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Die Rächerin und andere römische Novellen

Richard Voß: Die Rächerin und andere römische Novellen - Kapitel 16
Quellenangabe
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typenovelette
authorRichard Voß
titleDie Rächerin und andere römische Novellen
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp.
printrunZweite Auflage
year1899
illustratorAdalbert Franz Seligmann
correctorjohannschneller@t-online.de
senderwww.gaga.net
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16.

Bald war wieder alles, wie es gewesen war: Lorenzo Latinis Herde weidete, von Vater und Sohn gehütet, auf den Bergen des Algidum und ich malte an meinem Felde blühender Königskerzen, an einem hochsommerlichen Sciroccotage. Fiammetta stand mir Modell: regungslos und schweigend, mit weit offenem Blick in die Ferne schauend, als ob sie jemand erwartete.

Aber der Erwartete kam nicht ... Die verkohlten Überreste des armen Cé lagen eingescharrt auf dem Kirchhof von Frascati. Über dem Grabe wuchs Gras, welches die Sonnengluten bereits versengt hatten. Vater Lorenzo hatte für die jäh hingefahrene Seele seines Ältesten bei den Kapuzinern eine Messe lesen lassen und – der junge Sabiner war eben tot und begraben.

Ich atmete auf. Fiammetta schien nicht mehr an Rache zu denken und Lorenzo hatte wohl – ganz gegen sabinische Art – niemals daran gedacht. In der ersten Zeit nach der Katastrophe zitterte ich für das Leben des Sergeanten der Carabiniers. Der Mann that freilich nur seine Pflicht; aber weder Fiammetta noch Lorenzo waren fähig, darüber ein klares und gerechtes Urteil zu haben. Für ihre Empfindungsweise war der Polizist, der den Befehl zur Einäscherung der Hütte gegeben hatte, unmittelbar an Cesares schaurigem Flammentod schuldig, war also der Mörder.

So erleichtert ich mich nach einiger Zeit, als nichts sich ereignete, zu fühlen begann, bekam ich doch, wie ich gestehen muß, von diesem Völklein im allgemeinen mehr und mehr eine herzlich geringe Meinung. Nur den biedern Alten mit seiner fanatischen Anbetung Vater Giuseppes und seinem Kinderglauben an Freund Checco nahm ich aus. Nachdem er die bittere Enttäuschung erlitten, daß der große Staatsmann ihm helfen würde, schien er mir eine rührende, fast tragische Gestalt zu sein. Er sprach nie mehr von seinem Gang nach Rom; aber ich merkte wohl, daß ihm die Sache am Herzen fraß, vielleicht mehr noch, als der gräßliche Untergang seines Cé. Meine Geringschätzung traf hauptsächlich die schöne Fiammetta und ich war nur zu sehr geneigt, von ihr einen etwas voreiligen Schluß auf alle Frauen des römischen Landes zu ziehen.

... Diese Fiammetta war die Braut eines braven Jünglings, der sie leidenschaftlich liebte. Da zeigte sich ihr die Aussicht, eine »Dame« zu werden und sie war sogleich bereit, den Geliebten aufzugeben. Durch keine Versuchung wurde sie zu solchem infamen Treubruch verleitet, durch keine plötzlich in ihr erwachte Leidenschaft; sondern lediglich »durch den Hut der Signora«. Die schimmernde Vision erfüllte sich nicht und so wurde sie denn wieder, was sie gewesen war: die Braut des sabinischen Hirten, der denn auch wieder bereit war, sie trotzdem zu seinem Weibe zu machen. Auch was jetzt folgte, war wunderlich genug. Weil die Kirche das verwandte Paar nicht zusammengeben wollte, so konnte es überhaupt nicht zusammenkommen – da es die Autorität des Staates auch auf diesem Gebiete nicht begriff. Wäre der Krieg mit Afrika nicht gewesen und der gute Cé ruhig bei der väterlichen Herde geblieben, so wäre Fiammetta zum Winter von neuem als Modell nach Rom gegangen, ohne daß ihr Vetter sie mit den Lippen berührt hätte. Erst Cesares Auflehnung gegen eine ihm feindselige Gewalt brachte wie ein Elementarereignis die beiden zusammen, die sonst niemals zusammengekommen wären. Aber jetzt betrachtete sich Fiammetta als ihres Vetters Weib. Cesare starb, war nach Fiammettas Anschauung gemordet, und das Weib des Gefallenen mußte, nach uraltem Brauch, an dem Mörder Rache nehmen. Aber diese klassische Sitte schien nur in der Phantasie schwärmender Poeten zu existieren: Fiammetta stand mir gegen gute Bezahlung Modell und hätte ich sie heute gefragt, ob sie den Hut der Dame tragen wollte, so wäre sie morgen mit mir zum Priester gegangen. Aber wohlverstanden: nur durch die Kirche wäre sie die Meine geworden; sonst nicht für Gold und Juwelen. Wahrlich, ein seltsames Volk!


