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Die Rache des Mestizen

Friedrich Strubberg: Die Rache des Mestizen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorArmand (Strubberg, Friedrich)
titleDie Rache des Mestizen
publisherim Auftrag hergestellte Sonderausgabe
pages194
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060522
projectid955595cb
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Ein folgenschweres Wiedersehen

Forney war früher Advokat gewesen, hatte aber nach dem Tode seiner Frau die ruhigere Stellung als Präsident bei einer Bank angenommen. Sein Vermögen und sein Einkommen erlaubten ihm, sich nach eigenem Geschmack ein prächtiges Wohnhaus zu erbauen.

Frank Arnold sprang die breite weiße Marmortreppe hinauf und zog an der Schelle. Einige Minuten darauf hielt er Eleanor, seine Braut, in den Armen, küßte sie, sah ihr immer wieder in die großen braunen Augen, strich über ihr rötliches Haar, das jenen dunklen Bronzeton hatte, wie er das Ideal eines Correggio gewesen ist.

Präsident Forney, ein staatlicher Mann, dem man seine sechzig Jahre noch nicht ansah, begrüßte Frank mit herzlicher Freude.

»Na, du Herzensbrecher, nun bist du da, um mir mein letztes Kind aus dem Hause zu holen«, sagte er in einer Mischung von Scherz und tiefem Ernst.

Sein Sohn war Leutnant in der Marine und seit einem Jahr in Ostindien auf Station, die achtzehnjährige Eleanor war sein zweites Kind.

Es war gegen Mitternacht, als Frank sich von Vater und Tochter verabschiedete. Im Hochgefühl seines Glücks eilte er durch die stillen Straßen seinem Gasthaus zu, wo er Ralph noch im Lesezimmer antraf. Frank übermittelte dem Freund eine Einladung Forneys für den nächsten Tag und erstattete ihm Bericht über den Abend.

Nachdem Ralph ihm zugehört hatte, schob er ihm eine alte New Yorker Zeitung zu, die ihm zufällig in die Hände gefallen war. Er deutete auf einen Artikel, und Frank las: »Kürzlich haben die Indianer in Florida unter Anführung des berüchtigten Häuptlings Tallihadjo mehrere Pflanzerfamilien aus der Nähe von Tallahassee bei Nacht überfallen und ihre sämtlichen Mitglieder, einige dreißig an der Zahl, gebunden auf Pferden davongeführt. Nachdem sie die Frauen und Mädchen arg mißhandelt und die Männer auf grausamste Weise verstümmelt, haben sie alle auf einen Scheiterhaufen geworfen und verbrannt. Haben wir noch eine Regierung, und warum haben wir sie? Kann man in Washington noch länger mit ansehen, wie eine Bande von Kannibalen friedliche, gesittete Mitglieder unserer erleuchteten hochherzigen Nation abschlachtet, und darf man jene Ungeheuer länger ungestraft im Besitz eines unserer schönsten Länder lassen? Man sagt, eine Anzahl der benachbarten Georgier habe die verabscheuenswürdigen Wilden in Schutz genommen, wahrscheinlich, weil sie von ihnen einen elenden Verdienst beziehen! Hurra, ihr Amerikaner, duldet solche Greueltaten nicht und rächt das Blut eurer Brüder und Schwestern!«

»Das ist doch zu toll!« rief Frank entrüstet. »Alles nur aus Habgier nach dem Lande der Seminolen! Aber ich werde die Wahrheit über diesen Fall im ›Baltimore Chronicle‹ bekanntmachen! Dazu darf man nicht schweigen!«

Ralph stimmte ihm eifrig zu, und beide setzten die Erwiderung und Richtigstellung sofort auf. Dann begaben sie sich in die Halle. Ein schwarzer Diener reichte ihnen Licht und Schlüssel, setzte lederne Pantoffeln vor ihnen hin und empfing dafür ihre Stiefel. So gingen sie auf ihr Zimmer und waren bald eingeschlafen.

Früh am andern Morgen machten beide ihre notwendigen Einkäufe. Alles, was zur Ausstattung eines großstädtischen Gentlemans gehörte, ließen sie sich ins Hotel schicken, wo sie sich umkleideten. Lachend betrachteten sie sich im Wandspiegel ihres Zimmers. Ihre sonnenverbrannten Gesichter machten sich sonderbar aus zu den feinen Anzügen.

