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Die Rache des Mestizen

Friedrich Strubberg: Die Rache des Mestizen - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorArmand (Strubberg, Friedrich)
titleDie Rache des Mestizen
publisherim Auftrag hergestellte Sonderausgabe
pages194
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060522
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In Texas

Im fernen Südwesten Nordamerikas stand an dem kleinen Nebenfluß des Rio Colorado auf einer Anhöhe ein großes zweistöckiges Gebäude. Riesenhafte immergrüne Eichen überschatteten das Haus, vor dem sich ein gepflegter Blumengarten ausbreitete.

Steil fiel das Ufer der Anhöhe zu dem Fluß ab, dessen Wogen schäumend und brausend ein großes Mühlrad trieben. Es setzte nicht nur eine Maismühle, sondern auch eine Schneidemühle in Bewegung, deren mächtige Kreissäge riesige Baumstämme zu Brettern zerschnitt. An diesen beiden Mühlwerken arbeiteten Negersklaven unter der Aufsicht eines kräftigen blonden jungen Mannes, der ihnen mit Scherzen seine Anweisungen gab.

Das Haus war das Eigentum Frank Arnolds. Nach dem Tode seiner alten Eltern war er mit seiner Familie nach Texas ausgewandert, wo er sich die großen Ländereien kaufen konnte, die in Florida nicht mehr zu haben waren.

Denn seine Eleanor hatte ihm damals schon neun Söhne geschenkt, und es war sein Lieblingsgedanke, daß jeder von ihnen einmal seine eigene Farm haben sollte. So hatte er sein Besitztum in Florida zu sehr hohem Preis verkauft und mit Frau und Kindern, seinen Sklaven und einigem Zuchtvieh die weite Wanderung nach dem fernen Westen angetreten.

Sechs Jahre wohnte er nun schon hier in Texas, es waren glückliche Jahre gewesen. Zwölf Kinder hatte er nun, und das jüngste, nun bald dreijährig, war ein Mädchen geworden. James, der Älteste, der die Sklaven bei den Mühlen beaufsichtigte, war jetzt achtzehn Jahre.

Frank Arnold saß mit seiner Frau und der kleinen Helen auf der Veranda vor dem Hause. Bei ihnen befand sich ein Gast, ein schlanker kräftiger Mann in den besten Jahren, dessen wettergebräuntes offenes Gesicht von einem schwarzen Vollbart umrahmt wurde. Er setzte die kleine Helen, die auf seinen Knien herumgeturnt hatte, ab und wollte sich verabschieden.

»Mein bester Farnwald, wir lassen Sie noch nicht fort«, widersprach Arnold. »Sie kommen so selten zu uns! Meist nur, wenn wir Ihrer ärztlichen Hilfe bedürfen und Sie rufen!«

»Denselben Vorwurf machten mir neulich Swartons, die doch nicht so viele Stunden entfernt von mir wohnen wie Sie«, entschuldigte sich Farnwald mit einem Lächeln.

Er ließ sich gern bereden, noch zum Abendessen zu bleiben.

Die Sonne näherte sich bereits den fernen Gebirgen im Westen und begann ihre eisigen Höhen zu vergolden.

James, der Älteste, kam von den Mühlen herauf.

»Er ist alt genug, bald zu heiraten«, sagte der stolze Vater. »Er soll sich auf dem Land, das er einmal bekommen wird, ein Blockhaus bauen und eine eigene Farm einrichten.«

Amelia, die Zweitälteste, kam von einem Spazierritt heim. Die älteren Buben fanden sich aus den Bohnenfeldern ein, wo sie gearbeitet hatten. Die jüngeren hatten gespielt.

Eleanor und Amelia begaben sich ins Haus, um das Abendessen vorzubereiten. Bald saßen alle um den Tisch und ließen es sich schmecken. Später setzten sich Arnold und Farnwald an das flackernde Kaminfeuer und zündeten sich ihre Pfeifen an.

»Wir bekommen einen neuen Nachbarn«, bemerkte Farnwald im Laufe des Gesprächs. »Er läßt sich am Strom ein prächtiges Haus bauen, muß ein außerordentlich reicher Mann sein. Scheint sich viel darauf zugute zu tun. Ich traf ihn vor ein paar Tagen im Gasthaus in Clear Creek, wo er sich recht anmaßend aufführte. Aber er dürfte bald merken, daß man hier noch nicht so viel auf Vermögen wie in den alten Staaten gibt, der Herr General Norwood!«

»General Norwood? Woher kommt er ... aus Florida?« fragte Frank Arnold erregt.