Meine Tage im Molarathal waren zu Ende. Auf den höchsten Weideplätzen war das Gras versengt, die Familie Latini rüstete sich zum Abzug nach dem wilden heimatlichen Val di Pietra, ich hatte mit Fiammetta eine letzte Sitzung: mein Bild war fertig.

Ich fragte sie – denn wir hatten davon noch gar nicht gesprochen – ob sie zum Winter wieder nach Rom käme und ob sie mir dann wieder Modell stehen würde? Nein. Oder: ja. Sie wüßte es noch nicht. Ich würde ja sehen. Sie müßte allerdings Geld verdienen. Aber zuerst müßte sie –

Sie schwieg.

Was müßte sie zuerst?

Keine Antwort.

Dann fragte ich von neuem: sie müßte wohl Geld verdienen für ihre Aussteuer? Denn sie würde wohl bald einen Mann nehmen?

Ich that die Frage, weil es mich reizte, in das Seelenleben des schönen Geschöpfes einen Blick zu thun.

Fiammetta erwiderte:

»Ihr wißt, daß ich keinen Mann nehmen werde – niemals. Und Ihr wißt auch, weshalb nicht.«

»Weil du deinen armen Cé nicht vergessen kannst?« fragte ich und fühlte mich ergriffen.

»Weil kein Mann mich zum Weibe nehmen würde, wenigstens kein sabinischer Mann,« setzte sie stolz hinzu.

Diesmal kam die Reihe zu schweigen an mich. Plötzlich rief ich überlaut:

»Sage mir nur, was du thun mußt, ehe du wieder nach Rom kommen kannst, Geld zu verdienen?«

Sie sah mich an. Es war ein fürchterlicher Blick; denn wie in Flammenschrift las ich darin:

»Zuerst muß ich ihn gerächt haben.«


Ich nahm noch nicht Abschied von den Latini. Für eine Rückkehr nach Rom war's noch zu früh; also wollte ich eine Wanderreise antreten; quer durch das Sabinerland und zu den klassischen Stätten Olevano, Civitella und Subiaco. Irgendwo würde ich meinen Freunden aus dem Molarathal sicher begegnen; und wenn nicht, so wollte ich sie in ihrem Heimatsort aufsuchen.

Ich sah die Kastanienwälder von Cavi, stieg den leuchtenden Berg von Olevano zur Casa Baldi hinauf, füllte mein Skizzenbuch mit den Eichen und Felsen der Serpentara und gelangte über Rojate und Affile nach der berühmten Aniostadt Subiaco. In dem »Pernice«, der besten aller ländlichen Herbergen des römischen Berglandes, gespeist und ausgeruht, machte ich mich auf den Weg nach dem Heiligtum Sankt Benedikts.

