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Die Rache des Mestizen

Friedrich Strubberg: Die Rache des Mestizen - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorArmand (Strubberg, Friedrich)
titleDie Rache des Mestizen
publisherim Auftrag hergestellte Sonderausgabe
pages194
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060522
projectid955595cb
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Gekapert

Die Chesapeake-Bai von Baltimore südwärts bis Annapolis, der Hauptstadt von Maryland, war zu einer ununterbrochenen Eisfläche erstarrt. Trotz der Kälte aber herrschte bei strahlendem Sonnenschein in Baltimore geschäftiges Leben.

Die »Baltimore Chronicle« hatte einen sensationellen Bericht über den Seeräuber gebracht, der schon eine Zeitlang die atlantische Küste unsicher machte. Augenzeugen beschrieben darin das Seegefecht an der Mündung der Bai, in dem der Regierungskutter vernichtet worden war. Die Persönlichkeit des Piraten stehe jetzt einwandfrei fest: es sei der Kapitän Flournoy, der sein Schiff erst vor kurzer Zeit in Baltimore ausgebessert habe und dessen Teilhaber der Makler Ballard sei.

Von allen Seiten strömten die Menschen dem Hause Ballards zu. Im Nu wogte die Straße von einer empörten Menge. Vor dem geschlossenen Hause stand ein Constabel, der verkündete, man habe Ballard verhaften wollen, doch dieser sei spurlos verschwunden.

Wildes Johlen antwortete. Klirrend flog der erste Backstein, aus dem Straßenpflaster gerissen, in eine Fensterscheibe, und nun gab es kein Halten mehr. Es hagelte Backsteine, kein Fenster blieb heil. Der Polizist wurde zur Seite geschoben, die Haustür erbrochen, das Volk strömte in das Haus.

Während die ganze Stadt in Aufruhr war und überall Verwünschungen gegen Flournoy und Ballard ertönten, holten Terrel und seine Frau ihre Tochter Melanie in ihre Wohnung zurück. In dieser Stunde vergaß der Vater allen Groll gegen die Ungehorsame, und die schmerzbewegten Eltern suchten nur ihr unglückliches Kind zu trösten.

Melanie brütete stumpf vor sich hin. Auf alles gütliche Zureden gab sie keine Antwort. Dann sprang sie plötzlich auf, zerraufte sich die Haare, schlug den Kopf gegen die Wand und raste gegen die Eltern, die sie kaum bändigen konnten. Endlich brach sie erschöpft zusammen und wimmerte vor sich hin.

Der Hausarzt riet, sie möglichst sich selbst zu überlassen. Als es dämmerte, fing sie plötzlich leise zu singen an. Dabei lächelte sie heiter. Ein kalter Schauder überrieselte die Eltern. Sie schickten abermals nach dem Arzt.

Als dieser auf Melanie zutrat und ihr die Hand auf den Arm legte, fuhr sie entsetzt zurück und wischte sich heftig die Stelle, an der er sie berührt hatte, mit der Schürze ab. Aber es war nur ein Aufflackern von Leidenschaftlichkeit, schnell beruhigte sie sich wieder und begann zu singen. Weder den Arzt noch ihre Eltern erkannte sie mehr. Zu groß war die schmerzliche Enttäuschung für sie gewesen, die Ärmste hatte den Verstand verloren.

Ihre Geschichte blieb nicht verborgen. Die Zeitungen beschäftigten sich mit ihr. Sie forderten strengste Maßnahmen gegen Flournoy und erhoben Vorwürfe gegen die Marine und insbesondere gegen Commodore Perrywill, daß man es an Tatkraft fehlen lasse. Bald darauf konnten sie mitteilen, daß eine große Anzahl von Kriegsschiffen auf Jagd nach dem Piraten ausgesandt worden seien.

Andere Ereignisse drängten sich in den Vordergrund, besonders ein Fest der Feuerwehr, bei dem ein ganzes Haus in Brand gesetzt und von den Spritzen aus Philadelphia und Baltimore in einen Eispalast verwandelt wurde. Flournoy geriet in Vergessenheit, bis eines Tages ein Regierungskutter die Nachricht vom Untergang der »Tritonia« mitbrachte und die Federn der Zeitungsschreiber wieder in Bewegung setzte.

Bei günstigem Südwind steuerte die »Clementine«, ein stattlicher Dreimaster, der amerikanischen Ostküste zu.

Die »Clementine« brachte Auswanderer nach den Staaten. Meist waren es Schweizer Bauern in ihren heimischen Trachten, dann aber auch einige Familien in bürgerlicher Kleidung. Unter ihnen befand sich auch die Familie des Dorfpfarrers, die aus dem Elternpaar und sieben Kindern bestand, von denen das jüngste sechs Jahre alt war. Der Seelsorger begleitete seine Gemeinde in die neue Heimat.