»Ganz recht! Da kennen Sie ihn vielleicht! Mir fällt ein, daß Sie ja auch von dort gekommen sind!«

»Und ob ich ihn kenne! An jedem seiner Dollar hängt eine Träne!« Es wurde eine lange Geschichte, die Frank Arnold erzählte.

»Der Sohn ist ganz nach dem Vater geschlagen«, schloß er. »Mit Frau und Tochter lebt er in bösen Verhältnissen. Beide hätten ein besseres Los verdient...«

Der Mond stand schon hoch am Himmel, als Farnwald Abschied nahm. Es wurde verabredet, daß James, Arnolds Ältester, ihn in den nächsten Tagen für einige Zeit besuchen sollte.

Der Morgen dämmerte bereits, als Farnwald sich seiner Besitzung näherte. Paulmann, sein alter Gärtner, ein Veteran der Schlacht bei Waterloo, war bereits auf und alarmierte Charity, eine alte Negerin, Farnwalds Haushälterin, und den Negerburschen Addison, der den Schimmelhengst in Empfang nahm.

Drei Tage später traf James Arnold auf Farnwalds Besitztum ein. Auf einem der Jagdausflüge, die Farnwald mit dem Gast machte, kamen sie unweit des Platzes vorüber, wo Ralph Norwood sein Haus baute. Die Äxte der neuen Ankömmlinge hatten in dem herrlichen Urwald traurige Verwüstungen angerichtet. Die prächtigsten Bäume waren gefällt. Abgebrannte schwarze Blößen zeigten, daß man auch das Feuer zur Vernichtung des Waldes nutzte. Die beiden Reiter wandten ihre Pferde aus dem Bereich menschlicher Zerstörung.

Farnwald trieb seinen Hengst einen hohen Berg hinan, von dessen Spitze man einen herrlichen Überblick über das Land weitum hatte. In früheren Zeiten hatte er so manche Stunde dort oben verbracht. Er näherte sich bereits dem Gipfel des Berges, als ein Bellen seines Hundes ihn aus seinen Gedanken an die Vergangenheit weckte. Unter dem wohlbekannten wilden Pflaumenbaum auf der Höhe gewahrte er zwei weibliche Gestalten.

Von dem Felsblock unter dem Pflaumenbaum war ein junges Mädchen aufgesprungen und sah den Ankömmlingen entgegen. Neben ihr stand eine schwarze Dienerin. Farnwald war überrascht von der Schönheit der Unbekannten, deren große dunkle Augen fragend zwischen ihm und dem jungen Arnold hin und her flogen. Er lüftete seinen breiten Hut und sprang vom Pferd.

»Entschuldigen Sie bitte die Störung«, sagte er mit einer Verbeugung. »Aber wir konnten nicht ahnen, daß wir hier in der Einsamkeit solch ... solch ...«

Farnwald suchte nach einem Kompliment, aber die Fremde unterbrach ihn lächelnd: »Ich habe nichts zu entschuldigen. Sie haben auf diesen Platz ebensoviel Anrecht wie ich.«

»Mein Name ist Farnwald, und das ist mein junger Freund James Arnold«, stellte Farnwald vor.

»Ich heiße Berenice Norwood. Wir hörten schon von Ihnen, Mister Farnwald, und Arnolds sind alte Bekannte von uns aus Florida.«

Errötend blickte sie auf James, der seine Augen nicht von ihrer reizenden Erscheinung wenden konnte und sie mit unverhohlener Bewunderung anstarrte.

»Meine Mutter hat mir oft erzählt, wieviel Gutes sie der Familie Arnold zu verdanken hat, doch leider ...« Sie stockte und schwieg verlegen.

»Auch meine Eltern sprechen nur Gutes von Ihnen und Ihrer Frau Mutter«, warf James ein und errötete ebenfalls.

»Wollen Sie nicht Platz nehmen?« lenkte das junge Mädchen von dem verfänglichen Thema ab.

Sie setzten sich auf die Steinblöcke, die rungsum verstreut lagen.

»Hier bin ich schon so manches Mal gesessen, als es noch gefährlich war, sich als Weißer hierherzuwagen. Erst vor wenigen Jahren haben sich die Wilden in die Gebiete jenseits des Stromes zurückgezogen«, sagte Farnwald.

