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Die Rache des Mestizen

Friedrich Strubberg: Die Rache des Mestizen - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorArmand (Strubberg, Friedrich)
titleDie Rache des Mestizen
publisherim Auftrag hergestellte Sonderausgabe
pages194
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060522
projectid955595cb
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Der Überfall auf den Leuchtturm

Ein warmer Sonnentag neigte sich seinem Ende zu. Vor seiner Hütte saß Tallihadjo, der Seminolenhäuptling, am Lagerfeuer und lauschte aufmerksam dem Bericht, den Ralph Norwood von seiner Reise nach Baltimore gab. Nur dann und wann stellte er eine Frage nach der Größe und Einwohnerzahl der Orte, die Ralph besucht hatte.

Plötzlich horchte er auf. Aus dem Wald schallte der Hufschlag eines flüchtigen Rosses, kam näher und näher. Bald darauf sprengte aus den dunklen Schatten der Bäume ein Reiter hervor. Er sprang vom Pferde und kam auf Tallihadjo zu, der in ihm einen Stammesgenossen von der Ostküste Floridas erkannte.

»Osmakohee, der Häuptling meines Stammes, sendet mich, um Tallihadjo zu sagen, daß Homathlan, unser Nachbar, von weit her die Krieger der Seminolen aufruft, um mit ihnen das steinerne Wigwam zu zerstören, das die Bleichgesichter auf dem Felsen im Meer erbaut haben, um nachts darauf ein großes Feuer leuchten zu lassen. Osmakohee ist begierig, sich mit den Skalpen der Weißen zu schmücken, aber er wartet auf den Kriegsruf Tallihadjos und hört nicht auf Homathlan. Er läßt dir sagen, du müßtest dein schnellstes Pferd reiten, wenn du eher an der Felseninsel sein wolltest als Homathlan, um die Krieger deine Stimme, der allein sie folgen werden, hören zu lassen.«

Tallihadjo rief Tomorho und gab ihm auf, seinen Schimmel satteln und fünfzig Krieger sich marschfertig machen zu lassen. Dann wandte er sich wieder an den Boten:

»Der große Vater der Weißen hat das steinerne Wigwam erbaut, um durch seine Feuer den beflügelten Schiffen des Nachts zu zeigen, wo ihnen Gefahr droht durch die Klippen, nicht aber um die Seminolen zu belästigen. Wenn Homathlan das Wigwam zerstört und den Bleichgesichtern dort die Skalpe raubt, wird der große Vater der Weißen so viele Krieger senden, wie in den Wäldern Bäume stehen und alle Seminolen in die Sümpfe verjagen.«

Er erhob sich und sagte zu Ralph:

»Du wirst den Seminolen einen Dienst erweisen, indem du mit mir reitest und den Weißen auf der Felseninsel sagst, daß nicht unser Volk, sondern nur Homathlan allein die Kriegskeule gegen sie erhoben habe. Er werde zur Bestrafung für alles Böse, was er ihnen zugefügt habe, an sie ausgeliefert werden. So haben wir es bei unserem letzten Friedensschluß mit den Weißen bestimmt.«

Ralph erklärte sich bereit dazu und ging sein Pferd holen. Er mußte sich mit Tallihadjo gut stellen. Nach seiner Rückkehr aus Baltimore hatte er sich bei den alten Arnolds noch nicht wieder blicken lassen. Er glaubte nicht, daß die biederen ehrlichen Leute ihm seine Verfehlungen in Baltimore verzeihen würden, und fürchtete ihre Vorwürfe. So hatte er sich zunächst zu Tallihadjo begeben, der ihn im Andenken an seinen verstorbenen Vater gern bei sich aufgenommen hatte. Ralph dachte zwar nicht daran, sein Leben bei den Indianern zu beschließen. Doch um die fernere Zukunft sorgte er sich jetzt noch nicht. Mit der Zeit würde Rat kommen.

Tallihadjo nahm zärtlich von Satochee und seinen Kindern Abschied. Dann bestieg er seinen Schimmel und trabte in den finsteren Wald hinein. Ihm folgten Ralph und der Bote Osmakohees und dann Tomorho, dem sich die fünfzig Krieger anschlossen. So verschwanden sie in einer langen Reihe hintereinander.

Es war vier Tage später. Die Schatten der Nacht legten sich über die See. Vor dem Leuchtturm saß Eloise Dosamantes auf einer Bank und schaute nachdenklich über die dunkle Flut, in der die »Tritonia« versunken war.

