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Die Rache des Mestizen

Friedrich Strubberg: Die Rache des Mestizen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorArmand (Strubberg, Friedrich)
titleDie Rache des Mestizen
publisherim Auftrag hergestellte Sonderausgabe
pages194
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060522
projectid955595cb
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Zwielichtige Gesellen

Ungefähr sechs Meilen nördlich von Arnolds Niederlassung befand sich ein Settlement, das als Grundlage für eine neue Stadt errichtet war. Der Mittelpunkt war das Gerichtshaus des County, in der Nähe lagen einige Trinkbuden, ein Gasthaus, mehrere Kaufläden und die Geschäftsräume von Advokaten und einem Arzt. Auch eine Schmiede war dort, eine Schneiderei und eine Schusterei.

Nur um das Gerichtsgebäude gab es einen breiten Platz, der von Buschwerk und Gestein befreit war. Straßen gab es noch nicht, die Wege waren hin und her von Haus zu Haus getreten und kreuzten sich nach allen Richtungen, während zwischen ihnen Buschwerk, Unkraut und Gras wucherten. Vor einer der Kneipen, die am Platz um das Gerichtsgebäude lagen, saßen eines Vormittags unter einer hohen Baumgruppe mehrere Männer in eifrigem Gespräch. Sie blickten einem Fremden nach, der eine Satteltasche auf dem Arm, eben in ein Blockhaus eingetreten war, über dem ein großes Schild mit dem Namen John Behrend leuchtete.

»Das war doch Ralph Norwood? Und so ehrbar, als habe er nie eine Karte in der Hand gehabt und nicht die besten Pferde seines Alten verspielt!« sagte ein schwarzhaariger großer Mann von schmächtigem Wuchs und bleicher, verlebter Gesichtsfarbe.

Sein Hut war zerdrückt, sein schwarzer Frack abgetragen und an den Ellbogen durchlöchert, aber beides war städtischer Herkunft und deutete ebenso wie die seidene Halsbinde auf bessere Tage. Sonst trug er derbe Grenzerkleidung. Aus dem Gürtel sah der silberbeschlagene Griff eines mächtigen Schlachtmessers drohend hervor. Soubletts Name wurde von vielen nur mit einer gewissen Scheu, ja mit Furcht genannt. Mit ihm war der Gedanke an eine pfeifende Kugel, an eine blitzende Klinge oder eine lodernde Flamme auf dem Dach verbunden.

»Jawohl, der wirkliche Ralph!« bestätigte ein anderer und spuckte treffsicher nach einer schillernden Fliege. »Ein Kater, den man nicht ohne Handschuhe anfassen darf. Ich kenne ihn von Columbus her.«

»Sein Alter ist abgekratzt, jetzt braucht er ihm keine Pferde mehr zu stehlen«, grinste ein dritter. »Der junge Herr hat sicher den Beutel voll Geld. Sicher will er bei Behrend kassieren, denn der hat immer für den alten Norwood die Außenstände in der Umgegend eingezogen.«

Soublett zwinkerte dem vierten am Tisch, einem stutzerhaft gekleideten jungen Mann zu und winkte ihn auf die Seite. »Garrett, das wär' doch was für uns! Vielleicht lohnt es sich, Ralph Norwood anzuzapfen. Geht zu Behrend hinüber, macht Euch mit Norwood bekannt und ladet ihn zu einem Trunk ein! Ihr könnt das besser als ich, denn Ihr habt so etwas an Euch, was man in New York anständig nennt. Verdammt, bildet Euch nicht ein, ich möchte auch so aussehen wie ein angezogener Affe! Habe auch mal Manschetten getragen und könnte es heute noch! Also versucht, was Ihr könnt! Wenn's ans Rupfen geht, sollt Ihr auch eine Karte haben!«

Garrett lächelte nur spöttisch. Er zupfte sich den Hemdkragen zurecht und spazierte dann, eine Zigarre im Mund, ein Stöckchen hinter dem Rücken wirbelnd, über den Platz zu Behrends Laden.