»Welche Indianerstämme leben denn dort?« fragte Berenice.

»Die Lipan-Apatschen, ein kriegerischer Stamm. Aber auch die Komantschen und andere Stämme schwärmen in dieser Gegend. Besonders in der Winterzeit kommen sie von Norden herab, um Büffel zu jagen, die in endlosen Herden nach Süden wandern.«

»Wo wohnen denn die Seminolen, die man aus Florida vertrieben hat?«

»Achthundert Meilen nördlich von hier, am Canadian River. Aber auch ihre Jäger folgen dem Bison im Winter bis zum Fuß der fernen Gebirge dort. Ihre Nachbarn, die Creek und Choctaw, besuchen alljährlich das Handelshaus, das die Regierung vierzig Meilen von hier nördlich drüben am Strom angelegt hat, damit die Indianer dort ihre Bedürfnisse decken können.«

»Die Seminolen hassen meinen Vater, und wenn sie erfahren, daß wir uns hier niedergelassen haben ...«

»Das braucht Sie nicht zu beunruhigen! Die Indianer sind zufrieden, wenn sie von den Weißen nicht behelligt werden, und vermeiden jeden Übergriff auf das Gebiet der Weißen.«

Die Zeit verstrich im Fluge, und Berenice mußte sich auf den Heimweg machen.

»Verzeihen Sie es meiner Mutter und mir, daß man Ihnen noch keinen Besuch gemacht hat«, sagte sie beim Abschied, worauf Farnwald die Hoffnung aussprach, es möge sich bald die Gelegenheit zu freundnachbarlicher Bekanntschaft ergeben.

»Auf Wiedersehen!« winkte sie noch einmal zurück, ehe sie mit ihrer Dienerin zwischen den Bäumen verschwand.

Schweigsam sah James Arnold ihr nach. Farnwald verstand, was in dem jungen Mann vor sich ging, der nur zu wohl den Haß Norwoods gegen seinen Vater kannte. Er schlug ihm aufmunternd auf die Schulter.

»Kopf hoch, Boy! Habt Euch verguckt in das Mädel, schätzte jedoch, das Mädel auch in Euch ...«

Freudig fragend blickte James ihn an.

»Well, Boy, man hat schließlich seine eigenen Erfahrungen ... Und wegen der Eltern macht Euch vorläufig keine Sorge, verlaßt Euch da auf mich: wenn ich Euch helfen kann, soll's gern geschehen ...«

Einige Zeit später saß Berenice mit ihrer Mutter in einem der Blockhäuser, in denen die Familie Norwood lebte, bis das neue Haus fertiggestellt sein würde.

Eloise war immer noch eine schöne Frau zu nennen, wenn auch Leid und Gram nicht spurlos an ihr vorübergegangen waren. Mit der hohen Stirn und der leicht gebogenen Nase, mit dem glänzend schwarzen Haar und der schlanken, biegsamen Gestalt war die sechzehnjährige Berenice ganz das Ebenbild der Mutter, der sie auch im Charakter glich.

Anders war ihr älterer Bruder Tom, der nach dem Vater geschlagen war und der dessen Verschwendungssucht, Unwahrhaftigkeit und Starrsinn geerbt hatte. Er war bei einem Advokaten in die Lehre gegangen, hatte es dort aber nicht lange ausgehalten, sondern spielte lieber den großen Herrn auf den Besitzungen des Vaters, der ihm seinen Willen ließ. Er war stolz auf den Eigenwillen seines Sprößlings, den er vergötterte.

Zweifellos liebte Ralph Norwood auch seine Tochter, aber wenn er die Ähnlichkeit mit ihrer Mutter sah, dann hätte er sie manchmal hassen mögen. Dann war er schroff zu ihr, um sie gleich darauf wieder mit Zärtlichkeiten zu überschütten.

Vielleicht aus Angst, daß sie sich ganz von ihm abwenden möchte. Denn er fühlte, wie sehr viel mehr sie ihrer Mutter zugetan war, die ihrer Tochter, deren Liebe sie für alles Unglück in ihrer Ehe entschädigte, eine sorgfältige Erziehung zuteil werden ließ.

Die Kluft zwischen den Eheleuten hatte sich in den Jahren nicht verringert. Sie waren bei Tisch zusammen, sprachen das Notwendigste und wahrten die Formen der Höflichkeit. Sonst aber mieden sie sich. Tom stand ganz auf Seiten des Vaters. Die Mutter war ihm entfremdet worden, und in der Schwester sah er nur die Miterbin des großen väterlichen Vermögens.

