wut. Sie besprengen sich mit dem geweihten Naß; sie werfen sich auf die Kniee; sie murmeln ihre Gebete; sie seufzen; stöhnen; sie rufen die Heiligen an; sie stieren unverwandt hin, nach dem Goldglanz auf dem Altar. Der Goldglanz ist ihr Gott!


Der Priester ist eine jammervolle Gestalt. Er ist so armselig in seinem über und über befleckten, zerrissenen Gewande. Auch er wohnt in einem dunkeln übelriechenden Gemäuer, auch er ißt graues, hartes, in Essig und Öl geweichtes Brot. Aber Weiber und Kinder drängen sich zu ihm, um seine schmutzigen Hände zu küssen. Denn er ist der heilige Mann, welcher der Gemeinde der Mühseligen und Beladenen den alleinigen Gott verkündigt, der den Gott seinen inbrünstigen Gläubigen weist: in hocherhobenen Händen den göttlichen Goldglanz!

Würde Christus, der Heiland und Erlöser noch einmal geboren, um sich noch einmal kreuzigen zu lassen – er könnte dort oben auf dem grauen sabinischen Alpengipfel eine ganze Schar Judasse finden.

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