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Die Rache des Mestizen

Friedrich Strubberg: Die Rache des Mestizen - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorArmand (Strubberg, Friedrich)
titleDie Rache des Mestizen
publisherim Auftrag hergestellte Sonderausgabe
pages194
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060522
projectid955595cb
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Piratenjagd

Um dieselbe Zeit glitt mit nördlichem Kurs unter nur wenig Segeln vor dem Winde eine stolze Brigg zwischen dem amerikanischen Festland und den Bahama-Inseln dahin. Sie hatte das Ansehen eines Handelsschiffes, war aber in Wahrheit das amerikanische Kriegsschiff »Perseverance«, das sich auf der Jagd nach dem »Sturmvogel« befand. Alle Geschütze waren sorgfältig gegen Blicke von außen verborgen. Der Kapitän war in die gewöhnliche Seemannstracht gekleidet, ebenso hatte die Mannschaft, die an Deck zu sehen war, keine Uniformen an.

Es war um Mittag, als der Kapitän im Norden ein aufkommendes Segel gewahrte. Er betrachtete es durch sein Glas. Je mehr das Fahrzeug in Sicht kam, desto verdächtiger wurde es ihm. Der Takelung nach konnte es der Pirat sein. Er ordnete also Gefechtsbereitschaft an. Voller Erwartung nahmen Offiziere und Mannschaften die angewiesenen Plätze ein, von denen sie in kürzester Frist auf Befehl an den Kanonen und ihren Posten sein konnten.

In schneller Fahrt kam das fremde Schiff näher. Der Kapitän rief einen alten wettergebräunten Seemann zu sich. »Karnas, Ihr müßt jetzt vielleicht Eure Kenntnis der hiesigen Gewässer beweisen. Wenn der Pirat sich zwischen die Inseln dort flüchtet, müssen wir ihm nach«.

»Ay, ay, Captain!« sagte Karnas gleichmütig. »Das wird der ›Sturmvogel‹ sein: am Vordermast ein großes Schonersegel und am hinteren Mast die Takelung einer Brigg! Nur der Rumpf ist nicht mehr weiß.«

»Das will nichts sagen. Der war in Baltimore ganz schwarz und jetzt ist er schwarz mit breiten roten Streifen.«

Zwischen den Masten liegt ein Boot kieloben. Dabei stehen sechs Leute. Sonst regt sich wenig an Bord. Von Kanonen ist nichts zu sehen.«

Still kamen die Schiffe einander näher. Der Kapitän bemerkte jetzt drüben einen großen Mann mit schwarzem Bart, der auf Deck kam und die »Perseverance« durch das Fernrohr betrachtete.

»Das ist Flournoy!« rief er freudig seinen Leuten zu. »Hurra, den Burschen fassen wir jetzt! Er hält uns für einen Kauffahrer und will uns kapern. Er soll nur kommen!«

Immer näher rückten sich die Schiffe. Der Kapitän beobachtete, wie auf dem »Sturmvogel« das Boot hochgehoben wurde und eine lange Kanone zum Vorschein kam.

»Achtung!« befahl er leise.

Doch gleich darauf machte der »Sturmvogel« eine Wendung von der »Perseverance« ab und steuerte Ost-Nordost den Inseln zu.

»Damned! Er hat uns erkannt!«

Rauch stieg auf, und eine Kanonenkugel zischte zwischen den Masten der »Perseverance« hindurch. Er befahl seinen Leuten aus der Deckung zu kommen, die Kanonenluken zu öffnen und offen die Gefechtsstationen einzunehmen.

Der »Sturmvogel« setzte neue Segel und zog davon, in gerader Richtung auf die Felsen zu, die immer deutlicher und zahlreicher aus dem Meere aufstiegen.

Aber obwohl er jedes Segel entfaltet hatte, das er zu tragen imstande war, holte doch sein Verfolger immer mehr auf.

Schwarz und schroff, in allen Größen und Formen, ragten überall die Klippen und Riffe aus der See, die schäumend an ihnen hochleckte. Der »Sturmvogel« hielt auf zwei ungeheure Felszacken zu, die zueinander hingeneigt sich drohend gegenüberstanden, wie die Pfeiler eines Riesentores. Rechts und links hinter ihnen bildeten unzählige große und kleine Felsen ein schaumbewegtes Labyrinth.

Lächelnd stand Karnas am Steuerruder.