Als er in das geräumige Blockhaus eintrat, strich Ralph Norwood eben eine große Menge Goldstücke ein, die auf dem Ladentisch aufgezählt waren. Er war nach dem Settlement gekommen, um zwei der Schuldscheine, die ihm sein Vater hinterlassen hatte, einzukassieren, da ihre Verfallzeit nahte. Frau Arnold hatte ihn gebeten, eine Anzahl Kleinigkeiten für ihren Haushalt mitzubringen, und so war er mit dem Neger Bob und einem Packtier in der Frühe losgeritten. Bob mit den Tieren hatte er im Gasthaus zurückgelassen, während er den Kaufmann aufsuchte.

Garrett beachtete Ralph scheinbar gar nicht, sondern wandte sich gleich dem Zaum- und Sattelzeug zu, das an einer Wand aufgehangen war. Er griff sich einen Zügel und hielt ihn dem Kaufmann hin.

»Was kostet das, Mister Behrend?«

»Fünf Dollar!«

»Was? So teuer?«

»Das ist allerdings viel Geld«, mischte sich Ralph ein. »In Columbus kriege ich so einen Zaum für einen Dollar!«

»Wir sind hier auch an der Grenze«, wandte Behrend ein. »Ich habe bedeutende Unkosten. Vier Dollars ist das Äußerste.«

»Tut mir leid, dann warte ich bis Columbus«, sagte Garrett und fügte für Ralph hinzu: »Ich bin auf dem Wege dorthin. Verzeihen Sie, aber Sie sind dort wohl bekannt?«

Ralph nickte.

»Vielleicht können Sie mir ein anständiges Hotel dort empfehlen?« Garrett stellte sich mit einer höflichen Verbeugung vor. Auch Ralph nannte seinen Namen.

»Bitte, halten Sie mich nicht für aufdringlich«, sagte Garrett artig. »Aber ich bin noch nicht lange in diesem Lande. Würden Sie mir das Vergnügen machen und ein Glas Wein mit mir trinken?«

»Auch ohnedem würde ich Ihnen das Adlerhotel als bestes Gasthaus in Columbus empfohlen haben! Aber ich nehme Ihre Einladung an, Mister Garrett!« Ralph wandte sich an Behrend. »Nach Tisch bin ich wieder hier! Inzwischen packen Sie mir alles zusammen, was da auf meinem Wunschzettel steht!«

Der Kaufmann versicherte, daß alles bestens besorgt werden würde.

Garrett führte Ralph über den Platz nach dem Trinkhaus. Soublett und seine Zechgenossen hatten sich inzwischen ins Innere verzogen und standen vor der Bar, wo sie sich selber aus Karaffen mit Whisky, Kognak und Genever bedienten. Vor der offenen Tür zog Garrett den Hut vor Ralph und forderte ihn mit einer Verneigung auf, zuerst einzutreten. »Man merkt wirklich, daß Sie noch nicht lange hier im Lande sind!« lachte Ralph und schob Garrett ins Haus. »Diese Höflichkeiten werden Sie bald genug verlernen!«

»Ja, und seine Manschetten wird er bald genug in den Urwäldern hängen lassen!« empfing Soublett die beiden. »Mister Garrett ist noch ganz grün und hat den Kopf voll von den Torheiten des Broadway!«

Die Männer traten zur Seite, um den beiden Platz an der Bar zu machen. Garrett mischte aus Portwein, Wasser und Zucker ein Getränk und reichte Ralph das Glas mit den Worten:

»Your good health, Sir!« Beide leerten ihre Gläser. Garrett bot Ralph eine Zigarre an.

