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Die Rache des Mestizen

Friedrich Strubberg: Die Rache des Mestizen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorArmand (Strubberg, Friedrich)
titleDie Rache des Mestizen
publisherim Auftrag hergestellte Sonderausgabe
pages194
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060522
projectid955595cb
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Stürmische Brautfahrt

Die Baumwolle öffnete ihre ersten Kapseln und ließ die schneeigen Flocken hervorbrechen. Die meisten Farmer hatten noch einmal soviel angebaut, als sie ernten konnten. Schon mit Morgengrauen waren sie mit alt und jung ihrer Familie und allen Sklaven auf den Feldern. Auch Frank Arnold hatte wie seine Nachbarn so viel Baumwolle ausgesät, daß er sie nun nicht schnell genug pflücken konnte. Ralph Norwood war darum zu ihm gezogen und half ihm kräftig bei der Arbeit. Diese nützliche Tätigkeit machte ihn heiter und zufrieden. Niemals hatte ihm das Essen so gut geschmeckt, niemals hatte er so gut geschlafen. Frank Arnold wollte mit dem Erlös für die Baumwolle sein Blockhaus hübsch und bequem einrichten, beabsichtigte er doch im kommenden Frühjahr zu heiraten. Für eine junge Frau, die in der Stadt erzogen war, bildete seine Hütte in ihrem jetzigen Zustand wirklich keinen netten Aufenthalt. Es wurde Winter, die schönste Jahreszeit in Florida. Die Baumwollernte wurde auf Flößen zur Golfküste gebracht und hier nach New Orleans zum Verkauf verschifft. Dann war es soweit, daß Frank an die Reise nach Baltimore denken mußte, wo seine Braut auf ihn wartete. Er bat Ralph Norwood, ihn doch zu begleiten. Ralph war mit Freuden dazu bereit.

Nachdem Frank und Ralph mit den beiden alten Leuten im benachbarten Settlement gewesen und beim Kaufmann Behrend Möbel, Fensterscheiben, Geschirr und allerlei Hausrat eingekauft hatten, um das Heim für die junge Frau gemütlich zu machen, schlossen sie ihre Häuser ab, überließen ihre Wirtschaften ihren Negern zur Betreuung und machten sich mit möglichst wenig Gepäck auf die weite Reise.

So ritten die beiden jungen Männer guten Mutes davon. Am vierten Abend ihrer Reise erreichten sie das Städtchen Columbus, die erste größere Ortschaft nächst der Grenze. Ralph zog sich den breitrandigen Filz tief in die Stirn, als sie auf der staubigen Straße einzogen. Denn nur zu gut kannte man ihn in Columbus. Denn hier hatte er seine wüste Jugend verbracht, hier trieben sich die Genossen seiner Gelage, Streiche und Gaunereien herum.

Er stieg mit Frank Arnold im Adlerhotel ab. Mit Windeseile verbreitete sich das Gerücht seiner Rückkehr, und beim Abendessen im Speisesaal umdrängte ihn ein Schwarm Bekannter, die recht enttäuscht waren, als er alle ihre Vorschläge auf eine vergnügte nächtliche Wiedersehensfeier schroff ablehnte.

Der helle Trompetenton des Postkutschers rief sie schon früh am Morgen. Vier Rappen scharrten ungeduldig vor der Kutsche, die alt und schwerfällig war. Mit Ralph und Frank nahmen zehn Fahrgäste Platz. Der Kutscher schwang seine lange Peitsche, sie knallte wie ein Schuß, und im Galopp stoben die Pferde davon.

Tag und Nacht fuhren sie nun durch Georgia und Carolina nordöstlich bis nach Richmond in Virginia. Sie rasteten immer nur ganz kurze Zeit, dann ging's weiter, meist auf ganz rohen Straßen, oft in den elendesten Rippenbrechern von Wagen, doch immer mit vorzüglichen Pferden und im Galopp. An allen Gliedern zerschlagen, erholten sie sich in Richmond einige Tage, dann begaben sie sich an Bord des Dampfschiffs »Potomac«, das sie nach Baltimore tragen sollte.

Es war warmes, herrliches Wetter. Den Jamesfluß abwärts glitt das Schiff vorbei an Plantagen, kleinen neuen Ansiedlungen und mächtigen Wäldern. Die Flußufer wurden immer flacher, der Strom immer breiter, je mehr sie sich seiner Mündung in die Chesapaeke-Bai näherten. Mit Sonnenuntergang erreichten sie die alte Stadt Norfolk, ehemals die Rivalin Baltimores.

Hier wurden Güter aus- und eingeladen, Passagiere stiegen aus und ein. Das Dampfschiff war voll besetzt, alle Schlafstellen in den Privatkabinen belegt. Der rötliche Schimmer am westlichen Himmel verschwand nach und nach, als die »Potomac« sich wieder in Bewegung setzte und in die offene Bai hinaussteuerte.

Die Tischglocke rief zum ersten Abendessen in die große Kajüte. Es blieb in erster Linie den weiblichen Fahrgästen vorbehalten, während die männlichen sich bis zum zweiten Essen gedulden mußten. Nach dem Essen hielten sich die Passagiere nicht mehr lange auf Deck auf, denn kein Stern war mehr zu erblicken, schwarze Finsternis umhüllte das Schiff. Die Frauen zogen sich zuerst in ihre gemeinschaftliche Kajüte zurück, die sich im Vorderschiff befand. Für die Männer war die große Kajüte umgeräumt worden. Die Speisetafeln waren verschwunden, statt dessen waren drei lange Reihen Betten aufgestellt worden.