Eloise hätte mit den Proviantschiffen, die von Zeit zu Zeit kamen, die Insel schon längst verlassen können. Aber wohin sollte sie fahren. Nach dem Tode ihres Vaters hatte sie keinen Verwandten mehr, sie war ganz allein auf der Welt. Und so blieb sie bei dem alten Burnham und seinen Leuten. So störend und hinderlich diesen rauhen Männern anfangs die Gegenwart eines Frauenzimmers erschienen war, sosehr gewöhnten sie sich bald an Eloises Gesellschaft. Sie suchten jede Gelegenheit, ihr gefällig zu sein, und vermieden in ihrer Gegenwart ängstlich jedes rohe Wort.

Der alte Burnham rief Eloise zum Abendessen, das man gemeinsam einnahm. Bald darauf zog sich das Mädchen in das kleine Zimmer zurück, das man ihr abgetreten hatte. Bevor sie sich schlafen legte, las sie noch ein wenig in einer der alten Zeitschriften, die man ihr überlassen hatte. Die Leuchtturmwächter saßen noch eine Zeitlang am Kamin, dann begaben auch sie sich zur Ruhe bis auf den, der die erste Wache oben beim Licht hatte.

Es ging auf Mitternacht. Der Mann wischte gerade mit einem Hirschleder die Gläser vor dem Licht ab, da hörte er einen Schuß. Überrascht blickte er auf die See hinaus, lauschte in die Nacht hinein.

Alles blieb ruhig, nur das Rauschen der Brandung war zu vernehmen. Aber dann erkannte er auf dem dunklen Wasser mehrere schwarze Flecken, die sich auf die Insel zu bewegten.

Schnell sprang er die Turmtreppe hinab und schloß die starke, außen mit Eisenplatten bedeckte Eingangstür. Dann weckte er Burnham und die übrigen.

»Das sind Indianer!« rief Burnham. »Verrammeln wir die Tür, die Wilden werden sie zu erbrechen suchen!«

Einige der Männer machten sich daran, vor die Tür schwere Holzblöcke zu schieben, die eigens für diesen Fall bereitstanden. Andere verschlossen mit dicken Eichenplatten die kleinen Fenster im Erdgeschoß, mehrere stiegen mit ihren Gewehren auf den Turm hinauf.

Da erscholl auch schon draußen wildes Geheul. Gegen die Tür dröhnten donnernde Schläge. Zu Tode erschrocken kam Eloise aus ihrem Zimmerchen. Burnham suchte sie zu beruhigen. Man habe von den Rothäuten nichts zu befürchten. Gegen die mehrere Fuß dicken Mauern vermöchten sie nichts auszurichten. Und den Turm erklettern könnten sie nur mit Leitern. Eine Belagerung aber werde nie Erfolg haben. Denn man besitze Mundvorräte und Wasser für einen Monat, und inzwischen sei das nächste Regierungsschiff fällig, das die Wilden schon vertreiben würde.

Burnham begab sich auf den Turm hinauf. Er sah hinunter. Der Platz um das Gebäude war dicht mit dunklen Gestalten bedeckt, und zwischen der Insel und dem Festland schwammen zahlreiche Kanus herbei.

Der Leuchtturmwächter hatten die mit dickem Schrot geladenen Gewehre schußbereit. Auf Bumhams Befehl feuerten sie nun eine Salve in die Masse hinab. Die Wirkung mußte schrecklich gewesen sein, denn ein furchtbares Wutgebrüll war die Antwort. Und als die Wächter eine zweite Salve abgaben und sich dabei über der Brüstung des Turms zeigten, flog ihnen aus den Büchsen der Indianer ein Kugelregen entgegen. Einer der Leute sank, durch den Kopf geschossen, tot nieder, ein anderer wankte, in die Schulter getroffen.

Unendlich langsam rückte die Zeit vorwärts. Das Geschrei der Wilden legte sich etwas, dann brach aber plötzlich draußen ein toller Jubel los, der den Belagerten verriet, daß ihre Feinde einen Vorteil errungen haben mußten, der sie siegessicher machte. Aber vergeblich fragten sie sich, was das wohl sein konnte.

Wenn es doch nur Tag werden möchte! Die Wilden verhielten sich unheimlich still, aber mancherlei Geräusche bekundeten, daß sie keineswegs untätig waren, sondern emsig ein Ziel verfolgten. Plötzlich wurden sämtliche Fenster eingestoßen, die den Wilden erreichbar waren. Heller Feuerschein leuchtete in das Innere, Flammen prasselten hoch, begleitet von einem stürmischen Freudenschrei der Indianer.