»Land!« rief ein Matrose hoch vom Mast herab.

»Land!« schallte es jubelnd über das Schiff, obwohl noch niemand in der Ferne etwas erspähen konnte.

Viele Wochen waren sie nun auf See unterwegs, in engen Räumen und nicht immer bei so schönem Wetter. Sie sehnten sich, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Nun sollten sich die Hoffnungen vieler Tage endlich erfüllen! Nun mußte das Land bald auftauchen, auf das sie alle Erwartungen ihrer Zukunft setzten.

Endlich stieg in dunstigem Blau am Horizont die Küste auf. Jauchzend schwangen die Bauern ihre Hüte, sie fielen einander in die Arme, Mütter hoben ihre Kinder hoch, um ihnen das gelobte Land zu zeigen. Der Prediger sandte ein lautes Dankgebet zum Himmel, dem alle andächtig zuhörten.

Die »Clementine« näherte sich schnell dem Lande. Hinter den schroffen roten Felsen der Küste zeigte sich das frische Grün von Wäldern. Die Fahrgäste verschwanden im Zwischendeck, um sich fein zu machen.

»Ei, ei, Sie haben sich ja sämtlich gerüstet, noch heute an Land zu gehen?« fragte lächelnd der Kapitän.

»Nicht doch! Aber heut' ist für uns ein Feiertag, weil wir das Ziel unserer Wünsche erblickt haben!«

Der Kapitän segelte jetzt entlang der Küste, an deren Anblick sich die Auswanderer nicht satt genug sehen konnten. Bis ein aufkommendes Schiff ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Kapitän betrachtete den rasch sich nähernden Segler durch sein Fernglas.

»Halb Brigg, halb Schoner! Eine ungewöhnliche Takelung!« stellte er für sich fest.

Der Kapitän der »Clementine« ergriff sein Sprachrohr und rief einen Gruß hinüber. Er bekam keine Antwort. Doch trat drüben ein Mann mit einem langen schwarzen Bart aus der Kajüte und brüllte durch ein Sprachrohr:

»Streicht die Segel!«

Gleichzeitig hoben die Matrosen das Boot fort, und ein langes Kanonenrohr kam zum Vorschein und richtete sich drohend auf die »Clementine«.

»Ein Seeräuber!« schrie deren Kapitän und sprang ans Steuerruder, um sein Schiff zur Flucht zu wenden.

Aber da blitzte es auch schon drüben auf. Die Kugel sauste mitten durch die dicht gedrängte Schar der Auswanderer, die neugierig nach dem anderen Schiff hinüberblickten, und riß eine blutige Gasse. Gleichzeitig tauchten überall auf dem Piraten Büchsenschützen auf und feuerten in die eben noch so frohen Menschen hinein.

In wilder Verzweiflung floh alles unter Deck. Die Frauen preßten zitternd ihre Kinder an sich, die Männer suchten nach Waffen, mit denen sie sich verteidigen könnten. Der Pfarrer war mit den Seinigen in die Kajüte geflüchtet, wo er seine Bibel ergriff, um mit ihr den Seeräubern entgegenzutreten.

Inzwischen hatte sich der »Sturmvogel« neben die »Clementine« gelegt. Enterhaken befestigten die Schiffe miteinander, und von seinen Leuten gefolgt, sprang Flournoy an Bord. Der Kapitän und mehrere Matrosen rannten nach der Kajüte, um sich Waffen zu holen. Mit der Bibel in der Hand kam ihnen der Geistliche entgegen.

Während sie in die Kajüte stürmten, trat er furchtlos den Piraten entgegen und hielt ihnen das Buch mit dem Kreuz vor.

»Verdammter Schwarzkittel, geh in deinen Himmel!« brüllte Flournoy und spaltete dem alten Mann mit seinem schweren Entersäbel den Kopf.

Todesmutig warf sich ihm der Kapitän mit seinen Leuten entgegen, schlecht bewaffnet mit dem, was sie erraffen konnten, einem Gewehr, einer Pistole oder einem Säbel, einer Axt. Es war ein kurzer verzweifelter Kampf. Aber die Übermacht siegte nicht ohne schwere Verluste.

Nach einer halben Stunde lebte von der Besatzung und den Fahrgästen der »Clementine« nur ein Mann. Das war ein Matrose, der in den Raum hatte flüchten können, wo der Ballast lag, Sand und schwere Kieselsteine.