»Keine Sorge, Captain! Die See hier kenne ich wie meine Hosentasche! Der Schuft entwischt uns nicht!«

Nur noch wenige hundert Meter war die Brigg von dem Piraten entfernt, als dieser das Felsentor erreichte und vom Gischt des tosenden Klippenmeeres eingehüllt wurde! Unbedenklich steuerte Karnas ihm nach. Mit eiserner Kraft hielt er das Ruder und lenkte die »Perseverance« sicher zwischen den tödlichen Riffen und durch die wildwallenden, donnernden Wasser. Der Kapitän stand mit untergeschlagenen Armen.

Sprühregen nahm die Sicht. Dann verschwand der »Sturmvogel« abermals in einer Durchfahrt zwischen zwei gewaltigen Felsenmassen. Er schoß hindurch. Die »Perseverance« folgte. Ganz dicht kamen sich die steinigen schwarzen Felsen. Würde man durchfahren können?

Ein Ruck – der Kiel war auf Grund gestoßen, schrammte, aber war gleich wieder frei. Schon öffnete sich die Schlucht zu offenem Wasser.

»Geschafft, Captain!« grinste Karnas. »Jetzt haben wir gewonnen!«

Die Klippen wurden seltener und lagen hier weit auseinander. Einige Segelkommandos, und nun rückte die »Perseverance« dem Piraten zusehends näher.

Als sie auf Büchsenschußweite heran war, begann ein lebhaftes Feuern zwischen den Mannschaften. Dabei waren die Schützen der Brigg im Vorteil, denn deren Deck lag viel höher als das des »Sturmvogels«.

Plötzlich machte dieser eine Wendung, ließ die Segel fallen und legte sich krachend Seite an Seite mit der »Perseverance«, ehe diese ihre Kanonen sprechen lassen konnte. Die Enterhaken bissen sich fest und hemmten den Lauf der Brigg. Beide Schiffe drehten sich zusammen im Kreise.

Flournoy war kein Feigling. An der Spitze seiner Leute enterte er das Kriegsschiff. Im Nu war ein wüstes Handgemenge im Gange. Mit Äxten und Säbeln wurde gekämpft. Dazwischen knallten Gewehr- und Pistolenschüsse. Blut rötete das Deck. Sterbende und Verwundete stürzten und stöhnten.

Aber dann wurden die Piraten mehr und mehr zurückgedrängt. Mit dem Rest seiner Leute hastete schließlich Flournoy in wilder Flucht auf sein Schiff zurück. Hinterdrein stürmten die Matrosen des Kriegsschiffs, ihnen voran mit blutigem Säbel ihr Kapitän.

Er sah, wie der Piratenhäuptling seiner Kajüte zueilte, und erkannte seine Absicht, als er sah, wie Flournoy im Laufen seine Pistole lud. Ein Schuß in die Pulverkammer und beide Schiffe mußten in die Luft fliegen! Er sprang dem Piraten nach.

Vor der Kajüte warf sich ihm der Obersteuermann Ritcher in den Weg.

»Wir fahren zusammen zur Hölle!«

Aber ein Säbelhieb streckte ihn nieder. Zwei Matrosen packten den Rasenden, während der Kapitän in die Kajüte stürzte. Er ließ den Säbel fallen und zog seine Pistole. Flournoy hatte die Klappe aufgerissen, die nach dem Raum unter seiner Kajüte führte. Dort befanden sich die Pulverfässer. Der Kapitän schoß. Die Pistole entfiel der Hand des Seeräubers, aber blitzschnell raffte er sie mit der Linken wieder auf und richtete sie in die Luke. Aber sie versagte.

Mit einem Satz sprang der Kapitän den anderen an, packte ihn und rollte mit ihm durch die Kajüte. Obwohl Flournoys rechter Arm von der Pistolenkugel getroffen war, wehrte er sich verzweifelt. Es half ihm nichts. Matrosen kamen dem Kapitän zu Hilfe, und in wenigen Augenblicken war er mit Gurten gefesselt.

Der Sieg war entschieden. Die Mehrzahl der Seeräuber war getötet. Neben Flournoy und Ritcher waren nur noch dreizehn, meist verwundet, gefangengenommen. Aus einem Verschlag unter Deck befreite man die Frauen und Mädchen der »Clementine«. Die Piraten hatten keine Zeit mehr gehabt, sie über Bord zu werfen oder ihnen etwas anzutun. Auch auf der »Perseverance« waren neben zahlreichen Verwundeten vierundzwanzig Tote zu beklagen, darunter zwei Offiziere.