Im Gegensatz zu Frank Arnold hatte Norwood Florida verlassen, weil er seine ausgedehnten Besitzungen dort mit außerordentlichem Gewinn verkaufen konnte.

Berenice hatte der Mutter von ihrem Zusammentreffen mit Farnwald und James Arnold erzählt. Eloise merkte sehr wohl ihr Interesse für den jungen Mann.

»Du mußt Farnwalds Bekanntschaft machen«, sagte Berenice lebhaft. »Er ist weitum der einzige Arzt, und ihm haben schon viele ihr Leben zu verdanken ...«

»Ich möchte auch gern den jungen Arnold kennenlernen«, unterbrach die Mutter sie lächelnd. »Ich kannte ihn zuletzt als Knaben, aber nach deiner Schilderung muß ein hübscher stattlicher Mann daraus geworden sein ...«

Berenice errötete über und über. In ihrer Verlegenheit wußte sie nichts zu sagen.

Es vergingen Tage, ehe die Frauen Gelegenheit fanden, unbemerkt nach der Anhöhe zu reiten. Eloise lächelte leise über Berenices Angst, Farnwald möchte nach so langer Zeit dort nicht mehr warten. Aber Farnwald saß bereits auf einem der Steinblöcke unter dem Pflaumenbaum und bei ihm ... James Arnold.

Die beiden Männer sprangen artig auf, James mit glühendem Kopf. Doch auch Berenice errötete tief bei seinem Anblick. Sie stellte die Herren ihrer Mutter vor. Eloise begrüßte Farnwald und den jungen Arnold herzlich.

Auf Eloises Wunsch erzählte er aus seinem bewegten Leben und gab ihr einen Überblick über die gemeinsamen Nachbarn, die weit im Umkreise verstreut wohnten.

Berenice und James sprachen nur wenig miteinander, aber ihre Blicke sagten mehr als Worte. Als die Stunde des Abschieds kam, da war es Eloise, die den Wunsch nach einem Wiedersehen äußerte. Man kam überein, sich baldigst wieder am selben Ort zu treffen. Farnwald versprach, James Arnold, der wieder auf die väterliche Besitzung heimkehrte, um nun dort in der Nähe mit dem Bau eines eigenen Blockhauses zu beginnen, rechtzeitig zu benachrichtigen.

Aber so bald sollte es zu keinem Wiedersehen kommen. Norwood betrieb die Errichtung seines neuen Wohnhauses mit allen Kräften. Bald stand es fertig auf vier Fuß hohen Pfeilern, die der Luft freien Durchzug darunter gewährten. Es war aus Holz erbaut und hatte nur ein Stockwerk, das auf allen vier Seiten Eingänge hatte.

Norwood ließ sich die Innenausstattung viel kosten. Es war für die Grenze unerhört, was er an teuren Möbeln, Vorhängen, Gemälden, Uhren und Zierat überhaupt heranbringen ließ. Eloise und Berenice hatten Wochen zu tun, um all diese Dinge zu ordnen und geschmackvoll im Hause zu verteilen. So fanden sie nicht die Gelegenheit zu einem Stelldichein mit Farnwald, wenn auch Berenice noch so sehr darauf drängte. Doch gaben sie Farnwald mehrmals durch Eve Bescheid und entschuldigten sich.

Aber da erkrankte Berenice eines Tages plötzlich. Ein heftiges Fieber warf sie nieder. Eloise verlangte von Ralph, daß Farnwald sofort geholt würde. Ralph sträubte sich, aber es blieb ihm nichts übrig als nachzugeben, denn Berenices Zustand verschlimmerte sich zusehends.

So wurde ein Bote zu Farnwald geschickt. Dieser ließ sofort seinen Hengst satteln und jagte nach der Besitzung Norwoods.

Er kramte die mitgebrachten Medikamente aus der Satteltasche. Norwood führte ihn ins Haus, wo ihnen Eloise schon entgegenkam. Der General stellte Farnwald vor, und Eloise geleitete ihn in das Krankenzimmer.

Fiebernd lag Berenice in den Kissen. Sie erkannte ihn nicht. Er fühlte ihren Puls und untersuchte sie dann sorgfältig. Dann flößte er ihr aus einer Phiole einige Tropfen ein. Er beruhigte die ängstliche Mutter und gab ihr seine Verordnungen. Wenn diese befolgt würden, werde das Fieber bald nachlassen.