Eleanor und ihr Vater hießen auch Ralph herzlich willkommen. Der Reichtum und die Pracht des Hauses machten tiefen Eindruck auf Norwood, der in seinem Leben noch kein gutes Ölgemälde, keinen künstlerischen Kupferstich und keine echte Marmorstatue gesehen hatte. Dieser Tag bedeutete für ihn den Einblick in ein ganz neues Leben, das von seinem bisherigen so sehr verschieden war. Gern sagte er der Einladung des Präsidenten zu, ihn recht häufig wieder mit Frank zu besuchen.

Am nächsten Tag aber war Ralph sich selber überlassen, denn Frank hatte mit Eleanor Besuche zu machen. In der Equipage Forneys fuhren sie umher und gaben ihre Karten ab. Währenddessen bummelte Norwood durch die Stadt. Eben hatte er sich von einem Laden mit bunten Nürnberger Spielwaren abgewandt, als er plötzlich in einer Seitenstraße eine dichte Ansammlung von Menschen sah, aus deren Mitte flehentliche Jammertöne drangen, dann wieder höhnendes Gelächter und wilde Flüche. Mit seinen starken Armen schob er die Leute rechts und links zur Seite und stand plötzlich erstaunt vor einem aller Kleidungsstücke beraubten Mulattenmädchen, das umsonst eine Schar junger Rohlinge um Barmherzigkeit bat.

Ein Bursche versuchte, das unglückliche Ding mit seinem Spazierstock zu Fall zu bringen. Empört riß Ralph einen der Spötter zur Seite und streckte den Bengel mit einem Faustschlag zu Boden. Im Nu wandten sich die übrigen gegen ihn, doch da ertönte der Ruf »Constabel!« und alles stieb flüchtend nach allen Seiten auseinander.

In diesem Wirrwarr fühlte sich Ralph von einer Hand ergriffen und wurde so schnell mit fortgezerrt, daß er erst in einem nahen Kaufladen seinen Entführer ins Auge fassen konnte.

»Ist es möglich?! – Mister Garrett!« rief er aufs höchste überrascht aus.

»Danken Sie dem Zufall, Mister Norwood, daß er uns hier zusammengeführt hat!« lächelte der Spieler. »Sonst hätte Sie der Constabel totsicher als Zeuge in diese häßliche Geschichte verwickelt. Sie hätten soundso oft vor Gericht erscheinen müssen und sich damit der Rache dieser Bande von Rowdies ausgesetzt. Weil ich das weiß, erlaubte ich mir zuzugreifen, als ich Sie erkannte. Ich freue mich unendlich, Sie wiederzusehen!«

Ralph gab ihm die Hand. Er war froh, einen Bekannten getroffen zu haben, und nahm gern Garretts Einladung an, ihn auf die Börse zu begleiten.

Der Spieler drückte seinen grauen Biberhut mit koketter Nachlässigkeit auf sein wunderbar gelocktes Blondhaar, nahm Ralph beim Arm und schritt mit ihm über den mit Backstein gepflasterten Bürgersteig, indem er ein zierliches Rohr mit elfenbeinerner Zwinge in seiner behandschuhten Linken wirbelte.

In dem hochgewölbten, mit Säulen umgebenen Rundbau der Börse herrschte ein geschäftiges Hin und Her. Garrett schien dort sehr bekannt zu sein. Er grüßte und fragte im Vorübergehen nach Kursen von Papieren oder Frachten für Schiffe, bis er auf einen eleganten Herrn zutrat, der mit einem Notizbuch in der Hand an einem Pfeiler stand und von einer Anzahl Makler umdrängt wurde.

»Entschuldigen Sie, Mister Ballard! Darf ich Ihnen meinen Freund Norwood, einen Plantagenbesitzer aus dem Süden, vorstellen?«

Ralph verneigte sich.

»Es wird mir zur größten Ehre gereichen, Sie in meinem Hause zu sehen«, erwiderte Ballard, nickte Ralph verbindlich zu und verhandelte weiter mit den Maklern.

Garrett zog Ralph mit sich in den Erfrischungsraum der Börse, wo sie an der Bar ein Glas Kognak mit Wasser tranken.

»Mich Plantagenbesitzer zu nennen ist reichlich übertrieben! Es ist mir unangenehm, daß Mister Ballard nun von mir weiß Gott was glaubt ...«, bemerkte Ralph.

Lachend unterbrach ihn Garrett.

