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Die Rache des Mestizen

Friedrich Strubberg: Die Rache des Mestizen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorArmand (Strubberg, Friedrich)
titleDie Rache des Mestizen
publisherim Auftrag hergestellte Sonderausgabe
pages194
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060522
projectid955595cb
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Wieder im Abgrund

Das Verschwinden Ralph Norwoods beunruhigte Frank Arnold erst am zweiten Tage. Erst jetzt stellte er fest, daß dieser sein Gepäck abgeholt und seine Hotelrechnung bezahlt hatte. Ein recht sonderbares Verhalten! Was mochte dahinterstecken? Frank wurde nachdenklich, als er vom Portier hörte, daß Ralph in Begleitung eines gewissen Garrett gewesen sei, der nicht gerade den besten Ruf genieße. Durch seinen Schwiegervater ließ er sofort die Polizei Nachforschungen nach Garrett anstellen.

Erst am dritten Tage brachte ein Constabel dem Präsidenten Forney die Nachricht, wo Garrett wohnte. Frank machte sich sogleich nach dem Boardinghouse auf, um sich nach dem Verbleib Norwoods zu erkundigen.

Garrett empfing ihn höflich, leugnete aber, irgend etwas zu wissen. Mit der Bitte, ihn zu verständigen, wenn er von Norwood höre, ging Frank.

Kaum war er fort, da machte sich Garrett auf den Weg zum Hafen. Er mußte eine Weile am Anlegeplatz der New Yorker Dampfer warten, dann zeigte eine Rauchwolke unterhalb des Forts das Erscheinen des Schiffes an.

Ralph war einer der ersten, die über die breite Laufbohle an Land eilten. Seine Augen glänzten, er hatte an Bord fleißig getrunken.

»Der Brief ist besorgt!« rief er.

In bester Laune begaben sich beide in einen Austernkeller, wo sie sich frische Austern von Norfolk und einige Flaschen Porterbier schmecken ließen. Für einen Besuch bei Brown & Co. war es an diesem Tag zu spät.

Früh am nächsten Morgen betrat Ralph das Kontor der Firma Brown & Co. Einer der jungen Leute, die an Schreibpulten saßen, erhob sich und fragte nach seinem Wunsch.

»Ich möchte Mister Brown sprechen. Mein Name ist Johnson.«

»Very well, Mister Johnson! Sie sind uns von New York avisiert?«

»Sehr richtig! Mit einem Kreditbrief!«

Der Kommis holte seinen Chef aus dem Nebenzimmer. Brown begrüßte Ralph höflichst, der ihm den Kreditbrief überreichte.

»Wünschen Sie sofort die ganze Summe, oder genügt Ihnen heute ein Teil?«

Ralph bat um den ganzen Betrag und wurde ersucht, Platz zu nehmen und einen Augenblick zu warten. Dieser Augenblick schien ihm eine Ewigkeit zu dauern. Er mühte sich, gleichgültig und unbefangen zu erscheinen. Wenn Brown jetzt den Betrug entdeckte und nach einem Constabel schickte, um ihn verhaften zu lassen? Er mußte sich bezwingen, nicht aufzuspringen und davonzulaufen.

Ein paar Minuten später eilte Ralph erleichterten Herzens mit der Anweisung über viertausend Dollar auf die Straße. Mit großen Schritten ging er davon und verschwand um die nächste Straßenecke. Dort kam ihm schon Garrett entgegen.

»Alles gut gegangen?«

Ralph zog die Anweisung aus der Brusttasche.

»Verdammt!« rief Garrett. »Die lautet ja auf die Bank Forneys! Mich kennt man dort. Und wenn Sie das Geld kassieren und Forney erblickt Sie, dann sind wir geliefert! Wenn wir aber einen Dritten einweihen und hinschicken, müssen wir ihm abgeben.«

Er überlegte.

»Ich hab's!« fuhr er plötzlich auf. »Vielleicht ist Forney noch nicht auf der Bank. Ich mache ihm einen Besuch unter dem Vorwand, ob Arnold Nachricht über Sie erhalten hat, und halte Forney, wenn er zu Hause ist, lange genug fest, daß Sie inzwischen auf der Bank das Geld abheben können. Sonst kennt Sie dort ja niemand!«

Er eilte mit Ralph zu einer Droschke. Vor Forneys Haus ließ er halten. Er zog an der Türglocke und winkte zurück, als er von dem öffnenden Diener erfuhr, daß der Präsident zu Hause sei. Und der Kutscher fuhr Ralph weiter zur Bank.