»Mister Soublett hat recht«, sagte er lächelnd. »Der Reiz des Abenteuers lockte mich von New York hierher an die Grenze. Aber ich habe schon festgestellt, daß ich weniger Geschick habe, Axt und Büchse zu führen als die Feder, und möchte mich darum in Columbus nach einer passenden Stelle umsehen.«

»Leute von Ihrer Bildung und mit den Erfahrungen des New Yorker Weltgeschäfts sind dort gesucht«, meinte Ralph Norwood. »Doch bitte ich, mich jetzt zu entschuldigen, ich habe noch einige Besorgungen! Vielleicht sehen wir uns zum Mittagessen bei Dennis?«

»Sehr gern!« versicherte Garrett.

Mit einem Gruß verließ Ralph die Kneipe.

»Wie ist's? Hat er Geld bei sich?« fragte Soublett leise.

»Ich sah ihn bei Behrend einige Hände voll Gold in die Taschen stecken«, antwortete Garrett ebenso.

»Wir müssen ihn zum Abend hierbehalten!« erklärte Soublett. »Unsere Taschen haben die Auszehrung, und wer weiß, wann sich wieder so eine Gelegenheit zum Verdienst findet! Ihr müßt ihm beim Essen zutrinken, und nach Tisch schlagt ihm ein Spiel um eine Pulle alten Madeira vor! Hat er erst mal die Karten in der Hand, so ist er unser!«

Wie die meisten anderen Gebäude des Settlements bestand das Gasthaus von Dennis, in dem Ralph seine Pferde untergestellt hatte, aus einem doppelten Blockhaus, zwischen dessen zwei Räumen sich ein weiter offener Durchgang befand, den das gemeinschaftliche Dach vor Regen und Sonnenschein schützte.

Der eine Raum des Blockhauses selbst war die Wohnung des Wirtes und seiner Familie, der andere enthielt acht Betten in zwei Reihen, so daß sechzehn Fremde darin übernachten konnten.

Dennis war ein freundlicher, immer gefälliger Mann, der stets eine heitere lächelnde Miene zur Schau trug. Über seine Vergangenheit aber gingen allerlei Gerüchte. Man munkelte, er habe früher in Philadelphia ein Gasthaus gehabt und bei Nacht und Nebel verschwinden müssen, nachdem in seinem Hotel sehr plötzlich ein Reisender, der viel Geld bei sich gehabt hatte, gestorben war, ohne genug für die Unkosten seines Begräbnisses zu hinterlassen. Jedenfalls konnte sich im Settlement niemand über Dennis beschweren, und seine Frau fand nur Lob wegen ihrer schmackhaften Küche.

Nachdem sich Garrett und Soublett von ihren Zechgenossen freigemacht hatten, ließen sie sich auf Dennis' Veranda nieder. Soublett füllte sich seine kurze Pfeife mit Tabak.

»Verdammt, wir müssen Norwoods Geld haben! Unser Kredit hier geht zu Ende. Nur aus Furcht gibt man uns noch zu trinken.«

»Bin das Leben hier auch satt!« stimmte Garrett zu. »Die Kerle sind scharf wie die Rasiermesser in diesem Nest. Sie drehen eine Banknote fünfzigmal in den Fingern herum, ob sie nicht falsch ist, und bei jedem Goldstück haben sie gleich den Probierstein! Ein Talent muß hier zugrunde gehen!«

»Wir müssen Norwood zur Nacht hierhalten! Wie wäre es, wenn wir seinem Gaul eine Stecknadel in die Köte bohren, so daß er auf drei Beinen stünde?«

»Pssst!« machte Garrett. »Habt Ihr nichts gehört?«

Er blickte sich um, aber auf der Veranda blieb alles still. »Norwood ist kein Greenhorn und möchte die Nadel finden«, flüsterte er. »Lieber gieße ich ihm etwas Opium in den Wein, und wenn er einschläft, bringen wir ihn ins Bett. Erwacht er dann morgen ohne Geld, so fällt der Verdacht auf Dennis. Ist ja bekannt, daß die Luft im Hause Old Denns an den Taschen zehrt.«

Soublett mußte Garretts Vorschlag beistimmen. Während die beiden noch Rat hielten, trat der dicke Wirt auf die Veranda.