»Nur ein Titel öffnet Ihnen hier die Türen! Plantagenbesitzer ist ein dehnbarer Begriff. Und Sie haben das Land und die Mittel dazu, sich Neger anzuschaffen und Baumwolle zu bauen, es ist also gar keine Unwahrheit, wenn Sie sich so nennen!«

Ralph winkte ab, doch er widersprach nicht mehr. Die beiden begaben sich in die Lesehalle, wo an Pulten die neuesten Zeitungen aufgelegt waren. Garrett griff ein Blatt auf, die »Picagune« aus New Orleans und überflog es.

»Da ist wieder ein Pirat an unserer Küste!« sagte er und las vor. »An der Ostküste von Georgia wurde in vergangener Woche das Wrack einer Brigantine ans Ufer getrieben, die bis auf die Wasserlinie niedergebrannt war. Auf dem Deck fand man mehrere Leichen ermordeter Seeleute. Aufgerissene Ballen mit Kaffee, blutige Waffen und die verstreuten Schiffspapiere bezeugen, daß ein Pirat das Schiff beraubt und in Brand gesteckt hat. Es sind in letzter Zeit wieder zahlreiche Fahrzeuge spurlos an unserer Küste verschwunden, und man darf wohl von der Regierung schnelle und kräftige Maßregeln erwarten, um der Sache auf den Grund zu kommen und unsere Gewässer sicher zu machen.«

»Havannah ist und bleibt das Piratennest«, sagte Ralph. »Das ist gewiß ein Spanier!«

»Oder einer unserer lieben Landsleute!« spöttelte Garrett. »Denken Sie nur an McGregor und Aury, die sich vor einigen Jahren auf der Insel Amalia an der Küste Floridas als Flibustier etabliert hatten! Wir mußten ihnen mit Kriegsschiffen ihr einträgliches Handwerk legen. Solange noch die Indianer in Florida belassen werden, werden die Piraten dort immer wunderbare Schlupfwinkel haben. Man sollte den Roten ihr Land abkaufen und sie nach dem Westen führen!«

»Sie können sie doch nicht einfach aus ihrer Heimat vertreiben!«

»Liebster Norwood, infolge Ihrer Abstammung sehen Sie die Dinge nicht nüchtern und real, sondern gefühlsmäßig. Den Vormarsch der Zivilisation werden wir beide nicht aufhalten. Glauben Sie, daß er an den Grenzen Floridas haltmacht? Früher oder später werden die Weißen in Florida eindringen, und die Roten werden sich wehren ...«

»Es wird Mord und Totschlag geben«, sagte Ralph düster. »Aber die Weißen sind schuld an dem Blutbad ...«

»Schuld hin, Schuld her! Die Roten werden vernichtet werden! Was nützt ihnen da ihr Recht? Wäre es da nicht wirklich das beste, die Regierung überführte die Wilden in das Land westlich des Mississippi? Aber machen Sie nicht so ein finsteres Gesicht! Wir zwei können dieses Problem doch nicht lösen! Warum wollen wir also unser Wiedersehen damit belasten? Kommen Sie, es ist jetzt gerade die Zeit, in der Baltimores weltberühmte Schönheiten Shopping gehen ...«

»Shopping gehen?«

»Ja, die Damen kehren unseren Kaufleuten in ihren Läden das Oberste nach unten und kaufen dann doch nichts, sie wollen sich nur auf der Market Street in ihren neuesten Kleidern zeigen«, lachte Garrett. »Kommen Sie, es gibt wirklich sehr viel schöne Mädchen hier!«

Garrett hatte nicht zuviel gesagt. Auf beiden Seiten der Market Street flutete eine dichte Menschenmenge auf und nieder. Zumeist waren es Damen in den elegantesten und geschmackvollsten Toiletten. Und von hundert jungen Mädchen waren über die Hälfte blendende Schönheiten, die übrigen reizend lieblich und nur wenige nicht hübsch. Garrett bemerkte die feurigen Blicke, die Ralph verschickte.

»Nun, wie gefallen Ihnen unsere Göttinnen?« fragte er. »Ich bin Mitglied in vielen Clubs, und wenn Sie wollen, führe ich Sie gern in eine angenehme Gesellschaft ein, wo es lustig zugeht.«

»Ich würde mich sehr freuen!«

Als er sich von Garrett verabschiedete, um sich in sein Hotel zu begeben, verabredeten beide ein baldiges Wiedersehen.

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