Forney war im Begriff, sich ebenfalls zur Bank zu begeben, als Garrett ihm gemeldet wurde. Er wollte den Besucher kurz abfertigen: man habe von Mister Norwood noch nichts gehört.

»Vielleicht habe ich eine Möglichkeit, ihn aufzufinden«, erklärte Garrett schnell. »Ich müßte allerdings etwas Handschriftliches von ihm sehen.«

»Mein zukünftiger Schwiegersohn besitzt sicher ein Schreiben seines Freundes. Er dürfte bald hier sein. Vielleicht kommen Sie noch einmal wieder.«

Aber Garrett tat sehr wichtig und eilig. Ob er nicht auf Arnold warten könne. Der Präsident fügte sich. Es verging eine Viertelstunde, bevor Arnold kam. Er hatte einige Notizen von Ralph in seiner Brieftasche und zeigte sie Garrett, der nun lebhaft bedauerte, sich geirrt zu haben und einer falschen Spur nachgegangen zu sein. Er entschuldigte sich, Forney so lange aufgehalten zu haben, und empfahl sich rasch.

Kopfschüttelnd sahen Arnold und der Präsident ihm nach. Garrett aber eilte nach Norwoods Boardingshouse, wo er diesen bereits antraf. Er hatte die Banknoten erhalten, und beide teilten den Raub.

Es war am späten Abend. Im hellen Schein zahlreicher Fackeln drängten sich ein paar hundert Männer vor einem Wirtshaus draußen vor der Stadt: Hier und dort stand ein Mann mit einem Hahn auf dem Arm und zeigte ihn der Menge, wobei er das Tier liebkoste und laut seine Schönheit, Größe, Kraft, Ausdauer und namentlich seinen Mut pries. Herausfordernd krähte der Gockel, worauf ihm sofort von anderen Hähnen geantwortet wurde.

In Gruppen stritt man sich eifrig über Vorzüge und Mängel der Kampfhähne und schloß Wetten auf sie ab. Die Schiedsrichter, die inzwischen im Wirtshaus gewählt worden waren, kamen heraus und schnitten den Hähnen die Halsfedern und Schwänze ab. Dann prüften sie beim Fackelschein die dreischneidigen, drei Zoll langen spitzen Stahlsporen und befestigten sie mit Lederriemen den Hähnen an ihren natürlichen Sporen, nachdem man diese mit einer feinen Säge verkürzt hatte.

Eine Trompete rief die Menge zum nahegelegenen Kampfplatz. Der Boden war in einem Kreis von zwanzig Schritt Durchmesser fest gestampft und mit einer niedrigen Einzäunung umgeben. An dieser stellten sich die Fackelträger auf und drängten sich die Zuschauer.

Die Schiedsrichter nahmen einander gegenüber Platz und riefen die Eigentümer der beiden ersten Hähne zum Kampf auf. Sie brachen sich Bahn durch die Masse.

So folgte Kampf auf Kampf, bis keine Hähne mehr vorhanden waren. Es war gegen Mitternacht, als die Fackeln erloschen. Die Männer begaben sich ins Wirtshaus, um bei einem Trunk ihre Wetten abzurechnen.

Ralph Norwood hatte im Lauf des Abends 500 Dollar an Mac Dower, 300 an Flournoy und noch einige andere Wetten verloren, so daß er die Hälfte des am Morgen erschwindelten Geldes weggeben mußte. Er befand sich in gereizter Stimmung und trank unmäßig.

Als er am nächsten Mittag in jämmerlicher Verfassung in seinem Zimmer erwachte, konnte er sich kaum noch an die Ereignisse der Nacht erinnern. Er wußte nur noch, daß er mit Mac Dower und Garrett bei Madame Ophir gelandet war, daß er wieder an dem grünen Tisch mit den Karten und den Goldstücke gestanden hatte.

Ein Gefühl wilder Angst trieb ihn aus dem Bett. Mit zitternden Händen zog er die Brieftasche aus seinem Rock. Leer! Auch nicht einen Dollar hatte man ihm gelassen! In ohnmächtiger Wut raste er. Er zog sich an und stürmte davon. Er mußte Garrett sprechen! Aber Garrett war nicht in seinem Boardinghouse. Mehrmals noch fragte er im Lauf des Tages nach dem Spieler. Vergeblich.