»Die Herren reiten ja gar nicht mehr auf die Jagd«, sagte er mit einer höflichen Verbeugung. »Ein Hirsch oder ein paar Truthähne würden mir recht willkommen sein!«

»Ich hab heut keine Lust, auf die Jagd zu gehen«, brummte Soublett. »Vielleicht fang ich am Abend ein paar Fische.«

»Meine Kugeln finden immer zuviel Platz neben dem Wild«, winkte Garrett ab. »Aber ich will den irischen John aufsuchen, damit er für Sie einen Hirsch heranschafft!«

»Die Mühe brauchen Sie sich nicht zu machen«, sagte Dennis zuvorkommend. »John spricht sicher bei mir vor, wenn er im Ort ist.«

Der Wirt verschwand wieder.

»Das sah ja gerade so aus, als ob der Gauner uns aus dem Weg haben wollte! Irgendwie hat er Wind von Norwoods Geld bekommen und will seine feisten Finger danach ausstrecken! Wird aber nichts draus, Old Denn! Besorgen wir ohne dich!« höhnte Soublett.

Ralph hatte seine Besorgungen beendet und begab sich in den Hofraum hinter dem Wirtshaus, wo er den Neger Bob vor dem Stall antraf. Er schickte ihn fort, schon einen Teil der besorgten Gegenstände zu holen, damit sie bald nach Tisch nach Hause reiten könnten.

Bald darauf trat ein Negermädchen mit einer großen Metallglocke auf die Veranda und zeigte den Beginn des Mittagessens an. Von allen Seiten kamen die Leute der Siedlung, die regelmäßig ihre Mahlzeiten im Wirtshaus einnahmen. Auch Ralph ging mit Garrett und Soublett in den Speisesaal, der sich rasch füllte. Sie nahmen am Tisch Platz.

Nach dem Ende der Mahlzeit verließen die Stammgäste nach und nach die Tafel, um ihren Geschäften nachzugehen. Nur Ralph, Garrett und Soublett blieben noch sitzen. Garrett rühmte einen alten Madeira, den Behrend auf Lager habe, und schlug Ralph vor, einige Flaschen davon holen zu lassen und dann darum zu spielen, wer von ihnen sie bezahlen solle. Ralph befahl dem Negerburschen, der bei Tisch bediente, den Wein auf seine Rechnung bei Behrend zu kaufen. Der Sklave eilte davon. Doch Garrett erhob dagegen Einspruch. Er warf ein Spiel Karten auf den Tisch. »Nehmen Sie ab, Mister Norwood, und lassen Sie das Glück entscheiden, wer von uns zu bezahlen hat! Ich kann unmöglich zugeben, daß Sie die Rechnung begleichen!«

»Wenn Sie das durchaus nicht wollen, so lassen Sie uns jeden die Hälfte tragen«, sagte Ralph und schob die Karten von sich.

»Dann lassen Sie mich wenigstens um Ihren Anteil spielen«, mischte sich jetzt Soublett ein und nahm die Karten auf. »So erhalte ich wenigstens ein Recht, mitzutrinken!«

»Wenn es Mister Norwood nicht langweilt, zuzuschauen?« fragte Garrett.

Ralph hatte einen Schlußstrich unter sein bisheriges wildes Leben gemacht. Noch nie hatte er sich so zufrieden gefühlt, wie in dem einfachen häuslichen Kreise der Arnolds, bei der Arbeit auf Feld und Weide, beim Fischen und Jagen mit Frank, mit dem er sich rasch angefreundet hatte. Nein, er wollte mit Leuten vom Schlage Garretts nichts mehr zu tun haben, er wollte sich sein Leben ebenso aufbauen wie Arnolds.

Diesen Vorsatz erneuerte er. Innerlich seltsam bewegt, begrüßte er bei seiner Heimkehr die beiden alten Leute.

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