Die Gefangenen wurden an Bord der Brigg gebracht und dort in Ketten gelegt. Nach einer Besichtigung des »Sturmvogels« übergab der Kapitän dessen Führung Karnas, teilte diesem die notwendige Besatzung zu und befahl ihm, das Schiff hinter der »Perseverance« her zu steuern. Ehe die Schiffe getrennt wurden, warf man die Leichen der Piraten über Bord und bereitete den eigenen Kameraden ein ehrenvolles Seemannsbegräbnis.

Dann richteten beide Schiffe ihren Kurs nördlich der Chesepeake-Bai zu. Es sollte eine außergewöhnlich lange Reise werden. Eine gänzliche Windstille und ungünstige Winde verschuldeten, daß mehr als eine Woche verging, bis sie endlich Kap Henry erreichten und in die Bai segelten.

Die Zeitungen in Baltimore waren voll von der neuesten Schandtat Flournoys. Der gerettete Matrose der »Clementine« war nach langen Irrfahrten in der Stadt eingetroffen. Man erhob gegen die Marine die schärfsten Vorwürfe und griff selbst den allverehrten Commodore Perrywill an. Es wurde sogar eine Versammlung einberufen, um Zustimmung für eine Beschwerde in Washington zu erhalten.

Der alte Perrywill saß gerade in Baltimore bei seinem Freunde, dem Bankpräsidenten Forney, und ließ sich nach dem Abendessen eine Havanna schmecken. Frank Arnold und seine junge Frau leisteten beiden Gesellschaft. Ihr Gespräch drehte sich natürlich um den Piraten.

»Die Zeitungsschmierer haben leicht schreiben«, erklärte der Commodore grimmig. »Meine Jungens werden schon alles tun, um diesen Verbrecher ...«

Er unterbrach sich. Ein Diener meldete den Kapitän der »Perseverance«, der ihm auch schon auf dem Fuß folgte. Neugierig blickten ihm alle entgegen.

Nach einer kurzen Begrüßung bat der Kapitän, Bericht über die Gefangennahme Flournoys erstatten zu dürfen. Der Commodore sprang freudig überrascht auf.

»Sie haben ihn, Kapitän? Wo ist er?«

»In Ketten auf der ›Perseverance‹, die mit dem ›Sturmvogel‹ an der Point liegt!«

Kurz und knapp berichtete der Kapitän. Lobend schlug ihm Perrywill auf die Schulter.

»Brav, solche Offiziere wie Sie brauchen wir!« Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht von der Gefangennahme der Piraten verbreitet. Noch in der Nacht eilten Tausende an die Point, und am Morgen war der Platz vor der »Perseverance« und dem »Sturmvogel« mit Neugierigen gefüllt.

Der Commodore erschien, hielt eine markige, anerkennende Ansprache an die Besatzung des Kriegsschiffes und besichtigte den »Sturmvogel«. Dann gab er Befehl, die Gefangenen zum Gefängnis zu überführen.

Ein höhnisches Lächeln um den Mund erschien Flournoy als erster, mit Ketten belastet, den rechten Arm in einer Schlinge. Als die Menge ihn mit wilden Verwünschungen empfing, warf er verächtlich den Kopf in den Nacken und stellte sich taub. Unbehindert marschierte die Gefangeneneskorte ab, gefolgt von vielen Hunderten von Menschen, die sie bis zum Gefängnis begleiteten. Hinter Flournoy schlossen sich die Tore des Zuchthauses.

Die Gerichtsverhandlung gegen die Piraten wurde sehr schnell anberaumt. Der Verhandlungssaal war vom ersten Tag an drückend voll, Unzählige konnten keinen Einlaß mehr finden.

Flournoy verteidigte sich äußerst geschickt. Er erschien in eleganter Kleidung und benahm sich beim Verhör sehr anständig und höflich. Er leugnete nicht, Seeräuberei getrieben zu haben, behauptete aber, niemals selber Blut vergossen zu haben. Mißgeschick habe ihn auf die Laufbahn eines Piraten gebracht, und dann habe ihn seine Mannschaft gezwungen, dabeizubleiben. Wenn durch sein Mitverschulden Blut geflossen sei, so bereue er das aufrichtig. Er wisse, daß er dem Tode verfallen sei, und rede nicht so, um sich zu retten. Aber er wünsche auch nicht, schuldiger zu scheinen, als er wirklich sei, und möchte die Vergebung seiner Mitbürger mit ins Grab nehmen.

Trotzdem wurde Flournoy mit seinen sämtlichen Gefährten von den Geschworenen für schuldig befunden. Das Gericht verurteilte sie sämtlich zum Tode durch den Strang. Bis zur Vollstreckung des Spruches hatten sie noch zehn Tage zu leben.