Diese hatten um den Turm gehäuft, was sie an Brennholz hatten finden können, und das war nicht wenig. Darüber hatten sie das Holz von Schiffstrümmern, das die Wächter aus der See gezogen hatten, geschichtet. Dazwischen hatten sie das vorhandene Tau- und Segelwerk verteilt, das durch seinen Teergehalt dem Feuer reiche Nahrung gab.

Durch die Fenster drang erstickender Rauch. Die Belagerten mußten aus den unteren Räumen flüchten. Sobald aber das Holz in vollem Brand war und weniger Rauch entwickelte, drang Burnham mit einigen Leuten wieder nach unten vor. Durch die Fensteröffnungen strömte eine fürchterliche Glut herein. Er ließ sie mit nassen Segeln und Bettdecken verstopfen. Trotzdem nahm die Hitze noch zu, und es war kaum möglich, das Zeug an den Fenstern naß zu halten.

Burnham ließ Mundvorräte und Wasser auf die Höhe des Turms schaffen. Er hatte die Hoffnung, daß das Holz bald ausgebrannt sein möchte, und dann sollten sich die Wilden ihre Köpfe nur weiter an dem festen Turm einrennen.

Grau dämmerte der Tag. Burnham warf einen Blick vom Turm und erkannte zu seinem Schrecken, daß die Indianer eifrig dabei waren, den niederbrennenden Holzvorrat zu ergänzen. Sie fällten drüben am Festland Fichtenstämme und flößten sie nach der Insel herüber.

Vom Turm bis zum Ufer waren es kaum fünfzig Schritte, dort befand sich eine Anzahl Wilder und erwartete die Kanus, die die Stämme heranruderten, um beim Landen behilflich zu sein. Burnham und seine Leute nahmen sie von der Höhe des Turms aus aufs Korn. Sie fielen alle. Mit Wutgeheul entfernten sich die Indianer jetzt überall schleunigst aus der Schußlinie der Turmschützen. Diese töteten nun auch noch die Insassen des ersten Kanus, worauf die übrigen in sichere Entfernung strebten.

Aber die Wilden unterhalb des Turmes beobachteten ständig dessen Rand und schossen auf jeden, der sich dort blicken ließ. Auch vom Festland stießen mehrere Boote mit Indianern ab, die in Schußweite ruderten und den Turm beschossen. Sie landeten im Schutz eines Felsenriffs, das sich etwa hundert Schritte vom Turm entfernt, im Meer erhob, und besetzten dieses, um von hier aus das Feuer der Belagerten zu erwidern.

Bald darauf folgten noch mehrere Boote mit Büchsenschützen vom Festland, die sich auf anderen Riffen einnisteten. Als diese die Turmschützen genügend im Schach hielten, wagten sich die Wilden auf der Insel wieder ans Wasser hinunter und empfingen dort die Kanus mit den Fichtenstämmen. Sie zogen die Stämme ans Land und schleppten sie zum Turm, um dem Feuer neue Nahrung zu geben. Bald loderten die Flammen wieder hoch auf.

Plötzlich erschien am Ufer des Festlandes ein Trupp Reiter, an seiner Spitze eine hohe Indianergestalt auf einem Schimmel. Man sah vom Turm aus, wie er mit heftigen Bewegungen auf die Wilden einredete, die dort Holz nach dem Strand hinunterschafften. Sie stellten ihre Arbeit ein und setzten sich nieder.

»Tallihadjo!« rief man auf der Insel, und dort trat eine tiefe Stille ein.

Tallihadjo schwang sich von seinem Schimmel. In Begleitung von Ralph, Tormorho und zwei Kriegern schritt er auf ein Boot zu und nahm darin Platz.

Die Stille sagte Burnham, daß bei den Wilden etwas Außergewöhnliches sich ereignet haben mußte. Dem Indianer, der sich jetzt der Insel zurudern ließ, mußte eine besondere Bedeutung zukommen. Er befahl seinen Leuten, nicht auf ihn zu schießen.

So landete Tallihadjo unbehelligt auf der Insel. Ernst und gebieterisch trat er auf die Seminolen zu, die ihm entgegensahen. Mit scharfen Worten verwies er ihnen das Törichte ihres Unternehmens, durch das sie sich nur selber schaden würden, sich und allen Seminolen. Im Rat der Häuptlinge sei beschlossen worden, zu warten, bis Tallihadjos Stimme verkünden würde, daß die Stunde des großen Kampfes genaht sei.

Alle schwiegen, nur der Häuptling Homathlan suchte ihm zu widersprechen. Aber Tallihadjo nannte ihn einen Verblendeten und Verräter. Er befahl, Homathlan gefangenzunehmen und zu binden. Die Indianer zauderten nur einen Moment, dann gehorchten sie und fesselten ihren eigenen Anführer. So mächtig war Tallihadjo.

