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Die Rächerin und andere römische Novellen

Richard Voß: Die Rächerin und andere römische Novellen - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenovelette
authorRichard Voß
titleDie Rächerin und andere römische Novellen
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp.
printrunZweite Auflage
year1899
illustratorAdalbert Franz Seligmann
correctorjohannschneller@t-online.de
senderwww.gaga.net
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2.

Die römische Natur trug bereits ihr farbenglühendes prächtiges Sommergewand. Die Gärten vor dem Thore waren bunt von Blumen und in den Vignen erglänzten die langen Rosenhecken über und über von Blüten. Die Campagna loderte hier von flammend rotem Mohn, leuchtete dort von goldigen Margueriten; und die Sabina lag bei der milden Tramontana in einen Schein gehüllt, der wie die Farbe blaßblauer Hyazinthen leuchtete.

Wir fuhren geradenwegs auf das Albanergebirge zu. Der tusculanische Höhenzug mit seinen schimmernden Ortschaften lag in solcher Klarheit vor uns, daß ich deutlich die Terrassen, den Park der Villa Falconieri erkannte, welche ich seit einer langen Reihe von Jahren bewohnte. Hinüberdeutend bemerkte mein Gefährte: »Dort liegt die Heimat meiner Heldin.«

»Fiammetta ist aus dem Albanergebirg?«

»Aus dem Molarathal.«

»Im Molarathal hausen nur nomadisierende Hirten.«

»Zu solchen gehört sie.«

Ich kannte jene wilde Gegend genau; es war verrufenes Land. Ungezählte Male hatte ich es durchritten und jedesmal in beständiger Erwartung eines Überfalls, ohne daß mir jedoch etwas Ernstliches zugestoßen wäre.

Ich wollte weiter nach Fiammetta fragen, als unser Wagen zur Seite wich. Gleich darauf fuhr an uns der König vorüber, der zu den Rennen wollte. Die grellrote königliche Livree machte sich prächtig.

Keine drei Minuten hatten wir unsern Weg fortgesetzt, als vor uns auf der Landstraße eine leidenschaftliche Bewegung entstand, deren Ursache wir nicht zu erkennen vermochten.

Wir hörten Rufe, Geschrei; wir sahen die Menschen zusammenlaufen und dann vorwärts eilen; wir sahen Wagen und Equipagen mitten im Wege halten, die Insassen hinausstürzen und der Menge folgen.

Etwas Ernstliches mußte geschehen sein ... Was?

Das Geschrei und Gedränge nahmen zu. Es war ein Toben, ein Tosen.

Dann vernahmen wir's: ein Attentat auf den König war verübt worden; der König war unverletzt, der Attentäter festgenommen. Auch unser Wagen hielt, auch wir sprangen hinaus, liefen vorwärts.

Der König war bereits weitergefahren. Wir hörten, wie er von der Menge jauchzend gegrüßt ward. Wo das Volk sich zu einem Knäuel zusammendrängte, mußte sich der Attentäter befinden. Da die Straße gesperrt war, warteten wir. Als er dann, von Carabiniers eskortiert, an uns vorüberkam, sahen wir den Unsinnigen genau; er bestieg ganz in unserer Nähe mit den Polizisten ein Gefährt. Seine Begleiter mußten ihn mit den Waffen vor der Volkswut schützen.

Es war ein noch junger Mensch, scheinbar ein Arbeiter. Sein Gesicht war fahl, die nicht unschönen Züge waren verzerrt. Aber er schien ruhig zu sein. Er mochte geahnt haben, daß es ihm mißlingen würde und jetzt nur fähig sein, nichts als das eine zu denken und zu fühlen: es ist mißlungen! Ganz gleich, was jetzt mit dir geschieht.

»Fiammetta!«

Der Maler neben mir stieß den Ruf aus, so laut und mit solchem Entsetzen, daß ich zusammenfuhr. Ich erkannte sie sofort. Sie stand unter der Menge, welche den Wagen mit dem Attentäter umdrängte; sie sah diesen an, mit einem Blicke – in dem Blick des jungen schönen Weibes glühte Verachtung, etwas wie unauslöschlicher Haß. Sie schien mit ihrem Blick den seinen zu zwingen, daß er zu ihr hinsehen mußte. Und jetzt schauten sich die beiden in die Augen, fest und tief. Ihren brennenden Blick auf sich, begann der Verbrecher heftig zu zittern.

Dann trieb der Kutscher das Pferd an; der Wagen fuhr in raschem Trabe davon, hart an Fiammetta vorüber, die keine Bewegung that. Die Menge stürzte nach, johlend und laute Verwünschungen ausstoßend. Für einen Augenblick wurde die Straße fast einsam; nur Fiammetta stand noch da. Regungslos starrte sie dem Wagen nach; jetzt aber mit dem Blick, den sie auf dem Bilde hatte. Dieser Blick sagte: er kommt nicht wieder!

Plötzlich stand der Maler neben ihr. Er flüsterte leidenschaftlich in sie hinein, wurde jedoch keines Blickes gewürdigt. Sie stand und schaute dem andern nach, dessen Wagen im Staub der Landstraße dahinfuhr, immer noch von einer heulenden Meute verfolgt.

Ich näherte mich den beiden und hörte, wie der Maler der Regungslosen zuraunte: »Er ist dein Liebhaber! Du hast ihn zu dem Scheußlichen verleitet. Das Attentat ist dein Werk, ist deine Rache für den Tod Cesares.«

Sie erwiderte nichts. Mit weit offenem starrem Blick stand sie und starrte unverwandt hin, wo jetzt nur noch eine fahle Staubwolke aufwirbelte.

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