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Die Rache des Mestizen

Friedrich Strubberg: Die Rache des Mestizen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorArmand (Strubberg, Friedrich)
titleDie Rache des Mestizen
publisherim Auftrag hergestellte Sonderausgabe
pages194
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060522
projectid955595cb
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Am Beratungsfeuer

Der Abend hatte sich über die Erde gelegt. Die Sonne war versunken, und der Himmel im Westen glühte über dem dunklen Wald in den prächtigsten Farben. Tallihadjo saß mit zusammengezogenen Brauen am Eingang seiner Hütte und blickte finster vor sich hin. Im Kreise vor ihm hockten mehrere Seminolen und Creek. Der Staub auf ihren Körpern verriet, daß sie einen langen Ritt hinter sich hatten. Tallihadjo brach das Schweigen:

»Die Kunde, daß die Bleichgesichter unser Volk von allen Seiten her bedrängen und ihm das Land rauben, ist alt, und ebenso wenig neu ist euer Begehr, daß Tallihadjo euch gegen unsere Feinde führen soll. Aber noch ist die Zeit nicht gekommen, das Kriegsroß zu besteigen. Noch geben die Wälder, Prärien und Gewässer Floridas euch allen hinreichend Nahrung, um den Hunger zu stillen. Wenn aber die Zeit gekommen ist, wenn das kleine Stück Land, das euch die Weißen gelassen haben, euch nicht mehr ernähren kann, wenn eure Herden verkümmern, und wenn ihr zu sterben bereit seid, dann ruft Tallihadjo euch zum Kampf!«

Wieder folgte eine lange Pause des Schweigens, bevor einer der Seminolen das Wort nahm:

»Wo die Meereswoge auf dem Withlacooheefluß weit in unser Land rollt und das Gras des Ufers salzt, damit unsere Herden fett werden, da haben die Bleichgesichter große Wigwams aufgeschlagen, fahren mit geflügelten Kanus auf dem Strome und berauben unsere Herden am Ufer. Sie haben uns in unseren Lagern überfallen, als wir bei hellen Feuern schliefen, ihre Kugeln unter uns geschleudert und unsere Weiber, Kinder und Greise gemordet. Tonkabor, unser Häuptling, schickt mich, um Tallihadjo zu sagen, daß er ihm mit allen Kriegern zur Schlacht folgen würde.«

»Sag Tonkabor, er solle die gesalzenen Ufer des Withlacochee verlassen und solle seine Herden nach dessen klaren Quellen treiben, um dort im kühlen Schatten der Wälder seine Zelte aufzuschlagen«, erwiderte Tallihadjo. »Wenn er von da aus die Axt der bleichen Männer hört, wird er auch Tallihadjos Kriegsgeschrei vernehmen!«

Nun erhob sich einer der Creek:

»Kajukee, der alte Häuptling der Creek, der einzige, der mit seinem mächtigen Stamm den Weißen in Georgia getrotzt und sich in die Okefinokeesümpfe zurückgezogen hat, läßt Tallihadjo, seinem Vetter, sagen, daß er ihm mit zweihundert tapferen Kriegern zu Hilfe kommen würde, wenn er die Seminolen gegen die Weißen führen wolle. Diese haben seinem Volk alles genommen, bis auf die unwegsamen Moräste, in denen es verschwinden muß wie der Büffel von der Erde. Die Herzen der Creek sind noch groß und dürsten nach dem Blut der weißen Brut!«

»Sag Kajukee, wenn die Seminolen erst so viel verloren haben würden wie die Creek, wenn das Leben in den finsteren Wäldern und bodenlosen Sümpfen ihnen zur Last geworden wäre, dann würde Tallihadjo ihnen den Weg zu den schönen ewigen Jagdgründen ihrer Väter zeigen, und sein Herz würde freudig schlagen, wenn ihn die Creek dahin begleiten wollten.«

So sprach Tallihadjo. Noch ähnliche Klagen und Hilferufe mußte er hören. Allen Abgesandten gab er die Antwort, daß die Zeit des Kampfes noch nicht gekommen wäre. Als die Beratung zu Ende war, erhob er sich, führte die Gäste zum Lagerfeuer und ließ sie dort auf weichen Häuten Platz nehmen.

Nur Tallihadjo saß auf einer Pantherhaut vor seiner Hütte und konnte keinen Schlaf finden. Kein Zug in seinem Gesicht verriet, was in ihm vorging. Starr saß er, nur in seinen Augen spiegelte sich funkelnd die Glut des Lagerfeuers. Sein Innerstes empörte sich gegen das unabwendbare Schicksal seines Volkes. Gab es denn keine Rettung vor der weißen Flut?

»Warum hast du den Häuptlingen deine Hilfe verweigert?« fragte eine Stimme hinter ihm.

Im dunklen Eingang der Hütte stand Onahee.

»Dein Auge erkennt nur den Wind, der das Laub von den Bäumen reißt, sieht aber nicht den Orkan nahen, der die Wälder mit ihren Wurzeln gegen den Himmel kehrt«, sagte Tallihadjo, ohne sich umzuwenden. »Der Verlust der Blätter ist hart, Onahee, doch ersetzbar, die Entwurzelung aber ist der Tod! Wer ein leichtes Obdach gegen den Orkan sucht, wird untergehen. Davor suche ich mein Volk zu schützen. Noch ist es nicht an der Zeit, daß mein Kriegsruf erschallt.«

»Ist es des Unrechts noch nicht genug geschehen? Sind noch nicht genug unserer Brüder verstümmelt und gemordet, noch nicht genug unserer Schwestern mißhandelt und geschändet? Wann wird das Maß der Bleichgesichter voll sein?«

»Noch haben Verlust und Schmach nur die Stämme der Seminolen betroffen, die an den Grenzen wohnen. Im Innern freut man sich an Spiel und Tanz. Unser Volk wird erst einig sein, wenn alle nichts mehr zu verlieren haben. Dann ist die Zeit gekommen, uns mit Schrecken und Tod einen Weg zu bahnen zu unseren Brüdern im freien Westen oder unterzugehen...«

Nach langem Schweigen blickte der Häuptling auf und zeigte mit der Hand dorthin.

»Wie der Große Geist die Wolken dort zusammenzieht und die Blitze mit dem Sturm langsam zu uns heraufsendet, so sollen die Seminolen ihren Zorn sammeln, bis sie, von Verzweiflung getrieben, sich auf die weiße Brut stürzen und sie vernichten. Mein Herz blutet wie das deine, Onahee! Ich möchte das Elend jedes einzelnen rächen, aber ich gehöre nicht den einzelnen, sondern dem ganzen Volk! Mit ihm will ich frei werden oder in die ewigen Jagdgründe unserer Väter eingehen! Aber laß deine Zunge nie sagen, was dein Ohr jetzt von Tallihadjos Mund gehört hat! Laß jetzt den Schlaf den Kummer von deinem Herzen nehmen!«

Schweigend trat Onahee in die Hütte zurück. Der Häuptling aber begab sich nach dem Lagerfeuer und legte sich behutsam zwischen Frau und Kindern nieder.

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