Ferner Donner rollte. Blitze zuckten auf. Ein heftiger Wind erhob sich, rüttelte an den riesigen schwarzen Schornsteinen des Dampfers, wühlte das Meer auf. Das Schiff schlingerte und stampfte. Ralph und Frank glitten plötzlich nach der Reling zu, so sehr neigte sich das Deck. Sie standen auf, da das aufziehende Unwetter sie doch nicht schlafen ließ.

Näher zuckten die Blitze, lauter rollten die Donner. Plötzlich schoß ein greller Blitz durch die schwarze Nacht, ein furchtbarer Donnerschlag machte das Schiff erbeben. Hatte der Blitz eingeschlagen?

Der wachthabende Steuermann befahl sofort, die Maschine zu stoppen. Das geschah auch. Feuerfunken stieben aus den Schornsteinen hervor und flogen über das Verdeck. Die Passagiere in den Kajüten waren von dem Donnerschlag jäh geweckt. Noch schlaftrunken sahen sie den Feuerregen an den Fenstern. Schon schrien ängstliche Gemüter: »Feuer! Feuer!«

Eine wilde Panik brach aus. In Todesangst sprang alles aus den Betten und drängte schreiend nach den Türen. Die Treppen herauf hetzte eine rasende Menge notdürftig bekleideter Menschen. Der Steuermann und einige Matrosen traten ihnen entgegen.

»Zurück! Seid vernünftig, Leute! Bei uns ist nichts! Da drüben auf dem Schoner hat's eingeschlagen!« Sie zeigten auf ein kleines mit Holz beladenes Schiff, das nicht weit ab auf den Wogen tanzte. Helle Flammen loderten über ihm empor, vom Winde immer mehr angefacht. Verzweifelt mühte sich die Mannschaft, das Feuer zu löschen.

Allmählich beruhigten sich die Passagiere wieder. Die Frauen erkannten zuerst die Notdürftigkeit ihrer Bekleidung und verschwanden wieder in ihrer Kajüte. Doch bald war das Deck wieder von Neugierigen gefüllt, die sich das Schauspiel des brennenden Schiffes nicht entgehen lassen wollten. Eiligst hatten sie sich in ihre Kleider geworfen. Der Schoner war nicht zu retten. In einem Boot verließ die Besatzung das Schiff und kam auf die Potomac zugerudert. Man holte sie an Bord. Es war ein Vater mit fünf Söhnen. Ohne ein Wort der Klage sah der wettergebräunte alte Mann zu, wie sich sein Schiff wie ein Feuerball im Kreise drehte und zischend in die Tiefe schoß. Er zog eine kurze Pfeife aus der Tasche, stopfte sie und zündete sie an.

»There she goes!« sagte er. »Schade, es war ein gutes Seeboot! Müssen uns ein neues bauen! Soll mir aber eine Lehre sein! Werde künftig versichern!«

Die »Potomac« setzte sich wieder in Bewegung, es begann heftig zu regnen. Die Fahrgäste flohen unter Deck. Frank und Ralph setzten sich in die Nähe eines der warmen eisernen Schornsteine nieder, wo sie ein wenig geschützt waren, und hüllten sich in ihre Decken.

Als sie erwachten, lachte die Sonne von einem klaren blauen Himmel. Beide Küsten der Bai waren jetzt dem Auge deutlich erkennbar. Bald sprangen sie vor, bald wichen sie in kleinen Buchten zurück in das bewaldete Land. Ungeduldig spähte Frank in die blaue Ferne, in der duftige Berge aufstiegen. Stunde um Stunde verrann. Endlich – die Sonne neigte sich schon – schimmerte und glänzte es aus dem nebeligen Blau weiß und rot hervor, die Häuser und Türme von Baltimore, und stolz über allen die weiße Kuppel der Kathedrale.

Immer näher rückte die Stadt. Dann erreichte die »Potomac« die Landspitze mit dem Fort, zog vorüber an der Point, dem Landungsplatz der größeren Segelschiffe, an den Werften der Stadt und hielt dann endlich am Dock der Light Street. Auf einem breiten Laufsteg verließen die Passagiere das Dampfboot.

Frank und Ralph übergaben einem Neger ihr Gepäck, und dieser fuhr sie nun mit seiner Kutsche in raschem Trab die Light Street hinauf und die Market Street hinunter bis zur Calvert Street, wo er sie vor der hohen Granittreppe von Barnums Hotel absetzte.

Frank hatte bereits bei seinem letzten Aufenthalt in diesem Gasthaus gewohnt, und wurde freundlichst empfangen. Er ließ sich ein Zimmer für sich und Ralph anweisen, dann machte er sich schnell ein wenig zurecht, um zu seiner Braut zu eilen. Ralph schlug es ab, ihn noch an diesem Abend zu begleiten. Er wollte sich erst großstädtische Kleidung kaufen, wozu es in der vorgerückten Stunde schon zu spät war.

Frank beabsichtigte zwar dieselbe Umwandlung seines Äußern, aber er würde der Geliebten auch in seiner Pflanzertracht willkommen sein. So drückte er sich den breitrandigen Strohhut auf den Kopf und zog mit beflügelten Schritten nach der Charles Street, in der das Haus des Bankpräsidenten Forney, seines zukünftigen Schwiegervaters, stand.

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