Am nächsten Morgen war es ihm klar, daß Garrett sich verleugnen ließ. Da hinterließ er ihm einen Brief, in dem er drohte, selber den Betrug bei Brown & Co. anzuzeigen, wenn Garrett ihm nicht aus der Patsche helfen und wenigstens die Rückkehr in die Heimat ermöglichen würde.

Es war ein herrlicher Dezembertag. Der Sommer schien dem Winter die Herrschaft streitig machen zu wollen. Der Himmel wölbte sich in seinem reinsten Blau über Land und See, kein Wölkchen war zu erblicken.

Dem Hause des Präsidenten Forney strebten an diesem Vormittag viele stattliche Karossen zu, denen fein gekleidete Damen und Herren entstiegen, um die Marmortreppe hinauf zwischen den weit geöffneten Flügeltüren zu verschwinden.

Heute sollten Frank Arnold und Eleanor Forney getraut werden. Im großen Saal versammelten sich die Festgäste. Um elf Uhr erschien der Geistliche. Gleich darauf kam Frank in Begleitung zweier junger Marineoffiziere.

Dann führten die beiden Brautjungfern die lieblich errötende Eleanor in den Saal. Der Geistliche sprach einfach, doch herzergreifend. Er erteilte dem jungen Paar seinen Segen, die Ringe wurden gewechselt. Frank und Eleanor gaben sich den Kuß ewiger Liebe und Treue und empfingen dann die Glück- und Segenswünsche aller Anwesenden.

Nun war das Haus nach Landessitte für jedermann geöffnet. Alle Räume begannen sich mit Bekannten und mit Fremden zu füllen, die der jungen Frau huldigten und sich dann in den Saal begaben, wo auf einer langen Tafel die gebräuchlichen riesenhaften Fruitcakes und die besten Weine und Getränke aufgestellt waren. Jeder kostete von dem Kuchen und trank auf das Wohl der jungen Eheleute.

Bis zum Abend dauerten diese Besuche an, dann beschränkte sich allmählich die Zahl der Gäste auf die nächsten Freunde der Familie ...

In der Nacht zog vom Norden her schweres Gewölk am Himmel auf. Ein schneidend kalter Wind strich über das Land, und als der Morgen kam, trieb er Schneegestöber vor sich her.

Präsident Forney stand am Fenster des Frühstückszimmers und schaute hinaus in das weiße Flockengewirbel. Plötzlich schlangen sich ihm von hinten zwei Arme um den Hals.

Eleanor und Frank waren leise in das Zimmer getreten. Eleanor küßte den Vater, und Frank drückte ihm warm die Hand. Sie setzten sich an den Frühstückstisch. Bald darauf brachte ein Diener die Morgenzeitung. Forney nahm sie nach seiner Gewohnheit und blätterte sie durch.

»Lafayette, der alte Kämpfer für unsere Freiheit, hat unsere Einladung angenommen und wird uns im kommenden Jahr besuchen«, berichtete er. »Da sind wieder ein paar Dampfboote explodiert. Aus Georgia nichts Neues. Aber hier hat ein Gauner die Firma Brown & Co. mit einem gefälschten Kreditbrief über viertausend Dollar hereingelegt. Ich bin mit Brown befreundet ... Hm ...«

Der Präsident faltete die Zeitung zusammen und steckte sie in die Rocktasche. Dann erhob er sich.

»Kinder, ich muß zur Bank!«

Er gab Eleanor einen Kuß und Frank die Hand und ging.

»Nanu? Vater nimmt die Zeitung doch sonst nicht mit?« sagte die junge Frau. »Da steht irgend etwas drin, was er uns nicht wissen lassen möchte! Er machte plötzlich ein so eigentümliches Gesicht.«

»Das werden wir bald heraus haben!«

Frank schellte dem Diener und trug ihm auf, noch eine Nummer der Morgenzeitung zu besorgen.

Neugierig blätterten beide nach.

»Hier steht der Artikel über den Betrug an Brown! Da ist der Gauner beschrieben ... Um Gottes willen ...!«

»Die Beschreibung paßt genau auf ... Norwood!« sagte Eleanor leise.

»Unmöglich!« stieß Frank hervor. »Sie paßt auch auf hundert andere! Und doch, warum ist er so sonderbar verschwunden? Vielleicht hat ihn dieser Garrett wieder zum Spiel verleitet, und in der Not ...«

»Da hätte er sich doch nur an dich zu wenden brauchen!«

»Falsche Scham führt oft zum Verbrechen! Ich will hoffen, daß Ralph es nicht gewesen ist ...«

Frank warf die Zeitung ins Feuer des Kamins.

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