Während dieser Zeit war es jedermann erlaubt, die Verurteilten in ihren Zellen zu besuchen. Schon am ersten Morgen begehrten Dutzende Einlaß zu Flournoy. Er empfing diese Besucher sorgfältig gekleidet mit artigem Lächeln. Sein rechter Arm war inzwischen wieder geheilt.

Der Zufall wollte es, daß in dem großen, von vier Meter hohen Mauern umgebenen Hofe vor dem Gefängnis eine Menagerie ausgestellt war. Die langen Reihen von Käfigen, in denen wilde Tiere, besonders viele prächtige Löwen und Tiger, zu sehen waren, lockten viele Zuschauer herbei. Das Gedränge machte es den Damen leicht – waren sie einmal in dem Hof – unauffällig die Tür zu erreichen, die zu Flournoy führte.

Aber weder die Teilnahme für Flournoy noch seine Bekehrung hatten irgendeinen Einfluß auf das Urteil, er blieb dem Strang verfallen.

Der Morgen der Hinrichtung kam. In dem Hof vor dem Gefängnis waren fünfzehn Galgen errichtet. Kopf an Kopf drängten sich die Menschen, die der Hinrichtung beiwohnen wollten. In den Käfigen an den Mauern wurden die Raubtiere unruhig. Aber kaum die Nächststehenden achteten ihrer, aller Blicke richteten sich nach der Tür, aus der die Verurteilten kommen mußten.

Es schlug elf Uhr, als die Tür sich öffnete. Von zwei Methodistenpredigern begleitet, erschien Flournoy als erster und ging demütigen Schrittes nach dem mittelsten Galgen hin. Die Wärter wiesen den übrigen Verurteilten ihre Plätze an. Bald hatten sie sämtlich das verhängnisvolle Brett erstiegen. Totenstille herrschte unter den vielen Hunderten in dem Hof. Nur das Fauchen der wilden Tiere war zu hören.

Da richtete Flournoy sich auf und bat, noch einige Abschiedsworte sagen zu dürfen. Es wurde ihm von dem Hohen Richter gewährt. Er sprach unbefangen mit kräftiger Stimme. Er sei ein warnendes Beispiel für alle, die vom Pfade der Tugend abwichen. Aber er habe auf den rechten Weg zurückgefunden, wofür er dem Allbarmherzigen danke. Wenn er nicht jetzt aus dieser Welt voll Mängel scheiden müßte, dann würde er alle seine Kräfte ihrer Läuterung widmen.

Der hohe Richter gab einen Wink. Den Verurteilten wurden die Schlingen um den Nacken gelegt und weiße leinene Mützen über das Gesicht gezogen.

Noch ein Wink: die Bretter wurden ihnen unter den Füßen weggezogen. Alle fünfzehn stürzten hinab und schnellten sich, als der Strick sie im Fallen aufhielt, hoch in die Luft und schlugen mit den Armen und Beinen um sich. Nur Flournoy hing regungslos da, als sei er schon tot.

In die lastende Stille dieses Augenblicks tönte wildes Raubtiergebrüll. Schreckensrufe schrillten auf: »Die Löwen brechen aus!«

Eine tolle Panik entstand. In der Furcht, von den Bestien zerfleischt zu werden, drängte alles zum Ausgang des Hofes. Man stieß, trat, schob, man zerriß sich die Kleider. In fünf Minuten war der Hof leer, das Tor schloß sich hinter der Menge, die jetzt erst wieder zur Besinnung kam.

Warum hatte man eigentlich diese sinnlose Flucht ergriffen? Niemand hatte ein Raubtier in Freiheit, niemand einen offenen oder beschädigten Käfig gesehen. Die hohen Mauern verwehrten einen Einblick in den Hof. Das Tor blieb verschlossen. Die Zuschauer zerstreuten sich.

Doch schon nachmittags ging in der Stadt ein Gerücht um, das die Methodisten verdächtigte, die Panik inszeniert zu haben, um Flournoy das Leben zu retten. Der Pirat sei nur zum Schein gehangen worden. Es war üblich, gerichtete Verbrecher bis zum Sonnenuntergang hängen zu lassen. Menschenmassen strömten zum Gefängnis, dessen Tor auch geöffnet wurde. Aber die Galgen mit den Piraten waren verschwunden. Die Verbrecher seien schon beerdigt, hieß es. Die Zeitungen beschäftigten sich noch eine Weile mit der Angelegenheit, doch bald gerieten Flournoy und seine Piraten in Vergessenheit.

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