Flournoy ließ nun eine Abteilung das Schiff plündern, eine andere Frauen und Kinder auf Deck zusammentreiben. Mit rohen Scherzen wurden die Kinder und älteren Frauen über Bord geworfen, die jungen Frauen und Mädchen wurden auf den »Sturmvogel« gebracht, wo ihrer ein noch furchtbareres Schicksal wartete.

Die Sonne neigte sich hinter dem Küstenland zum Untergang, als die Piraten allen Raub auf ihr Schiff befördert hatten. Sie machten von der »Clementine« los. In kurzer Entfernung feuerte Ritcher die Kanone auf den Dreimaster ab. Gerade in der Wasserlinie drang die Kugel ein.

»Ein wenig zu hoch! Soll ich ihr noch eine geben?« fragte er Flournoy.

»Nicht nötig! Spar die Kugel!« befahl dieser. »Das Wasser dringt doch ein. Das Loch ist groß genug, um sie zum Absacken zu bringen.«

Er ließ die Segel setzen, und schnell entfernte sich der Pirat von seinem Opfer in Richtung auf die Bahama-Inseln.

Das einströmende Wasser vertrieb den Matrosen aus seinem Versteck im Ballastraum. Er rannte ins Zwischendeck. Fand bald die Schußöffnung. Er griff sich Bettzeug, stopfte es in das Loch und keilte es mit einer Axt so fest, daß es dem Eindringen des Wassers widerstand. Dann nagelte er noch starke Bretter darüber, daß ein neuer Einbruch nicht zu fürchten war.

In dem Schiff war Totenstille. Er schlich sich an Deck und spähte nach dem Piratenschiff aus. In einer leichten Brise segelte es davon. Sein Rumpf war schon am Horizont verschwunden. Die Nacht zog herauf, er brauchte eine Rückkehr der Seeräuber nicht zu besorgen.

Sein Ziel mußte sein, an die Küste zu gelangen. Er löste das Tauwerk der großen Segel, die in dem Winde, für den sie nicht gestellt waren, hin und her schlugen. Dann spannte er die kleinen Segel an, stellte sie und wandte das Steuer der Küste zu.

Zu seiner Freude gehorchte die »Clementine«. Ruhig glitt sie über die nun finstere Flut, deren Wellen dem Lande zurollten.

Blutrot stieg der Mond auf. Schon war das Rauschen der Brandung zu hören. Dunkel ragten die Felsen der Küste auf. Da gab es plötzlich einen so heftigen Stoß, daß der Matrose niederstürzte. Die »Clementine« war auf Grund geraten. Die nächste Woge hob sie zwar wieder hoch und trug sie weiter, doch fuhr sie gleich darauf abermals krachend fest. Gierig leckten die Wellen an ihr hoch, schäumten über das untere Deck.

Mächtige Wogen lösten das Schiff von den Felsenriffen und ließen es wieder darauf niederfallen. Mit jedem neuen Stoß erwartete der Matrose ein Auseinanderbrechen. Der Untergang war gewiß. Er mußte sehen, wie er von dem Schiff kam.

Seine Kräfte reichten nicht aus, eines der schweren Rettungsboote ins Wasser zu lassen. Er senkte also einen Notmast mit einem Strick ins Meer und kletterte nach, nachdem er sich mit Lebensmitteln und einer Flasche Wasser versorgt hatte. Dann band er sich an dem Mast fest und durchschnitt die Verbindung mit dem Schiff.

Die nächste Woge trug ihn von der »Clementine« fort und der Küste zu. Woge auf Woge trieb ihn weiter, oft wurde er unter Wasser gedrückt, kam wieder hoch, wurde weiter geschwemmt.

Endlos dünkte ihm die Fahrt. Immer lauter tönte die Brandung, dann wurde er in dem Schaummeer herumgewirbelt, das zischend und donnernd von der Küste zurückstürzte. Plötzlich wurde er von einer gewaltigen Woge an dem Felsenufer hochgeworfen. Der Mast klemmte sich zwischen dem Gestein fest, das zurückströmende Wasser zog ihn nicht mit sich.

Mit klammen Händen schnitt der Matrose sich los und kroch mit den zerschundenen Gliedern die Klippen hoch, um aus dem Bereich der Brandung zu kommen. Zitternd vor Kälte, blieb er erschöpft liegen. Inbrünstig dankte er dem Allmächtigen für seine wunderbare Rettung. Dann raffte er sich auf.

Fern über dem Meer schimmerte schon der junge Tag herauf. Er sehnte sich nach der wärmenden Sonne, die seine nassen Kleider trocknen möchte. Nachdem er sich an seinen Lebensmitteln gestärkt hatte, durchströmte ihn neuer Lebensmut.

Nach einem kurzen erquickenden Schlaf lenkte er seine Schritte landeinwärts, um die nächste menschliche Ansiedlung zu finden.

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