Bereits als ich noch in dem kühlen Gastzimmer bei meinem Glase Wein saß, vernahm ich gellendes Geschrei, so daß ich entsetzt aufsprang und zum Fenster stürzte: ob jemand ermordet worden sei? Aber auf der engen Gasse sah ich nur einige alte Weiber und das treue Haustier des Sabiners: kleine, schwarze, grunzende Schweine. Auf mein Fragen erfuhr ich, daß ein großer Feiertag sei und von allen Richtungen her Wallfahrer den Klöstern zuzogen. Was ich für den Schrei eines Verwundeten gehalten, war das ekstatische Gebet eines frommen Pilgers gewesen.

Als ich mich dann wieder auf der glühenden Landstraße befand, sah ich diese belebt von Zügen dunkler Gestalten, welche in den aufwirbelnden Staubwolken geisterhaften Karawanen glichen, einem sommerlichen Mittagsspuk. Völkerschaften schienen zusammenzuströmen und einem mystischen Ziele zuzuwallen. Die braune Felsenlandschaft widerhallte von jenen schrecklichen Tönen, mit denen die fanatisierten Scharen die Fürbitte des großen Heiligen und die Gnade des Himmels anriefen. Vor jeder Abteilung schritt, auf einen langen Stab sich stützend, die schemenhafte Gestalt eines uralten Mannes oder einer welken Greisin einher; sie stießen zuerst jenen Schrei um Erbarmen aus und der ganze Chorus fiel ein.

Ich stand wie festgebannt und sah sie an mir vorübergleiten: Männer, Weiber, Kinder. Alle schienen von einem Taumel ergriffen. Ich sah entstellte Mienen, fieberglühende Augen. Viele warfen die Arme über den Kopf und schrieen auf, als litten sie körperliche Qualen. Es waren entsetzliche Gestalten darunter.

Da die Pilgerzüge nicht aufhören wollten, so schloß ich mich einem der Haufen an. Mir war's unheimlich zu Mute, als schritte ich unter Wahnsinnigen einher, als müßte die Tollheit auch mich erfassen. Dazu die sengende Sonne und der grelle Staub, der wie Qualm uns umdampfte. So gelangten wir auf der Bergstraße zu der engen Felsschlucht, an deren gelbe Wände, hoch über dem tosenden Anio, die berühmten Heiligtümer lehnten.

Je näher die Wallfahrer diesen kamen, um so mehr steigerte sich ihre fromme Verzückung. Vor mir, neben mir sanken sie zu Boden, als wären sie vom Sonnenstich getroffen. Sie küßten den nackten Fels, sie rutschten den steilen Weg auf ihren Knieen empor. Mit zerfetzten Kleidern, mit blutenden Gesichtern krochen sie bis zu den Pforten der Kirche, bis in diese hinein ...

Widerstandslos ward ich fortgetrieben von dem Strom der Büßer und Beter. Gegen einen Pfeiler gepreßt, stand ich in einem dämmerigen Raum, gleichsam in einem Labyrinth von Kapellen: Heiligtümer über mir, Heiligtümer unter mir. Über und unter mir Grotten und Hallen, Treppen und Korridore. Die grauen Felsen mit bunten Gemälden bedeckt, Altäre aus mystischem Dunkel aufsteigend. Das Tageslicht durch gemalte Scheiben die Dämmerung durchleuchtend. Weihrauchdämpfe, Kerzenschein, Mönche, Betende, stöhnende, wild aufschreiende Pilgerscharen – eine christliche Orgie!

Vor mir, mit ganzem Leibe hingestreckt, lag ein Weib. Sie hatte das Gesicht auf den Boden gedrückt und regte sich nicht. Mit beiden Händen hielt sie eine hohe blutrote Wachskerze umklammert, die wie zu Häupten einer Toten brannte. Ich wendete die Blicke nicht ab von dem jungen schlanken Leib, den schmalen braunen Händen, welche die Kerze hielten. Ich wartete darauf, auch ihr Gesicht zu sehen.

Sie war es! Es war Fiammetta! Fiammetta, die in der Grotte des heiligen Benedikt ein Gelübde geleistet hatte, daß sie Cesare rächen werde. An wem?

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