Eloise bat ihn, doch solange ihr Gast zu bleiben, bis Berenice auf dem Wege der Genesung sei. Farnwald nahm an. Er sparte dadurch nicht nur den täglichen weiten Ritt zu der Kranken, sondern konnte auch die Gelegenheit nutzen, zum Besten seines jungen Freundes Arnold ein besseres Verhältnis zu Norwood herzustellen.

Berenices Befinden besserte sich schnell. Bald konnte sie einige Stunden am Tage im Garten auf einem Liegestuhl ruhen. So lag sie an einem sonnigen Nachmittag im Schatten einer hohen Lebenseiche und schlief. Ihre Mutter befand sich im Hause, Farnwald war ausgeritten. Still war ringsum der Garten mit seinen Bäumen, Büschen und Blumen.

Da schob sich lautlos aus einem Gebüsch eine Männergestalt, spähte um sich und trat dann auf den Liegestuhl zu, vor dem sie stehenblieb. Es war James Arnold. Fast andächtig betrachtete er die Schlummernde. Er hatte von ihrer Erkrankung gehört, und die Unruhe hatte ihn herbeigetrieben.

Plötzlich öffnete Berenice die Augen. Freudiges Staunen verklärte ihre bleichen Züge, sie streckte ihm die Hände entgegen. Glückselig kniete James an ihrem Stuhl nieder.

»Oh, Miß Berenice, wie froh bin ich! Sie sind bald wieder gesund! Warum hat man mir nicht früher etwas von Ihrer Erkrankung gesagt?«

»Farnwald wollte Sie nicht unnütz ängstigen. Aber wir haben oft von Ihnen gesprochen ...«

Ihre Augen strahlten sich an. Selbstvergessen strich sie ihm eine Locke aus der braunen Stirn, und plötzlich lagen sie sich beide in den Armen, ihre Lippen fanden sich zum ersten Kuß. Stammelnd bekannten sie sich das Geheimnis ihrer Liebe.

Sie merkten nicht, wie Eloise in den Garten kam und verwundert stehenblieb. Etwas wehmütig lächelte sie bei dem Gedanken, daß sie nun ihr Kind, das allein ihr Leben ausmachte, hergeben mußte. Und doch war die Freude über das Glück ihres Kindes größer als der eigene kleine Schmerz. Sie trat hinter einen Strauch, um achtzugeben, daß niemand die beiden überraschen möchte. Sie ahnte längst Berenices Gefühle für James und hatte die beste Meinung von dem jungen Mann, der sichtlich die guten Eigenschaften seiner Vorfahren geerbt hatte. Konnte sie sich für die Tochter einen besseren Gatten wünschen?

»Liebster, du mußt gehen! Wenn mein Vater dich hier treffen würde ...« Berenice wurde sich zuerst der Gefahr bewußt.

»Ich werde mit ihm sprechen, er muß dich freigeben ...« erklärte James mit jugendlichem Ungestüm. »Oder du entfliehst mit mir.«

Aber Berenice dachte an die Mutter, gegen die sich dann die ganze ungebärdige Wut ihres Vaters richten würde. Sie seien beide noch jung und dürften nichts überstürzen. James solle mit Farnwald sprechen, der sicher den besten Rat wisse.

Noch eine Umarmung, ein langer Kuß, und Arnold zog sich so lautlos zurück, wie er gekommen. Nach einer Weile trat Eloise vor. Berenice war erst etwas verlegen, dann aber gestand sie der Mutter ihre Liebe.

Am Abend hatte Eloise eine lange Unterredung mit Farnwald. Sie überreichte ihm den Ring Montclards, den sie so viele Jahre heimlich bewahrt hatte. Sie vertraute ihm die Geschichte des Ringes an. Er solle einmal Berenice gehören. Es sei vielleicht töricht, aber eine unerklärliche Angst vor der Zukunft treibe sie dazu, Farnwald zu bitten, Berenice diesen Ring einst bei ihrer Hochzeit als Geschenk ihrer Mutter zu geben. Farnwald sah die Tränen in den Augen der leidgeprüften Frau und versprach ihr die Erfüllung ihrer Bitte.

Auch mit James Arnold werde er reden und ihn vor allen übereilten Schritten warnen. Mit der Zeit komme Rat, und es sei doch schon viel wert, daß er jederzeit Zutritt in Norwoods Haus habe.

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