Dieser gebot nun, das brennende Holz vom Turm zu entfernen. Ralph Norwood aber winkte mit dem Hut nach dem Turm hinauf, wo sich Burnham und seine Leute jetzt zeigten. Er rief ihnen zu, daß die Feindseligkeiten beendet seien. Der oberste und mächtigste Häuptling der Seminolen sei eingetroffen, um seine verführten Brüder von dem Unrecht gegen seine weißen Freunde abzuhalten und diesen den Urheber des Überfalls auszuliefern.

Erleichtert atmete Burnham auf. Die Anwesenheit eines Weißen war ihm Gewähr, daß die Roten es ehrlich meinten und keine Hinterlist im Sinn hatten. In kleinen ledernen Kanus schleppten die Indianer jetzt Seewasser herbei, mit dem sie die Glut löschten und Tür und Mauern des Turms begossen. Ralph forderte Burnham auf, herauszukommen, niemand werde sie mehr behelligen. Der Alte zögerte noch, aber dann sah er, wie die Wilden sich anschickten, nach dem Festland zurückzukehren. Auch die Riffe wurden von ihren Besatzungen geräumt.

Tallihadjo blieb mit Ralph, Tomorho, seinen beiden Kriegern und dem gefesselten Homathlan allein auf der Insel zurück. Die Tür des Turm öffnete sich, und Burnham trat mit Eloise und den Wächtern ins Freie. Er ging auf den Häuptling zu und ergriff dessen Hand. In schlichten Worten dankte er für die Rettung.

Während beide miteinander sprachen, hingen Ralphs Blicke unverwandt an dem schönen bleichen Gesicht Eloises. Doch sie sah vor sich nieder und schien es nicht zu merken.

Burnham ließ rasch im Turm ein Frühstück bereiten. Man setzte sich draußen auf Felsstücken nieder. Ralph erzählte, wie er bei Tallihadjo geweilt habe, als dieser von dem Überfall erfuhr.

Der Alte berichtete ihm leise ihr trauriges Schicksal. Als Ralph den Namen Flournoy hörte, zuckte er unwillkürlich zusammen. Dann war also dieser Kapitän der berüchtigte Pirat, von dem er in Baltimore so viel vernommen hatte. Nun begriff Ralph auch, warum der Schwarzbart ihn damals so elend im Stich gelassen: er konnte keine Mitwisser brauchen.

Das schöne Mädchen gefiel Ralph immer mehr. Ein Gedanke durchfuhr ihn. Wenn er sie bewegen könnte, mit ihm zu kommen! Kam er mit ihr zu Arnolds, dann würde man ihm ganz gewiß um ihretwillen seine Schuld vergeben, und der Rückweg zu seinesgleichen war ihm wieder offen. Er machte also Burnham den Vorschlag, Eloise zu einer befreundeten Familie in Georgia zu geleiten, wo sie mit herzlicher Teilnahme aufgenommen werden und eine neue Heimat finden würde.

Obwohl sich Burnham nur ungern von dem Mädchen trennte, trat er doch sofort für Ralphs Anerbieten ein.

So sagte sie denn unter Tränen dem alten Mann Dank und Lebewohl und verabschiedete sich von den Wächtern, die sie ebenso ungern wie Burnham scheiden sahen. Feierlich versprach Ralph, für sie sorgen zu wollen. Alle blickten dem Boot nach, das sie mit Tallihadjo und seinen Begleitern ans Festland brachte.

Tallihadjo bestieg seinen Schimmel, hob grüßend die Hand und ritt landeinwärts. Seine Krieger folgten ihm. Auch Ralph schloß sich mit Eloise dem Zug an. Er hatte ihr auf seinem Pferd aus zusammengelegten Bärenhäuten einen bequemen Sitz bereitet und ihr hinaufgeholfen. Er selber bestieg eines der Packtiere der Indianer.

Mittags, wenn sie im kühlen Schatten dichter Bäume rasteten, bereitete er ihr aus Fellen ein Lager, holte ihr frisches Quellwasser und süße Beeren.

So erreichten sie nach viertägigem Ritt das Lager Tallihadjos, wo die Heimkehrenden mit Jubel empfangen wurden.

Einen Tag blieben Ralph und Eloise dort, bis diese sich ein wenig von den Anstrengungen des ungewohnten Reitens erholt hatte.

Mit Sonnenaufgang nahmen sie dann von den gastfreien Seminolen Abschied und setzten ihre Reise nach Arnolds Niederlassung fort.

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